Dienstag, 9. Januar 2018

Wie die deutsche Einheit vergeigt wurde

„Allein, in mich versenkt, durch ödes Land,
die Schritte messend, geh ich langsam hin
und richte meinen furchtbereiten Sinn
auf jede Fußspur, die mich schreckt im Sand.“
(Francesco Petrarca)

Ich habe gerade in einem alten SPIEGEL, der im Sommer 1991 erschienen ist, eine aufschlussreiche Meinungsumfrage gelesen, die unter West- und Ostdeutschen durchgeführt wurde. Im Vergleich zur Umfrage, die der SPIEGEL im Herbst 1990 in Auftrag gegeben hatte, als die Wiedervereinigung staatsrechtlich vollzogen wurde, erkennt man schon ein klares Bild, das sich bis heute erhalten hat: Schon kurz nach der Hochzeit war der Lack ab und so ist es bis heute geblieben.
Es beginnt schon bei der politischen Schwerpunktsetzung. Für den Wessi auf Platz 1 von 18 Themen: Umweltschutz. Gleichheit der Lebensverhältnisse in Ost und West kommt erst auf Platz 16, Schlusslicht ist „Gleichberechtigung der Frau“ – auch sehr aufschlussreich. Bei den Ossis kommt die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf Platz 1 und die Angleichung der Lebensverhältnisse auf Platz 7.
Als „zufrieden“ oder „völlig zufrieden“ mit ihrem Leben bezeichnen sich nur 34 Prozent der Ostdeutschen, aber 68 Prozent der Westdeutschen. Nur noch 20 Prozent der Ostdeutschen glauben im Sommer 1991, dass die Verhältnisse in Westdeutschland sozial gerecht seien. 42 Prozent von ihnen sagen, es ginge nur einer Minderheit in der ehemaligen DDR besser als vorher, 15 Prozent sagen es ginge den meisten Menschen besser. Dieser Lernprozess ging sehr schnell.
Unglaubliche 52 Prozent in den „neuen Bundesländern“ sind zu diesem Zeitpunkt bereits einmal von einem Westdeutschen „übers Ohr gehauen“ worden. Als es bei offenen Fragen über die Beschreibung des jeweils anderen Deutschen geht, fallen harte Worte. Der Wessi sei überheblich, behandle den Ossi „fast wie Ausländer“, wolle vom Osten rein gar nichts lernen, habe eine schlimmere Bürokratie als in der früheren DDR, er sei raffgierig, geizig, materialistisch, egoistisch und ein eitler Selbstdarsteller. Der Ossi sei – aus Westsicht – phlegmatisch, habe hohe Ansprüche, sei unsicher, altmodisch, voller Selbstmitleid und ein ewiger Nörgler.
Hat sich eigentlich seit 1991 etwas Wesentliches am Verhältnis zwischen Ost und West geändert? Dazu kommt das Versprechen Kohls von den „blühenden Landschaften“. Nach Auffassung des damaligen Bundeskanzlers sollte das vier Jahre dauern, nach der Volksmeinung im Osten acht Jahre. Die Menschen, die auf Jobsuche in den Westen gezogen sind, rechneten im Schnitt mit zehn Jahren. Das war vor 27 Jahren. Es ist seither nicht viel besser geworden. Die Familie hat sich nichts mehr zu sagen. Aus Trotz wählte man im Osten lange die Linken, jetzt die Rechten. Es gibt wenig Hoffnung auf ein echtes Miteinander.
Es erinnert mich an die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen 2015. Wenn es um die kurzfristige Hilfe geht, um zeitlich überschaubare und schnell abgeschlossene Projekte, sind viele Deutsche euphorisch und hilfsbereit. Wenn es aber um langfristige Entwicklung geht, also um die Integration der Flüchtlinge, der DDR oder der früheren Gastarbeiter, fällt es vielen Leuten offenbar schwer, die nötige Geduld aufzubringen.
Es ist wie in der Hornbach-Werbung. Wir machen gerne Projekte. In den Baumarkt fahren, Material und Werkzeug besorgen, ein Wochenende oder zwei arbeiten und dann das Ergebnis sehen. Deswegen zeigt sich Deutschland in Fällen wie der Oder-Flut auch von seiner besten Seite. Menschen helfen, aufräumen, Häuser reparieren – und fertig ist die Laube. Langfristige Projekte erfordern langfristige Veränderungen, auch bei uns selbst. Das können wir nicht. Wir wollen uns gar nicht ändern (#Leitkultur), sondern möglichst schnell wieder unsere Ruhe. Das haben Ost- und Westdeutsche immerhin gemeinsam.
In: Spiegel 31/1991, S. 41ff.
Laurie Anderson - O Superman. https://www.youtube.com/watch?v=Vkfpi2H8tOE
Wie Ossis die Wessis gesehen haben:

Wie Wessis die Ossis gesehen haben:

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