Montag, 19. Februar 2018

Ich küsse deine Wunden

„Zorn. Furcht. Aggressivität. Die dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.“ (Yoda)
Was ist der Kern der #MeToo-Debatte? Es geht doch nicht um Harvey Weinstein oder Dieter Wedel. Es geht um Angst. Konkret: um Angst vor Gewalt. Deswegen ist bisher auch kein Debattenbeitrag geschrieben worden, der frei von Emotionen gewesen wäre. Wir können über Angst nicht objektiv sprechen, weil Angst und gerade die Angst vor Gewalt ein Gefühl ist.
Kennen Sie die Situation, wenn jemand über einen Zahnarztbesuch spricht? Alle Zuhörer lecken sich nervös über die Zähne und spielen mit der Zungenspitze in den Zahnzwischenräumen. Gespräche über Angst lassen uns nicht kalt. Die #MeToo-Debatte wird über einen speziellen Aspekt von Angst geführt: die Angst der Frauen vor Vergewaltigung und vor sexueller Belästigung.
Ich finde es großartig, dass diese Debatte so lange und so ernsthaft geführt wird. Sie ist mit der Hoffnung verbunden, dass es in Zukunft weniger Gewaltverbrechen geben möge. Diese Hoffnung teile ich nicht, da die Diskussion nicht in allen Teilen der Gesellschaft und nicht in allen Gesellschaften der Welt geführt wird. Es sind auch nicht alle der gleichen Meinung. Machen wir uns nichts vor: die Zahl der ZEIT- oder taz-Leser ist sehr begrenzt. Machos und Kriminelle waren noch nie Teil einer diskursiven Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen.
Vielleicht kommen wir eines Tages an den Punkt, an dem wir unsere Perspektive erweitern. Gewalt hat nicht nur mit Sex zu tun. Gewalt hat häufig mit Eigentum zu tun. Frauen haben nicht nur Angst, Opfer einer Vergewaltigung zu werden, sondern auch, Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Diese Angst teilen sie übrigens mit den Männern. Wir haben nachts in dunklen Gassen ebenso viel Angst wie Frauen. Auch wenn wir nicht den Mut haben, darüber zu sprechen. Wir fühlen uns an Bahnhöfen, wo Gruppen fremder Menschen herumlungern – Fußballfans, Polizisten oder Asylbewerber, völlig wurscht -, ebenso unwohl wie Frauen.
Das Thema ist also Gewalt ganz allgemein. Und unsere Angst. Darüber nüchtern und kühl zu diskutieren fällt schwer. Nehmen wir zum allerletzten Mal einen konkreten Fall, der gerade aktuell ist. Weibliche Studierende an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin empfinden die nahegelegene U-Bahnstation und den Platz vor der Hochschule als Angstraum. Was machen sie? Ein spanisches Gedicht, in dem das Wort Frau vorkommt, wird übermalt. Verbessert es ihre Situation? Nein. Das Gedicht kann ihnen keine Gewalt antun, die Männer in der U-Bahnstation und auf dem Platz schon.
Ich habe etliche Jahre an einem Stadtforschungsinstitut gearbeitet. Ich war drei Jahre Kiezschreiber in einem „sozialen Brennpunkt“, weil der Berliner Senat geglaubt hat, es gehöre zur sozialen Stadtentwicklung, wenn man einen Suhrkamp-Autor mit Urbanistik-Hintergrund in den Hartz IV- und Migrantendschungel namens Wedding schickt. Wie würde es aussehen, wenn wir die #MeToo-Debatte an diesem konkreten Punkt von der Empörung, von der hochemotionalen Debatte über Zensur und fehlende männliche Sensibilität auf die Ebene der Stadtentwicklung brächten?
Dann würden wir über Maßnahmen sprechen, aus einem Angstraum einen Ort zu machen, wo sich alle – Frauen und Männer – wieder sicher fühlen können. Ich habe auf einer Tagung mal eine Frau kennengelernt, die zehn Jahre über Frauenangst in Parkhäusern promoviert hat. Ihre Forschung hat einen Beitrag geleistet, Frauen zu helfen. In Parkhäusern wurden Frauenparkplätze eingerichtet, die so nah wie möglich an den Aufzügen und Treppenhäusern liegen. Ein Detail, sicher. Aber es hilft den Frauen.
Wie macht man die U-Bahnstation an der Alice-Salomon-Hochschule sicherer? Beispielsweise durch verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften, auch wenn der linke Wutbürger jetzt aufheulen mag. Warum gehen nicht zwei Polizistinnen regelmäßig dort Streife? Polizeipräsenz schreckt potentielle Straftäter erfahrungsgemäß ab. Frauen schützen Frauen. Das Thema Sicherheit wird in der Stadtentwicklung seit Jahrzehnten diskutiert. Wir müssen also nicht bei Adam und Eva anfangen. Es wäre doch ein Fortschritt, wenn wir die Debatte so führen, dass wir zu Ergebnissen kommen, anstatt nur unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Eine Hoffnung habe ich: Diese Debatte um den Schutz vor Gewalt werden die Frauen in die Hand nehmen. Sie werden nicht mehr warten. Sie nehmen die Energie, die bisher in die Empörung geflossen ist, und verwandeln sie in konkrete Maßnahmen. Es wurde genug geredet, jetzt sollten Taten folgen. So werden aus Opfern Täter im besten Sinne des Wortes.

P.S.: Jetzt muss ich doch noch mal polemisch werden. Wissen Sie, was der Multimillionär Weinstein in diesem Augenblick gerade macht? Er sitzt in seiner Hollywood-Villa und lässt sich von einer Vierzehnjährigen den Schwanz lutschen. Warum? Weil er es kann. Weil er nicht im Gefängnis sitzt, wo sein kleiner fetter Arsch längst die große Sensation wäre. Weil Frauen eben immer nur reden, aber so eine Drecksau wie Weinstein nicht aus dem Verkehr ziehen wollen.
Falco – Jeanny. https://www.youtube.com/watch?v=yQg3KM8O8T0