Sonntag, 1. Oktober 2017

Wer bist du?

„Irgendwie redete ich andauernd mit mir. Was eigentlich? Da wollte ich nur noch meinen Kopf kennenlernen.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Es gibt nur drei Phänomene, aus denen sich die Welt zusammensetzt: Bewegung, bewegen und bewegt werden.
Das steht auf einem Zettel. Laura schreibt eine Menge Zettel. Jeden einzelnen dieser Zettel faltet sie zusammen und bindet ihn an einen Luftballon. Ihr Arbeitszimmer ist voller Luftballons.
Ist es wirklich so gewesen? Ein sehr poetisches Bild. „Wer bist du?“ ist ein Film, den ich neulich im Kino gesehen habe. Es geht um eine junge Amerikanerin namens Laura, die für ein Jahr zum Studium nach Berlin geht. Aber eigentlich will sie einen Roman schreiben. Irgendwann fängt sie an, die Zettel mit ihren Notizen zu sortieren. Sie diskutiert mit ihrem Freund. Wer sind wir überhaupt? Wann hat das Denken angefangen? Seit wann denken wir über uns selbst nach? Wir schauen auf uns und definieren uns. Wir verändern die Welt. Wir bewegen und wir werden bewegt.
Mitten im Film wird die Leinwand für einige Minuten dunkel. Nichts. Kein Ton. Dieser dramaturgische Effekt soll vermutlich bewirken, dass wir über uns selbst nachdenken. Das überwiegend jugendliche Publikum fängt an zu schnattern und zu plappern. Oberflächliche und dumme Bemerkungen. Wir sind, was wir uns einreden und was wir uns einreden lassen. Die kleinen Gespensterlichter der Smartphones gehen an.
Die Frau, mit der ich ins Kino gegangen bin, ist verschwunden. Ich bemerke es erst jetzt. Der Platz rechts neben mir ist leer. Ich schweige. Links neben mir tuschelt und kichert ein Pärchen. Der Film geht weiter. Laura in Berlin. In Cafés, in der U-Bahn, an der Uni. Laura am Schreibtisch.
Dann wache ich auf. Ich habe alles nur geträumt. Kein Witz. Es ist Sonntagmorgen in Berlin. Kein Luftballon zu sehen. Wer bist du?
Queen - Friends Will Be Friends. https://www.youtube.com/watch?v=0AIlz08fZos

Lovis Corinth: Prechtal.

2 Kommentare:

  1. Meine Decke hängt voller virtueller Luftballons - die Zimmergröße würde nicht reichen.
    Ich bin die, die zukünftig als Rentnerin Zeit hat und keine Zettel schreiben wird, sondern tun wird.
    Danke für diesen poetischen Traum. Wenn mal drei Tage der Strom ausfallen wird, was passiert dann in Deutschland?

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    1. Wir hatten gestern eine Stunde Stromausfall in Schweppenhausen. Danach war ich bei meinem Winzer und habe dort zufällig einen alten Freund aus Kindheitstagen getroffen, der auch seine Bestände ergänzt hat. Wir haben zusammen diese Debatte geführt: Was machen wir, wenn der Strom ausfällt? Plötzlich war der Wäschetrockner und der Geschirrspüler tot, ich stand mit der Taschenlampe vor dem Sicherungskasten und sah mich in Gedanken schon beim Steak-Braten am offenen Kamin im Wohnzimmer, weil ja der ganze Tiefkühlkram irgendwie weg muss ... Wir sind nur einen Schritt entfernt von der völligen Hilflosigkeit - jetzt muss ich meinem Winzer "Blackout" leihen :o)))

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