Freitag, 25. August 2017

Das Virus

„Worauf sollen wir ein Wissen oder eine Moral gründen? Keinesfalls auf Unwissenheit, und wir stecken ganz und gar in Unwissenheit, wir haben als Ausgangspunkt, als Fundament nur das Nichts.“ (Eugène Ionesco: Der Einzelgänger)
Ein letzter Augenblick der Einsamkeit. Er saß auf der Toilette eines Fast-Food-Restaurants, der Deckel war heruntergeklappt. Durchatmen. Er öffnete die winzige silberne Dose, tupfte mit dem angefeuchteten Zeigefinger hinein und rieb sich das Kokain ins Zahnfleisch über den Scheidezähnen.
Die Konferenz fand in einer CIA-Zentrale tief in den Eingeweiden von London statt. Ein Typ in Uniform hatte eine Ansprache gehalten, aber er hatte nicht zugehört. Um den ovalen Konferenztisch waren einige Kollegen versammelt, die er von Tagungen zum Thema Pandemie kannte. Warum hatte man sie alle zusammengerufen?
Eine Wissenschaftlerin aus Chile hielt einen Vortrag über Patienten, die in ihrem Land von diesem neuen Virus befallen worden waren. Sie waren ans Bett gefesselt und redeten permanent, obwohl ihnen starke Beruhigungsmittel verabreicht wurden. Es war verstörend, ihrem Zappeln und Schreien zuzusehen.
Ein zweiter Vortrag begann. Der Ursprung der Krankheit. Kalifornien. Patient Null. Mitarbeiter einer IT-Firma. Spezialisiert auf die Entschlüsselung von Informationen. Jemand, der durchgehend am Computer saß oder sein Smartphone benutzte. Sein Datenarmband sendete seinen aktuellen Blutdruck und seinen Puls an seinen eigenen Computer und an das System seiner Krankenkasse.
Der nächste Vortrag war von einem Virologen. Er konnte den versammelten Wissenschaftlern und Geheimdienstmitarbeitern erklären, welches Virus verantwortlich war. X-99 war ein radioaktiv bestrahltes Virus, das sich rasend schnell verbreitete. Über den Hersteller gab es nur Mutmaßungen. Vielleicht war es eine Firma im Silicon Valley, da sich Patient Null dort infiziert hatte. Oder es waren die Russen. Oder die Chinesen.
Danach kam ein Sozialwissenschaftler zu Wort. Die Infizierten würden in immer schnellerer Geschwindigkeit Informationen von sich geben, bis sie kollabierten. Bisher gäbe es offenbar kein Heilmittel. Die Kranken könnten nicht schnell genug isoliert werden, weswegen sich der Virus im Augenblick rasend schnell über die ganze Welt ausbreiten würde. Die Oberschicht habe sich bereits in ihre Refugien zurückgezogen, aber die Bewohner großer Städte seien der Gefahr praktisch schutzlos ausgeliefert.
Am Ende sprach ein Politiker der Regierungspartei. Er warnte vor dem Kontrollverlust durch die Seuche. Angestellte würden endlos telefonieren und massenhaft Mails verschicken. Die Menschen würden bis zur Erschöpfung im Netz kommentieren, sie überschwemmten Amazon und andere Versandhändler mit Bestellungen, buchten tägliche Dutzende Reisen, riefen ständig in Ministerien und Fernsehsendern an. Es seien kaum noch nützliche Informationen zu bekommen, da auch die Redaktionen völlig durchgedreht seien.
Nach der Konferenz fuhr er nach Hause und packte die Koffer. Am nächsten Morgen würde er volltanken und mit seinem Wagen zu einem Freund in den Norden fahren. Ein Schriftsteller, der selten das Haus verließ. Dort würde er in Ruhe die Katastrophe abwarten.
The Dirtbombs - No Expectations. https://www.youtube.com/watch?v=WuyzHnY31gc

3 Kommentare:

  1. Genau so fühle ich mich gerade.
    Können Sie mir helfen ?
    Saufen alleine hilft nicht.

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  2. Tipp: Heute so früh wie möglich Feierabend machen und in einer ruhigen, netten Waldgaststätte ein Jägerschnitzel mit Pommes frites bestellen. So mache ich es heute ;o)

    P.S.: Saufen alleine hilft nicht - aber es hilft.

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  3. Per se ein guter Plan.
    Werde aber heute auf ein Fußball-Festival gehen.
    Heute erst mal 11-Meter Tournier und dann Musik, mit Bier und mal sehen.
    Als Zuschauer.
    Dann morgen Gruppenspiele und abends Musik und Bierzelt u. s. w..
    Dann Sonntag div. Finale und Finale und Bierzelt und ...äh...ja.
    Montag Urlaub.
    Das wird gehen.

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