Dienstag, 15. Mai 2018

Unterwegs in Berlin I

Seit etlichen Jahren hilft mir der Zufall oder die Schicksalsgöttin bei meinen Entscheidungen. Heute weiß ich zum Beispiel nicht, in welches Edelrestaurant ich gehen soll. Eins liegt auf der U9 Richtung Süden, eins Richtung Norden. Ich nehme den ersten Zug, der einfährt. Das ist der Plan. Funktioniert eigentlich immer. Aber heute komme ich in die U-Bahnstation und beide Züge stehen mit offenen Türen vor mir. Ich muss zum ersten Mal selbst eine Entscheidung treffen! Instinktiv wähle ich die linke Seite und fahre nach Norden. Die Currybaude am Bahnhof Gesundbrunnen wird es sein.
„Zwocurrymitdarmpommesmayoundnschulli“. Schulli heißt Schultheiß. Der Rest ist klar.
Nur ein Mann mit Anzug und Schlips an der Würstchenbude und nur ein Mann bringt seinen Teller nicht zurück zur Theke. Höflichkeit kostet Zeit. Zeit ist Geld. Alles richtig gemacht.
Im Bahnhof versucht ein fliegender Händler, mir Parfüm zu verkaufen. Mir. Parfüm. Der Wedding … in Kreuzberg wären es wenigstens Drogen gewesen.
Ein dicker glatzköpfiger Asiate fragt mich nach dem Weg zum Prager Platz. Wenn man kein R aussprechen an, hört sich das genauso an wie Parkplatz. Es dauerte einige Augenblicke, bis der Groschen bei mir fiel. Das „Danke! Einen schönen Tag noch“ des Mannes kommt zum Glück ohne R aus.
SO 36 und Kreuzberg 61 sind so unterschiedlich wie Nord- und Südkorea. Da die Oranienstraße, der Ku’damm des Chaos, dort die Bergmannstraße, wo sich Rechtsanwaltstöchter aus aller Welt zum Sushi-Essen treffen.
Im 100er-Bus vom Zoo zum Alex: Direkt vor mir ein älteres Ehepaar aus der Schweiz. Als wir am Breitscheidplatz vorbeifahren, erklärt der Mann seiner Frau, dass hier der Terroranschlag gewesen ist. In ihrem langsamen Schweizerdeutsch fragt die Frau: „Da war der Weihnachtsmarkt? Und da ist dieser Amri einfach so reingefahren?“
In der U-Bahn sitzt ein Leihfrist-Cowboy von der TU neben mir. Ein hagerer junger Bursche, dessen Kiefer mahlen und dessen linke Augenbraue regelmäßig unregelmäßig zuckt. Ich sehe die Überschrift des Kapitels, das er gerade in einem Lehrbuch liest: „Wenn die intelligenten Maschinen kommen“. Sieht so die Zukunft aus?
Die Kirchturmuhr schlägt gerade zwölf, als ich – pünktlich wie ein Shinkansen – das „Grand Tang“ in der Pestalozzistraße betrete. Das Lokal ist ein Chinesen-Chinese, zu erkennen an der Wochenkarte, die es nur in chinesischer Schrift gibt, und an den ungewöhnlichen Gerichten, Suppen aus Schweineblut zum Beispiel oder Hühnerkrallen und Rinderdarm. Ein hünenhafter Junge in kurzen Hosen, der gerade Kartons schleppt, sagt mir, es könne mit der Bestellung noch zehn Minuten dauern. Ich setze mich an einen der leeren Tische und studiere in Ruhe die Speisekarte. Nach und nach trudelt das Personal ein, grotesk geschminkte Kellnerinnen und gnomenhafte Küchenhelfer. Die Kellnerinnen gehen erst einmal vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Der Koch, ein großer dünner Glatzkopf mit einer Tätowierung über dem rechten Ohr, holt einen Hund aus dem Hof und geht mit ihm durch das Lokal auf die Straße, um ihn auszuführen. Als ich meine Bestellung aufgebe, bringt mir der riesige Junge zunächst eine winzige Schüssel und Essstäbchen. Als ich ihn nach einem Besteck frage, wird mir zum ersten Mal im Leben auf deutschem Boden™ Messer und Gabel verweigert. Das Essen ist überaus köstlich, obwohl die Vorspeise erst während des Hauptgangs serviert wird. Der Junge kassiert schließlich, ohne mich zu fragen, ob es mir geschmeckt hat. Die Kellnerinnen sitzen derweil zwei Tische weiter, sie schwatzen und lachen die ganze Zeit mit dem Rücken zu mir. Als ich um ein Uhr das Restaurant verlasse, bin ich der einzige Gast geblieben. An einem Freitagmittag nur wenige Schritte von der belebten Einkaufsmeile Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg entfernt. Merkwürdiger Laden – dennoch kann ich ihn nur empfehlen.
Screamin' Jay Hawkins - I Shot The Sheriff'. https://www.youtube.com/watch?v=JpFw-tI_JpI