Mittwoch, 31. Januar 2018

Die Bundesliga der Benachteiligten

Der Konkurrenzkampf im Kapitalismus ist gnadenlos. Das gilt nicht nur für Konzerne und Fußballvereine, das gilt auch für die Benachteiligten unserer Gesellschaft. Ich gestehe freimütig, wie neidisch ein gesunder, wohlhabender, heterosexueller, weißer Mann mit Ariernachweis inzwischen auf diverse Randgruppen ist. Kann ich als Don Alphonso von Schweppenhausen wirklich noch unbeschwert meine Privilegien genießen?
Auf Platz 1 der Bundesliga sind derzeit die Frauen. Es ist geradezu ein Glücksfall, dass wir mit Dieter Wedel endlich den Harvey Weinstein der deutschen Medienbranche gefunden haben. Dieser Schatz wird gerade gehoben, wir erleben die Geburt einer Dauerstory für die erste Seite. Sonst wäre doch die coole US-Debatte um #metoo ganz an uns vorübergegangen.
Dazu, quasi als flankierende Maßnahme, steht an der Wand einer Berliner Hochschule ein spanisches Gedicht, das urplötzlich die Frauen sexuell belästigt, die das Gebäude betreten wollen. Das Ende der gemischten Sauna steht unmittelbar bevor. Gäbe es für den Distinktionsgewinn der Frauen gegenüber den Männern nicht lohnendere Objekte als die Lyrik am Arsch der Heide in Hellersdorf?
Der Kampf um Einschaltquoten und Fördermittel ist unglaublich brutal. Da ist für Holocaust-Opfer trotz aktuellem Gedenktag nicht viel drin. Antisemitismus, das reicht vielleicht für einen Platz in der Europa League, aber nicht für die Tabellenspitze. Fragt die Linken, fragt die Rechten, die Antwort ist klar: Israel ist schuld. Du kannst nicht gleichzeitig Opfer und Täter von Diskriminierung sein. Zu kompliziert. Verkauft sich nicht.
Auch die Migranten, die täglich von Deutschen beleidigt, bespuckt und verprügelt werden, haben es derzeit schwer, nachdem sie 2015 noch ganz vorne gewesen waren. Was muss passieren, damit die Medien ihre Konfettikanonen wieder in ihre Richtung schwenken? Ein brennendes Asylantenheim mit zwanzig Toten? NSU reloaded? Ihr müsst da einfach mal mit einer fetten Story rüberkommen, Schwestern und Brüder aus Anatolien und Afghanistan!
Ganz still ist es um die Behinderten geworden. Abstiegsplatz. Vergessen. Die Armen sind auch ganz unten, die wenigen pflichtbewussten Artikel über Hartz IV-Empfänger bringen einfach keinen Umsatz mehr. Frauen sind schließlich eine riesige und werberelevante Zielgruppe. Fünfzig Prozent der Bevölkerung. Das schlägst du nicht.
Neu in der Bundesliga sind die Transgender-Menschen. Sie sind die Aufsteiger der Saison. Mit Giuliana Farfalla im diesjährigen RTL-Dschungelcamp sind sie endlich im Mainstream der Gesellschaft angekommen. Mehr davon. Auch die Homosexuellen hatten mit der „Ehe für alle“ einen sensationellen Erfolg und halten sich seit Jahren weit oben in den Betroffenheits-und Mitleids-Charts.
Abgestiegen sind die Opfer der vorläufig letzten deutschen Diktatur. Im Osten mag es noch irgendwo Parkplätze für die „Opfer des Stalinismus“ geben. Aus den Medien sind sie verschwunden. Dritte Liga. Die Quoten-Hölle. Ebenso wie die Obdachlosen. Der Winter ist zu mild. Es sterben zu wenige. Erst bei einer relevanten Anzahl von Toten springt die Medienmaschine an. Wir dürfen beim Klimawandel nicht nur an die Eisbären denken.
Argumente lassen sich nicht verkaufen, Gefühle sind die neue Währung. Die Ökonomie der Emotionen, Gesinnungspuritanismus und Befindlichkeitsexhibitionismus 24/7. Auf dieser Klaviatur muss man heute spielen können. Soziale Ungleichheit hat nicht immer etwas mit Geld zu tun. Die Gesellschaft entwickelt sich durch ihre emotional hochaufgeladenen Debatten jedoch nicht in Richtung Gleichberechtigung, sondern in Richtung totaler Differenz, die mit eiskaltem Zynismus vermarktet wird.
Ein Regisseur vergewaltigt Schauspielerinnen? Das erhöht meine Karrierechancen als Regisseurin und mittelfristig meinen Profit. Ein Asylbewerber wird ermordet? Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit und mehr Spenden für meinen Antifa-Ortsverein, es verbessert meine Aussichten auf einen Projektantrag zum Thema Integration an der Uni oder Fördermittel von den zuständigen Behörden für eine Bildungsmaßnahme. Die kapitalistische Logik der Profitmaximierung funktioniert selbstverständlich auch in diesem Bereich.
Wir arbeiten jeden Tag wie besessen an unseren Unterschieden, die Gemeinsamkeiten überlassen wir den Rechten mit ihrem Leitkulturgeschwafel.
P.S.: Auch im Internet sind die Konkurrenzkämpfe gnadenlos. Ackerboy aus Pankow hat sich extra zwei Katzen angeschafft, um mir Clicks abzujagen. Ich verhandle gerade mit den Chinesen über einen Panda.
Die Sterne – Kein Mitleid. https://www.youtube.com/watch?v=NBk_wreZQi0

