Freitag, 18. August 2017

Bonetti meets Gysi

„Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie. Die Tat wurde ruchbar. Der Mensch wurde verhaftet. Eine Wurst wurde noch gefunden. Die Empörung war groß.“ (Friedrich Dürrenmatt: Die Wurst)
Kinder, nee, was erlebt man nicht alles auf seine alten Tage, wenn man mal nach Berlin fährt.
Ich begab mich am späten Vormittag von Wilmersdorf nach Köpenick, um der dortigen Schlossplatzbrauerei einen Besuch abzustatten. Eine kleine Weltreise. Im Prinzip falle ich am Schlossplatz aus der Tram und bin sofort in der winzigen Brauereigaststätte, vor der einige Tische und Stühle stehen.

Hier gibt es Bier nach einem jahrtausendealten babylonischen Rezept, das bei Ausgrabungen gefunden wurde. Es schmeckt übrigens ausgezeichnet – hätte ich gar nicht erwartet. Es gibt noch andere historische Biere aus der alten Preußenzeit und das hauseigene Helle kostet nur 2,60 den halben Liter.
Es ist Markt auf dem Schlossplatz. Nach dem ersten Bier entdecke ich einen fränkischen Wurststand und genehmige mir ein Paar Weißwürste. Eine Viertelstunde später sitze ich in einer gemütlichen Runde mit dem Wurstverkäufer, der seinen Stand auch vom Kneipentisch gut im Auge hat, einem Lkw-Fahrer und zwei anderen Herren im gesetzten Alter zusammen. Hier in Köpenick wird noch richtig berlinert. Gelegentlich gesellt sich auch der Mann vom Brotstand für ein Baby-Weizen zu uns.
Dann passiert es: Gregor Gysi betritt mit einem Mitarbeiter die Szene. Keiner quatscht ihn dumm an, er ist gut gelaunt und genehmigt sich erst mal ein Bierchen. An den Tischen kein schlechtes Wort über ihn, alle scheinen ihn hier zu mögen. Von allen prominenten Politikern ist er auch mir am sympathischsten. Gebe ich gerne zu. Wegen ihm habe ich mal die Linken gewählt.
„Trinkt nicht so viel, es ist noch früh am Tag“, ruft er unserer Runde mit einem breiten Grinsen zu. Dann entdeckt sein Mitarbeiter den Weißwurststand. Während er neben uns ein Paar Würste futtert, plaudert Gysi gelassen mit dem Wurstverkäufer. Er isst nichts, erzählt aber, er würde am liebsten „ortsgebunden“ essen und trinken. Kölsch trinkt er nur in Köln, Weißwürste isst er nur in Bayern usw. Zum Abschied winkt er ins Lokal, alle lächeln und nicken ihm freundlich zu. Dann schlendert der Kanzler der Herzen weiter über den Markt.
Gregor Gysi weiß vermutlich bis heute nicht, dass er Andy Bonetti getroffen hat.
Beach Boys – Darlin’. https://www.youtube.com/watch?v=sJ-CHtccbGE

Quelle: Radikale Heiterkeit.

4 Kommentare:

  1. jetzt haben wir sie, die Bananenrepublik.

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    1. Ohne die verfluchte Einheit würde es heute Westdeutschland (das blechen musste) und Ostdeutschland (das zerstört wurde) wesentlich besser gehen.

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  2. Wenn du dir das nächste Mal eines meiner Bilder ausborgst, wäre zumindest eine Quellenangabe nett.

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