Samstag, 9. September 2017

Der erste Preis

„Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Es muss schon recht spät gewesen sein. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher und weiß gar nicht mehr, ob ich noch gedankenlos auf den Bildschirm starrte oder schon eingedöst war.
Da klopfte es an meine Wohnungstür. Wer konnte das um diese Uhrzeit noch sein? Ich erwartete keinen Besuch mehr. Eigentlich erwartete ich nie Besuch. Ich saß einfach auf dem Sofa und wartete, bis es aufhörte.
Aber es hörte nicht auf. Es klopfte wieder. Und nach einer Weile ein drittes Mal. Ich wollte zur Tür schleichen, um durch den Spion zu sehen, wer dort war. Aber beim Aufstehen riss ich mit lautem Getöse eine Weinflasche um.
Resigniert ging ich zur Wohnungstür und öffnete sie. Vor mir stand ein korpulenter älterer Herr mit Mantel und Hut. Er hatte Falten wie eine Ziehharmonika.
„Sind Sie Herr Malotzke?“
„Ja“, antwortete ich ihm. „Was wollen Sie von mir?“
Er lächelte mich an. „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben gewonnen.“
„Ich? Das kann nicht sein.“
„Sind Sie nicht Harald Malotzke aus der Kiebigstraße 17?“
„Doch, doch.“
„Sehen Sie. Dann sind Sie der Gewinner des ersten Preises der Firma Habermann & Loschkarowski“, sagte er triumphierend.
„Was habe ich denn gewonnen?“
„Darf ich bitte kurz hereinkommen. Dann kann ich es Ihnen näher erläutern.“
Ich trat zur Seite und bat ihn ins Wohnzimmer. Er setzte sich mit einem kurzen Ächzen auf einen Sessel. Als sein Mantel auseinanderklaffte, sah ich, dass er eine gestreifte Pyjamahose und karierte Filzpantoffeln trug.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte ich ihn, um Zeit zu gewinnen. Ich war misstrauisch geworden. In der Küche konnte ich mich mit einem Steakmesser bewaffnen.
„Champagner wäre angemessen“, sagte er.
„Leider kann ich Ihnen nur alkoholfreies Mineralwasser anbieten.“
Zornesadern zeigten sich auf seiner Stirn, als hätten sich Würmer unter seiner Haut eingenistet. Aber er nickte nur knapp und ich ging zum Kühlschrank.
Als ich zurückkam, hatte er seinen Hut auf den Wohnzimmertisch gelegt und eine Weltkarte ausgebreitet. Er bedankte sich für das Wasser und trank in langen Zügen.
„Wir müssen noch heute Nacht los, Herr Malotzke.“
„Warum? Wohin?“
„Das werde ich Ihnen alles unterwegs erklären. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bitte ziehen Sie Mantel und Schuhe an.“
Das Telefon klingelte. Ich wollte an den Apparat, aber der Mann schüttelte energisch den Kopf. Es klingelte immer noch, als ich die Tür hinter mir zuzog.
Als wir auf die Straße traten, schwebte über uns ein riesiger Zeppelin, von dem eine Strickleiter herabgelassen wurde. Was soll ich Ihnen sagen? Wir waren achtzig Tage unterwegs und diese Reise hat mein Leben verändert.
The Kinks - All Day And All Of The Night. https://www.youtube.com/watch?v=fOGMRnKl5co

Marlon Brandy.

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