Mittwoch, 31. Januar 2018

Die Bundesliga der Benachteiligten

Der Konkurrenzkampf im Kapitalismus ist gnadenlos. Das gilt nicht nur für Konzerne und Fußballvereine, das gilt auch für die Benachteiligten unserer Gesellschaft. Ich gestehe freimütig, wie neidisch ein gesunder, wohlhabender, heterosexueller, weißer Mann mit Ariernachweis inzwischen auf diverse Randgruppen ist. Kann ich als Don Alphonso von Schweppenhausen wirklich noch unbeschwert meine Privilegien genießen?
Auf Platz 1 der Bundesliga sind derzeit die Frauen. Es ist geradezu ein Glücksfall, dass wir mit Dieter Wedel endlich den Harvey Weinstein der deutschen Medienbranche gefunden haben. Dieser Schatz wird gerade gehoben, wir erleben die Geburt einer Dauerstory für die erste Seite. Sonst wäre doch die coole US-Debatte um #metoo ganz an uns vorübergegangen.
Dazu, quasi als flankierende Maßnahme, steht an der Wand einer Berliner Hochschule ein spanisches Gedicht, das urplötzlich die Frauen sexuell belästigt, die das Gebäude betreten wollen. Das Ende der gemischten Sauna steht unmittelbar bevor. Gäbe es für den Distinktionsgewinn der Frauen gegenüber den Männern nicht lohnendere Objekte als die Lyrik am Arsch der Heide in Hellersdorf?
Der Kampf um Einschaltquoten und Fördermittel ist unglaublich brutal. Da ist für Holocaust-Opfer trotz aktuellem Gedenktag nicht viel drin. Antisemitismus, das reicht vielleicht für einen Platz in der Europa League, aber nicht für die Tabellenspitze. Fragt die Linken, fragt die Rechten, die Antwort ist klar: Israel ist schuld. Du kannst nicht gleichzeitig Opfer und Täter von Diskriminierung sein. Zu kompliziert. Verkauft sich nicht.
Auch die Migranten, die täglich von Deutschen beleidigt, bespuckt und verprügelt werden, haben es derzeit schwer, nachdem sie 2015 noch ganz vorne gewesen waren. Was muss passieren, damit die Medien ihre Konfettikanonen wieder in ihre Richtung schwenken? Ein brennendes Asylantenheim mit zwanzig Toten? NSU reloaded? Ihr müsst da einfach mal mit einer fetten Story rüberkommen, Schwestern und Brüder aus Anatolien und Afghanistan!
Ganz still ist es um die Behinderten geworden. Abstiegsplatz. Vergessen. Die Armen sind auch ganz unten, die wenigen pflichtbewussten Artikel über Hartz IV-Empfänger bringen einfach keinen Umsatz mehr. Frauen sind schließlich eine riesige und werberelevante Zielgruppe. Fünfzig Prozent der Bevölkerung. Das schlägst du nicht.
Neu in der Bundesliga sind die Transgender-Menschen. Sie sind die Aufsteiger der Saison. Mit Giuliana Farfalla im diesjährigen RTL-Dschungelcamp sind sie endlich im Mainstream der Gesellschaft angekommen. Mehr davon. Auch die Homosexuellen hatten mit der „Ehe für alle“ einen sensationellen Erfolg und halten sich seit Jahren weit oben in den Betroffenheits-und Mitleids-Charts.
Abgestiegen sind die Opfer der vorläufig letzten deutschen Diktatur. Im Osten mag es noch irgendwo Parkplätze für die „Opfer des Stalinismus“ geben. Aus den Medien sind sie verschwunden. Dritte Liga. Die Quoten-Hölle. Ebenso wie die Obdachlosen. Der Winter ist zu mild. Es sterben zu wenige. Erst bei einer relevanten Anzahl von Toten springt die Medienmaschine an. Wir dürfen beim Klimawandel nicht nur an die Eisbären denken.
Argumente lassen sich nicht verkaufen, Gefühle sind die neue Währung. Die Ökonomie der Emotionen, Gesinnungspuritanismus und Befindlichkeitsexhibitionismus 24/7. Auf dieser Klaviatur muss man heute spielen können. Soziale Ungleichheit hat nicht immer etwas mit Geld zu tun. Die Gesellschaft entwickelt sich durch ihre emotional hochaufgeladenen Debatten jedoch nicht in Richtung Gleichberechtigung, sondern in Richtung totaler Differenz, die mit eiskaltem Zynismus vermarktet wird.
Ein Regisseur vergewaltigt Schauspielerinnen? Das erhöht meine Karrierechancen als Regisseurin und mittelfristig meinen Profit. Ein Asylbewerber wird ermordet? Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit und mehr Spenden für meinen Antifa-Ortsverein, es verbessert meine Aussichten auf einen Projektantrag zum Thema Integration an der Uni oder Fördermittel von den zuständigen Behörden für eine Bildungsmaßnahme. Die kapitalistische Logik der Profitmaximierung funktioniert selbstverständlich auch in diesem Bereich.
Wir arbeiten jeden Tag wie besessen an unseren Unterschieden, die Gemeinsamkeiten überlassen wir den Rechten mit ihrem Leitkulturgeschwafel.
P.S.: Auch im Internet sind die Konkurrenzkämpfe gnadenlos. Ackerboy aus Pankow hat sich extra zwei Katzen angeschafft, um mir Clicks abzujagen. Ich verhandle gerade mit den Chinesen über einen Panda.
Die Sterne – Kein Mitleid. https://www.youtube.com/watch?v=NBk_wreZQi0

Kommentare:

  1. "Ein jeder Kampf dreht sich um unterschiedliche Blickwinkel, die allesamt dieselbe Wahrheit beleuchten."

    - Mahatma Gandhi

    ... und mit allen MItteln, auch Katzen und Pandabären (ړײ) *hehe*

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  2. Die Katze aus dem Sack31. Januar 2018 um 18:48

    Da bekämpft man erst seine Konkurrenz wie man es gelernt hat, in erbittertem Wettbewerb, hängt sie schliesslich ab, so dass sie zu Verlierern werden, und dann kommt jemand daher und fragt, warum man denn letztlich kein Mitleid mit seinen Feinden hätte? Wie blöd ist man denn?

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  3. Das ist nicht blöd, das hat System. Denn die Verlierer des kapitalistischen Konkurrenzkampfs bekommen ja vom Komplizen der Konzerne, von Vati Staat, einen Trostpreis. Und sei es nur in Form von Symbolpolitik, wenn Politiker die Tafeln loben, weil sie die Leistungen des Sozialstaats ersetzen.

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    1. Die Katze aus dem Sack31. Januar 2018 um 21:09

      Ist schon klar, dass das System hat. Ich würde sogar noch lobpreisend hinzufügen: Immerhin dürfen die Verlierer am Leben bleiben (wenn sie denn mögen).

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  4. Medienereignisse, nichts ist so alt wie der Newsportaleintrag von vorhin.

    Schon Bonetti Media widerlegt sich ja indem der FAZke vonne Konkurrenz (der sich ja in Lach- und Sachgeschichten über Radfahren und Reiche-Heimat-Kunde -aka Provinz- erschöpft) auf die gleiche Stufe mit den Schweppenhausener Edelerzeugnissen gestellt wird.

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