Sonntag, 25. Februar 2018

Essen als Erinnerung

Viele unserer Erinnerungen sind mit Mahlzeiten verbunden. Vielleicht sprechen wir so selten von ihnen, weil es so banal ist. Aber die Erinnerung ans Essen ist schließlich eine Erinnerung an unser vergangenes Leben. Wenn wir uns wieder an das Essen erinnern, kommen womöglich andere Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins geperlt.
Angeregt hat mich die Lektüre von „kafka on the road“, der seine kulinarischen Memoiren als Aufzählung präsentiert hat. Ich folge ihm gern auf diesen Trip.
https://kafkaontheroad.wordpress.com/2018/02/19/quer-durch-den-garten/
Fangen wir mit den Orten an. Es sind im Wesentlichen drei Küchentische. Bei uns zu Hause, bei den Großeltern und bei der verwitweten Großmutter. Selten ein Tisch in einem Gasthaus oder bei Verwandten.
Was gab es zum Essen? Glücklicherweise habe ich ab Januar 1977, da war ich zehn Jahre alt, bis 1982 ein Tagebuch geführt, in dem nachzulesen ist, was ich zu Mittag gegessen habe. Mein Lieblingsessen war damals Nudeln mit Fleischsoße. Das geht in Richtung ragù alla bolognese, schmeckt aber nicht so tomatig und kommt ohne Gemüse aus. Haschee hieß das damals, also Hackfleisch mit Tomatenmark und ein paar Gewürzen. Das gab es einmal die Woche, darauf habe ich bestanden.
Dann die Klassiker wie Gulasch oder Bouletten mit Kartoffeln sowie die Combinazione Tedesco Spinat-Spiegelei-Kartoffelbrei. Überhaupt Unmengen Kartoffeln, der halbe Garten meiner Großeltern war ein Kartoffelacker, der Rest ein Gemüsegarten. Morgens Brot mit Marmelade (selbstgemacht, Vorräte bis zum Jüngsten Tag und darüber hinaus waren immer vorhanden), abends Brote mit Wurst und Käse. Morgens ein Glas Milch dazu, abends Tee oder Wasser.
Sonntags Schweinebraten mit Kartoffeln und Wirsing, gelegentlich auch mal paniertes Schnitzel mit Kartoffeln, Rouladen oder Rollbraten. Bei den Großeltern gab es Erdbeeren aus eigenen Anbau zum Nachtisch, rote Beete und Stachelbeeren. Bei der anderen Oma Vanillepudding von Dr. Oetker. An Wochentagen gab es keinen Nachtisch.
Landestypische rheinhessische Klassiker gibt es gar nicht. Der Saumagen ist aus der Pfalz und solche Kleinigkeiten wie Handkäs mit Musik oder Spundekäs sind kein Mittagessen. Es gab bei uns nichts Typisches vom Rhein, dafür aber Fischstäbchen von Käpt’n Iglo und der insbesondere von meiner Schwester gefürchtete „Pichelsteiner Eintopf“ aus der Dose.
Einmal im Monat ging es ins Gasthaus. Ich habe immer Jägerschnitzel mit Pommes frites bestellt. Ein gefühltes Erdzeitalter lang. Keine Experimente. Ich kann mich an ein einziges Zigeunerschnitzel erinnern. An diesem Tag muss mich der Teufel geritten haben. Pommes gab es sonst nie. Fritteusen gab es in keinem Haus, das ich kannte. Tiefkühlpommes für das Ofenblech gab es noch nicht. Dafür tauchte um das Jahr 1980 herum der Begriff Pizza zum ersten Mal in unserem Wortschatz auf.
Artgerechte Ernährung gab es für uns Kinder aus dem PEZ-Spender, dem Ahoi-Brausebeutel oder in gefrorener Form (Wassereis in Plastikfolie für zehn Pfennig, Milcheis für zwanzig Pfennig), es gab Vollmilchschokolade, Plätzchen an Weihnachten und natürlich Käsekuchen, Streuselkuchen und Pflaumenkuchen. Das Auslecken der Rührschüssel galt als Privileg der Jugend. Wir tranken Orangen- und Zitronenlimonade, aber kein Fanta und kein Sprite. Beim Bäcker bekam ich immer eine Mohnstange oder eine Kümmel-Salz-Stange.
Übrigens sauge ich seit fast fünfzig Jahren Tomatenmark aus der Tube im Kühlschrank, wenn keiner hinschaut. Ich bin Single – Sie können sich denken, wie hoch inzwischen mein Verbrauch ist. Mein Übergewicht verdanke ich allerdings den Millionen und Abermillionen von Kaugummis, die ich in meiner Kindheit verschluckt und nicht ausgespuckt habe. Sie sammeln sich bekanntlich im Bauch und können nicht ausgeschieden werden.
Ein Beispiel aus der aktuellen Tagebuchlektüre:
20.2.1978: Schweinefleisch, Kartoffeln und Rotkraut
21.2.1978: Nudeln mit Ketchup
22.2.1978: Bouletten und Kartoffeln
23.2.1978: Spaghetti mit Fleischsoße
24.2.1978: Pfannkuchen
25.2.1978: Nudeln mit Ketchup
26.2.1978 (Sonntag): Rollbraten mit Kartoffeln.
P.S.: Eine türkische Freundin, die im selben Kaff am Rhein aufgewachsen ist, erzählte mir, in ihrer Familie wäre Reis die Hauptbeilage gewesen, nicht die Kartoffel wie bei den Deutschen. Reis mit Joghurt, Reis mit Tomatenmark, Reis mit Kichererbsen seien die Klassiker gewesen. Damals hat es noch fahrende Händler gegeben, die den türkischen Familien säckeweise Reis geliefert haben.
João Gilberto, Stan Getz - The Girl From Ipanema. https://www.youtube.com/watch?v=8PYKOo_jgJo

