Donnerstag, 1. März 2018

Andy Bonetti – Bizarre Gerüchte um seinen angeblichen Tod

„Ich sitze im Speisewagen und denke: Warum nicht diese zwei Gabeln nehmen, sie aufrichten in meinen Fäusten und mein Gesicht fallen lassen, um die Augen loszuwerden.“ (Max Frisch: Homo faber)
Das Unwahrscheinliche unterscheidet sich vom Wahrscheinlichen nur durch die Häufigkeit des Auftretens. Das Wahrscheinliche gewinnt durch seine Häufigkeit eine gewisse Glaubwürdigkeit, während uns das Unwahrscheinliche fremd bleibt.
Wie jeden Morgen betrete ich das Arbeitszimmer, schalte den Computer an und gehe ans Fenster, um den Garten zu betrachten, während er hochfährt. Aber an diesem Morgen ist alles anders. Ich sehe nichts. Genauer: eine Fläche bis zum Horizont, die Farbe ist beige, Khaki, ein helles, fast gelbes Ocker, wie trockene Erde.
Ich trete vor die Haustür, die von zwei kegelförmig geschnittenen Buchsbäumen flankiert wird. Auch hier eine endlose Fläche. Ich berühre sie mit der Hand. Es sind fein gemahlene Körner. Sand. Ich lasse ihn durch die Hand rieseln. Mein Haus ist auf allen Seiten von einer Wüste umgeben.
Großartig, denke ich. Mit mir kann man es ja machen. Eine Romanfigur muss alles so nehmen wie es kommt. Der Autor möchte uns damit offensichtlich etwas mitteilen. Es ist eine Metapher. Vermutlich geht es um unsere existenzielle Einsamkeit, um unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Schicksal oder um die Abhängigkeit des modernen Menschen von der Technik.
Aber Andy Bonetti ist aus anderem Holz geschnitzt, Freunde der Sonne. Ich werde nicht ins Grübeln kommen, ich werde auch nicht panisch reagieren oder rumflennen wie ein altes Waschweib, sondern in aller Seelenruhe meine Vorräte inspizieren, die ich für Fälle wie diesen angelegt habe.
Ich gehe in die Küche. Der Kühlschrank funktioniert nicht. Kein fließendes Wasser. Das habe ich mir schon gedacht. Das Brot wird noch einige Tage halten, außerdem habe ich Pumpernickel in Dosen. Der Aufschnitt muss natürlich gleich weg, der Käse hält sich länger. Auch unsere Freundin, die Salami, flößt mir bei ihrem Anblick Zuversicht und neuen Mut ein.
Kein Wasser? Das ich nicht lache. Das braucht man ohnehin nur zum Waschen und ich bin bereit, ab jetzt auf jegliche Form von Hygiene zu verzichten. Der Rotwein schmeckt auch bei Zimmertemperatur, beim Weißwein muss ich Abstriche machen, aber trinkbar ist er auf jeden Fall. Wer will schon Wasser trinken, wenn er Wein hat.
So, lieber Herr Autor. Wenn ich Disziplin walten lasse und mir die Vorräte an Wein und Konserven betrachte, sehen wir uns in einem Monat wieder. Mal sehen, wer die größere Ausdauer hat. Ihr werdet Bonetti nicht auf Knien sehen. Er kennt das Wort Selbstzweifel überhaupt nicht. Nicht nach all meinen großen Erfolgen im Bahnhofsbuchhandel.
***
Er war am Ende. Es war vorbei. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, seine Zunge und seine Kehle waren trocken wie welkes Laub. Er schleppte sich und seinen schweren Rucksack durch den Sand.
Nimmt diese verdammte Wüste denn kein Ende, fragte er sich. Warum habe ich kein Wasser mitgenommen? Warum nichts zu essen? Warum keinen Sonnenschirm oder wenigstens Schuhe, die nicht schon nach wenigen Schritten voller Sand waren?
Nichts zu sehen, endlose Wüste in allen Himmelsrichtungen. Am Fuß einer Düne setzte er sich erschöpft in den Sand und stellte den Rucksack neben sich. Er packte eine zwanzig Kilo schwere Schreibmaschine (Modell Mercedes No. 5, Baujahr 1929) aus und stellte sie vor sich.
Dann spannte er ein Blatt Papier ein und begann zu schreiben: „Warum musste ich ausgerechnet Schriftsteller werden?“
Angelo Badalamenti - Laura Palmer's Theme. https://www.youtube.com/watch?v=khMlcTE7lw8

Kommentare:

  1. Eine Bariation des Themas: https://youtu.be/nAA3DCEkVHs

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    1. Ja, ein paar schöne Anregungen. Auf dem Land und in der Kälte ist Bonetti schon, aber ich könnte ihn tatsächlich mal nach Hawaii schicken und mir den Frühling herbei schreiben.

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  2. Zum heutigen "Meteologischer FRÜHLINGSbeginn"
    und
    am "Tag des Kompliments" ... weltweit
    + da SIe "Aber Andy Bonetti ist aus anderem Holt geschnitzt" sind

    schenke ich DIR ein "z" für´s Holz und als Schriftsteller ein fettes "RESchPEKT" ... (ړײ)

    https://www.youtube.com/watch?v=chdpiSX2ino *schallalala ♪ ♫*

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    1. Danke, Engelchen. Wenn ich alter Holtkopf dich nicht hätte.

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