Sonntag, 24. Dezember 2017

Reichtum

„Er war sanft und heiter wie der einsame Baum am Seeufer.“ (Sun Li)
Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre ein sehr reicher Mann. Aber kein Industrieboss oder Aktienjongleur, sondern einfach jemand, der jede Menge Geld hat. Keine Verpflichtungen, kein Stress. Ich bin in diesem Tagtraum auch nicht berühmt oder habe eine großartige Erfindung gemacht.
Als reicher Mann könnte ich natürlich in einem Palast leben. Aber ich bin bescheiden und lebe in einer kleinen Wohnung. Ich könnte Dienstpersonal beschäftigen, aber ich sage mir: die paar Stunden Hausarbeit im Monat schaffe ich auch selbst, dann gehen mir auch keine Butler und Dienstmädchen auf die Nerven. Ruhe ist unbezahlbar.
Ich könnte einen preisgekrönten Koch anstellen, der mir die leckersten Gerichte zaubert. Aber dann würde ich sicher zunehmen, das wäre nicht gut für meine Gesundheit. Manchmal ist es nämlich durchaus gesund, Leitungswasser zu trinken und kein Brot im Haus zu haben. Umso mehr freut man sich über Kleinigkeiten wie ein Stück Schokolade, wenn man gerade eingekauft hat.
Ich stelle mir vor, ich hätte einen Ferrari und eine Limousine, die von einem Chauffeur gesteuert wird. Aber dann frage ich mich: Ist es nicht viel lustiger, inkognito als reicher Mann mit dem Bus zu fahren? So wie die Kalifen und Könige im Märchen, die sich unerkannt unters Volk mischen. Das ist wesentllich interessanter, als alleine in einer Blechkapsel zu sitzen oder sich auf dem Rücksitz zu langweilen.
Ich könnte mir die teuersten Klamotten und Schmuck kaufen. Kostbare Gemälde und Skulpturen. Edelste Möbel und Teppiche. Aber ich interessiere mich für all diese Dinge nicht. Mir reichen einfache T-Shirts und Jeans. Ich hätte kein Vergnügen am Luxus. Außerdem locken diese teuren Sachen doch nur Einbrecher an, vor denen ich mich fürchten müsste.
Ich hätte die Möglichkeit, auf Reisen zu gehen und in den besten Hotels der Welt zu wohnen. Fliegen in der First Class mit Schampus und Kaviar. Aber eigentlich bin ich gerne zu Hause und was würde ich auf der anderen Seite der Welt finden, was ich nicht schon hätte? Manchmal ist ein Dokumentarfilm im Fernsehen viel entspannter. Eine Stunde Paris, vom Sessel aus betrachtet, reicht mir völlig.
Ich würde gerne Geld verschenken, wenn ich es im Überfluss hätte. Schenken macht mir nämlich großen Spaß. Aber würde ich nicht einen anderen Menschen mit einer Million Euro aus der Bahn werfen? Habe ich das Recht, das Leben anderer Menschen zu verändern? Ihn womöglich zu einem Faulpelz zu machen? Ich könnte es höchstens für wohltätige Zwecke an internationale Organisationen spenden, aber damit finanziert man hauptsächlich deren Personal.
So denke ich über mein Leben als reicher Mann nach und komme zu dem Schluss, dass ich gar nicht anders leben würde als jetzt gerade. Eigentlich ist Geld nicht wichtig. Wozu sollte ich reich sein?
Frohe Weihnachten wünscht Ihnen, Ihrer Familie und Ihrer Bezugsgruppe
Der Kiezschreiber
Daniela Andrade ft. Cutest Dog in the Galaxy - Christmas Time Is Here. https://www.youtube.com/watch?v=_iAaEH_dR_Y

Lovis Corinth – Walchensee im Winter.