Freitag, 29. Dezember 2017

Der Aufstand der Ameisen

„Das Mönchlein erklärte ihm, dass man Christus lieben müsse, weil er sich für die Menschheit geopfert habe. Und Tito erwiderte ihm, dass dann die Maulwürfe und Kaninchen, die in den physiologischen Laboratorien geopfert würden, um neue Heilmittel zum Wohle der Menschheit auszuprobieren, ebenso gut Jesus Christus seien.“ (Pitigrilli: Kokain)
Nichts ist unpolitischer als die Natur, könnte man meinen. Die Wildschweine demonstrieren nicht gegen die Leiden ihrer Artgenossen in den Mastbetrieben. Der Weizen streikt nicht gegen Pestizide und der Eisbär wehrt sich nicht, wenn sein Lebensraum einfach dahin schmilzt. Die Natur ist duldsam, sklavisch, rechtlos und die Chance auf ein Zeitalter der Aufklärung bleibt ihr auf ewig verschlossen.
Aber gerade diese Hoffnungslosigkeit macht sie in ihrem Untergang zu einem politischen Subjekt. Ohne je ein Bewusstsein entwickelt zu haben, nimmt sie Einfluss auf unsere Gesellschaft, auf Wirtschaft und Politik. Klimawandel, Artensterben und Umweltzerstörung führen zu einem Paradigmenwechsel.
Wenn kein Regen mehr fällt, verdorren die Pflanzen. Ökonomisch bedeutet das die Vernichtung von Investitionen und Profiten, gesellschaftlich bedeutet das den Verlust von Arbeit und Brot, politisch bedeutet das die Möglichkeit von Krieg um Land und Wasser. Der Abschied von den Bienen erfolgt ohne Lärm und Spektakel – aber die Menschen werden in Zukunft deren Arbeit verrichten müssen. Der Anstieg der Meeresspiegel vollzieht sich in Zeitlupe – dennoch werden ganze Metropolen für immer von den Wellen verschlungen.
Wir nehmen die Natur als politisches Subjekt nicht wahr, weil sie nicht auf unserer Ebene von Politik kommuniziert, beispielsweise mit Demonstrationen, Debatten oder Streiks. Aber – als Konsequenz unseres kollektiven Versagens – werden wir ihr eines Tages zuhören müssen. Wir werden auf ihre Forderungen eingehen müssen. Vielleicht werden wir uns auch ihrer Herrschaft unterwerfen müssen.
Genesis - Turn It On Again. https://www.youtube.com/watch?v=2B1ub5g5L0k

Robert Crumb

Kommentare:

  1. Ähm...klingt sehr nach Bernard Werber's Ameisen-Buch-Trilogie. Der dritte Teil hieß denn auch "Die Revolution der Ameisen". Hat mir sehr gefallen, weil es einen krassen Perspektiv-Wechsel auf Tier und Natur gab. So wie Du ihn oben auch schon angeschnitten hast.

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  2. Weissagung der Cree:

    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

    *tja*

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    1. Der Vitamingehalt von Bargeld dürfte gering sein. Aber man kann den Kamin damit heizen.

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  3. Deine atmosphärisch einführenden Zitate sind insgeheime Lektüretips zu entlegeneren Leseerlebnissen.
    Danke mal allgemein für diese Hinweise.
    Insbesondere für den John Sladek von neulich.

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    1. Freut mich, dass du die Spur aufnimmst. Meistens sind es Zitate aus Büchern, die ich gerade gelesen habe. Den Sladek kann ich nur wärmstens empfehlen.

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