Donnerstag, 22. Juni 2017

Medien meiden

„Die Zeit schien aufgehoben zu sein – sie war nicht mehr ein Strom, der aus dem Dunkel kam und ins Dunkel ging -, sie war ein See, in dem sich lautlos das Leben spiegelte. (…) Ich spürte den weichen Glanz der ersten Trunkenheit, der das Blut wärmer machte und den ich liebte, weil er über das Ungewisse den Schein des Abenteuers breitete.“ (Erich Maria Remarque: Drei Kameraden)
In meiner Jugend war es ein Traum, als Journalist zu arbeiten. Irgendwo auf dem Balkan oder im Kongo gab es einen Putsch oder einen Krieg und der Herausgeber schrie: „Bringt mir meinen besten Mann!“ Der verwegene Held der Informationsgewinnung fuhr am nächsten Tag mit dem Orientexpress oder dem Postdampfer ins Krisengebiet. Er hatte nichts im Gepäck als seinen gesunden Menschenverstand, den Mut, jederzeit die Konkurrenz und den eigenen Vorgesetzten hinters Licht zu führen, einen Tropenhelm, eine Flasche Whisky und sein Notizbuch nebst allwettertauglichem Schreibwerkzeug.
Ausgestattet mit einem Spesenkonto, das für monatelange Recherchen inklusive satter Bestechungsgelder und römischer Bacchanalien ausreichend gefüllt war, begab er sich in fremde Länder und verschaffte sich durch zahlreiche Gespräche, ausgehend vom Botschafter seines Landes über Hotelmitarbeiter, Zufallsbekanntschaften in Kneipen und Prostituierte, exklusive Informationen, die er nachts mit einer Zigarette im Mundwinkel auf seiner Reiseschreibmaschine abtippte und am nächsten Tag per Telegramm an seine Redaktion weitergab.
Die Konkurrenz von anderen Zeitungen kannte unser Journalist natürlich, denn es gab in den Krisengebieten meistens nur ein oder zwei Hotels, in denen sämtliche Vertreter der Weltpresse logierten und sich abends an der Bar gegenseitig aushorchten. Gab es tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zu vermelden, stellte man die Plünderung des Spesenkontos zurück und rannte zum Telegraphenamt, wo man den zuständigen Beamten bestach, die eigene Meldung zuerst zu senden, damit die eigene Redaktion mit der Meldung schon in der Abendzeitung glänzen konnte, während die konkurrierenden Blätter erst mit der Morgenausgabe nachziehen konnten.

Noch in den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden Edelfedern mit üppigen Spesen auf Reisen geschickt, von denen sie – oft erst nach einigen Monaten mit Kaviar, Champagner und Kokain – mit exklusiven Reportagen zurückkehrten, die sie in keiner anderen Zeitschrift lesen konnten. Das alles ist vorbei. Wie ist es heute? Heute ist der Journalismus längst vor die Hunde gegangen.
Die Nachrichtenagenturen liefern an alle Redaktionen weltweit denselben Stoff, der in allen Sendungen und Zeitungen gleich klingt. Wie berichtet eine ehemals renommierte Nachrichtensendung über ein Ereignis? Nehmen wir Kairo als Beispiel. Der Auslandskorrespondent wird in die ägyptische Hauptstadt geschickt. Sein Flugzeug landet eine dreiviertel Stunde, bevor er live in der Sendung über ein Ereignis berichten soll. Nennen wir den Moderator dieser Sendung Pattex-Claus. Der Journalist hat natürlich keine Möglichkeit, in dieser kurzen Zeit irgendwas vor Ort zu recherchieren. Also ruft er in der Redaktion an und lässt sich erzählen, was in Kairo los ist und was er sagen soll. Warum lässt man den Mann nicht gleich zu Hause und bringt den aufgesagten Text vor einer Fototapete mit den Pyramiden?
Alles hängt heute an den Augen und Ohren einer Handvoll Agenturen, die mit Informationen handeln. Die Medien selbst sind taub und blind, aber leider nicht stumm. Alle erzählen die gleichen Geschichten und versuchen nur noch, sich durch Lautstärke und Verbreitungsgeschwindigkeit voneinander zu unterscheiden. Wir haben keine Meinungsvielfalt mehr, nur noch Medienvielfalt. Wo sind die Experten, die als Korrespondent lange Jahre in einem Land leben, dessen Sprache sie verstehen, die Stimmungen und Meinungen an Originalschauplätzen wahrnehmen können, die in Hintergrundgesprächen oder meinetwegen auch in Kaffeehausbesuchen den Rohstoff Information an seiner Quelle ernten und ihn in gut geschriebenen Reportagen vermitteln? Die Redakteure der heutigen Zeit wissen nichts mehr über die Welt außerhalb ihres HighTech-Bunkers. Und wir auch nicht.
The Psychedelic Furs – Heaven. https://www.youtube.com/watch?v=4G_CAYf-itw

Kommentare:

  1. Hihihi : Pattex - Claus :-) Aber sei vorsichtig, der ist Mitglied bei Pacific Tunnel e.V.
    Unvergessen sein Interview mit Siemens Joe.

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  2. Information ist genauso versteckt wie vor 30 Jahren. Sie ist nur scheinbar billiger zu bekommen heute. Darauf sind die Medien reingefallen. Müllabfuhr trifft es gut.

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