Mittwoch, 6. Dezember 2017

A Stiegelitzer Boffen


Blogstuff 175
„Ob ich zu Hause war oder unterwegs, die Tür meines Schlafzimmers hielt ich immer abgeschlossen. Das machte mein Tun und Lassen zum Gegenstand einigen Geheimnisses und versetzte mich in die Lage, einen unfreundlichen Tag im Bett zu verbringen, ohne die Annahme meines Onkels zu erschüttern, dass ich zur Universität gegangen sei, um meinen Studien nachzugehen. Ein beschauliches Leben hat meiner Wesensart schon immer am besten entsprochen.“ (Flann O’Brien: In Schwimmen-Zwei-Vögel)
Wer glaubt noch an die unsterbliche Seele? Wir wollen einen unsterblichen Körper.
Geld, für das ich gearbeitet habe, hat eine andere Qualität als Geld, das ich auf der Straße gefunden habe. Mit dem Inhalt des Kühlschranks anderer Leute gehe ich sorgloser um als mit dem Inhalt meines eigenen Kühlschranks. Wir dürfen uns also über den Umgang von Politikern mit Steuermitteln nicht wundern.
Wir kennen die Villa Bonetti als wehrhafte Zitadelle der Gottesfurcht, der sittlichen Reinheit und bürgerlichen Erbauung, die dem ruchlosen Zeitgeist des veganen Atheismus und der zügellosen Selbstsucht trotzig die Stirn bietet. Daher ist es mir eine große Freude, Ihnen eine Lesung von Heinz Pralinski, einem unverzagten Streiter für die gute Sache, anzukündigen, der die Kühnheit besitzt, die moralische Größe meiner aktuellen Geschäftstätigkeit zu rühmen. Andere mögen an der wachsenden Gewalt verdienen, indem sie Waffen verkaufen. An solchen unethischen Geschäften würde ich mich nie beteiligen. Ich habe daher ein Stück Land gekauft, einen Friedhof eröffnet und biete Grabstellen an. Mein Bestattungsunternehmen hilft den Menschen in ihrer schwersten Stunde, meine Särge, Kränze und Grabsteine erfreuen sich außerordentlicher Beliebtheit. Nächstenliebe ist für mich kein Fremdwort. Werden auch Sie ein zukünftiger Bürger der Nekropolis Bonetti in Bad Nauheim! Probeliegen kostet nichts.
Wir erwarten von anderen Menschen eine moralische Größe, die wir selbst nicht besitzen. Ich kann nicht erwarten, eine Flasche Whisky unversehrt zurück zu bekommen, wenn ich sie meinem Nachbarn leihe. Also sage ich ihm, ich hätte gar keinen Whisky im Haus. Diese kleine Lüge bewahrt uns beide vor späteren Streitereien und Enttäuschungen.
Wir benutzen Retourkutschen, obwohl längst keine Postkutschen mehr verkehren. Wir sind höflich, obwohl wir nie bei Hofe gewesen sind. Die Sprache ist ein herrliches Sammelsurium aus allen Zeitaltern. Wir werden vermutlich auch noch downloaden, wenn wir technisch längst weiter sind (#rofl).
Die meisten Romane und Sachbücher altern schneller als Gemälde.
Wir schreiten nicht fort, wir werden fortgeschritten. Mit fremden Beinen geht es pausenlos ins Ungewisse.
Politiker formulieren Sätze, von denen sie hoffen, dass sie lange im Gedächtnis bleiben. Zu diesem Zweck halten sie viele Reden. Aber das kollektive Gedächtnis funktioniert wie eine Lotterie. Schröder hätte sicher nie gedacht, von ihm bliebe nur die Formulierung „lupenreiner Demokrat“ im Gedächtnis. Merkel ging es mit dem Spruch aus dem Kinderfernsehen („Wir schaffen das“, Bob der Baumeister) genauso.
Ich wünsche mir ein großes Kohl-Denkmal in Berlin. Die Begründung lieferte Robert Musil schon vor langer Zeit: „Alles, was die Wände unseres Lebens bildet, sozusagen die Kulisse unseres Bewusstseins, verliert die Fähigkeit, in diesem Bewusstsein eine Rolle zu spielen. (…) Bilder, die wir an die Wand hängen, werden binnen wenigen Tagen von der Wand aufgesogen (…). Was aber trotzdem immer unverständlicher wird, je länger man nachdenkt, ist die Frage, weshalb denn, wenn die Dinge so liegen, gerade großen Männern Denkmale gesetzt werden? Es scheint eine ganz ausgesuchte Bosheit zu sein. Da man ihnen im Leben nicht mehr schaden kann, stürzt man sie gleichsam mit einem Gedenkstein um den Hals ins Meer des Vergessens.“
P.S.: Was ist „a Stiegelitzer Boffen“? Ein Gericht aus der ostpreußischen Küche? Ein spezieller Dachziegel? Kann es etwas auf der Welt geben, das keinerlei Bedeutung hat?
Prince – Glam Slam. https://www.youtube.com/watch?v=78afuFV2xEo

3 Kommentare:

  1. Das mit den ethisch sauberen Geschäften lässt sich ausbauen.
    Nicht nur verdienen die einen am Krieg, und die andern an den Gräbern.
    Es verdienen schon auch die einen an Wohnungen, und die andern verdieben (sic!)an den Wohnungslosen.

    Ach, ihr wusstet gar nicht, dass der nicht bestimmungsgemäße Gebrauch der Anlagen Öffentlicher Verkehrsbetriebe schon mal € 35,00 Ordnungsstrafe kostet? Wir alle, die wir die U-Bahn also zum Ruhen zu mißbrauchen gedenken, sollten besser über kostengünstigere Alternativen nachdenken.

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    1. Den Fall habe ich bereits im vergangenen Monat erwähnt:

      https://kiezschreiber.blogspot.de/2017/11/warum-wir-terroristen-brauchen.html

      Es wird kalt ...

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    2. Upps!
      Da war ich wohl mal wieder weit weg von der Deutschen Land.
      Kann man aber gar nicht oft genug hervorzerren, wegen Verankern im Langzeitgedächtnis.

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