Dienstag, 22. August 2017

Domina Sinistra

„Seine Hauptbeschäftigung hatte darin bestanden, Opern anzuhören und aus den Zeitschriften Bilder mit Essen auszuschneiden, die er dann auf Pappteller klebte.“ (Tama Janowitz: Slaves of New York)
Die Sonne war gerade untergegangen und ein ganzes Heer hohläugiger Gestalten, die gerade ihrer Bürogruft entstiegen waren, wankte mir auf dem Bürgersteig entgegen. Asphaltgraue Gesichter, betongraue Anzüge, staubgraues Haar.
Dann sah ich Dave. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr getroffen. Er hatte etwas Reptilienhaftes und sein Schädel wirkte deformiert, als würde er aus lauter Beulen bestehen. Seine müden, alten Augen lagen in zwei Trichtern voller Falten. Das Haar war schütter geworden und hatte das Weiß von angeschimmeltem Brot. Ich hatte ihn noch nie mit einer Aktentasche gesehen, immer nur mit der Bierflasche in der Hand. Er ging an mir vorüber, ohne mich zu erkennen. Halluzinierte ich diesen Tag nur? Er wirkte so unecht. Als ob ich zwei Nächte nicht geschlafen hätte.
Endlich erreichte ich das Atelier von Domina Sinistra. Ich war erleichtert. Sie hatte ein riesiges Loft mit einer majestätischen Fensterfront, von der aus man die ganze Stadt sehen konnte. Ich kletterte die ausgelatschten Stufen in den vierten Stock hinauf und hämmerte an die Stahltür.
Sie öffnete, eine Zigarette im Mundwinkel, und grinste nur, als sie mich sah.
„Das ist der einzige Sport, den du machst, oder?“
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Alles, was ich brauche, ist ein Kaffee und fünf Minuten zur Erholung.“
Im Loft waren einige meterhohe Leinwände mit unfertigen Gemälden verteilt. Tische und Stühle, die mit Farbe beschmiert waren. Lappen, Pinsel, Spachtel. Auf dem Boden lagen einige Skizzen von Shampooflaschen. An der Wand war eine Küchenzeile mit einer klobigen großen Kaffeemaschine, die fauchte und Feuer spie. Ich machte mir einen doppelten Espresso und ging zu Domina Sinistra hinüber.
„Ich habe gerade Dave gesehen. Malt er nicht mehr?“
„Dave ist erloschen. Sein Leben plätschert dahin wie eine kaputte Toilettenspülung.“
„An was arbeitest du gerade?“
Sie deutete auf eine der Leinwände. „An einem Porträt der Göttin der Habsucht.“
Auf dem Bild war das furchtbar entstellte, gelbliche Gesicht einer alten Frau zu sehen, mit zornig zusammengezogenen Augenbrauen und gefletschten grauen Zahnruinen. Sie streckte dem Betrachter eine knochige Hand mit krallenartig gekrümmten Fingern entgegen.
Würde das Bild je fertig werden? Domina Sinistra ließ sich nur selten in der Galerie blicken, die sich um den Verkauf ihrer Bilder kümmerte. Sie weigerte sich, mit vermögenden Sammlern zu sprechen, die sie gerne kennengelernt hätten. Sie lieferte die versprochenen Bilder für Ausstellungen in New York oder Madrid nicht ab. Sie verpasste Interviewtermine und vergaß grundsätzlich alles, was man ihr sagte. Wir alle fragten uns, wovon sie eigentlich lebte, aber sie tat es und sie tat es mit Stil.
„Wusstest du, dass Zombies die Herrschaft über Berlin an sich gerissen haben?“ Ich schilderte ihr die Szene auf der Straße.
„Schätzchen, die Zombies haben schon vor zwanzig Jahren die Herrschaft übernommen. Sie trennen sich nur gerade von ihrer Verkleidung.“
Ich trat ans Fenster. Die ersten Tropfen fielen lautlos aus dem grauen Himmel und ließen sich behutsam auf der Scheibe nieder.
Domina Sinistra hatte Unmengen wildes schwarzes Haar, ihr verschmierter Lidschatten hatte die gleiche Farbe. Sie trug ein weites, knöchellanges Kleid, das nur aus Farbflecken zu bestehen schien. Hatte sie es so gekauft oder war es während ihrer Arbeit so geworden?
„An was schreibst du gerade?“
Ich grinste sie listig an. „Eine Serie von Künstlerporträts. Arbeitstitel: ‚Du bist mehr, als du von dir wissen kannst‘.“
Ihr Champagnerlachen perlte zur Decke hinauf. „Dann muss ich dir Sophia vorstellen. Sie arbeitet gerade an einer Operette über den Weltuntergang. Sie war es, die damals am Hauptbahnhof den Informationsschalter für moderne Kunst eröffnet hat.“
Mit der melancholischen Würde eines alt gewordenen Grandseigneurs – diese Rolle spiele ich am liebsten – zog ich umständlich mein ledergebundenes Büchlein aus der Brusttasche und notierte mir die Telefonnummer der Künstlerin.
Depeche Mode – Sacred. https://www.youtube.com/watch?v=jNXSHrhJekU

3 Kommentare:

  1. Tama Janowitz hab ich in den 80ern gelesen, Großstadtsklaven. gutes buch. "Ich war in eine Wohnung im Fleischmarktviertel gezogen; es gefiel mir. Die Straßen waren voller Pfützen und Knochen und einer besonderen Sorte fleischfressender Tauben, die wie Aasgeier in der Gegend rumhockten und Knorpel- und Fettstücke aufpickten."

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    1. Ich hab es damals auch gelesen und neulich in Berlin wieder aus dem Regal gezogen. Aber Schweppenhausen ist halt nicht New York, es ist noch nicht mal Solingen ...

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    2. Prima Text, der in mir Bilder weckt und ein Grinsen in mein Gesicht ruft. Außerdem erinnert mich Domina an zwei Künstler die ich kennenlernen durfte, beide auch sehr speziell.

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