Donnerstag, 24. Mai 2018

Amor patriae – die Saat des Blöden

„Wo Heimat aufgehört hat, Heimat zu sein, entsteht das Heimatmuseum oder das Reservat.“ (Gerhard Polt, Hanns Christian Müller: Da schau her)
Sie ist wieder erwacht, die Liebe zum Vaterland, die Liebe zur Heimat und - vorläufig hinter vorgehaltener Hand - die Liebe zum arischen Blut. Patriotische Gefühle bewegen das deutsche Gemüt, völkische Bekenntnisse liegen im Trend. Andere Länder haben es vorgemacht: USA, Polen, Ungarn, Österreich. In deutschen Landen wurden Sachsen und Bayern zuerst ergriffen. Das Trennende wird wieder betont, das Gemeinsame verhöhnt. Die politische Integration Europas und die globale ökonomische Integration werden, trotz ihrer Erfolge, in Zweifel gezogen. Nationaler Pathos, nationale Alleingänge statt internationaler Zusammenarbeit – das ist die Parole der neuen Epoche.

Nach dem Ende der Ideologien haben wir nur noch die beiden geistigen Korsettstangen, die wir schon in den Jahrhunderten zuvor hatten: den Staat und die Religion. Da die Religion in unserem Land nur noch rudimentäre Bedeutung hat, bleibt der Staat. Und da wir – im Gegensatz zur Bibel im religiösen Bereich – auf staatlicher Ebene keinen festgeschriebenen Wertekanon haben, ringen wir jetzt um den Begriff der Leitkultur. Im vergangenen Jahrhundert machten wir den Schutz der Umwelt zu einer ministeriellen Aufgabe und zu einem tragenden Element von Regierungskompetenz, jetzt ist es der Schutz der Heimat, so als ob das Dirndl oder die Blasmusik auf einer roten Liste der vom Aussterben bedrohten Kulturgüter stünden. Ausgerechnet ein Bayer, Horst Seehofer, wird erster deutscher Heimatminister – da hätte man auch wieder einen Österreicher nehmen können.
Wenn an einem starken Wir politisch und medial gebastelt wird, darf ein starkes Gegenüber nicht fehlen. Die Anderen, das sind Muslime, Afrikaner und andere Menschen, die sich schon optisch von den Deutschen abheben. Bald werden es auch wieder die Franzosen und die Juden sein, die angelsächsische Krämerseele und der brutale Russe, diese ewige Bedrohung aus den Tiefen Asiens. Die Anderen, das sind nicht unsere Freunde. Bestenfalls Konkurrenten, eigentlich aber Feinde. Hieß es ehemals „Volk ohne Raum“, als man den Deutschen neue Agrarflächen in Osteuropa erobern wollte, so heißt es heute „Volk ohne Zukunft“. Der Deutsche soll in seinem eigenen Stammland verdrängt und ausgerottet werden. Durch Zuwanderung und durch Gebärmaschinen, die „immer neue Kopftuchmädchen produzieren“, wie es der SPD-Rechtsaußen und Wegbereiter des Neofaschismus Thilo Sarrazin einst so unnachahmlich formuliert hat.
Die Vaterlandsliebe findet erst ihre wahre Erfüllung, wenn das Vaterland bedroht ist. Wenn es von sinisteren Feinden umstellt und sogar, im aktuellen Fall, vom Feind durchdrungen wird. Merkel hat das trojanische Pferd in die Festung gelassen, eine Million Sarazenen sind ihm entstiegen. In unseren Städten und Dörfern, also mitten unter uns, verbünden sich die Fremden mit den anderen Fremden, mit den Polen, Italienern und Türken. Gemeinsam wollen sie uns vernichten. Und wir geben diesen Leuten auch noch Wohnungen und Arbeit. Für jedes Kind, das sie in die Welt setzen, und das nichts Besseres zu tun hat, als am Stamm der Leitkultur, an dieser einst so mächtigen Eiche, zu sägen, zahlen wir diesem Lumpenpack auch noch Kindergeld!
Was wäre der deutsche Patriotismus noch wert, wenn das Land nicht akut vom Untergang bedroht wäre? Wir brauchen dieses Drama, diesen verzweifelten Kampf um unsere Zukunft, die tränennassen Gesichter besorgter Bürger, während in unseren deutschen Fabriken Menschen aus aller Herren Länder Maschinen, Chemikalien und Autos für unsere Stellung als Exportweltmeister produzieren. So bleibt uns am Stammtisch bei Bier und Schweinebraten genügend Zeit für eine neue Runde Selbstmitleid. Wir sind die Besten! Aber alle anderen wünschen uns nur das Schlechteste. Da kann man nur froh sein, dass unsere Bundeswehr im Augenblick höchstens für Luxemburg eine Bedrohung darstellt.
Zur Heimatliebe gehört natürlich auch das Bild einer Heimat, die sich unsere Liebe wahrlich verdient hat. Unser Land ist nicht nur schön, seine Wälder, seine Berge und seine Menschen, sondern es trägt auch eine blütenweiße Weste. Nichts darf diese Liebe trüben, unsere warme Muttererde ist nicht mit Blut besudelt. Auschwitz? Eine Lüge. Weltkrieg? Ohne Versailles kein Hitler. Kolonialismus? Andere hatten die Sklaverei. Kreuzzüge? Verrechnen wir mit den Toten vom Breitscheidplatz. Nichts darf unseren Blick auf die Schönheit und Reinheit Deutschlands trüben.
Es versteht sich von selbst, dass Heimat mit Abstammung verbunden ist. In der Heimat wurde man geboren, die Eltern und die Großeltern wurden ebenfalls in dieser Heimat geboren. Warum dürfen wir mit unserem Glück nicht allein sein? Was wollen die Fremden eigentlich alle hier? Aber im wirklichen Leben kommt um fünf die polnische Putzfrau und der Lieferjunge mit der Pizza ist leider auch nicht blond. Vaterlandsliebe ist ein Spiel für gnadenlose Opportunisten, naive Vollidioten und echte Blut-und-Boden-Nazis, die seit 1945 darauf warten, aus der zertrümmerten Gruft des Führerbunkers wieder ans Licht zu kriechen.
Wilson Pickett - Land of 1000 Dances. https://www.youtube.com/watch?v=3mz_EXHKGHs

1 Kommentar:

  1. Von wegen Religion wäre kein Thema mehr !
    Bei mir im " Gschäft " , also "auf Arbeit", inner Firma, gibt es durchaus noch den Pietkong !
    Mission am Arbeitsplatz. Es kann nur einen Geben.
    Und nur der mit dem richtigen Glauben hat das ewige Leben.
    Sagenhaft.
    Das Wir alle gleich rot bluten, wenn wir uns in den Finger schneiden, zählt nicht.

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