Donnerstag, 14. Dezember 2017

Kiezneurotiker – Lass mal netzwerken

Nächsten Monat ist es ein Jahr her, dass du dich sang- und klanglos verpisst hast. Hast es noch besser hingekriegt als Sid Vicious oder Bon Scott, denn du kannst dir in deiner Bude im längst verblichenen „Szeneviertel“ Prenzlauer Berg gemütlich an den Eiern rumspielen, während du deinen Nachruhm genießt. Ein Bloggergeist, der im echten Leben nur noch vor gefräßigen Immobilienhaien und der Digitalisierung seines Borg-Drohnen-Jobs Angst haben könnte und vermutlich nicht hat. Schließlich haben Alkoholiker und Väter ein dickes Fell – du bist beides.
(Achtung! Jetzt kommt ein Perspektivwechsel)
Ich habe mir gerade seine Texte vom Dezember 2016 durchgelesen. „Das waren noch Zeiten“ (Wilhelm Kowalski, 87). Gab es in der Bloggerwelt jemals einen Typen, dem ich näher stand als dieser selbstgeschaffenen Romanfigur, die als Dr. Jekyll einer öden Schlipsträgertätigkeit beim Klassenfeind nachgeht, an albernen Viertelmarathons teilnimmt oder mit schwarz-rot-gold-maskierten Fans Fußballsiege feiert und als Mr. Hyde seine Punk-Erinnerungen pflegt, Schnaps auf Parkbänken trinkt und hemmungslos seinen Hass über die Spießerwelt gießen kann?
Ich beschränke mich aus Platzgründen, nein: aus purer Eitelkeit auf die Texte und Textstellen, in denen er sich mit mir, dem Kiezschreiber, befasst hat.
Lass mal netzwerken - Links vom 7. Dezember 2016
Und gegessen habe ich wieder. Dem Kiezschreiber hinterher. Er faselte irgendwann irgendwas über drei Witwen aus Wilmersdorf.
Les 3 veuves de Wilmersdorf. Französisch. Bistro. Französisch mag ich sowieso (findet sich bitte ein Depp, der jetzt diese Kindergartenanspielung auf Oralsex bringt? Gnihihi Französisch mag er. Gnihihi.). Wilmersdorf. Der langweiligste Ortsteil der Welt. Noch schlimmer als Dahlem. The fuck. Für diesen alten verkrachten Schriftsteller aus Schweppenhausen fahr' ich sogar hierher. Ich vertraue dem eben. Das Problem an dem Lokal ist, dass Sie über den Fehrbelliner Platz müssen. Der Fehrbelliner Platz ist eine brachialhässliche 60er-Jahre-Scheißdreck-kombiniert-mit-wuchtigen-Nazibauten-Senatsbeamtenhölle. Bei schlechtem Wetter laufen Sie Gefahr, sich vor einen Laster werfen zu wollen, so hässlich ist das hier. Städtebau als Körperverletzung. Uargh. Ich war mal in einem dieser Bauten bei einem Kundengespräch mit einem dieser hirnlosen Senatsbüttel, die, wenn Sie nicht aufpassen, vor Ihrem Auge mit der grauen Wand hinter sich verschmelzen. Gähnende Leere auf den Fluren. Alle Türen zu. Keiner spricht. Seelenlose Menschen in seelenlosem Beton. Kein Beamtenstand kann es wert sein, hier zu arbeiten. In der Fechnerstraße ist das Bild nur unwesentlich stimmungsvoller. Sie haben hier die Uhr angehalten. 1963. Wenn Sie wie ich aus dem völlig überdrehten Prenzlauer Berg anreisen, können Sie hier fabelhaft entschleunigen. Endzeitfilm. Hier lebt nichts. Es ist Samstag Mittag. Der Einzelhandel hat geschlossen. Westberlin schläft. (…)
Kiezschreiber Eberling empfahl den Widow Burger und schrieb dazu: Zweihundert Gramm saftiges Fleisch – wie ein gutes Steak außen cross gebraten, innen rosa – mit Käse, Zwiebeln, Salat und Avocados. Der Burger wird nach seiner Fertigstellung noch einmal komplett in einen Teigmantel gehüllt und frittiert.
(…) Kiezschreiber: Neulich im Dom
Ich bin eine Muse. Nur bitte: Fotze mit F. Immer mit F. Nie mit V.
Lass mal netzwerken - Links vom 17. Dezember 2016
