Freitag, 22. Dezember 2017

Eine grausame Selbstverständlichkeit

Eine Freundin hat gerade bei „Krautreporter“ eine schöne Geschichte veröffentlicht, wie Weihnachten aus Sicht eines türkischen Kindes ist. Wenn man die einzige Familie im Dorf ist, die nicht feiert, weil sie nicht christlich ist, und die auch keine Lust hat, solche Sitten der Eingeborenen zu imitieren.
Nein, schön ist die Geschichte nicht. Sie ist traurig. Sie erzählt von einer Heimat namens Istanbul, die nur ein ferner Sehnsuchtsort ist, während sich die Deutschen Geschenkpäckchen überreichen, zusammen singen und ein Festmahl veranstalten. Sie ist in diesen Tagen ausgeschlossen von der Welt ihrer Freundinnen und Mitschüler, die am ersten Tag nach den Weihnachtsferien von ihren Geschenken erzählen.
So muss der Blick der DDR-Bürger auf die alte Bundesrepublik gewesen sein, die sie nur aus dem Fernsehen kannten. Schöne Menschen, die ständig mit dem Traumschiff unterwegs sind. Die Rama-Familie, die sich lachend gegenseitig die Brötchen schmiert. Reihenhausglück und Opelseligkeit. Morgens verlässt Vati im frisch gebügelten Hemd seine Familie, um ins Büro zu fahren, während seine wunderbar duftende Ehefrau den vollautomatisierten Haushalt schmeißt.
Die Wirklichkeit ist, sechzehn Millionen Ossis mussten des schmerzhaft erfahren, ganz anders. Mit Weihnachten ist es genauso. Sei froh, dass du es nie erleben musstest, liebe Elif. Denn Weihnachten ist nicht nur eine Reise in die alte Heimat, sondern auch in die eigene Vergangenheit. Es ist die Rückkehr zu Menschen und Orten, die man aus guten Gründen verlassen hat. An Heiligabend fallen sie dir alle wieder ein.
Familie und Heimat sind nicht nur die Projektionsflächen für glückliche Erinnerungen. Hier hat sich deine persönliche Identität, dein konkretes Ich unter den Faustschlägen der Enttäuschungen, Streitereien, Demütigungen und Intrigen gebildet. Was ein ganzes Jahr unter der Oberfläche des Bewusstseins gehalten wurde – und sei es mit Hilfe großer Mengen Alkohol -, kommt an Weihnachten wieder schmerzhaft ans Licht.
Spätestens am zweiten Weihnachtstag wissen wir, warum wir unsere Verwandten nur gelegentlich sehen und wieso gerade diese Tatsache der eigentliche Grund ist, nicht längst Amok gelaufen zu sein. Über lange Zeit hat sich der Eiter in der Wunde aufgestaut – und gnade uns Gott in der Höhe, wenn dieses Furunkel aufplatzt.
Wenn du im Alter von fünfzig Jahren noch von deiner Mutter den Spruch hörst: „Pass auf, tu dir nicht weh“, während du gerade den Braten anschneidest, möchtest du ihr am liebsten das Tranchiermesser in den Hals rammen. Und wer hätte noch nie davon geträumt, diesen Drecksweihnachtsbaum mit Benzin zu übergießen und einfach abzufackeln? Ich habe es jedes Jahr als ultimative Zen-Übung empfunden, meiner Großmutter nicht die Dose mit ihren staubtrockenen, steinharten Plätzchen über den Schädel zu ziehen. Stattdessen lobte ich sie. Und wehe, ich habe mir nicht genug von diesem abartigen Geröll in den Mund geschoben. Altes Familienrezept my ass!
Ich erinnere mich an eine Szene, als meine Schwester und mein Vater im Duett in einer Brüllorgie versanken. Meine Schwester nahm ihren dreijährigen Sohn und stürmte zur Haustür hinaus. „Dieses Haus betrete ich nie wieder“, schrie sie zum Abschied. „Nie wieder“, krähte das kleine Echo neben ihr. Dann verschwanden sie. Um im nächsten Jahr wieder mit uns allen Weihnachten zu feiern.
Meine Mutter hat es einmal geschafft, schon vor dem Weihnachtsessen einen hysterischen Anfall zu bekommen. „Es reicht nicht“, kreischte sie immer wieder wie eine abgestochene Sau. „Es reicht nicht!“. Die Pute war angeblich zu klein. Als die Gäste eine halbe Stunde später kamen, weigerte sie sich, am Weihnachtsessen teilzunehmen. Kreidebleich, mit weit aufgerissenen Augen, den Rücken an die Esszimmerwand gepresst, beobachtete sie stumm unser Mahl. Es reichte.

Copyright: Harri.

Kommentare:

  1. Andere Menschen können uns
    manchmal wie eine Sonne sein.
    Eine Sonne, der wir uns dankbar zuwenden,
    weil sie uns wärmt und stärkt mit ihren Strahlen
    aus Herzlichkeit und Wohlwollen, Vertrauen und Verständnis.

    Jochen Mariss

    ... TJA (ړײ) *besinnlichfröhlichen♥AdventFreitagsWE-GRUßmtvielSonneimHERZENhiermalabstell*

    AntwortenLöschen
  2. Der Wunschzettel bewegt meine Gedanken: diesen Volltrottel von Lehrer möchte ich alle Weihnachtsgelder seiner Berufslaufbahn entziehen, dem Seelentöter, dem blöden!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. West-Berlin 1968 ... kein Wunder, dass es die APO gab. Weihnachtsgeld streichen reicht nicht. Umschulung zum Müllkutscher ;o)

      Löschen
  3. Ich will auch einen Schmierfink für meinen Weihnachtsbaum! Menno...

    AntwortenLöschen