Sonntag, 3. September 2017

Marxismus und Neoliberalismus

„Marxismus ist die Religion der Armen, Neoliberalismus ist die Religion der Reichen.“ (Andy Bonetti: Die Apokalypse war gestern)
Es ist eine bittersüße Ironie der Geschichte, dass sich Marxisten und neoliberale Ökonomen gleichermaßen mit ihren "Gesetzmäßigkeiten" auf der Seite der Naturwissenschaft wähnen.
Der Marxismus war in den kommunistisch regierten Staaten zugleich Erkenntnistheorie, d.h. Basis aller wissenschaftlichen Methodik, und Weltanschauung, d.h. Grundlage aller politischen und gesellschaftlichen Praxis. Jede andere Philosophie war per se bürgerlich und daher klassenfeindlich. Der weitere Fortgang der Geschichte war durch Marx und Engels wissenschaftlich erwiesen, die Überwindung des Kapitalismus und die Diktatur des Proletariats mussten zwangsläufig erfolgen und waren alternativlos. Entweder wartet man einfach, bis es soweit ist (Revisionismus) oder man beschleunigt den historischen Prozess: Eine Avantgarde organisiert für das Proletariat eine Revolution (Leninismus) und im kommunistischen Staat wird das Klassenbewusstsein durch permanente und systematische ideologische Schulung erst nachträglich geschaffen (Stalinismus).
Der Neoliberalismus als Grundlage der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Praxis beweist in Form der herrschenden Volkswirtschaftslehre die Notwendigkeit, alle Prozesse marktförmig organisieren zu müssen. Auch hier erkennen wir ein angeblich unwiderlegbares Dogma. Dem globalisierten Handel dürfen keine Hindernisse (Zölle, Tarifverträge, Arbeitnehmerrechte, Umweltschutz usw.) in den Weg gelegt werden, sonst ist er nicht mehr „frei“. Steuern und Sozialbeiträge auf den Profit der Unternehmen sind des Teufels und müssen reduziert oder umgangen werden. Im „Steuerparadies“ gibt es den Staat nicht mehr, der Kapitalverkehr ist ohnehin steuerfrei (keine Transaktionssteuer, bitte!). Jede Alternative zu dieser Ideologie ist „links“, riecht nach Keynes und ist daher abzulehnen.
Es gibt jedoch leider keine eisernen Regeln, nach denen die Menschenwelt funktioniert, als wären wir Planeten, deren Bahn man berechnen kann. Der Marxismus ist nur eine Idee, ursprünglich übrigens eine Utopie - man kann nicht einfach zu Hause sitzen und auf die Revolution warten wie ein Schalke-Fan seit 1958 auf die nächste Meisterschaft, weil sie irgendwann zwangsläufig kommen muss. Der Marktglaube endet nicht im Paradies, selbst wenn auch der allerletzte Kindergarten ein kapitalistischer Musterbetrieb geworden ist. Gesellschaft funktioniert nicht nach ewigen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, Gesellschaft ist ein lernender Organismus. Es gibt kein Ende der Geschichte. Auch Philosophien und Ideologien entstehen und vergehen im Laufe der Zeit – sonst hätten wir ja bei den Vorsokratikern schon den Schlussstrich ziehen können.
Den Beweis dieser These haben die Prophezeiungen von Karl Marx schon angetreten. Seine Beweisführung erschien zwingend, seine Schlussfolgerungen waren logisch aufgebaut. Je größer der Fortschritt der industriellen Revolution war und je materialistischer die Herrschenden seien, desto größer würde die Armut der arbeitenden Massen werden. Darum werde es auch dort, wo die Industrialisierung am weitesten vorangeschritten sei, zu einer Revolution kommen. Nach einer Phase der proletarischen Diktatur würde es zum Absterben des Staates kommen. Hernach würden alle in einer herrschaftsfreien, klassen- und besitzlosen Kommune leben.
Den europäischen Arbeitnehmern geht es bekanntlich heute besser als im 19. Jahrhundert. Die Revolution fand in Ländern wie Russland und China statt, die kaum industrialisiert waren. Es waren auch nicht die Arbeiter, die diesen Putsch gegen die herrschenden Monarchien durchführten. Und der Staat ist alles andere als abgestorben, ganz im Gegenteil. Die Bürokratie und die Planwirtschaft überwucherten alles, Polizei und Geheimdienste kontrollierten die Gesellschaft. Die Kommune hat es nur 1968 in West-Berlin gegeben – fragt Uschi Obermaier.
Den Prophezeiungen des Neoliberalismus wird es nicht besser ergehen, weil sich die leeren Versprechungen des politisch-industriellen Komplexes in nichts von den Propagandalügen der roten Bourgeoisie unterscheiden. Noch hält eine Mehrheit die „unsichtbare Hand“ des Marktes für den neuen Gott. Die Banktürme in Frankfurt gelten als Kathedralen des Geldglaubens, die Börse ist das Tabernakel. Das Netzwerk dieser Religion ist weit verzweigt bis in die Bankfilialen der Kleinstädte und Dörfer. Kommende Generationen werden über diese Naivität ihrer Vorfahren lachen.

P.S.: Zur Ehrenrettung von Karl Marx sei gesagt, dass er selbst seine zeitgenössischen Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse als grundsätzlich revidierbar und nicht als die Heilslehre verstanden hat, die seine Apologeten leider aus seinem Werk gemacht haben. Marx selbst sagte – im Hinblick auf seine Anhänger in der SPD –, er sei kein Marxist. Was später in seinem Namen verbrochen wurde, hätte vermutlich nicht sein Einverständnis gefunden. Aber so ging es ja auch schon Jesus Christus und Elvis Presley.
Dean Martin – Everybody Loves Somebody. https://www.youtube.com/watch?v=rXJL7tlECg0

Dr. Schäuble

2 Kommentare:

  1. Darf ich dich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass du schon seit sieben Jahren deinen MLPD-Mitgliedsbeitrag nicht mehr gezahlt hast?

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    1. Seit wann zahlt der Parteivorsitzende Mitgliedsbeiträge?

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