Freitag, 6. Oktober 2017

Das alte Haus

„Auch fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen, ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.“ (Franz Kafka: Elf Söhne)
„Kommen Sie herein“, sagte der junge Mann. „Haben Sie es gleich gefunden?“
„Ja, danke“, antwortete ich, während ich die ausgetretenen, steinernen Stufen hinaufstieg. „Aber ohne ihre Beschreibung wäre es schwer geworden. Die Dorfstraße ist ziemlich lang und die Häuser haben keine Nummern.“
„Nur an den Briefkästen. Hier kennt der Briefträger noch alle Familien.“
Wir schüttelten uns die Hände und gingen durch den Flur ins Wohnzimmer.
„Die Möbel lassen wir entsorgen. Das dürfte kein Problem sein“, sagte er und deutete auf eine riesige Schrankwand aus dunklem Holz. Die Polstermöbel waren zerschlissen und verblasst.
„Gleich hier ist die Küche.“
Ich folgte ihm in einen schmalen Raum mit einer alten Edelstahlspüle, einem Kühlschrank und einem Schrank, dessen Türen Glaseinsätze hatten, in denen Ansichtskarten steckten. Hellblauer Himmel, dunkelblaues Meer, Hotels, Strände. Sie sahen alle gleich aus.
„Meine Großmutter hat bis vor kurzem noch hier gelebt. Mein Großvater ist schon vor über zehn Jahren gestorben.“
„Was war er von Beruf?“ fragte ich.
„Er war Schreinermeister“, antwortete der junge Mann, als wir die Treppe hinabstiegen.
Wir standen in einer Werkstatt. Überall dicke, schwere Werkbänke. Werkzeuge hingen an den Wänden. Holzreste und Bauteile stapelten sich in den Ecken. Durch das Fenster konnte man auf den Garten sehen. Auf der anderen Seite des großen Raums waren zwei hölzerne Flügeltüren, die auf die Straße führten.
„Hier könnten sie sich einen Hobbyraum einrichten oder ihren Wagen parken. Platz genug haben sie jedenfalls.“ Er lächelte mich erwartungsvoll an.
„Kann ich die Heizanlage sehen?“
„Natürlich, kommen Sie!“ Wir stiegen in einen muffigen, dunklen Keller herab, dessen Wände aus unverputzten Backsteinen bestanden. Er drehte an einem schwarzen Bakelitschalter und eine nackte Glühbirne warf ein trübes Licht auf einen alten Kessel.
„Ist nicht mehr die Neueste“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
„Sie wollen fünfzigtausend für das Haus?“ fragte ich.
„Ja, aber der Preis ist verhandelbar.“
Natürlich ist er das. Ich würde es auch für dreißigtausend bekommen. Aber ich wollte es eigentlich gar nicht. Ich mochte einfach alte Häuser und ihre Geschichten, also trieb ich mich häufig bei Hausbesichtigungen im Hunsrück und in der Eifel herum.
Wir waren beide froh, als wir im Garten standen und frische Luft atmen konnten. Die Beete waren gepflegt. Kohlköpfe wuchsen in Reih und Glied, Bohnenstangen bildeten in einer Ecke des Grundstücks ein Spalier. Links und rechts sah man die hellbraunen Ruckwände der Nachbarhäuser, aber geradeaus blickte man über den Gartenzaun auf eine Wiese, auf der Apfelbäume standen.
Wir standen in der Sonne und plauderten, bis ich mich von dem jungen Mann verabschiedete und wieder nach Hause fuhr.
Ich werde dieses Haus nicht kaufen. Vermutlich wird es niemand kaufen. Wer will schon in so einem alten Haus wohnen? In diesem alten Dorf, in dem es weder einen Bäcker noch eine Kneipe gibt? Es stirbt langsam und lautlos, so wie uralte Bäume sterben. Sie haben viele Jahrhunderte gelebt und selbst ihr Tod dauert noch Jahrzehnte. So viel Vergangenheit und so wenig Zukunft.
Welcome Back Kotter - Theme Song. https://www.youtube.com/watch?v=xZzEzDkeHzI

Edward Hopper: Sunday 1926. Das Gemälde habe ich neulich im Museum Barberini in Potsdam gesehen. Ein Großmeister der Melancholie.

2 Kommentare:

  1. 50 000 für ein Haus ? Mit Garten und großer Werkstatt als auch Gewölbekeller für Kartoffeln ?
    Wo ?
    Für so etwas zahlt man im Südwesten, so man so etwas überhaupt noch findet, ab 300000 €.
    Gut, in "strukturschwachen" Gebieten wie Tuttlingen vielleicht nur 250000€.
    Aber ich weiß, die Eifel ist gerade so kalt wie unsere Alb, es regnet sehr häufig, es gibt dort weder gutes Bier ( Bitburger ? Wie bitte ? ) noch Obstbrände.
    Kein Ort zum verweilen. Oder doch ??
    Manchmal überlege ich mir tatsächlich, hier alles hinter mir zu lassen und dort etwas auf zu bauen.
    Aber ohne Kneipe ? Ohne Freunde ? Oh je ! Da muss man schon einen sehr gefestigten Charakter haben.

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