Donnerstag, 17. Mai 2018

Unterwegs in Berlin II

Im U-Bahnhof Osloer Straße gibt es ein Nagelstudio, das zur Vorhalle hin offen ist. So stelle ich mir die Pediküre in Hongkong vor.
Dicke Türkenjungs mit Vollbärten. Die hässliche alte Deutsche mit Kurzhaarfrisur. Eine besoffene Frau um die dreißig, Bierflasche in der Hand. Sie beschimpft sich selbst und steigt Kurfürstenstraße aus, am Hausfrauen- und Junkie-Strich.
An der U-Bahnstation setze ich mich auf eine Bank. Die Frau neben mir drückt ängstlich ihre Handtasche an sich. Ich grinste sie an. „International gesuchter Taschendieb“, sage ich. „Mein Geheimnis ist meine Fluchtgeschwindigkeit“. Als Dicker wirke ich einfach beruhigend auf meine Umwelt.
Das ist der Unterschied zwischen Touri-Gegend und Kiez. Mittags bei meinem Stamm-Inder: Linsensuppe, Chicken Madras und ein Mango Lassi für 9,40. Abends mit einer Freundin auf der Dachterrasse des Bikinihauses: Hot Dog und 0,25l Craft Beer für 10,80.
„Zum böhmischen Dorf“, Sanderstraße 11. Coole Kneipe, schwarz gestrichene Wände, die den Laden auch bei Tageslicht in angenehme Dunkelheit hüllen. Highlight ist das tschechische Tankbier. Unpasteurisiertes Pilsener Urquell, flüssiges Gold, das auf Samtpfoten die Kehle hinabläuft. Früher gab es das nur in Tschechien, jetzt kann man es auch in Neukölln genießen. An der Ecke Kotti, nur ein paar Schritte von der U-Bahnstation Schönleinstraße entfernt, gibt es nach dem Kneipenabend noch einen sensationellen Dürüm Döner.
Ich beobachte einen gescheiterten Trickbetrug im „Jing Yang“ in Steglitz: ein Mann, der eher verunsichert und ängstlich wirkt, anstatt wütend zu sein, behauptet gegenüber der Wirtin, am Abend zuvor 3 x Ente to go zurückgebracht zu haben, weil das Essen in der Tüte aus den Behältern gefallen sei. Nun will er das Geld zurück. Er sagt, eine andere Frau hätte ihn bedient. Viele Kellner oder Wirte bezahlen vermutlich an diesem Punkt, um das Aufsehen im Lokal zu vermeiden. Er bekommt aber kein Geld, die Wirtin ist immer da und beschäftigt keine Kellnerinnen. Er könne seinen Ausweis zeigen, er arbeite in einem Fitness-Studio um die Ecke und wollte mit dem Essen seine hochschwangere Freundin überraschen. Seine Geschichte ist zu lang, um glaubwürdig zu sein. Wer zeigt freiwillig seinen Personalausweis? Warum hat er das Geld nicht bei der Reklamation am Abend zuvor verlangt? Warum hat er keine Quittung? Er verspricht, wieder zu kommen.
Ein paar Tage später, bei meinem nächsten Besuch (Feuertopf!), frage ich die Wirtin. Natürlich hat sie ihn nie wieder gesehen. Dafür ist einen Tag zuvor ein junges Paar nach dem Essen davongerannt, ohne zu bezahlen. Obwohl viele Tische nicht besetzt waren, hatten sie den Tisch in der Mitte nahe des Ausgangs gewählt. Nach dem Essen ging erst der Mann nach draußen, um zu telefonieren. Als die Wirtin gerade in der Küche war, rannte die Frau hinterher. Überhaupt erzählen mir Nachbarinnen und Freunde viel von Diebstählen und Betrügereien, letztes Jahr wurde ich ja zum ersten Mal selbst Zeuge eines Handtaschendiebstahls und einem Nachbarn wurden 1500 Euro aus der Jacke gestohlen, die er im Restaurant über die Stuhllehne gehängt hatte. Berlin ist nicht Haiti, um das Blogmotto des Kiezneurotikers zu zitieren, aber mit Neapel kann es sich vergleichen lassen.
Eine entspannte Stadtrundfahrt durch den Berliner Süden, der in den Reiseführern nicht vorkommt – garantiert null Sehenswürdigkeiten, aber hundert Prozent Berlin: Am Bahnhof Zoo in den M 46 einsteigen und bis Endhaltestelle Britz-Süd fahren, mit dem 181er weiter bis Endhaltestelle Walter-Schreiber-Platz. Falls es zufällig kein Sonntag ist, können Sie bei „Försters feine Biere“ in der Bornstraße 20 fränkisches und bayrisches Bier vom Fass genießen. Dann mit der U 9 zurück zum Zoo.
Zwei kleine Jungs mit Kippa auf dem Kopf kommen mir allein auf dem Bürgersteig entgegen. Einer im Grundschulalter, einer im Vorschulalter, sie gehen Hand in Hand. Ich bin erleichtert, als sie kurz darauf in einem Hauseingang verschwinden. Es ist traurig, dass man sich inzwischen diese Sorgen machen muss.
New Radicals - You Get What You Give. https://www.youtube.com/watch?v=DL7-CKirWZE

Eine Stunde vor Erstellung dieser Rechnung habe ich bei Biersommelier Förster eingecheckt. In Fachkreisen nennt man das eine Druckbetankung.

Der letzte Restaurantbesuch vor der Abreise. Lange Wochen karger Selbstverköstigung stehen mir bevor.

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