Montag, 28. August 2017

Mein Leben als Prostituierter

„Wir geben Dingen, von denen man nichts weiß, (…) Namen, die nichts besagen.“ (Eugène Ionesco: Der Einzelgänger)
Nachdem ich verstanden hatte, dass ich als Prostituierter arbeite, fand ich meinen Job völlig in Ordnung. Die Gewissensbisse – ein selten dämliches Wort, das ich in jedem Text eines anderen Autors sofort gestrichen hätte, denn ein Gewissen ist nicht bissig – hörten augenblicklich auf. Ich war nicht erfolglos, ich erbrachte eine Dienstleistung. In gewisser Weise half ich den Menschen sogar. Das gab mir Sicherheit. Seitdem geht es mir gut und mein Geschäft läuft bestens. Ich bin Literaturagent.
Meine Kunden sind ganz unterschiedlich. Was sie verbindet, ist der Glaube, sie wären Schriftsteller. Die Hoffnung auf Erfolg. Die Vorstellung, Talent zu besitzen. Sie könnten nicht falscher liegen. Ich denke, das Hauptproblem liegt in der Schrift selbst. Buchstaben sind abstrakte Symbole. Wenn Sie eine sauber ausgedruckte Seite sehen, erkennen sie nicht auf den ersten Blick, ob der Text gut ist oder nicht. Ein schlechtes Gemälde mit falscher Perspektive und windschiefen Gesichtern können Sie sofort von einem Rembrandt unterscheiden. Eine schlechte Skulptur, wertlose Töpferwaren – kein Thema. Ein Blick genügt.
Aber sie kommen alle zu mir, die zukünftigen Kafkas mit ihrem Weltschmerz, die zukünftigen Agatha Christies mit ihren Serienmördern, die zukünftigen Thomas Manns mit ihrem endlosen Geschwafel über dieses und jenes. An den Wänden meines Büros hängen Gemälde mit den Stationen des Leidenswegs eines Schriftstellers: allein an einem Schreibtisch voller Bücher und Papiere, den Schädel mit der gefurchten Stirn in beide Hände gestützt; das Gespräch mit der Lektorin; die Lesung in einer Provinzbuchhandlung; das Gespräch mit dem Vermieter; allein mit einer Dose kalter Ravioli usw.
Nehmen wir Jonas Kolb als Beispiel. Der Mann ist Mitte vierzig und arbeitet am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Er ist Single, hat eine Katze und wohnt in Berlin-Karlshorst. Nicht weit weg von der Innenstadt, aber weit genug, um ein langweiliges Leben zu führen. Er bastelt also an seinem Traum von einer anderen Existenz. Sein Held ist auf einem holländischen Handelsschiff im 18. Jahrhundert unterwegs und erlebt exotische Abenteuer im Orient und auf den Gewürzinseln im heutigen Südostasien.
Zum vereinbarten Termin erscheint er mit einem guacamolefarbenen Sportsakko, einer Aktentasche voller Manuskriptseiten und einem hochroten Kopf. Er ist nervös und nachdem ich ihm die nasskalte Hand geschüttelt habe, beginnt er, aus seinem neuesten Kapitel zu lesen. Zunächst schwitzt er wie ein altes Käsebrötchen. Nach einigen Minuten wird er ruhiger und am Ende einer Stunde sehe ich, wie gut ihm die Lesung getan hat. Ich lobe ihn, mache ihm Mut und gebe ihm einige wertvolle Tipps, wie er eine spannende Szene, beispielsweise den Piratenangriff vor Sumatra, noch zuspitzen, den Plot noch ausbauen oder einer Figur mehr Tiefe geben kann. Wir diskutieren noch ein bisschen und ich weiß: Jonas Kolb wird wiederkommen. Er lässt mir jedes Mal fünfzig Euro da und ich entlasse ihn mit dem Versprechen, es sei überhaupt kein Problem, einen solchen Roman bei einem Verlag unterzubringen. So geht es seit zwei Jahren. Er ist so dumm und freundlich wie ein Dalmatinerwelpe.
