Montag, 11. September 2017

Jens und die Trends

Neulich war ein Kadett des Raumschiffs GroKo in einer Berliner Gaststätte in Mitte und musste feststellen, dass das Personal Englisch gesprochen hat. Die Gäste ebenso. Nun kann es schon einmal passieren, dass ein Neubürger aus dem erzkatholischen und erzlangweiligen Münsterland das Leben in der Großstadt nicht kapiert. Dann hält man erst mal die Klappe und macht sich ein Bild vom Ort des selbstgewählten Exils.
Jens Spahn hätte auf diese Weise schnell feststellen können, dass es in den touristischen Hot Spots („heiße Punkte“) jede Menge internationaler Gäste und internationaler Mitbewohner gibt. Sie sprechen Englisch, weil es die Lingua Franca des 21. Jahrhunderts ist. Er könnte chinesische Restaurants besuchen, in denen Chinesen ihr Essen auf Chinesisch bestellen. Man erlebt auch echte Italiener in einer Pizzeria.
Der Staatssekretär und Hoffnungsträger der christlichen Partei sieht dort, wo sich Menschen in einer gemeinsamen Sprache unterhalten, „eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft“. Dort wo Berlin tatsächlich auf wenigen Quadratkilometer zumindest eine Anmutung von Metropole bietet, sieht er teutonische „Selbstverzwergung“. Und dann wird natürlich noch mit der Nazi-Keule draufgehalten. Es handle sich um eine Form der „Gleichschaltung“. Die zwanzigtausend Israelis in Berlin werden es mit Humor genommen haben.
Es ist das alte Spiel der Rechtspopulisten: mit gezielten Provokationen Aufmerksamkeit erzielen. Spahn wird die Union in vier oder acht Jahren in eine Koalition mit der AfD führen – dazu braucht man keine Phantasie. Schon jetzt macht er uns den Gauland, den Höcke, den Le Pen, den Haider.
Da interessieren die Petitessen schon nicht mehr, beispielsweise das „Oscar Wilde“ in der Friedrichstraße, dem früheren Treffpunkt britischer Bauarbeiter, in dem seit Jahrzehnten nur Englisch gesprochen wird. Vom Leben in den türkischen Cafés, in denen kein Wort Deutsch gesprochen wird, hat man als CDU-Politiker ohnehin keine Ahnung.
Berlin wird immer eine Projektionsfläche für den Hass bleiben. Rechtspopulisten sehen hier den Untergang der Bratwurstkultur durch globale Fraternisierung der Jugend. Das Stadtzentrum ist das Einfallstor für alles Fremde und Neue, vor dem man sich schon in den Vororten zu Tode fürchtet. Geschlechtskrankheiten, Mieterhöhungen, Anglizismen – von der Hauptstadt strahlt alles Böse ins Land ab. Traurig, wenn man als Karrierist gezwungen ist, hier zu arbeiten. Hoffentlich muss Spahn in seinem Job als Regierungsmitglied nie Besuch aus dem Ausland empfangen.
Ultravox - Fear in the Western World. https://www.youtube.com/watch?v=DclSrYbSn-E

Kommentare:

  1. Na ja.....
    Ein wenig finde ich es auch blöde, daß hier in D alle denken, Sie müssten sich mit Ihrem schlechten Englisch an alle Besucher ranwanzen.
    Was glauben Sie, was Ihnen ein Kellner in Paris hustet, wenn Sie mit Englisch daher kommen. Im besten Fall gehen Sie halt ohne Kaffee wieder raus. Oder in Rio. Ho Ho. Ohne Portugiesisch keine Chance, nix, nada. Ich könnte jetzt noch viele Weltstädte aufzählen. Kairo z.B. Mit Englisch ? Ha Ha.
    Aber ansonsten klar, Sie haben natürlich recht. Trotzdem ist hier in D Englisch halt die Sprache der Sieger. Fertig aus. Probieren Sie mal in Peking, auf dem Bahnhof ein Zugticket mit Englisch zu ergattern. Ich würde Sie dann filmen. Was ein Spaß !!

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    1. Ich habe mich bereits in Paris, in Rio und in Peking mit anderen Menschen auf Englisch unterhalten. Warum sollte es in anderen Großstädten nicht ebenso möglich sein wie in Berlin?

      Aber als schwäbischer Ingenieur wird man halt überall außerhalb des Spätzle-Ghettos schwer verstanden, lieber Herr Provinz ;o)))

      #Oettinger

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  2. Ich bin durchaus multilingual. Auch normales Lutherdeutsch bereitet mir keine Schwierigkeiten, höchstens in der Schrift.
    Ach, wie soll ich sagen......
    Im Stern beschreiben Sie in der neuesten Ausgabe die tollen Leute, die von aller Welt jetzt in Berlin leben. Schön.
    Ein Ehepaar aus California bemängelte, daß ihre Kinder in der Schule mit Papierkügelchen beschossen worden seien. Schlimm. Nun sind Sie in einer Privatschule, und alles ist viel besser. Nun denn....

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    1. Mit dem STERN kann ich natürlich mit meinen wenigen Jahrzehnten Lebenserfahrung in Berlin nicht mithalten ... Da bin ich immer froh, wenn Hamburger Boulevardreporter ein paar Geschichten zu erzählen haben.

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  3. Jahaha...der Stern ist Wahrheit. Bei einer Auflage von 600000, ( bin auch kurz erschrocken, als ich das in Wiki las ) muss es wahr sein.
    Da kann das Bonetti-Imperium nicht gegen anstinken.
    Also. Kopf senken und demütig sein.

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  4. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  5. Spahn und die AFD ? Röhm-Putsch vergessen?

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  6. Meine Generation ist nun mal "Opfer" eines Kulturimperialismus US Amerikanischer Prägung.
    Das klingt jetzt natürlich gnadenlos nach K-Gruppen Gelaber, ist aber Realität.
    Wir sind alle zu kleinen Amis erzogen worden. Ja wir mussten in der Schule sogar Salinger lesen. Unsere ganze Kultur, Musik, Kleidung, Autos usw. ist stark amerikanisch geprägt. Gut, das stört mich jetzt nicht so sehr, es ist nun mal so. ( Es isch halt so na worra )Verstanden ?
    Nur manchmal, im Ausland, wenn man mit ein paar Leuten, also Locals, irgendwo sitzt, am Feuer, beim Saufen und Essen, und die fangen dann an zu singen, und dann noch ein Lied, und so den ganzen Abend, nur du als Deutscher weißt kein einziges traditionelles Lied, na da fühle ich mich dann schon blöde.
    Weil man uns das alles irgendwie genommen hat, so heimlich still und leise.
    Und es hört ja nicht auf, es geht immer weiter.
    Wie gesagt, wir sind alle kleine Amis.

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