Sonntag, 17. September 2017

Billardkugeln in der Dunkelheit

„Von vielen Künstlern lese ich in der Zeitung, sagte mein Vater, von dir nichts.“ (Herbert Achternbusch: 1969)
Wer heute als junger Mensch die Arbeitswelt betritt, macht eine Reise ins Ungewisse. Am Ende des Arbeitslebens wird man so viele Jobs und Projekte gehabt haben, dass man sich durch einen gigantischen Lebenslauf scrollen muss, um auch nur die Stichworte überschauen zu können. Es werden Jobs und Unternehmen dabei sein, die es heute noch gar nicht gibt oder die längst verschwunden sind.
Ständig trifft man neue Leute. Wie Billardkugeln, die im Dunkeln gegeneinander stoßen. Du kommst in ein Projekt und arbeitest mit einem Typen zusammen, mit dem du dich gut verstehst. Der Typ macht sich ein halbes Jahr später mit einem eigenen Projekt selbständig und fragt dich, ob du mit nach Chicago kommst. Jemand anderes geht und es wird eine Stelle im Unternehmen frei, die dich interessiert und auf die du wechseln kannst. Du hast nur wenige Tage, um über alles nachzudenken. Türen öffnen sich, Türen schließen sich. Permanent. Du triffst eine Entscheidung, die im Nachhinein zum Jackpot deines Lebens führt – oder in die Sackgasse. Du weißt es vorher nicht. Öffnen sich in Chicago weitere Türen oder stehst du ein Jahr später mit deiner Gitarre in der U-Bahn und spielst für die nächste warme Mahlzeit?
Ein Leben in Bewegung, die Phasen der Ruhe werden sich oft nur in Monaten messen lassen. Es wird Lücken zwischen Projektabschluss und Projektanfang geben, die man mit Arbeitslosengeld oder einem bedingungslosen Grundeinkommen überbrücken muss. Vollgas und Chill-Out, Arbeit und private Projekte wechseln sich ab. Im Lebenslauf steht dann auch: zwei Monate am Strand in Südfrankreich. Oder: Ich habe zwei Jahre für meine neugeborene Tochter gebraucht und sie mir genommen. Und das muss ohne Hartz IV-Stigmatisierungskeule funktionieren.
Für diese Abenteuerreise brauchst du gute Nerven, Selbstvertrauen und einen Körper, der dich nicht im Stich lässt.
P.S.: Was ist das Schlimmste, das uns im Arbeitsleben passieren kann? Hartz IV – länger als ein Jahr Arbeitslosigkeit. Das ist die Katastrophe. Davor haben wir alle Angst. Ich habe diesen Horror tatsächlich erlebt. Von 2006 bis 2008. War es der Tiefpunkt meines Lebens? Nein, in der Rückbetrachtung war es eine der besten Zeiten, die ich je hatte. Ich habe in dieser Zeit mein wichtigstes Sachbuch geschrieben (2006: die Gandhi-Biographie für Suhrkamp) und meinen ersten Roman (der Anfang 2009 erschien). Unter dem Pseudonym Rondo Delaforce habe ich zwei Bücher mit Kurzgeschichten, Skizzen und Aphorismen veröffentlicht, die der Arbeit am späteren Blog schon sehr nahe kamen: „Die singende Fleischwurst“ (2007) und „Beamtenanwärter in Seenot“ (2008). Außerdem entstand ein zweiter Krimi, den ich erst Jahre später publiziert habe. Ich erfüllte mir einen Jugendtraum und machte als Ostasien-Fan eine dreiwöchige Reise nach China (2007) und eine zweiwöchige Reise nach Japan (2008). Dann bekam ich den Job als Kiezschreiber im Wedding (ab 1.12.2008). Voraussetzung für die Bewerbung war: man musste Hartz IV-Empfänger sein. Ohne diesen Tiefpunkt meiner „Karriere“ hätte ich also diese Stelle nie bekommen, hätte dieses Blog nie gemacht und wäre nicht in die aktuelle Phase meines Lebens gekommen, in der ich so produktiv, so frei und so zufrieden bin wie noch nie zuvor. Hartz IV war das Beste, was mir passieren konnte. Ansonsten wäre vielleicht ein ausgebrannter Hochschullehrer aus mir geworden, der den ganzen herrlichen Stuss auf dieser Internetseite nie produziert hätte.
Yes – Time And A Word. https://www.youtube.com/watch?v=vYwSxZXy_Tk
Quelle: CJ Henry.

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