Kommentare:

  1. Das Eis in der Tüte hieß Mister Freeze (haben wir immer deutsch ausgesprochen). Einmal gekauft und nicht gewusst, dass man es erst frieren lassen muss - hat furchtbar geschmeckt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Habe ich endlos gegessen. Immer die Farb- und Geschmacksstoffe aus dem Wassereis gelutscht, bis man klares, farbloses Eis hatte. Das Stück hat man dann abgebissen und ausgespuckt. So hatte man Chemie pur. So wie damals Dolomiti-Eis voller Farbstoff war, der die Zunge eingefärbt hat. Damals gab es in unserem Viertel Privatleute, die nebenher Getränke und Eis verkauft haben. Da hatten wir's als Kinder nicht weit. Eine echte italienische Eisdiele gab es nur am Bahnhof im Zentrum.

      Löschen
    2. Stimmt, man hat die Farbe rausgesaugt, dann schmeckte es, wie alter Schnee.

      Löschen
  2. ... damals, als Kind:

    1/2 Bratwurst (Papa bekam eine ganze) die Woche,
    freitags dann -> Fisch,
    samstags -> Eintopf
    und sonntags dann -> Braten bzw. TK Hähnchen
    mit Paradies Creme (zum Anrühren) als Nachtisch oder Obstsalat aus der Dose (ړײ)

    *mmmmmmmmmmmmmmmmmh*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Fisch finde ich inzwischen ganz großartig, als Kind habe ich ihn gehasst (aber meine Schwester wollte oft Fischstäbchen, also musste ich sie auch essen). Am Dienstag war ich Winterkabeljau essen. Der Wahnsinn!

      Eintopf wünsche ich mir einmal im Monat bei der Frau meines Vaters. Linsensuppe mit Würstchen. Selbstgemacht der Hit - und passend zur kalten Jahreszeit. Maggi in rauen Mengen ... Den Rest im Topf darf ich immer mit nach Hause nehmen. Aufgewärmt schmeckt die Suppe fast noch besser.