Der Kiezschreiber hat das Tian Fu als Empfehlung gedroppt, bei mir in die Kommentare gekackt und weil er wohl denkt, dass ich alles vergesse (womit er prinzipiell Recht hat), hat er es kürzlich noch einmal nachgeschissen. Ja, Mann, ja doch, jaaaaaaaa, ich geh' ja schon hin, wieder nach, keine Ahnung, was ist das hier, fucking Wilmersdorf wieder. Weltreise von Prenzlauer Berg, aber wieder erfreulich unaufgeregt, dörflich, sofort einschläfernd, ich entschleunige schon beim Aussteigen aus der U-Bahn.
Swag haben sie, die Monarchieschlümpfe, das muss man ihnen lassen. Sonst gibt die Gegend wenig her, was Touristen, Mitteschnösel und aufgeregte Bamberger Mediendesignstudentinnen glücklich macht: In den 60ern kleben gebliebe Cafés mit angeschlossener Bäckerei, an deren Tischen in den 30ern kleben gebliebe Greisinnen mit knallroten Escortservicelippen kauern, Modelleisenbahnbedarfe, Boutiquen mit 60er-Mode, irgendwer vertickt Hüte, Lampen, Trödel auch, Eisenwaren, hier muss doch noch ein Eisenwarenladen sein, sagt mir bitte, dass es den hier noch gibt. Hier atmet das alte Westberlin und es sieht nicht aus als ob es so schnell stirbt. Nett. Ich meine das ehrlich. 60er-Jahre. (…)
Was die zu essen haben? Scharfes Zeug, fick mich weg, ist das Zeug scharf, aber gut gemacht scharf, rund, aromatisch, die Schärfe noch leicht zitronig, nach dem sie Ihnen die Zunge in Fetzen gebrannt hat. Starker Auftritt. Schönes Lokal. (…)
So ist das. Es lohnt sich, dem Kiezschreiber hinterher zu fressen. Er hat Ahnung. Auch wieder ein sehr gutes Lokal. Bonusinformation, um die keiner gebeten hat: Kein unvaselinierter Arschfick kann so brennen wie die Rosette etwa 6 bis 8 Stunden nach dem Essen im Tian Fu.
Lass mal netzwerken - Links vom 29. Dezember 2016
Hunger? Immer. Ich esse jetzt tatsächlich auch in Zehlendorf. Wegen des alten gammligen Gossenpoeten, der sich Kiezschreiber nennt und auf seinem Blog mindestens fünf verschiedene abgespaltene Persönlichkeiten unterhält, bin ich da hingegurkt. Ins bräsige Eigenheimvillenschnepfenghetto am Stadtrand. Mindestens einer seiner Spaltpilze frisst nämlich gerne und hat vor Jahren mal Berliner Restaurantempfehlungen gedroppt, die ich versprach, hinterher zu fressen. Deswegen bin ich heute in Zehlendoof. Zwei Mal hat er Agitation und Propaganda für einen dort eingerichteten Burgerladen betrieben, einmal als ganze Hymne, dann als Bonmot nebenbei. (…)
Ein fucking Corn Dog. Kiezschreiber Eberling geht dabei folgender ab: Ein Würstchen, das in Maisteig getaucht und dann an einem Holzstäbchen frittiert wird. Man isst es wie Eis am Stiel. Köstlich. Habe ich noch nie gegessen. Wir sind uns einig, dass eine amerikanische Institution wie der Corn Dog in Berlin überfällig war. Ich frage mich, wieso ich fast fünfzig Jahre ohne Corn Dogs leben konnte.
Naja. So weit würde ich nicht gehen, aber das Zeug ist überraschend wenig schlecht und das ist das Positivste, das ich über frittierte Dinge sagen kann (ich lehne Frittiertes, das keine Pommes ist, rundweg ab). Immerhin. (…)
Sehr schön am Lokal ist auch die persönliche Betreuung. Der Cowboy selber kommt aus der Küche und nuschelt ein paar Dinge (die ich nicht verstehe), ein paar biertrinkende Gestalten sitzen herum, die aussehen wie mit den Stühlen verwachsen, Molle vor sich, Schnäppeken dazu, das ist hier ein kleines Wohnzimmer. Ein Zuhause, in dem diese Leute mit Namen begrüßt werden, wenn sie reinkommen. Hey Manfred, wie geht's? Ach, das Kreuz, sagt Manfred, das Kreuz. (…)
Noch ein neuer Start, empfohlen vom Kiezschreiber und der weiß ja bekanntlich was gut ist:
Out of the box: Empanadas
Es geht um einen alten Mann. Und jemanden, der ihn pflegt. Und Kotze. Mit Thunfisch.

