Donnerstag, 15. Februar 2018

Ben

„Mit leeren Händen wanderte ich von Zuhause fort, mit leeren Händen kehrte ich heim.“ (Xuefeng Yicun)
Eines Tages tauchte er plötzlich auf. Er nannte sich Ben, aber ich glaube nicht, dass Ben sein richtiger Name war. Mit einer Flasche Bier in der Hand saß er vor Uschis Waschsalon und blickte noch nicht mal auf, als ich den Laden betrat.
Uschis Waschsalon ist eigentlich ein Kiosk. Aber früher war es mal ein Waschsalon und über der Eingangstür war noch das alte Ladenschild. Uschi war noch ziemlich jung, sie hätte meine Tochter sein können. Bei ihr gab es alles, was man im Dorf so brauchte. Getränke, Zigaretten, Brötchen, Süßigkeiten, Zeitungen und Zeitschriften.
Der Hit waren aber die Sandwiches, die sie selbst machte. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, jemals so gute Sandwiches gegessen zu haben. Mit Käse, Schinken, Salat und Relish. Scharfes Paprika-Relish, süßes Mango-Relish, Gurken-Ingwer-Relish, Avocado-Relish. Sie machte die Soßen selbst. Ein Genuss.
Vor dem Waschsalon standen ein paar Klappstühle und wer Lust hatte, setzte sich eine Weile hin und schaute dem spärlichen Verkehr zu, der durch unseren Ort kam. Die meisten Leute wollten an den Strand, der etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt war. Manchmal, wenn nichts los war, setzte sich Uschi dazu.
Ben sah ich immer öfter. Er kam dreimal am Tag. Morgens holte er sich Brötchen und Kaffee, mittags aß er ein Sandwich oder zwei und abends kaufte er sich Bier und eine Kleinigkeit zum Knabbern. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Er hatte immer einen Skizzenblock dabei. Ich fragte ihn, was er zeichnen würde.
Das Meer, sagte er. Meistens das Meer. Auf den Blättern, die er beim Bier durchsah, konnte ich nur wirre Linien erkennen. Es hätte alles Mögliche sein können. Ich fragte ihn, wo er im Dorf wohnte. Er grinste nur und schüttelte den Kopf. Er käme jeden Tag mit dem Auto, sagte er und deutete mit dem Kopf auf den Chevrolet El Camino. In seinem Atelier würden aus den Skizzen Ölgemälde, die er an reiche Sammler in die Stadt verkaufte.
Eines Tages sah ich seinen Wagen auf dem Parkplatz an den Dünen. Ich ging zum Strand, aber ich sah ihn nirgends. Ich kletterte über die Düne, die an einigen Stellen mit Strandhafer bewachsen war. Dahinter war ein kleines Wäldchen. Dort sah ich ihn vor seinem Zelt sitzen. Er hatte nur eine Bermuda-Shorts an und rauchte gerade eine Zigarette. Am Ende des Sommers verschwand er so plötzlich wie er aufgetaucht war.
Dazz Band – Let It Whip. https://www.youtube.com/watch?v=WSIL-SU--Lw

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