      Löschen
  3. Liest sich wie ein Abziehbild meiner Kindheit. Bei uns gab es auch noch Ravioli aus der Dose und als Highlight nur zum Geburtstag selbstgemachte Dampfnudeln.
    Herrlich, dieser Ausflug in die Kindheit. Danke dafür.
    Christina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ravioli aus der Dose kenne ich vom Sommerurlaub auf dem Campingplatz. Auf dem Gaskocher vor dem Zelt. Vom Spielen, Schwimmen und Rumrennen war man sowieso hungrig, da schmeckte alles. Laacher See in der Eifel war häufig unser Ziel.

      Löschen
  4. Das kommt mir auch alles seeehr bekannt vor. Déjà-vu geradezu. Außer, dass Dosenravioli auch bei uns daheim als Nahrungsmittel akzeptiert waren. Und dass ich bei den regelmäßigen Pizzeria-Besuchen mit den Eltern bis zu meinem zehnten Lebensjahr immer eisern Pizza Margherita orderte.
    Was kulinarische Memoiren angeht, ist übrigens Adalbert Stifter ungeschlagen, der begnadetste Fresssack der Literaturgeschichte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein bisschen kulinarischen Trash habe ich immer noch zu Hause, aber keine Ravioli-Dose mehr, sondern Baked Beans. Von Aldi. Der Tag wird kommen ...

      Löschen
    2. Baked Beans auf gebuttertem Toast mit etwas geriebenem Cheddar - das ist Trash, aber einer der weltbesten!

      Löschen
  5. Oh, das kommt mir (Baujahr 1969) sehr bekannt vor. Meine Großeltern waren Selbstversorger mit Gemüse (ja, hunderte Quadratmeter Kartoffelacker) und Obst. Eingemacht wirklich Jahrzehnte haltbar. Bis auf die Gummidichtung - ich sehe meinen Onkel da noch mit Hammer und Meissel stehen, um so ein Glas zu öffnen. Statt Schwein gab es sonntags immer Kaninchen (Selbstversorger halt) und als Dessert selbstgemachten Pudding mit Haut *g*

    Und da ich auch Single bin, zutzel ich das Tomatenmark auch direkt aus der Tube und mindestens zwei als Vorrat ^^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin nicht allein. #Tomatenmark :o)

      Löschen
    2. Oder ein Schluck Maggi direkt aus der Flasche ;)

      Maggi ist auch so eine Kindheitserinnerung für mich. Meine Mutter hat gut gekocht - da gab es ganz wenig aus der Tüte bzw. Fertiggerichte. Aber so ein paar Tropfen Maggi in die Suppe oder im Salatdressing mussten einfach sein bzw. müssen es heute noch sein.

      Löschen
    3. Kommt bei Suppen auch in meiner Küche immer noch zum Einsatz. Aber in der modernen Variante als Teriyaki-Soße. Schmeckt so ähnlich. Aber mit ein paar Tropfen ist es bei mir nicht getan ;o)

      Löschen
  6. Gerne gab es Eintopf mit dem Dosenrindfleisch aus "Senatsreserven"(diese wurden in West-Berlin angelegt wegen der Erfahrungen aus der Blockade). Kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums wurden die billig vertickt.

    Ich erinnere mich auch gerne an Maccaroniauflauf mit Käse und gekochtem Schinken.

    Und auf dem Wohnzimmertisch jede Woche die neue HÖRZU.
    Fragen Sie Frau Irene!

    Erinnert sich noch jemand an Sanofrost? Das war eine tiefgekühlte süsse Quarkspeise, die wir Kinder als preiswertes Speiseeis goutierten - gekauft bei BOLLE, wo sonst! ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. HÖRZU hatten wir auch immer. Heute haben ja alle die TV Spielfilm. Ich auch. Aber HÖRZU und BRAVO haben doch irgendwie überlebt.

      Löschen