Samstag, 2. September 2017

Ein unerwarteter Abschied

„Wir schätzen unsere Freunde nicht, weil sie uns, sondern weil wir sie zu unterhalten vermögen.” (Evelyn Waugh)
Es war wieder einmal spät geworden, als er nach Hause kam. Er hängte seinen Mantel an die Garderobe und warf die Aktentasche in die Ecke. Dann ging er ins Wohnzimmer.
Barry stand neben seinem Hundekörbchen. Vor ihm lag ein geöffneter Koffer.
„Was machst du da?“ fragte er.
„Wonach sieht es denn aus?“ fragte Barry zurück.
„Warum um alles in der Welt packst du?“
Barry antwortete nicht. Seelenruhig legte er seinen Fressnapf in den Koffer.
„Ist es … ist es wegen dieser läufigen Hündin neulich? Komm schon! Du weißt, wir hätten beide Ärger bekommen, wenn ich dich nicht zurückgehalten hätte.“
„Nein. Damit hat es nichts zu tun.“
Langsam stieg Wut in ihm auf. „Willst du mir eine Szene machen? Soll ich noch ein paar Nachbarn rufen, damit sie die Show miterleben können?“
„Nicht nötig“, sagte Barry, ohne ihn anzuschauen. Er hielt zwei Gummiknochen in die Höhe, betrachtete sie eine Weile und warf einen in den Koffer. Den anderen ließ er achtlos fallen.
„Okay, ich hatte in den letzten Monaten wenig Zeit für dich. Ich habe dir doch von meinem neuen Chef erzählt. Die Abteilung wird umstrukturiert. Wir müssen alle länger arbeiten.“
„Schon klar. Es liegt nicht an dir.“
„Woran zum Teufel liegt es dann? Soll ich anderes Futter kaufen? Soll ich dir ein Filetsteak beim Metzger holen? Sag es einfach!“
Barry sah ihm lange in die Augen. „Ich habe ein besseres Angebot.“
„Ein besseres Angebot? Von wem?“
„Kennst du nicht. Ich gehe nach Stuttgart. Nimm es nicht persönlich, aber ich muss auch sehen, wo ich bleibe. Ich bin jetzt fünf Jahre alt. Ich muss an die Zukunft denken. Irgendwann sprinte ich nicht mehr dreißig Mal am Tag hinter irgendeinem bescheuerten Stöckchen her.“
Der Mann setzte sich in einen Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Ist es okay für dich, wenn ich das restliche Hundefutter und das Lederhalsband mitnehme?“
„Ja, schon in Ordnung. Geht klar.“
Die Schlösser des Koffers klackten. Barry ging zur Tür.
„Mach’s gut.“
„Du auch.“
Talking Heads – Girlfriend is better. https://www.youtube.com/watch?v=-7kL1j_3C0o

Jeremy Mann - Another Night Through Storms

1 Kommentar:

  1. Mich zu verlassen ist dein gutes Recht, warum ich liebe, weiß ich selbst nicht recht.

    William Shakespeare

    ... wie das LEBEN so spielt (ړײ)

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