Samstag, 17. Februar 2018

Montagmorgen im Büro

„Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, bleibt zu Recht ein Sklave.“ (Aristoteles)
Edgar Hufnagel hatte es in seinem sechzigjährigen Leben bis zum stellvertretenden Filialleiter der Kreissparkasse Wichtelbach gebracht. Er verließ am Freitagnachmittag um drei Uhr sein Büro ebenso entspannt wie er es am Montagmorgen betreten hatte. Aber an diesem Montag, es war der erste April, war alles anders.
Er hielt es natürlich für einen Scherz seiner Kollegen. Obwohl seine Kollegen bisher noch nie zu Scherzen dieser Art aufgelegt gewesen waren. Er hatte die Tür zu seinem Büro geöffnet und sie gleich wieder geschlossen. Ein Scherz. Der erste April. Oder hatte er sich einfach nur getäuscht?
Er öffnete die Tür ein zweites Mal. Wirklich. Es war keine Täuschung. Er war echt und bewegte sogar die Arme. Hufnagel schloss die Tür und ging auf die Toilette. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und betrachtete lange Zeit sein Spiegelbild über dem Waschbecken. Ich bin verrückt geworden, dachte er. Es gab keine andere Erklärung.
Zum dritten Mal öffnete er an diesem Morgen die Tür zu seinem Büro. An seinem Schreibtisch, auf seinem Stuhl saß ein Pandabär. Hufnagel starrte ihn mit offenem Mund an.
Der Pandabär drehte seinen dicken pelzigen Kopf zu ihm und lächelte. „Guten Morgen, Herr Hufnagel.“
Hufnagel sagte nichts und blieb in der Tür stehen.
„Seien Sie unbesorgt“, sagte der Bär freundlich. „Kommen Sie ruhig näher. Ich beiße nicht.“ Er lachte brummend.
Hufnagel trat zögernd näher, die Aktentasche schützend vor seinen dicken Bauch gepresst. „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Alex“, sagte der Pandabär.
„Und was machen Sie in meinem Büro? Ist das ein Scherz? Drehen Sie hier mit versteckter Kamera fürs Fernsehen?“
„Nein, nein, Herr Hufnagel“, antwortete der Bär. „Da kann ich Sie beruhigen.“
Aber Herr Hufnagel beruhigte sich nicht. Wieso konnte ein Pandabär überhaupt sprechen? Offenbar machte er am Computer auch gerade eine Kalkulation. Neben der Tastatur lagen einige Formulare.
„Man hat uns gesagt, dass Sie Pandabären mögen. Also hat man mir die Gestalt eines Pandas gegeben. Ich mache ab heute Ihre Arbeit.“

„Meine Arbeit? Sie?“
„Ja, genau. Warum holen Sie sich nicht einfach einen Kaffee und setzen sich zu mir. Ich habe noch einige Fragen zu laufenden Krediten und zu Ihrer Vorruhestandsregelung.“
„Ich bin … entlassen?“
„Das ist ein hässliches Wort. Ich mache nur ab heute Ihre Arbeit. Sie können sich neuen Aufgaben widmen. Ihre Altersvorsorge ist gesichert. Die Kunden werden sich freuen, denn ich bin wirklich vierundzwanzig Stunden für sie da.“
Chilly - For Your Love. https://www.youtube.com/watch?v=OGBUHWjOtWI