Dienstag, 19. Dezember 2017

Das feuerblaue Sandboot

„Das ist eine lange Geschichte … Zum Teil besteht meine Idee gerade darin, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte. Solange ich zwei Rubel in der Tasche habe, möchte ich allein leben und von niemand abhängen.“ (Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge)
Es ist der Fluch aller großen Künstler. Wenn du von einer Idee besessen bist, dann bleibt dir nur eine Möglichkeit: alles dieser Idee unterzuordnen und sie am Ende einer Menschheit, die sie nicht verdient hat, zu Füßen zu legen. Ich musste dieses Buch schreiben. Der Titel war mir eines Morgens beim Erwachen so hell im Bewusstsein erschienen, als sei er von einer Aureole umgeben: „Das feuerblaue Sandboot.“
Geradezu euphorisch begab ich mich in mein Arbeitszimmer und skizzierte noch vor dem Frühstück die ersten Kapitel. Ich spürte sofort, dass etwas Großes mich gepackt hatte. Ein kühner Entwurf, ein epischer Bogen, der das universelle Schicksal und die allerletzten Fragen umspannte. Meine Hände an der Tastatur konnten kaum mit meinen Gedanken mithalten. Ein wilder Ritt auf Pegasus, dem Musenpferd.
Erschöpft ging ich einige Stunden später in die Küche. Kein Brot, keine Wurst, kein Wein mehr da. Nicht einmal das kleinste Stückchen Käse. Ich ging aus dem Haus, um etwas zu essen zu kaufen, aber meine Brieftasche war leer. Da fiel es mir wieder ein: Ich war pleite. Seit Monaten hatte ich kein Manuskript mehr verkauft, die eingegangenen Honorare waren längt ausgegeben, Vorschüsse von Verlagen nicht zu erwarten.
Und so begann es. Zuerst verkaufte ich meinen Fernseher und meine Stereoanlage. Meine DVDs und meine CDs. Das alles brachte weniger, als ich erwartet hatte. Aber es half mir über einige Wochen, in denen ich mit dem Buch gut vorankam. Es folgten der Samowar und die Mikrowelle. Auch diese Dinge brauchte ich nicht. Den Vermieter vertröstete ich auf eine angebliche Erbschaft in einigen Monaten.
Der Verkauf meiner Bücher war schmerzhaft. Jahrzehntelang hatte ich eine umfangreiche Bibliothek zusammengetragen. Je weiter ich zu meinen Lieblingsbüchern vordrang, umso schwieriger wurde es. Von vielen Büchern konnte ich mich verhältnismäßig leicht trennen, Grass und Handke zum Beispiel, aber als es an den Kern der Weltliteratur ging, an die zerlesenen Ausgaben von Kafka oder Dostojewskij, wurde mir das Herz schwer.
Ich aß nur noch Toastbrot mit Margarine oder Billignudeln mit Ketchup. Ich trank tagsüber Leitungswasser und abends eine Flasche Wein für 1,79 von Aldi. Und so hielt ich tapfer bis in die zweite Hälfte von „Das feuerblaue Sandboot“ durch. Dann musste ich mich von den Möbeln trennen. Aber wer zahlt heute noch Geld für alte Möbel? Es war eine Zeit der Entbehrungen und der Demütigungen. Wie oft habe ich in dieser Zeit ans Aufgeben gedacht?
Die letzte Seite schrieb ich auf einer alten Bananenkiste, das Notebook hatte ich auf meinen Knien. Aber das Buch war fertig. Ich schickte es an meinen Verlag - und was soll ich Ihnen sagen? Es wurde ein Welterfolg.
„Besonders glücklich war ich im Bett, unter der hochgezogenen Decke, wenn ich nun ganz allein, in voller Einsamkeit, ohne die herumlaufenden Menschen und ohne einen einzigen Menschenlaut, beginnen konnte, das Leben umzuwandeln. Die unbändigste Träumerei führte mich bis zur Entdeckung der ‚Idee‘, da alle Träume aus törichten sich mit einem Schlag in vernünftige verwandelten und aus der träumerischen Form eines Romans in die vernünftige der Wirklichkeit übergingen.“ (Fjodor Dostojewskij: Ein grüner Junge)
The Doobie Brothers - What A Fool Believes. https://www.youtube.com/watch?v=Rks6Soi6Bl0

1 Kommentar:

  1. Genau so stelle ich mir das eines Tages vor. Der Blitz der Erleuchtung trifft mich und dann schreibe ich mein Buch runter wie weiland Jack Kerouac - in einem Rutsch. Und drin ist alles, was nur ich der Welt geben kann. Halt durch -der Tag wird kommen ;-)

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