Sonntag, 28. Januar 2018

Als ich noch Vorbilder hatte

„Folge nicht den Fußspuren der Meister: Suche, was sie gesucht haben.“ (Matsuo Basho)
Mein erstes Vorbild war Rainer Bonhof. Als ich die Fußballweltmeisterschaft 1974 im Fernsehen gesehen hatte – und ich habe mir wirklich alle Spiele angeschaut -, wurde ich Fußballfan. Meine Lieblingsmannschaft wurde Borussia Mönchengladbach, mein Lieblingsspieler Rainer Bonhof. Heute sieht man ihn noch gelegentlich im Fernsehen. Dumm wie ein Lattenzaun, aber sympathisch. Er war sogar ein Jahr lang Trainer seines alten Vereins: 1998/99. Gladbach stieg sofort ab. Heute ist er Vizepräsident der Borussia. Fun Fact for Fans: Er hatte eine niederländische Staatsbürgerschaft, obwohl er in Emmerich zur Welt kam. Bonhof war der erste eingebürgerte Nationalspieler Deutschlands. Und er wurde 1974 natürlich Weltmeister.
Mein zweites Vorbild war Jerry Lewis. Er war in seinen Filmen immer der unbeholfene Trottel, der Schwächling, der Außenseiter. Louis de Funès war eine Chef-Type, Otto ein Clown, Loriot ein Aristokrat. Aber Jerry Lewis war so, wie ich mich selbst immer gesehen habe. Ein Windhauch bläst ihn um, aber er verliert nicht seine gute Laune. Ob in der Rolle als Professor oder als Laufbursche. Egal. Er ist immer der sympathische Loser, für den es wider Erwarten doch noch ein Happy End gibt.
Mein drittes Vorbild, ich kam gerade in die Pubertät, war James Dean. Der unverstandene, zornige, junge Mann – in seinen Filmrollen. Er gehört nie irgendwo dazu, er ist der Außenseiter. Es gibt eigentlich keinen Grund, diese Figuren gern zu haben, aber er hatte noch Jahrzehnte nach seinem kurzen Ruhm – drei Filme in den 1950ern – jede Menge Fans. Sein Poster hing in meinem Kinderzimmer. Er wurde nur 24 Jahre alt und starb in einem Porsche. Wenn man 14 ist, träumt man von so einem Ende.
Mein viertes Vorbild war Franz Kafka. Auch ein Außenseiter, von Selbstzweifeln geplagt. Eigentlich ein Loser. Wohnte bei seinen Eltern, schrieb heimlich schräge Texte und hatte zu seinen Lebzeiten keinen Erfolg. Unverstanden, einsam. Kein Glück bei den Frauen. Doofer Job. Verkanntes Genie. Damit konnte ich mich in jungen Jahren hervorragend identifizieren. Er wurde nur vierzig Jahre alt und posthum ein Superstar der Literatur. Sein Grab in Prag habe ich oft besucht.
Mein fünftes und letztes Vorbild war Ayrton Senna. Eine Legende im Motorsport. Trotz seiner Erfolge nie ein Partylöwe, sondern eher der stille Außenseiter. Ein wenig wie James Dean oder Franz Kafka, auch wenn das jetzt komisch klingen mag. Jedenfalls genau meine Welt. Und früh gestorben. Mit 34 Jahren. Bei einem Formel 1-Rennen in Italien. Ich war mehrfach an seinem Grab in Sao Paulo und an der Unfallstelle.
Merkwürdig. Jetzt bin ich über fünfzig und könnte kein Vorbild mehr nennen. Wie viel von meinen Vorbildern steckt in mir? Alle waren erfolgreich – sonst hätte ich sie nicht als Vorbilder entdecken können. Aber sie sind aus verschiedenen Gründen Außenseiter geblieben. Ich habe mir die Idole mit Mängeln gesucht, oder?

Unsere Familienkutsche in den Siebzigern. Ich habe endlos gebraucht, bis ich „Pöscho“ mit dem Wagennamen assoziieren konnte.
Mein Traumland: Schottland. Ich war bis heute nicht da. Mein letzter Wunsch vor dem unvermeidlichen Ende. https://www.youtube.com/watch?v=M8AeV8Jbx6M

Kommentare:

  1. »Neapel sehen und sterben«?

    ... bei DIR ist es Schottland
    & das ist eine Gemeinsamkeit, denn es ist auch mein Land... dass ich noch nie besucht habe -> dem "HIGHLANDER" sei DANK:

    https://www.youtube.com/watch?v=YCVD57grVaw *schhattemichUNSTERBLICHindiesenverliebtgehabt...dasaberNIEnimmernichtzugebenwerd...zwinker*

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    1. Bei mir gaben die Bay City Rollers, meine Lieblingsband 1975ff., den Ausschlag.

      Jetzt bist du hoffentlich unsterblich in Heinz Pralinski verliebt ;o)

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  2. Schottland sehen und sterben? Das Essen dort vereinfacht diesn Plan.

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    1. Wer aus dem Land des Saumagens kommt, muss Haggis nicht fürchten. Letztes Jahr habe ich sogar meinen ersten frittierten Schokoriegel gegessen ;o)

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