Dienstag, 28. November 2017

Agnoli – Kritik der Herrschaft

Johannes Agnoli habe ich als Student noch im Audimax der FU Berlin erlebt. Mir ist nach den vielen Jahren nur ein einziger Satz dieses legendären Professors für Politikwissenschaft am OSI in Erinnerung geblieben: „Im Kapitalismus ist der Kunde König, aber an der Kasse wartet die Guillotine.“ Was haben wir gelacht. Er hatte unsere Erfahrungen im Kapitalismus auf den Punkt gebracht. Jeder kennt das: Man wird als Kunde von der Werbung, von einem Marketing-Fritzen am Telefon oder in der Fußgängerzone umgarnt und fühlt sich geschmeichelt – aber sobald du den Handy-Vertrag unterschrieben oder ein Produkt gekauft hast, behandelt dich das Unternehmen, dem du vertraut hast, wie den letzten Dreck.
So ist es auch in der Demokratie: Wir werden als Wähler umworben und verlockt. Aber sobald wir unsere Stimme abgegeben haben, werden wir mit schöner Regelmäßigkeit vier Jahre ignoriert und verarscht. Davon handelt „Die Transformation der Demokratie“ aus dem Jahr 1967, die einflussreichste theoretische Schrift für die APO um Rudi Dutschke, die 1968 den öffentlichen Diskurs aufmischte. Darin beschreibt Agnoli die Entwicklung der westlichen Gesellschaften zu autoritären Staaten, die ihr Versprechen nicht einlösen, die Bürger politisch zu beteiligen.
Dazu gehört zunächst einmal eine Strategie der „Antiaufklärung“ als Grundbedingung des autoritären Staates, der sein Herrschaftswissen geheim halten und die Verbreitung des Emanzipationswissens verhindern will. „Es dient keinem Herrschaftssystem, wenn die Techniken des Herrschens den Beherrschten zum Bewusstsein gebracht werden. (…) Die moderne kapitalistische Wirtschaft braucht in der Produktion den technisch partiell ausgebildeten, aber betriebsdiszipliniert-unmündigen Arbeiter und den leicht steuerbaren Konsumenten genauso wie der moderne Verfassungsstaat den staatstreuen, den Rahmen der Ordnung peinlich beachtenden, (…) unmündigen Bürger auf politischer Ebene braucht und auch hervorbringt.“ (S. 18f.)
Fünfzig Jahre später haben Agnolis Beschreibungen der deutschen Gesellschaft nichts an Aktualität verloren. Der autoritäre Staat steuert vom Raumschiff Berlin aus das Land, Oligopole und Verbände organisieren die Wirtschaft und sind über Lobbyisten eng mit dem Staat vernetzt, ebenso wie die institutionalisierten Interessenvertreter der Arbeitnehmer, die selbst ohne Einfluss auf die Machtkartelle der Funktionärskaste bleiben. Parlamente und andere Verfassungsorgane haben rein dekorativen Charakter und bilden keinen Gegenpol zur herrschenden Elite in Politik und Wirtschaft. Die Technik der sozialen Manipulation hat man sich vom Faschismus abgeschaut und für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Den Kampf um eine Ausweitung von Freiheitsrechten führt einzig und allein die Kapitalfraktion in Form des Neoliberalismus: Freiheit von Steuern qua „Steueroasen“, von gesellschaftlicher Verantwortung qua „Ideologie der Eigenverantwortung“, von Arbeitnehmerrechten oder Umweltstandards qua „Globalisierung“.
Der autoritäre Staat tritt dem Einzelnen als strenger, aber scheinbar gütiger Vater gegenüber, der seinen Landeskindern nur Unterstützung gewährt, wenn sie im Gegenzug zu Gehorsam und permanenten Anpassungsleistungen bereit sind. Hartz IV ist ein gutes Beispiel – ständig droht den Bedürftigen die Peitsche der Sanktionen. Oder denken wir an die Altersvorsorge: Eine existenzsichernde Rente gibt es nur gegen lebenslange Vollzeittätigkeit in einem sozialversicherungspflichtigen und damit staatlich wie betrieblich kontrollierten Beschäftigungsverhältnis. Selbst im Gesundheitssystem sehen wir die Anfänge von Kontrolle über unser alltägliches Verhalten.
Fortsetzung folgt
Quelle: Johannes Agnoli – Die Transformation der Demokratie und verwandte Schriften. Konkret Literatur Verlag, 2. Aufl. 2012.
Bach Double Violin Concerto - Yehudi Menuhin and David Oistrakh. https://www.youtube.com/watch?v=DJh6i-t_I1Q

