Donnerstag, 7. September 2017

Ein Fest

„Wenn schon die Erfindung des Schiffes so hoch gelobt wird, das Reichtümer und Güter von Ort zu Ort befördert, so müssten wir umso höher die Bücher preisen, die gleich Schiffen die Meere der Zeit überwinden und weit auseinanderliegende Epochen untereinander an ihrer Weisheit, ihren Erleuchtungen und Entdeckungen teilnehmen lassen.“ (Francis Bacon)
„Das ist Viktor. Er hat einige hervorragende Sachbücher über den Klimawandel und andere ökologische Themen geschrieben.“
Ich nickte ihm mit einem Lächeln zu und hob mein Sektglas. Gleichzeitig fragte ich mich, warum mir Sarah diesen Mann vorstellte. Sie war eine kluge Verlegerin, die nichts ohne Absicht tat. Wollte sie, dass wir zusammen einen Öko-Thriller schrieben? Seit dem Abgang von Wolkenstein, ihrem Bestsellerautor, zur Konkurrenz nach Hamburg, suchte sie nach einer Idee, die ihren Verlag wieder in die Presse und auf die Spiegel-Liste brachte. Oder hatte sie uns nur zusammengebracht, weil wir die einzigen Singles auf ihrer Jubiläumsparty waren?
Ich betrachtete ihr Gesicht. Die kleinen, scharfen Zähne, das Geflecht winziger Falten, das beim Lächeln durch ihr Make-up brach, die feinen grauen Haare an ihren Schläfen, dünn wie Spinnweben. Was hatte sie vor? Mein letzter Berlin-Krimi hatte sich gerade einmal zweitausend Mal verkauft. Damit lag er zwar nicht in den roten Zahlen, was Produktion und Marketing anbelangte, aber wir hatten an dem Buch beide nichts verdient. Nasenwasser, Kleingeld, dazu der jährliche Scheck von der VG Wort.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, sagte Viktor mit einem schlecht gespielten Lächeln. Er war hager, hatte schwarzes Jahr und einen dieser albernen Ziegenbärte, die seit Jahren aus der Mode waren. „Ihr neues Buch spielt im Hausbesetzermilieu in Berlin?“
Nicht ganz. Eigentlich überhaupt nicht. Aber es wäre dumm gewesen, an so einem wichtigen Abend zu widersprechen, während Sarah neben mir stand. Aber sie sagte nur „Ich lasse euch dann mal allein“ und ging zur nächsten Gruppe von Gästen.
„In dieser Stadt gehen die Milieus nie aus, Viktor“, sagte ich und kam mir einfach nur dämlich vor. Es sollte weltmännisch klingen, abgeklärt, ganz der Bonvivant und Künstler. Aber es klang hohl und schal.
Ich musste daran denken, wie Sarah mich vorgestellt hatte: „Das ist Arkadi Durtschagin, ein alter Studienfreund von mir. Er ist kurz nach der Wende aus Russland nach Berlin gekommen. Seine Kriminalromane spielen ausschließlich nachts und bei schlechtem Wetter.“ Was sagte das über mich? Was sagten diese kurzen Beschreibungen über einen Menschen? Drüben am Buffet stand Julian „Cäsar“ Mauck, Feuilletonchef des mächtigen „Berliner Boten“, und unterhielt sich mit Rainer Grunds, dem Leiter des Kulturradios Brandenburg & More. Was wusste ich über diese Menschen? Ich wusste nur, dass ich freundlich zu ihnen sein musste. Und ich wusste, dass ich jetzt gerne zu Hause oder allein an einer Bar wäre.
„Ich habe es hauptsächlich mit dem Wissenschafts- und Politikmilieu zu tun“, erzählte Viktor und trank sein Sektglas leer. Er sah mich beim Sprechen gar nicht an. Er starrte eine junge, blonde Volontärin an, als könne er ihr mit seinen Augen ein Brandzeichen verpassen.
Sie kam mit einem Tablett voller Häppchen näher. „Darf ich den Herren eine Kleinigkeit anbieten?“, fragte sie mit einem perfekten Reklamelächeln.
„Nicht nur eine Kleinigkeit“, sagte Viktor und blickte tief in ihren äußerst großzügig gefüllten Ausschnitt. Er war offensichtlich betrunken und nur wenige Silben von einem Skandal oder doch wenigstens von einer Ohrfeige entfernt.
Ich wäre zu diesem Zeitpunkt gerne gegangen, aber ich konnte mir mit meinen Verkaufszahlen unmöglich solche Freiheiten herausnehmen.
P.S.: Am 2. September war ich zum Sommerfest der Verlage Suhrkamp und Insel und des Literarischen Colloquiums Berlin in eine fette Villa am Wannsee eingeladen. Ich blieb zu Hause und ließ stattdessen ein wenig meine Phantasie spielen.
The Kinks - You Really Got Me. https://www.youtube.com/watch?v=fTTsY-oz6Go

2 Kommentare:

  1. Sie konnten auch nur zu Hause bleiben! Dieses Kulturkackprogramm vom 02.September kann doch kein Mensch mit Humor und einem gewissen Abstand zur Welt ertragen. Ihr E.Brestaux ( siehe 20.30 Uhr: Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot)

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    1. Die Kurkapelle wäre noch das Beste am ganzen Programm gewesen. Wir hatten sie zu meiner Zeit als Kiezschreiber mal zu unserem jährlichen Klangbunkerfestival in den Wedding eingeladen. Aber das restliche Programm sah eher nach Frontalunterricht aus, nicht nach Sommerfest. Und ohne Andy Bonetti ist das alles ohnehin nichts - wer ist schon Durs(t) Grünbein?

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