Sonntag, 19. November 2017

Kiezschreiber exklusiv: Der Niedergang

„Na sowas, sie haben uns gefunden.“ – „Das ist eine Insel, Boss. Sie finden uns immer.“ (Shutter Island)
Wilmersdorf – Hort der Bürgerlichkeit, Heimat der Witwen. Aber in diesem Jahr ist der schleichende Niedergang dieses Stadtteils offenkundig geworden. An den Verrückten mit Tourette-Syndrom, der mir regelmäßig wild gestikulierend und brüllend entgegenkommt, habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber jetzt das:
Im Sommer duscht ein Mann im Springbrunnen am Prager Platz. Mit Shampoo und Handtuch. Großes Hallo bei den Damen im nahegelegenen Café, die ihre Stühle in Richtung Brunnen drehen.
Im Herbst schlägt ein Mann auf der Verkehrsinsel mitten auf der Bundesallee, Ecke Spichernstraße, sein Zelt auf und lebt jetzt dort – umgeben von einer sechsspurigen Straße.
Eine Freundin sitzt mit ihrem Lebensgefährten im Lokal. Er hat 1500 Euro im Jackett, die er seinen Mitarbeitern später auszahlen will. Das Jackett hängt über der Stuhllehne. Zwei Männer setzen sich an den Tisch hinter dem Mann. Die Frau weist ihren Lebensgefährten mehrfach darauf hin, dass sich sein Jackett bewegen würde. Später stellt er fest: das Geld ist weg. Die Männer sind verschwunden.
Heute komme ich von einem vorzüglichen Drei-Gänge-Menü (Miesmuscheln in Weißweinsoße, Papardelle mit Hirschragout, Mandeleis) mit einer alten Bekannten in der Osteria No. 1 in Kreuzberg zurück und wir finden eine Handtasche im Vorgarten. Der Schulterriemen ist zerrissen, der Inhalt ist verstreut, das Geld fehlt, aber ansonsten sind die Papiere komplett. Eine Frührentnerin aus Pforzheim wurde das Opfer eines Diebstahls. Anstatt alles der lahmarschigen Berliner Polizei zu übergeben, rufen wir die Bank der Bestohlenen an. Banken haben immer die Telefonnummern ihrer Kunden, auch wenn sie die Nummer nicht rausgeben dürfen. Die Bankangestellte ruft für uns die Dame an, sie ruft sofort zurück und erzählt, sie sei einige Tage zuvor, auf dem Rückweg von einem Konzert in ein Hotel in unserer Nähe, überfallen worden. Immerhin bekommt sie von uns ihren Personalausweis, den Führerschein und die Fahrzeugpapiere, Bankkarten und den Schwerbehindertenausweis zurück. Sicher werden die Frau und ihr Ehemann nie wieder nach Berlin fahren.
Das alles sind nur aktuelle Beispiele aus einem Hundert-Meter-Radius rund um meine Wohnung. Schon vor zwei Monaten wurde ich am Bahnhof Südkreuz Zeuge eines Handtaschenraubs. Unmittelbar vor dem Einsteigen in den ICE reißt ein Mann der älteren Frau direkt vor mir die Handtasche von der Schulter und rennt weg. Im Zug wendet sich das Opfer an die Schaffnerin, sie ruft die Polizei an und lässt ihre Karten sperren. O tempora, o mores. Quo vadis, Wilmersdorf? Quo vadis, Berlin? Geht diese Stadt den gleichen Weg wie Sarajewo und Mogadischu? Wo ist die CSU, wenn man sie mal braucht?
P.S.: Vor dem Einkaufszentrum am Prager Platz steht ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr. Brennt es in meinem Kiez? Nein, aus dem Haupteingang tritt ein junger Mann in Uniform auf den Bürgersteig. Er hält drei Gläser Bautzener Senf in den Händen. Die Feuerwehr rückt wieder ab, die Zufahrt für Notfälle ist frei. Das ist Berlin.
Prince – Batman. https://www.youtube.com/watch?v=ulOLYnOthIw

8 Kommentare:

  1. Hm..... Verbindendes Element dieser Verbrechen ist, dass immer genau ein Mann in der Nähe war. Nach Informationen der Polizei hörte die Kriminalitätswelle am 9.11. schlagartig auf. Die Spur führt in den Hunsrück.

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    1. Seit diesem Tag gab es eine Reihe rätselhafter Todesfälle im Kommentariat ...

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    2. Deswegen ist hier beim Kommentieren ein gutes Pseudonym so wichtig.

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  2. Ich persönlich denke immer, dass das eigene Leben in seiner natürlichen Umgebung, in der Tat meistens direkt vor der Haustür, Geschichten zu Tage bringt, die sich nicht einmal ein Schriftsteller in seinen kühnsten Träumen ausmalen kann.

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  3. Old News. Der Prager Platz war eigentlich schon immer der Kotti von Wilmersdorf.

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  4. Wir haben in Steglitz auch "nette" Mitbewohner;Roma aus Bulgarien,Dauerschwangere Frauen,unter 8 Kinder geht da nichts.Möchte nicht falsch verstanden werden aber wieso werden diese Spermaschleudern nicht der "freiwilligen" Vasektomie zugeführt?

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    1. Süß Sie nehmen ernsthaft an das dies nicht gewollt ist?

      Angenommen jemand erklärt ihnen dass diese 8 Kinder dazu vorgesehen sind ihnen die Rente zu sichern (und so nebenbei den Laden hier am laufen zu halten) weil sich sonst der arbeitsfähige Anteil derer die hier so leben über kurz oder lang halbiert (= 1/2 Rente).

      Sind Sie dann immer noch "falsch verstanden worden" oder verstehen Sie dann "richtig"?

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  5. Sieht doch gut aus. Ein paar Handtaschenräuber und ne Shampoodusche. Da kann ich aus "meinem" Stadtteil härteres berichten. Schießereien mit Toten (aufgeregt wurde sich nur wenn es mal nen Touristen erwischt hatte) offenen Bäuchen, Nutella Bande, Koks usw. Since 1970 und alles fast rein "arisch".

    4 Tote wg. Autorennen und Totemwinkel im LKW, gemesserter Ladendetektiv wg. irgendwelcher Chinasch.... und ein paar genähte Wunden wg. ner Frau sind da die Neuzugänge.

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