Dienstag, 20. Februar 2018

Der lächelnde Buddha

„Es wird immer Fabriken geben, um zu verbergen, dass die Arbeit tot ist.“ (Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod)
Wer im Mittelalter durch eine Stadt ging, konnte noch sehen, wie die Dinge entstehen. In der Werkstatt des Tischlers entstanden neue Möbel, der Schneider nähte neue Kleider und der Schmied hieb mit seinem Hammer auf glühendes Metall. Du bist durch die Gassen geschlendert und hast gesehen, wie aus menschlicher Arbeit etwas wurde, was vorher noch nicht dagewesen ist.
Heute sehen wir Maschinen, die von selbst funktionieren. Leere Fabriken, in deren Schlund Rohstoffe kommen und aus deren After Konsumgüter herausgepresst werden. Es wirkt wie ein Zauberkunststück, aber der Zauberer hat die Bühne verlassen. In der Politik ist die Depersonalisierung der Macht in der Bürokratie das Pendant dieser Entwicklung.
In jedem Möbelstück von Ikea, in diesem erbärmlichen Plunder aus drittklassigem Material, das wir selbst zusammengeschraubt haben, steckt mehr Wärme als in der kalten Logik ganzer Industriezweige. Wir strecken stolz den Inbusschlüssel in den Himmel empor wie die Affen in Kubricks „2001“ ihr erstes Werkzeug.
Das Leichengift der Entfremdung sickert in unsere Seelen. Trotzig stählen viele Menschen ihren Körper, als würde die Feldarbeit auf sie warten. Sie sind schlank und fit, obwohl sie ihre Muskeln gar nicht mehr brauchen. Sie rennen Kilometer um Kilometer, ohne ein Ziel zu haben. Sie stemmen Hanteln, während die Geschirrspülmaschine läuft.
Lustlos halten wir uns mit irgendeiner Tätigkeit am Leben, deren Sinn sich nicht mehr erkennen lässt. Dort, wo die Arbeit sinnvoll ist, wird sie absurd schlecht bezahlt. Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen, Maurer und Müllmänner sind am unteren Ende der Lohnskala. Am oberen Ende sitzen Menschen in gepolsterten Ledersesseln und spielen Schicksal für den Rest der Welt.
Die totalitär gewordene Vernunft, die in allem nur ein Instrument, ein Mittel zum Zweck, eine Profitchance sieht, kann man nicht bekämpfen. Man kann sich ihr nur verweigern. Unser Wissen löst keine Probleme, so dämmert uns allmählich, es ist die Ursache aller Probleme. Jedes Interesse an Erkenntnis, aus der man keine neue App oder eine neue Wurstsorte machen kann, ist nutzlos. Über Dichter und Maler wird bestenfalls gelacht, eigentlich verachtet man sie. Es sei denn, sie sind Millionäre.
Wir sind längst in einem Wirbelsturm gefangen, den wir nicht mehr aufhalten können. Wir spüren die Kälte und das Leiden, wenn wir einen Augenblick die Nachrichten aus der Welt um uns einschalten oder anklicken. Wir spüren gleichzeitig aber auch, dass unsere Kritik an den Verhältnissen nur eine Form der Selbstberuhigung ist. Sie tröstet uns zwar kurzzeitig, aber die Dosis muss von Tag zu Tag erhöht werden. Emotionen wie Wut und Hass, Mitleid und Verzweiflung nehmen den Platz der notwendigen Kritik ein, die von den Philosophen vergangener Zeitalter noch formuliert wurde.
Wir nehmen die Verhältnisse einfach hin, an denen wir berechtigte Zweifel haben. Wir tun bei vollem Bewusstsein das Falsche. Was können wir tun, wenn wir nichts mehr verändern können? Selbst Adorno kannte nur den Trotz der Verweigerung dieses „falschen Lebens“ und die Flucht in die Kunst. In der Musik oder der Literatur können wir uns für wenige glückliche Augenblicke in eine andere Welt retten.
Unser Maschinenwissen tröstet uns nicht und Buddhas Worte geben uns kein neues Smartphone. Beides können wir nicht gleichzeitig leben – der Glaube, es zu können, ist die Lebenslüge der Wohlstandsbürger. Wir können der Kälte und der Härte dieses Zeitalters nur etwas entgegenstellen, wenn wir selbst nicht kalt und hart werden, wenn wir es verhindern, bloß abgehärtet zu sein und zynisch unser Leiden zu ignorieren.
Coleman Hawkins - Soul Blues. https://www.youtube.com/watch?v=LnErpwdA2kY

Gustave Courbet: Der Verzweifelte.

Kommentare:

  1. Das ist weder Buddha noch Gustave, das ist Johnny Depp !!!!!!!!!!!

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  2. Eines Tages wird sich jeder entscheiden müssen: Bist du Mensch oder Maschine. Problem: eines Tages war gestern.

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  3. "Die totalitär gewordene Vernunft, die in allem nur ein Instrument" - das ist nicht fair.

    Wen das Wort "Vernunft" noch einen Sinn haben soll, dann ist sie gerade nicht das instrumentelle Denken. Die Prägung "instrumentelle Venunft" sollte eigentlich einmal einen Unterschied markieren, vielleicht zur "vollen" Vernunft oder ähnlichem; aber das Attribut hat das Substantiv vergiftet, scheint's. Jetzt ist Vernuft plötzlich instrumentelles Denken geworden!?

    Dabei liegt doch zutage, daß es etwas anderes gibt: "Lustlos halten wir uns mit irgendeiner Tätigkeit am Leben, deren Sinn sich nicht mehr erkennen lässt. Dort, wo die Arbeit sinnvoll ist, wird sie absurd schlecht bezahlt. Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen, Maurer und Müllmänner sind am unteren Ende der Lohnskala. Am oberen Ende sitzen Menschen in gepolsterten Ledersesseln und spielen Schicksal ..." - lautet die Diagnose. Womit (Kant: mittels welches menschlichen "Vermögens") ist dieses Urteil denn gefunden worden. Nicht doch mittels - Vernunft?

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    1. "Instrumentelle Vernunft" ist ein Fachbegriff aus der Frankfurter Schule bzw. der Kritischen Theorie. Max Horkheimer hat ihn entwickelt, Jürgen Habermas hat ihn für seine Theorie des kommunikativen Handelns verwendet. Was vernünftig erscheint, ist gerade im Bereich der Ökonomie und der Politik eine Frage der subjektiven Perspektive.

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  4. Es wird Fabriken geben weil ... .

    Was ist denn das für ein Blödsinn? Das kann doch nur jemand schreiben der eine Fabrik bestenfalls von Führungen kennt, oder? Da könnte ich jetzt von Gegenden schreiben die nie der Blick auch nur eines "Besuchers" streift. Z.b. von Stuhlkreisen in der Materialzuführung an denen (trotzt strikten Rauchverbotes) an jedem Stuhl ein Aschenbecher steht (auf nen Träger geschweißt damit das Ding in Handhöhe steht). Oder von Loren für Metallspäne die schon in alten Defa Filmen eine Nebenrolle spielten und seitdem, unverändert und im Einsatz, auf ihren nächsten Gig warten.

    Nichts ist so wie es scheint, die Abbildungen der Welt in den Medien schon gar nicht.

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