Montag, 26. März 2018

Im Zentrum der Stille

In der Abenddämmerung sehen wir die Silhouette der alten Festung, die sich über der Stadt erhebt. Auf ihren Zinnen weht das Reichsbanner, ein schwarzer Adler auf goldenem Grund. Es ist still geworden, die Straßen leeren sich, der Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. Nur vor der Festung harren noch Dutzende Kamerateams und hunderte Reporter aus.
In den Gemächern ist kein Laut zu hören. Stumm schleichen einige Dienstboten durch die Gänge. Es wird Staub gewischt, Wachen stehen an den Eingängen der Prunksäle. Kein Telefon läutet, kein Fernseher läuft, niemand spricht. Der junge Adjutant in hellgrauer Uniform kennt den Weg durch die endlosen Zimmerfluchten.
Die Kaiserin liegt in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett. Ihre Augen sind geschlossen, sie bewegt sich nicht. Schläft sie nur oder ist sie schon tot? Der Adjutant wird ins Zimmer geleitet. Der Arzt, der am Bett der alten Dame Wache hält, schüttelt nur den Kopf. Der Adjutant nickt ihm zu. Er hat verstanden und verlässt die Festung wieder.
Wann wird die Kaiserin sterben? Seit Monaten, vielleicht seit Jahren warten die Menschen auf eine Veränderung ihres Zustands. Hoffnung auf Genesung gibt es längst nicht mehr. Es ist, als sei sie, als sei das ganze Land verwunschen. Die Nekrologe sind längst geschrieben, die Sondersendungen sind fertig. Wann werden wir durch ihren Tod erlöst?