Mittwoch, 28. Februar 2018

Focus

Was finde ich in einem der zwölf Zimmer dieses Hauses? Eine alte Focus-Ausgabe von 1997. 330 Seiten dick! Das waren noch goldene Zeiten für die Printmedien.
Schon im Editorial geißelt Markwort den Sittenverfall der Medien: „Was wir in diesen Tagen an Heuchelei, Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit vorgesetzt bekommen, ist abstoßend“. Was würde er 2018 schreiben?
Der israelische Ministerpräsident Netanyahu kündigt an, mit „kompromissloser Härte“ gegen den palästinensischen Terror vorzugehen. Helmut Kohl plant eine Steuerreform und will den Soli senken. Außerdem soll es eine Rentenreform geben. Das waren also schon damals die Nachrichten? Kein Wunder, dass keiner mehr den Focus kauft. Es genügt, die alten Hefte noch einmal durchzublättern.
Stoiber, damals noch bayrischer Ministerpräsident, wird im Interview gefragt, ob er Populist sei. „Was heißt Populismus?“ fragt Stoiber. „Ich kann mit der negativen Untermalung des Begriffs nichts anfangen“. Er sei „im Volk verwurzelt“ und kenne die Sorgen der Menschen. Ohne Worte. Ein Minister der Bundesregierung namens Horst Seehofer plagt sich derweil mit den Defiziten der gesetzlichen Krankenversicherungen in den neuen Bundesländern herum, der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder plustert sich als Law&Order-Mann auf, dem der CDU-Landeschef Christian Wulff allerdings „ein politisches Armutszeugnis“ ausstellt. Ein Gammelfleischskandal erschüttert NRW, die grüne Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn verspricht: „Diesen Sumpf müssen wir trockenlegen.“
In der Focus-Serie „Superstadt Berlin“ geht es um das Nachtleben. Ein Wahnsinn! „Wenn Wanne-Eickel schon im Tiefschlaf liegt und selbst in München Rausschmeißer die Ärmel aufkrempeln, läuft Deutschlands Hauptstadt gerade warm.“ DJs wie Marusha und Westbam legen in Clubs wie dem E-Werk oder dem Tresor auf. Im Kit-Kat-Club muss es auch schön sein: „Nasskalte, halbnackte Leiber in Lack und Latex stampfen auf den Metallboden wie das Vieh vorm Schlachthof.“ Ein knuffiger Transvestit namens Marcella Masturbani schreibt für das Szeneblättchen 030 über „sichere Partys mit garantierter Qualität.“ Daniel Barenboim sagt über die Berliner: „Sie meckern mir noch zuviel. Sie betreiben ständig Selbstanalyse: Kann Berlin? Soll es? Darf es? In Paris und London wird über solche Dorfmentalität müde gelächelt.“ Die Gastronomin Julia Regehr schwärmt: „Eine Stadt für totale Selbstverwirklichung.“ Die Schauspielerin Sophie von Kessel weiß: „Berlin ist eben ein kunterbunter Haufen. Jeder akzeptiert einen, wie man ist.“ Das kann ich für die Schweppenhäuser Kerb auch bestätigen.
Zurück zur Politik: Der PDS-Bürgermeister von Schulzendorf (Brandenburg) klagt, er sei seiner Basis „nicht revolutionär genug.“ Gregor Gysi vermutet, seine Partei würde durch politische Kompromisse „ihre Unschuld“ verlieren. Auch die Linke hat Humor. Noch lustiger sind nur die Grünen, denn sie haben den westdeutschen Kommunismus erfolgreicher bekämpft als die CSU oder der Verfassungsschutz: „Bereits zuvor hatten sich etliche radikale Linksrebellen, die den paradiesischen Verheißungen kommunistischer Gruppen in den siebziger Jahren auf den Leim gegangen waren, zu gemäßigten Reformern und cleveren Nutznießern des Kapitalismus gemausert.“ Indem sie zu Grünen wurden wie der Maoist Trittin, KBW- Genosse Winfried Kretschmann oder Antje Vollmer von der „Liga gegen den Imperialismus“. Aus dem „Marsch durch die Institutionen“ wurde der Marsch in die Institutionen. Im Interview verrät der arrivierte Ex-Kommunist und Rechtsanwalt Gerhard Strate über seine alten Genossen aus der K-Gruppe: „Die meisten von denen haben ja ordentlich Karriere gemacht und wollen von ihrer Vergangenheit nichts mehr wissen.“
https://www.focus.de/politik/deutschland/k-gruppen-wende-genossen_aid_166129.html
Nerds, aufgepasst! Eine Toshiba-Werbung von 1997 für Notebooks. Ich sage nur: Tecra 730XCDT. 150 MHz-Prozessor, 2,1 Mrd. Bytes Festplatte, 12,1“-Farbbildschirm und CD-ROM-Laufwerk. Für schlappe 8999,- DM. Alter Finne! Über zwei MILLIARDEN Bytes Festplatte. Und praktisch geschenkt.
Jetzt wird es wieder ernst: Können wir 3,5 Millionen Russlanddeutsche integrieren? Außerdem sind wegen „Klimaerwärmung“ zwischen den frühen 50ern und Mitte der 70er Jahre 25 Prozent der Polkappen abgeschmolzen. Zum Glück haben wir das Thema heute im Griff.
Der Doppelagent Hagen Schmidt, der sich für einen BRD-Geheimdienst von der Stasi anwerben ließ, klagt: „Leute meines Alters, die ehrlich gearbeitet haben, stehen heute beim Arbeitsamt Schlange, während Funktionäre von damals (…) wieder auf lukrativen Posten sitzen.“ Für Köln geht 1997 ein neues Tatort-Team (Behrendt/Bär) an den Start und auf Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste ist ein Kochbuch von Alfred Biolek.
Wirtschaft: „In der Information und Kommunikation entstehen über eine Million neue Jobs.“ Gesucht werden Netzwerker, Java-Programmierer oder Systemberater. Es ist ein „Mekka für Quereinsteiger“. Übersetzt: Können musst du nix.
Der Hammer findet sich auf S. 325: Dr. Peter Hartz von VW wirbt mit dem Satz „Soziale Konfrontation bringt uns nicht weiter.“

Public Enemy - Don't Believe The Hype. https://www.youtube.com/watch?v=9vQaVIoEjOM

1 Kommentar:

  1. ..soziale Konfrontation.usw......und dann gings in den Puff

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