Der Kiezneurotiker war der letzte Netzwerker in der Blogosphäre. Alle anderen Blogger beziehen sich entweder auf sich selbst oder auf irgendeinen Mainstreamschwachsinn. Ich bin nicht für fünf Cent besser. Ich habe mir ein Bonettiversum geschaffen, um den ganzen Rotz namens Realität zu ertragen, ohne zum zweiten Mal verrückt zu werden.
Er hat es geschafft, als Blogger einen eigenen Stil, eine eigene Stimme zu entwickeln. Und haargenau dieses blöde Arschloch sitzt vielleicht in diesem Moment vor seinem Drecks-Wichtigtuer-Mac, kratzt sich wohlgefällig den Sack und grinst.
Wir sehen uns in der Hölle wieder, du Vollidiot. Smiley.
DAF - Sato-sato. https://www.youtube.com/watch?v=JXnVodOTPTw

7 Kommentare:

  1. schöne hommage, immerhin warst du wohl der auslöser für seinen rückzug, was ich dir übel nehme. mit abstand der beste blogger im web! glücklicherweise hat nach der abschaltung ein mitfühlender geist kiezneurotkers beiträge zum runterladen bereitgestellt. was war ich froh, nur leider fehlen nun die auch oft amüsanten kommentare. hoffe für alle, er kommt endlich wieder. 1 jahr pause ist nun aber genug.

    AntwortenLöschen
  2. schöne hommage, nehme dir aber übel, den kiezneurotiker zur aufgabe seines blogs getrieben zu haben. fehlt mir der verrückte typ, sein blog war der beste. glücklicherweise hat ein fan seine beiträge nach der abschaltung freigegeben, nur leider fehlen die auch oft witzigen kommentare. wäre ein prima weihnachtsgeschenk den kiezneurotiker mit neuen beiträgen zu lesen, 1 jahr pause ist aber nun auch genug.

    AntwortenLöschen
  3. Ja, das Netzwerken... ich muss zugeben, es war beeindruckend.

    AntwortenLöschen
  4. Oh ja, er fehlt mir auch (muss das nahende Fest sein, dass mir so sentimentalisch wird). Möchte immer noch wissen, wie der mit Kind/Job/Lauferei nicht nur das Schreib-, sondern auch das Lesepensum für die Netzwerkerei hinbekommen hat...
    @Susanne: Ich denke, der Entschluss, den Laden dicht zu machen, war sein eigener. Die Nummer hier war ein abgekarteter Abgang mit Knalleffekt. Denke ich zumindest. (Im Hause Bonetti Media wird ja geschwiegen wie bei den Trappisten.)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich war genauso überrascht wie du, Stefan. Das kleine Scharmützel mit mir kann es nicht gewesen sein. Du siehst ja an den Textstellen vom Dezember 2016, dass er den satirischen Schlagabtausch geschätzt hat. Aber er schrieb auch im selben Monat, dass ein Kabarettist seine Texte öffentlich vorgelesen und damit Geld verdient hat. Siehe 17.12.2016:

      "Ich habe die Info von jemandem, der es offenbar gut mit mir meint, bekommen, dass ein mittelmäßiger Kabarettist ganze Abschnitte aus diesem Blog in sein Programm einbaut. Ich kann das nicht verifizieren, weil ich keinen Bock habe, Eintritt zu zahlen, um mir meinen eigenen Mist vorgelesen zu bekommen, deshalb hier noch einmal ganz in Ruhe der Hinweis auf die Creative Commons-Lizenz von dem Ding hier und das was Sie damit tun und vor allem nicht tun dürfen: Klauen Sie. Gerne. Bilder. Texte. Spiegeln Sie in Foren. Ab zu Reddit oder in Ihr eigenes Blog. Oder lesen Sie den Scheiß Ihren Kindern vor. Mir egal. Copy. Paste. Kein Problem. Sie müssen nicht mal fragen, aber bitte verdienen Sie damit kein Geld (nein, auch keine Eintrittsgelder) und wenn Sie schon fremdes Zeug ins Internet knallen, weil Sie nix eigenes auf die Kette kriegen, dann setzen Sie um Himmels Willen einen Link woher Sie es haben. Das ist dann der Unterschied zwischen Fairness und Arschloch. Bitte sehr. Das sind die einzigen Regeln. Überschaubar, oder? Das schaffen
      sogar Kabarettisten, die so arm dran sind, dass sie sogar im Quatsch Comedy Club auftreten müssen."

      Das war imho ein Punkt und der generelle Wunsch, ein Projekt zum Abschluss zu bringen (beim Kiezneurotiker nicht zum ersten Mal der Fall, siehe vorherige Blogs).

      Löschen
    2. An der Sache mit dem Comedytypen ist was dran. Je bekannter seine Texte wurden, desto höher die Gefahr, in seinem Borgwürfel geoutet zu werden.

      Löschen
  5. Dem küchenpsychologisch von mir selbst erstellte Psychogramm zufolge kann der KN gar nicht dauerhaft nicht schreiben. Das macht mir Hoffnung. Gibt es möglicherweise schon ein neues Projekt, irgendwo in einer dunklen Ecke des Internets?

    AntwortenLöschen