Donnerstag, 12. Mai 2016

Scheiß-Millionäre

„Das Gebot, das Alter zu ehren, stammt aus Epochen, als hohes Alter eine Ausnahme darstellte.“ (Max Frisch: Tagebuch 1966 – 1971)
Uwes Vater ist einer dieser Selfmade-Millionäre, die mit einem geradezu pharisäischen Selbstbewusstsein und einem Imponiergehabe ausgestattet sind, das selbst einen brünstigen Gorilla beschämen würde. Er sollte mich an diesem Morgen nur zum Bahnhof fahren, aber schon in seinem sündhaft teuren Mercedes (mit „Magic Body Control“) ließ er sich eine Viertelstunde über die Sitze aus, natürlich Spezialanfertigungen, und ich wurde hinauf und hinunter, vor und zurück bewegt, als säße ich auf einem Friseurstuhl.
Dann hielt er bei einem Optiker und ich musste ihn begleiten, als er ein 1200-Euro-Fernglas kaufte. Während er die Zweihundert-Euro-Scheine auf den Tresen legte, die er in einen Schweizer Pass gelegt hatte, um mir zu zeigen, dass er es aus unserem mickrigen kleinen Ingelheim bis an die Futtertröge der Basler Pharmaindustrie geschafft hatte, erläuterte er mir die Freuden der Jagd, deretwegen er dieses Fernglas unbedingt brauche. Und kurz vor dem Bahnhof lud er mich tatsächlich zu einer Tasse Kaffee bei Starbucks ein, um mir genau zu erläutern, wie er damals seine ersten Millionen gemacht hat. Mit List und Tücke gelang es mir, mich von ihm zu verabschieden. Den restlichen Weg zum Bahnhof bin ich gelaufen.
Ich habe diesen selbstgerechten Emporkömmling aus Thüringen, den es in den fünfziger Jahren nach Ingelheim verschlagen hat, nie wieder gesehen. Wahrscheinlich sitzt er gerade in seinem Landhaus in der Bretagne und lässt sich von seiner dritten oder vierten Frau einen blasen, während er die Börsenkurse auf dem Live-Ticker verfolgt. Denn er musste mir selbstverständlich noch erzählen, dass er bei der Pleite der Lehman Brothers viel Geld verloren habe und seinen Rechtsanwalt auf die Sache angesetzt habe.
Wie habe ich nur das Abendessen mit diesem Mann überstanden, ohne mit beiden Händen seine Kehle zu umklammern und dann langsam – nein: schnell! – zuzudrücken? Woher habe ich Ruhe und die Sanftmut eines Lammes genommen, als er nach der Keule des selbsterlegten Wildschweins den Calvados eingoss und uns erzählte, jedes Gläschen dieser Spirituose sei zwanzig Euro wert? Habe ich es Uwe und seiner Frau zuliebe getan? Oder weil man nur mit Geduld zu diesen netten kleinen Geschichten kommt, die mir Jahre später wieder einfallen, um sie genüsslich aufzuschreiben?
Morrissey - The More You Ignore Me, the Closer I Get. https://www.youtube.com/watch?v=cZFd5w_IoBQ

Andy Bonetti musste sich von ganz unten hocharbeiten.