6 Kommentare:

  1. Sie nennen es heute zB 'Stabilität':

    "Deutschland ist ein wichtiges Land in Europa. Es würde wenig Sinn machen, wenn eine Kanzlerin in Brüssel auftaucht und immer sagt: 'Ich kann keine Zusagen machen, ich muss erstmal zuhause fragen.' Ein Land wie Deutschland braucht Stabilität." (Julia Klöckner, CDU-Vorstand, lt tagesmärchen)

    Dieses für eine parlamentarische Demokratie erstaunliche Votum ging nicht nur unbeanstandet durch, sondern durfte sich offenbar auch noch weitgehender Zustimmung erfreuen. Und wenn eine Regierung schon das Parlament - lt Verfassung immerhin das 'oberste Gremium', eben die 'Repräsentanz' des (angeblichen) Souveräns - 'nicht immer fragen' kann, wieviel weniger dann den Souverän, die Bürger selbst. So wird, mittels Koalitionsverträgen und Fraktionszwang, aus einer parlamentarischen mal so eben eine Präsidialdemokratie.

    Nicht, dass das schon alles wäre, beileibe nicht, aber es wirft ein bezeichnendes Licht.

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    1. Ich find's gut, dass Heise jetzt auch Kaffee verkauft. Bei mir gibt's demnächst Rheumadecken zum Vorzugspreis.

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  2. Nun, schön aufbereitet und beschrieben, mit Zitaten und Quellenangaben.
    Einwandfrei, wie es bei uns heißt. Gerne auch mal "Eiwampfrei". Gut.
    Nur was bringt Uns das jetzt ? Die Erkenntnis ?
    Die hatten Wir schon vorher.
    Ich bin, da Ing., ergebnisorientiert. Das bringt oft Probleme, z.B. im Gespräch mit der Liebsten, da soll man nur zuhören, Lösungsvorschläge kommen selten gut.
    Und beim Sex sind ja alle Männer ergebnisorientiert......
    Also was ist jetzt ? Gerne genommen auf dem Fußballplatz wenn die eigene Mannschaft mit 2 Toren zurück liegt.
    Aber auch jetzt, in dieser Situation.
    Also, was isch jetzt ?
    Revolution ? Kalschnikov ? Revolutionsromantik ?
    So lange die Menschen nicht mal fähig sind, den Müll korrekt zu trennen und keine Bananenschalen mehr in den gelben Sack schmeißen brauchen Wir nicht anzufangen mit irgendwas !!
    Sorry ! Ja, es ist überheblich, beschissen und brutal, aber je älter ich werde um so mehr denke ich, lass die doch klein bleiben in ihrer Scheiße, mit denen kann man nicht mal einen Hasenstall stürmen, wie dann die Bastille ???
    Wenn die ihre BILD lesen und nur ihren beschissenen FC Bayern im Kopf haben ?
    Man Man Man......
    Nein, ich bin in der Tat für eine Diktatur, am besten mit mir als Chef.
    Dann, erst dann wird alles gut.

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    1. Wenn du Ingenieur bist, solltest du auch genau hinschauen. "Fortsetzung folgt". Morgen und übermorgen. Dann weißt du, was du zu tun hast. Aber du wirst es nicht tun ;o)

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    2. »Und beim Sex sind ja alle Männer ergebnisorientiert......«

      Das ist mal ein ding. Ich hätte glatt gedacht, die wollen ihren spaß, was nichts schlimmes wäre.

      Aber nein, die sind in wirklichkeit ergebnisorientiert, sind alle also scharf drauf das ergebnis hinterher im kinderwagen durch die gegend zu gondeln. Soll nur mal einer sagen, man könnte im internet nichts neues lernen. Abgründe tun sich auf. ^^

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  3. Jaja, Agnoli... und was ist mit Lenin? Nicht weniger realistisch, kritisch, dessen Imperialismusanalysen auch heute noch? Nur konnten Sie den persönlich nicht mehr hören? Gruß, MIke

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