Mittwoch, 29. November 2017

Agnoli, Teil 2

Im ersten Teil ging es darum, wie der autoritäre Staat die Gesellschaft mit Methoden der Antiaufklärung, der Disziplinierung der Massen und der Fraternisierung der Eliten kontrolliert. Seine Kernaufgabe ist es, den grundsätzlichen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Führung und Masse zu entschärfen und ihn quasi unsichtbar zu machen.
Dabei geht es darum, dem Einzelnen die Illusion zu vermitteln, seine Interessen seien ausreichend vertreten und es gäbe keinerlei Anlass zum Konflikt. Die Herrschaftstechniken für den „sozialen Frieden“ (ein wunderbarer Propagandabegriff übrigens - wer wäre schon für den sozialen Krieg?) bestehen innerbetrieblich in der Betonung von „Human Relations“, flachen Hierarchien oder verbesserter Kommunikation im Vergleich zum Kommandotonfall des 19. Jahrhunderts, einem freundlichen Betriebsklima oder gar kostenlosem Obst (im Tausch gegen unbezahlte Überstunden in der sogenannten „New Economy“).
Politisch bestehen sie im System der Tarifautonomie und im Parlamentarismus. Zwei Funktionärsgruppen (Arbeitgebervertreter, Gewerkschaften) verhandeln miteinander die Löhne und Arbeitsbedingungen; Störungen des „sozialen Friedens“ in Form von Streik oder unorganisierten Forderungen der Arbeiter sind feindliche Akte und werden von Politik und Medien stets scharf verurteilt. Zwei Parlamentsfraktionen konkurrieren miteinander um Mehrheiten im politischen Entscheidungsprozess; Störungen in Form öffentlicher Massendemonstrationen oder gar Revolten sind unerwünscht.
Es geht also nicht um die Aufhebung des Konflikts zwischen Arbeit und Kapital, sondern um dessen „Befriedung“. „Der soziale Friede greift die oligarchische Ordnung der Gesellschaft ebenso wenig an, wie die Praxis der human relations die Befehlsgewalt in der Produktion antastet.“ (S. 27) Die Abhängigen sollen das System, das sie in Abhängigkeit hält, nicht nur akzeptieren, sondern auf lange Sicht auch als „Staatsbürger“ verteidigen. Fühlen sie sich auf diese Weise bestätigt, vergessen sie – Konsum und Antiaufklärung sei Dank – ihren eigentlichen Wunsch nach Befreiung aus ihrer unterprivilegierten Stellung in Staat und Wirtschaft.
„Es gehört seit jeher zu den Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates, Kostenerhöhungen in der Produktion, Haushaltsdefizit, Einschnitte in die Profitrate nach Möglichkeit auf die Masse abzuwälzen. Neu ist die Erkenntnis, dass optimale Befriedigung sich vorzüglich dazu eignet, die Position der herrschenden Klasse unantastbar zu machen und Zufriedenheit mit dem politischen System zu erzeugen – vor allem, wenn sie wirtschaftlich rationalisiert und gesellschaftlich manipuliert wird, also in der bloßen Vorstellung des Einzelnen besteht, befriedigt und ein gleichberechtigter Konsument zu sein.“ (S. 28f.)
Schwierig wird es nur, wenn die Masse das Vertrauen in die Führung verliert. Im Regelfall geschieht dies aber nur partiell. Verliert die Masse das Vertrauen in die Regierungspartei, wählt sie die Opposition in die Regierung und das Vertrauen ist, bei völlig gleicher Politik der neuen Regierung, wieder hergestellt. Verliert sie das Vertrauen in Teile der wirtschaftlichen Elite (vor zehn Jahren die Banken, jetzt die Autoindustrie), stellt man andere Teile dieser Elite öffentlich in den Vordergrund. Interne Bedrohungen (Strukturwandel, Rezession) oder externe Bedrohungen (Terrorismus, Globalisierung) stabilisieren die Gesellschaft in ihrem Bedürfnis nach einem starken Staat, der sie beschützt und die Probleme in ihrem Sinne regelt. Kritik am „System“ ist daher wiederum nur eine Gefährdung des „sozialen Friedens“, fundamentale Opposition ist unerwünscht und wird sofort marginalisiert und verunglimpft („Verschwörungstheorien“ usw.).
Mit dem geringsten Repressionsgrad soll im Betrieb die höchste Ausnutzung des Profitmechanismus gesichert werden, mit geringster Unterdrückung der Massen soll die höchste Ausnutzung gesellschaftlicher Herrschaft staatlich gesichert werden (S. 31). Diese Technik wird permanent perfektioniert. Damit sorgt der Staat für den sogenannten inneren Frieden, für „Ruhe und Ordnung“. Er wird zum unbestrittenen und niemals hinterfragten Garant für Sicherheit und Wohlstand (genauer gesagt: für „den strukturellen Stand des gesellschaftlich verteilten Wohls“, S. 60).
Wir glauben, dass wir ständig wählen dürfen. Wir wählen aus einem vielfältigen Angebot aus und treffen die Entscheidungen selbst. Dieser Taschenspielertrick ist der Kern der Illusion. Es wird uns im Parlament eine Vielzahl von Standpunkten vorgegaukelt, aber niemand spricht über echte Alternativen zum politischen und ökonomischen System. Es wird uns eine Vielfalt von Waren und Dienstleistungen präsentiert, aber niemand stellt die Bedingungen ihrer Produktion in Frage. Sie kennen es aus dem Supermarkt und aus dem Fernsehen: Wir dürfen zwischen tausend Spielarten des Zuckerbrots und der Zirkussensationen wählen, während die Peitsche nicht mehr notwendig ist – der moderne Selbstoptimierer schwingt sie ohnehin längst gegen sich selbst.
Fortsetzung folgt
Tomaso Albinoni – Adagio. https://www.youtube.com/watch?v=_eLU5W1vc8Y

2 Kommentare:

  1. Matthias, ich kann Dich nur ganz neidlos zu den Agnoli-Texten beglückwünschen

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  2. "Alles nur Satire"
    Kommt mir auch so vor. Alleine der Tonfall erinnert mich an die Kampfschriften aus den 70ern, wie Sie auf damals noch grauem Umweltschutzpapier in den autonomen Jugendzentren rumflatterten. Nostalgie pur, ich nenne es mal links autonomer Kasernenton.
    Fehlt nur noch der Begriff "Schweinesystem". Was ja bei aller Kritik Realität ist.
    Nein, diese Einsichten teilte unlängst ein ganz normaler Man mit mir in der Montagehalle, ein sog. Proletarier, keine Bildung, geschweige denn Studium, aber blauer Anton. Es wusste, Wir bekommen gerade so viel "Wohlstand", damit Wir nicht aufbegehren.
    Es wusste ganz genau, daß Wir nur befriedet werden, und daß Unsere Regierungsrealität eine Farce ist. Gut, immerhin liest er keine BILD und sein Sohn ist inzwischen Dr. der Physik. Ein kluger und aufrechter Man.
    Also, was ist jetzt ?

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