Dann gibt es die alten Männer mit ihren Memoiren. Jeder alte Mensch denkt natürlich, seine Lebensgeschichte sei es wert, für die Nachwelt erhalten zu werden. Ich füttere ihre Eitelkeit und kitzele in jedem Gespräch neue Episoden ihres fabelhaften Daseins als Lohnbuchhalter oder Heizungsmonteur heraus. Ich höre scheinbar aufmerksam zu und tippe irgendwas in meinen antiken Computer. Sie zahlen bar und verlangen keine Rechnung. Fünfhundert oder tausend Euro. Ich biete in ihrem Namen diversen Verlagen das Manuskript an. Das erzähle ich ihnen zumindest. Sie rufen gelegentlich an, grämen sich über die Absagen und geben nach einem halbem Jahr schließlich auf.
Schwierig sind die Lehrerinnen mit ihren Gedichten, von denen sie glauben, sie wären tiefsinnig. Sie sind geizig und misstrauisch, ich nenne sie Neurosenbomben. Wenn diese Frauen nur ein wenig Ahnung vom Literaturmarkt hätten, würden sie wissen, dass mit Lyrik kein Geld zu verdienen ist. Oft sind es nur klägliche Anzahlungen von zweihundert Euro, für die ich mit blutenden Ohren bezahle, weil sie jede Woche anrufen und nicht verstehen können, warum ausgerechnet ihre „Ode an den Pfirsich“ noch nicht veröffentlicht ist.
Am schlimmsten sind die selbsternannten Künstler, die alles aufgegeben haben, um den großen deutschen Roman des 21. Jahrhunderts zu schreiben. Es sind Fanatiker und im Regelfall sind sie pleite. Ich bin ihre letzte Hoffnung und ich leide, wenn ich ihre spärlichen Zahlungen entgegennehme, weil ich weiß, dass diese Menschen teilweise von Leitungswasser und Toastbrot leben, während sie über das Scheitern in der modernen Großstadt schreiben. Oft sind es junge Männer. Eigentlich sind es nur junge Männer.
Nur einer dieser jungen Männer ist anders: Johann Witzleben. Sein Vater unterstützt das Künstlerleben seines hoffnungsvollen Abkömmlings in Berlin mit üppigen Überweisungen. Ein Zahnarzt in Marburg kann sich das leisten. Der alte Witzleben wollte selbst einmal Künstler werden, musste aber die Praxis seines Vaters übernehmen. Johann bezahlt praktisch meine Miete. Dafür liefert er glücklicherweise selten Texte und darunter ist auch wirklich nichts Brauchbares. Er hat dieses optimistische Lächeln, das man von gezeichneten Köchen auf Lieferpizzakartons kennt. Seinem Vater schreibe ich regelmäßig Briefe über die Fortschritte seines Sohnes und meine Bemühungen bei bekannten Verlagshäusern. Johann zieht derweil durch die Berliner Clubs und versäuft das Geld der Familie. Er ist klug genug, dieses Arrangement zwischen uns zu begreifen, gleichzeitig verfügt er aber über die Diskretion, es nicht offen anzusprechen.
Ich bin ein Prostituierter. Solange die Kunden mich bezahlen, erfülle ich ihnen ihre Wünsche und Träume. Eine kurze Frage am Ende: Schreiben Sie?
Extrabreit – Ruhm. https://www.youtube.com/watch?v=RPMyjJKx8t4

3 Kommentare:

  1. Bei der Gelegenheit: Könntest du dir mal meinen großen Familienroman über eine Magerkäse-Dynastie in der Uckermark des 17. Jhd durchsehen? Da sollte man noch ein paar todsichere Gags einbauen.

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  2. Großer Familienroman? Da bekommst du einen Mengenrabatt.

    Ansonsten gelten die üblichen Preise: pro Gag ein Kasten Bier, todsichere Gags kosten zwei Kästen.

    Um die Bundesregierung nicht zu provozieren, sollte der Roman vielleicht nicht in der Uckermark spielen. Lothar die Barriere und Haiku Mars sind im Augenblick recht flott mit den Verboten. Wir siedeln die Saga bei den Bergschwaben im Allgäu an, okay?

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    1. "Die Entdeckung des Weißlackers". Wie gemacht für die Bestsellerliste. Du bist dein Geld wert, Baby!

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