Mittwoch, 27. September 2017

Käse

„Nur einen heitern Blick in die Zukunft, dieses allein fehlt mir zur Freude dieses Tages.“ (Friedrich Schiller an Charlotte von Lengefeld am 19. November 1789)
Ich hätte nicht am Käsestand stehenbleiben sollen. Dabei mag ich Käse noch nicht mal besonders. Aber er war umsonst. Er war direkt vor meiner Nase. Und die Frau, die am Probierstand arbeitete, unterhielt sich gerade mit einer Kundin. Also nahm ich einen Zahnstocher, an dem ein Käsewürfel befestigt war. Ich kaute langsam und aufmerksam.
Als ich mir gerade ein zweites Stück von diesem mittelalten Gouda genehmigen wollte, hörte ich seine Stimme.
„Menschenskind, Olaf! Das ist ja eine Überraschung.“
Er strahlte und deutete mit dem Zeigefinger auf mich, als er sich zu seiner Frau drehte. „Mein alter Kollege Olaf Dietrichsen.“
„Hallo, Knut“, gab ich lahm zurück. Den Käse hatte ich schon vergessen.
„Olaf hat vor zwei Jahren in der Firma gekündigt, um Schriftsteller zu werden“, erklärte er seiner Frau.
„Was macht dein Buch?“ fragte er mich.
„Im Augenblick arbeite ich nicht an einem Buch. Ich schreibe jetzt Kurzgeschichten.“
Die Frauen am Käsestand musterten mich jetzt neugierig.
„Aber du wolltest doch einen großen Roman schreiben?“
„Ja, ich schreibe ja auch. Eigentlich sogar fast jeden Tag.“
„Wow, das ist so cool“, sagte Knut zu seiner Gattin. „Olaf, der Dichter.“
Dann sah er wieder mich an. „Was hast du heute geschrieben?“
„Eigentlich gar nichts. Ich bin erstmal hierher gefahren, um einzukaufen.“
„Ich habe dein rotes Cabrio gar nicht auf dem Parkplatz gesehen.“
„Das ist in der Werkstatt“, log ich. In Wirklichkeit hatte ich es längst verkauft, weil ich pleite war. Inzwischen fuhr ich mit dem Bus in die Stadt.
„Weißt du, dass ich auch darüber nachdenke, Schriftsteller zu werden?“
„Knut“, rief seine Frau mit gespielter Entrüstung und knuffte ihn auf die Schulter.
„Ganz im Ernst. Mir passieren immer so tolle Geschichten. Aber vielleicht kannst du den Stoff ja für deine Kurzgeschichten gebrauchen.“
Dann erzählte er mir eine lange und langweilige Geschichte über eine Autopanne in Italien, wegen der sie ungeplant zwei Nächte in einem wirklich entzückenden Bergdorf verbringen mussten. Die Leute seien ja so gastfreundlich gewesen. Er habe sogar einen Bauern beobachtet, der morgens zu seien Kühen in den Stall gegangen sei. Es hörte einfach nicht auf.
Dr. Feelgood - Milk and Alcohol. https://www.youtube.com/watch?v=a4IjrjMbmC4

Spitzwegs Bücherwurm. Copyright: C. Seeger Verlag.

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