Dienstag, 13. Februar 2018

Das Paket

„Der Trieb, aus unserem Wesen etwas hervorzubringen, das zurückbleibt, wenn wir scheiden, hält uns eigentlich am Leben fest.“ (Hölderlin)
Wenn Sie eine Agentur gründen, die im Internet mit dem Slogan „Wir übernehmen jeden Auftrag, Mord und Heiratsvermittlung ausgenommen“ wirbt, müssen Sie mit allem rechnen.
Die Frau, die eines Tages mein Büro betrat, war etwa einsfünfzig groß und sorgfältig geschminkt. Dennoch sah ich, dass sie die vierzig überschritten hatte. Es war einfach die Art, wie sie mich ansah.
„Können Sie dieses Paket nach Island bringen?“ fragte sie mich, nachdem wir die üblichen Begrüßungsfloskeln ausgetauscht hatten.
Das Paket war nicht größer als eine Faust und würfelförmig. Es war in schwarzes Lackpapier eingeschlagen und mit einer silbernen Kordel zugeknotet. Eigentlich sah es wie ein edles Geschenk aus.
„Was ist in dem Paket?“ fragte ich.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“
„Wenn es illegal ist, Drogen zum Beispiel, werde ich es nicht transportieren.“
„Keine Angst. Keine Drogen, kein Gift, keine Waffe, keine Bombe.“
„Ist es die Asche eines Verstorbenen?“
„Nein.“
Ich schwieg und überlegte. „Warum schicken Sie das Paket nicht mit der Post?“
Sie schüttelte den Kopf und ihre großen Ohrringe bewegten sich. „Ich kann dieses Paket nicht per Post schicken. Es ist zu wertvoll.“
„Ist es Schmuck? Gold? Dann müssen wir es versichern.“
„Nein, es ist nicht im materiellen Sinne wertvoll. Keine Diamanten, kein Diadem oder so etwas. Sehen Sie, es ist ganz leicht.“
Sie gab mir das kleine Paket und ich hielt es zum ersten Mal in der Hand. Es war federleicht. Unter dem Papier fühlte ich eine Art Schachtel. Etwas Festes.
„Sie werden den Auftrag übernehmen? Ich zahle Ihnen alle Reisespesen plus tausend Euro.“
Sie legte einen Umschlag mit Geld auf den Tisch.
Ich nickte.
***
Als ich in Reykjavik aus dem Flugzeug stieg, war es bitterkalt und für den Nachmittag war ein Schneesturm angekündigt. Im Flughafengebäude war nicht viel los. Mir fielen zwei Mädchen auf, Zwillinge in identischen Kleidern, die mich stumm anstarrten. Ich ging hinaus zum Taxistand und stieg mit dem Paket ein. Während des Fluges hatte ich es die ganze Zeit in der Hand gehalten.
Wir fuhren auf der Landstraße 1 nach Norden, dann bogen wir auf die 60 ab. Eine endlose Schneelandschaft, keine Bäume, keine Häuser. Der Sturm blies Schnee auf die Straße, so dass mein Fahrer kaum etwas erkennen konnte.
„Sind Sie das erste Mal in Island?“ fragte er.
„Ja.“
„Wie lange bleiben Sie?“
„Morgen fliege ich zurück nach Berlin.“
„Sie haben kein Gepäck dabei, nur dieses Paket.“
„Ja.“
„Entschuldigen Sie, dass ich neugierig bin. Was ist denn drin?“
„Keine Ahnung.“
Der Fahrer lachte.
Mein Ziel war ein abgelegenes Haus am Ortsrand von Holmavik. Der Taxifahrer ließ mich an der Straße raus, da der schmale Weg zum Haus nicht befahrbar war. Ich bat ihn zu warten, aber er schüttelte nur den Kopf. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause.
Ich stapfte durch den eisigen Wind auf das Haus zu. Trotz meiner Winterkleidung fror ich erbärmlich. Die Fenster des Hauses waren nicht erleuchtet. Nichts deutete auf Leben hin.
Ich klopfte an die Tür.
Ich wartete.
Ich klopfte ein zweites Mal. Laut, fast verzweifelt.
Dann hörte ich Schritte.
The Church - Cortez The Killer. https://www.youtube.com/watch?v=JQVXQArandw
Wer erinnert sich noch an M.C. Escher?