Mittwoch, 11. Oktober 2017

Weißes Gold

„Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“ (Groucho Marx)
„Menschenskinder, darauf müssen wir einen trinken“, rief Erna Schmeisser und holte den Kornbrand.
„Das wird gefeiert“, sagte ihr Bruder Horst und lachte. Gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Schwager Fritz stießen sie an. Es versprachen glänzende Geschäfte zu werden.
Erfurt 1970. Eine neue Zeit hatte begonnen. Horst Schumann gehörte zur Delegation von Willy Brandt und hatte den Nachmittag genutzt, um seine Schwester zu besuchen. Und so war er mit Fritz, von dem er wusste, dass er als Kaufmann bei der HO arbeitete, ins Gespräch gekommen. Während Horst eine Marlboro nach der anderen rauchte, qualmte Fritz seine F6. Irgendwann waren sie dann auf das Thema Bananen gekommen.
***
Gegen drei Uhr morgens hielt eine völlig leere S-Bahn im Bahnhof Humboldthain im Wedding. Hastig wurden die Kisten aus den Lastwagen in die Bahn geladen. Horst stand auf dem Bahnsteig, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, im Mundwinkel eine Marlboro.
Fritz kam mit zwei riesigen Koffern und stellte sie wortlos neben ihm ab. Und so wechselten hundert Tonnen Bananen, die am Tag zuvor mit dem Frachtschiff aus Hamburg im Westhafen angekommen waren, den Besitzer. Zwei Stationen weiter, im Geisterbahnhof Oranienburger Straße, wurden die Kisten wieder ausgeladen. Heißbegehrte Südfrüchte für die DDR. Im Gegenzug erhielt Schumann fünfzig Kilogramm unverschnittenes Heroin.
Was Horst Schuman nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für die Stasi. Mit den Bananen wurde ein dringendes Bedürfnis der eigenen Bevölkerung befriedigt, mit dem Heroin destabilisierte man den Klassenfeind in West-Berlin und in West-Deutschland.
Was Fritz Schmeisser nicht wusste: Sein Schwager arbeitete für den BND. Mit dem Heroin machte man aus den „Haschrebellen“ der sechziger Jahre willenlose Junkies. Die APO wurde im Wortsinne ruhiggestellt. Aus 1968 wurde in wenigen Jahren das 1979 der Christiane F. Das Heroin wurde vor allem in den Hochburgen des linken Widerstands, in West-Berlin und Frankfurt, verkauft. Den drogenfreien Rest des Widerstands, die RAF und die Bewegung 2. Juni, konnte man getrost der Polizei überlassen.
Der BND hatte ein Problem gelöst, ohne dass es der Öffentlichkeit jemals aufgefallen wäre. Und er verdiente an den Drogen, die Schmeisser zunächst über eine KGB-Connection im Iran (der Schah hatte nach seinem Berlin-Besuch 1967 noch eine Rechnung mit der APO offen), später in Afghanistan besorgte, einen Haufen Geld für operative Zwecke in Osteuropa.
***
Zwanzig Jahre lang liefen die Geschäfte glänzend. Weißes Gold für den Osten, weißes Gold für den Westen. Immer mehr Bananen wurden in die DDR geliefert, immer mehr Heroin in die Bundesrepublik.
Schmeisser, der glaubte, das Geschäft seines Lebens zu machen, begriff erst 1990, als ihm sein inzwischen pensionierter Schwager die ganze Story erzählte, wie die Stasi hereingelegt worden war.
Die Bananen waren eine besondere Züchtung, die abhängig machte. Wer diese Bananen aß, wollte noch mehr Bananen. Mit jeder Lieferung, die in einer S-Bahn der DDR-Reichsbahn über die Grenze in Berlin geschmuggelt wurde, wurden die Menschen in Ostdeutschland also immer unzufriedener. Der Westen wurde heroinsüchtig, der Osten wurde bananensüchtig.
Mit den Millionen, die der BND im Drogenhandel verdiente, konnte ein Netz von Aktivisten in vielen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aufgebaut werden: sogenannte Friedensgruppen in der DDR, aber auch eine unabhängige Gewerkschaft in der alten deutschen Hansestadt Danzig, wo ein junger Mann namens Lech Walesa angeworben werden konnte. Als man mit Gorbatschow sogar einen Mann aus dem Politbüro der UdSSR gekauft hatte, war der Clou perfekt.
Mit jeder Banane kam der Kommunismus seinem Untergang wieder einen Schritt näher. Die exklusiven Unterlagen zu diesem historischen Deal der Geheimdienste in Ost und West liegen dem Betreiber dieses Blogs vor.
R.E.M. – Perfect Circle. https://www.youtube.com/watch?v=EXxprhjaot4

Einen hamwa noch:

6 Kommentare:

  1. Das ging schon früher los. Und über die Wollankstraße: https://pixelroiber.de/blog/16381

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    1. Ich habe die Station Humboldthain aus reiner Rücksichtnahme dir gegenüber ausgewählt ;o)

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    2. Ich weiß schon, Homies verpfeift man nicht.

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  2. Bei Uns waren es Vietnam Veteranen, die das weiße Gold gebracht haben.
    Die wurden ende 60er direkt nach dem Fronteinsatz erst mal nach schwäb. Sibirien, nach Münsingen, zum abkühlen verbracht. Viel auch nicht schwer bei den damaligen Wintern. Nur den Geist, den konnte keiner kühlen. Seit dem gibt es auch in der Provinz jede Menge Junkies. Wobei immer wieder einer auf der Strecke bleibt, auch jetzt noch.

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  3. Tolles Story-script. Könnte von Ken Follet sein.
    Gut dass ich den nicht lesen muß, sondern was Intelligentes zum Lachen kriege.

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    1. Danke. Bonetti ist auch viel zeitsparender. Allerdings auch die nächsten Wochen im Off.

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