Montag, 27. November 2017

Heimweh to hell

Ab heute exklusiv: KIEZSCHREIBER gibt es jetzt auch für Gehörlose! Wählen Sie Videotext-Seite 333.

Blogstuff 172
„Wir standen schon vor der Toilette und haben uns doch noch in die Hose gemacht.“ (Ronald Maul)
IKEA steigt in den spanischen Fußball ein. Die Holzpuzzlefreaks aus Schweden sind jetzt Hauptsponsor bei Regal Madrid.
November: Es gibt keine schlechten Monate, nur schlechten Wein.
Deutsch für Anfänger: „sich etwas hinter die Löffel schreiben“ bedeutet nicht, sich Notizen in der Besteckschublade zu machen. Merke: der Hase hat keine Ohren, sondern Löffel am Kopf (in der BRD).
Es ist eine Kette von Vergnügungslokalen der besonderen Sorte: „Tuner“. Wenn man seinen Eintritt gezahlt hat und diesen Ort betritt, ist man eine andere Person. Aber man kann sich die Person nicht aussuchen. Ich bin in dieser Welt zum Beispiel von Beruf Oberkellner und in meiner Freizeit Sänger in einer Punkband. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein schmales Gesicht mit kurzen blonden Haaren und ich bin mindestens zwanzig Jahre jünger. Hier im „Tuner“ arbeite ich aber nicht. Es gibt Personal, das die Drinks serviert und eventuell Streit schlichtet. Ich vermute, die Verwandlung in eine andere Persönlichkeit wird durch halluzinogene Gase verursacht. Sobald man das „Tuner“ verlässt, ist man wieder die Person, die man im echten Leben ist. Und da bin ich offenbar Polizist, denn der Zivilbulle im „Tuner“ zwinkert mir immer unauffällig zu. Wir suchen nach einer Bande von Kriminellen, die in den Tuner-Filialen ihre Identitäten mit harmlosen Bürgern tauscht – und zwar dauerhaft. So können sie in der Welt draußen untertauchen. (Traum, 2.11.2017)
Wettervorhersage: „ganztägig grau“.
Warum macht uns der Anblick von Kaugummiautomaten sentimental? Zum einen, weil sie uns an unsere Kindheit erinnern. Zum anderen, weil wir wissen, dass sie zu den aussterbenden Arten gehören. Sie stehen für eine Epoche, die allmählich zu Ende geht.
„Imma uff“ – schöner Kneipenname. Gesehen in der Neuen Kantstraße in Berlin-Charlottenburg.
„Ich mache dir ein Tape für deinen Walkman.“ Die Vierzehnjährige sieht mich erst verwirrt und dann mitleidig an. Hilfesuchend wendet sie sich ihrer Mutter zu.
Am Görlitzer Bahnhof werde ich bereits auf dem Bahnsteig von freundlichen Verkäufern empfangen, die allerlei Entspannungsmittel feilbieten. Als Student habe ich um die Ecke gewohnt und hätte von diesem Service geträumt. „Goldies“, ein Pommes-Restaurant in der Nähe, macht übrigens mit diesem Spruch Werbung: „Hast du dir gerade was Schlechtes zu buffen im Görli geholt? Dann setz‘ wenigstens bei deinem Fressflash auf Qualität.“
In den neunziger Jahren war es noch ein Witz: Datenbank ausgeraubt. Heute werden mehr Datenbanken ausgeraubt als echte Banken.
Die Öffnung der Mauer 1989 kann man mit der aktuellen Flüchtlingswelle vergleichen: Plötzlich waren eine Menge neuer Leute in Berlin und man erkannte sie sofort. Damals an den Klamotten, heute an der Hautfarbe. Nach der anfänglichen Begrüßungseuphorie begann der Alltag: Die U-Bahnen und Geschäfte waren voller, und man wünschte sich die gute alte Zeit zurück.
„Andy Bonetti ist ein Frauenversteher? Der kann doch noch nicht mal eine Brustwarze von einem Hämatom unterscheiden.“ (Lupo Laminetti)
So wie es in der amerikanischen Prohibition Flüsterkneipen gab, existierten im Berlin der neunziger Jahre Restaurants in Privatwohnungen und Hinterhöfen, die nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt wurden. Für einige Monate konnte man dort hervorragend essen – dann wanderten Wirte und Köche zur nächsten Location.
Styx – Renegade. https://www.youtube.com/watch?v=ekQ4TFs7JNs

3 Kommentare:

  1. Ab heute exklusiv: KIEZSCHREIBER gibt es jetzt auch für Gehörlose! Wählen Sie Videotext-Seite 333.

    Du bist nicht mehr zeitgemäß. ;) Viedotext ist gut, Dolmieinblendungen sind besser. Und die gehen auf Videotext nicht. Literatur ist übrigens erfahrungsgemäß scheiße schwer zu dolmetschen, denn du musst wie in jeder Sprache zwar in die andere Grammatik rein, aber gleichzeitig den individuellen "Ton" des Autors beibehalten. Ich hoffe jedes Mal, dass ich bei so etwas nicht gefragt werde. Es ist auch für den Dolmetschenden (ich sage bewusst nicht Dolmetscher, weil ich nicht entsprechend ausgebildet bin) eine kognitive Hochleistung. Dummerweise werde als Ex-Bibliothekarin wenn irgendwas mit Literatur ist immer ich gefragt.

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    1. Man muss ja heute mit jeder Pointe höllisch aufpassen. Vor zwanzig Jahren hätte ich noch geschrieben: "Kiezschreiber gibt es jetzt auch für Blinde! Wählen Sie Videotext-Seite 333."

      Was meinst du, was dann hier im Blog los wäre ;o)))

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    2. Ein Petitions-Start für die lückenlose Versorgung mit Vorleseprogrammen? ;)

      Ich kann nicht für alle Sehbehinderten sprechen, aber ich glaube, keiner von denen, die ich kenne und die als blind gelten würde sich an der Formulierung reiben, weil es eben diese Geräte gibt. Bei den Gehörlosen ist das etwas anders (würde zu weit ausufern das jetzt zu erklären). Im Idealfall würdest du von denen die Reaktion bekommen "Ist der Eberling blöd? Lesen können wir doch eh." Also die meisten heute, die in meinem Alter haben das teilweise in der Schule nicht gelernt, können das aber immerhin besser als noch ältere, die zum Teil weil sie es eben nicht gelernt haben die meines Erachtens nicht wirklich gut umgesetze "Leichte Sprache" als Segen empfinden weil sie beinahe oder zumindest funktional Analphabeten sind und sich so etwas unäbhängiger selbst imformieren können, ohne dass jemand daneben stehen und dolmetschen oder erklären muss. Ich hatte beruflich mal ein Konzept zur Alphabetisierung derjenigen Gehörlosen, die so schlecht lesen können aufgezogen, weil der Integrationsfachdoienst mir vor Jahren mal eine Stelle als Unterstützung für eine junge Frau in Ausbildung besorgt hatte, die gelegentliche Probleme hatte (Fachtexte und so), deshalb musste ich mich damals viel damit beschäftigen. Ich glaube aber, das war hilfreich dafür zu schaffen, dass das Kind heute die Lesekompetenz gleichaltiger hörender Kinder hat (aktuell liest er mal wieder Das Sams, einige Wortspiele da könnte man überhaupt nicht dolmetschen).

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