Montag, 14. Mai 2018

Die Tournee

Wissen Sie, was das Schlimmste am Beruf des Schriftstellers ist? Es sind nicht die niederschmetternden Berichte über die Verkaufszahlen oder die stundenlangen Sitzungen mit dem Lektor, in denen man gezwungen ist, sich für bestimmte Ideen oder Formulierungen zu rechtfertigen. Das Allerschlimmste ist die sogenannte Tournee.
Wenn ein Buch veröffentlicht wird, schickt der Verlag seinen Autor auf eine Rundreise durch das Verkaufsgebiet, das im Regelfall ein Land, im Falle der deutschen Sprache aber die drei Staaten Deutschland, Österreich und Schweiz umfasst. Man ist dabei nicht nur in den großen Städten wie Berlin oder Wien, sondern wird auch gnadenlos durch die Provinz gejagt: Kassel, Bern, Emden oder Graz.
Jede Nacht ein anderes Hotel. Da der Verlag die Reise bezahlt, haben diese Hotels maximal drei Sterne und es gibt überall das Gleiche zum Frühstück. Häufig beginnt der Tag mit einer Radio- oder Fernsehsendung. Im Gegensatz zu meinem künstlerischen Alltag, den ich selbst bestimmen kann, werde ich um sechs Uhr von einem Wecker aus dem schöpferischen Tiefschlaf gerissen.
Der Moderator des Senders hat mein Buch natürlich nicht gelesen, höchstens den Klappentext. Meine Biographie kennt er aus dem Internet oder aus dem Verlagsprospekt. Entsprechend oberflächlich sind die Fragen: „Wollten sie schon immer Schriftsteller werden?“ Ist das wichtig? „Glauben Sie, dass der Roman noch eine Zukunft hat?“ Fragt ein Dreißigjähriger, der für Radio Darmstadt arbeitet. Aber auf diese Weise bekommt man die Sendezeit herum. Schriftsteller sind umsonst. Sie kommen immer, sind pflegeleicht und geben brav die gewünschten Antworten, denn ohne dieses Marketing sind sie schnell vom Markt verschwunden.
Nachmittags sitze ich zwei Stunden in der Buchabteilung eines Kaufhauses. Ich signiere hundert oder zweihundert Bücher. Fast immer mit Widmung. Die Leute freuen sich, wenn sie auf einen Schriftsteller hinabblicken und ihm etwas diktieren können. „Schmitt mit Doppel-T.“ Ein signiertes Buch macht als Weihnachtsgeschenk etwas her, es ist durch die Unterschrift quasi geadelt und aus der Masse der unsignierten Bücher hervorgehoben. Für das Kaufhaus hat es den unschätzbaren Vorteil, dass signierte Bücher vom Umtausch ausgeschlossen sind.
Zwischendurch unterhält man sich mit einem Lokalreporter, der zum durchreisenden Schriftsteller zwanzig oder vierzig Zeilen abliefern muss. Das ist vergleichsweise angenehm, weil diese Leute gerne in Kneipen arbeiten und man auf diese Weise zu einem Glas Bier kommt. Der Autor ist quasi ein freiberuflicher Kollege und man plaudert ein bisschen übers Geschäft, das bekanntlich überall schlecht läuft.
Am Schlimmsten sind die Lesungen am Abend. Dann kriechen die Klugscheißer aus ihren Löchern und versammeln sich in den Buchhandlungen, um die Schriftsteller fertig zu machen.
„Wieso verbringen Sie in Zeiten der weltpolitischen Krise Ihre Zeit damit, Kriminalromane zu schreiben?“ Diese Frage stellt der Typ Ankläger. Ich bin schuldig. Egal, was ich antworte.
„Im Feuilleton der FAZ wurden Sie als der neue Chandler angepriesen. Ihr Stil soll zudem an Paul Auster erinnern. Ich sehe das nicht so. Ich finde Ihr neues Buch höchst mittelmäßig.“ Diese Feststellung trifft der Typ Rechthaber. Was soll ich darauf antworten?
„Ich habe Ihr Buch in meinem Seminar durchgenommen. Interpretiere ich Sie richtig, wenn ich die Figur des Dr. Fabian als Metapher für den Fortschrittswahnsinn des 21. Jahrhunderts sehe?“ Wenn ich schon „durchgenommen“ höre. Die Studienräte und Dozenten sind meine größten Feinde. Sie lesen mehr in meinen Büchern, als ich hineingeschrieben habe.
Was weiß denn ich, welche Figur für was steht? Ich habe es nur in die Tastatur gekloppt und dann nicht mehr darüber nachgedacht. Ich habe den Tag vergessen, an dem ich eine bestimmte Zeile geschrieben oder eine Figur entwickelt habe. Ich habe den Grund vergessen, warum ich einen Text geschrieben habe. Wann sollte ich denn auch über all diese Dinge nachdenken? Ich bin auf Tournee.
Den Abend verbringe ich mit einer billigen Flasche Wein im Hotelzimmer. Morgen früh geht es weiter. Bielefeld.
Ultravox - Visions In Blue. https://www.youtube.com/watch?v=bR1pGF2XOMw

Downtown Bielefeld. Hier war noch nie Frühling.

Kommentare:

  1. Ha, wusste ich doch dass das Lied hier irgendwann auftaucht. Die Version hat wenigstens vernünftige Akustik.

    Apropos tauchen: Existiert den Wordpress-Konto noch? Ich stelle demnächst wieder privat - steht alles drüben -, wenn du willst kannst du mit dem Konto wieder mitkommen.

    Schönes Foto übrigens.

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    1. Mein WP-Konto habe ich noch. Ich komme gerne mit - wohin es auch gehen mag :o)

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    2. Fein. Irgendwohin wird es da gehen, nur ist der Hauptstrang mit Mikesch mangels Zuständigkeit jetzt eben in dem Sinne durch und ich etwas ratlos, aber wegwerfen wollte ich nicht, weil ich weiß, ich fange eh wieder an und mindestens eines der anderen Themen wird auch viel gelesen, also habe ich bestimmt irgendwann mit ein bisschen Probieren und Dreherei einen Boden, auf dem das das Ding wieder stehen kann.


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