Dienstag, 30. Januar 2018

Rede eines Laboraffen

Wer hat noch die Kraft, die herrschenden Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen? Der Aberglaube, Technik und Wissenschaft würden alle durch Technik und Wissenschaft verursachten Gefahren und Probleme aus der Welt schaffen, sitzt zu tief in unseren Köpfen. Wir haben die Hofberichterstatter der Medien und die Hofgutachter, die uns beruhigen. Wir schaffen das. Mit Symbolpolitik, zum Beispiel mit gigantischen Klimakonferenzen, auf denen wir feierlich schwören, unsere guten Vorsätze zu verwirklichen. In der Praxis haben wir es geschafft, die vollständige Selbstvernichtung aus dem engen Bereich der Kriegsführung in unseren Alltag zu überführen. Jede Autofahrt, jeder Einkauf, jede Arbeit trägt zum Untergang bei. „Pflanzenschutzmittel“ sind eine Kriegserklärung an die Natur, der Bauer ist der natürliche Feind des Tiers. Während wir über das Wetter sprechen, verändern wir es. Der ganze Planet ist ein Laboratorium, wir sind die Affen, an denen ein Experiment auf Lebenszeit durchgeführt wird. Sorry, dieser Text hat keine Pointe.

Treffen sich zwei Chatbots in der Cloud … – Humor 2018


Blogstuff 190
„Wenn mir langweilig ist, setze ich mich in einen dunklen Keller und warte darauf, dass irgendein Blödmann verängstigt ‚IST DA JEMAND‘ ruft.“ (Horst Hutzel)
Wir bezeichnen uns selbst gerne als „gutmütig“, aber eigentlich sind wir feige.
Haben Sie eine Ahnung, wie viele Straftaten in Deutschland von Christen begangen werden?
Ich habe nicht immer Lust. Mal ja, mal nein. Das ist schwer zu sagen. Ich bin semisexuell.
Das ist der Deal in der Demokratie: Du darfst alles sagen, wenn du nichts veränderst.
Neulich war ich beim Arzt. Als ich im Büro der Sprechstundenhilfe stehe und sie ein Telefongespräch führt, schaue ich mir die Aktenordner im Regal über ihr an. Auf einem Ordner steht „Querulanten“. Sonst nichts. Wenn ich diesen Ordner hätte – das wäre sicher genug Material für ein ganzes Buch.
Heiteres Promi-Raten. „Bätschi, Fresse, Tralala. Wer bin ich?“ Kleiner Tipp: ihr parteiinterner Spitzname ist „Little Miss Sunshine“.
Hätten Sie’s gewusst? Zwischen 1812 und 1841 hatten die Russen mit Fort Ross einen Handelsstützpunkt in Kalifornien. Fort Ross liegt in der Nähe von Bodega Bay, wo Hitchcock „Die Vögel“ und John Carpenter „The Fog“ gedreht haben. 1850 wurde Kalifornien ein US-Bundesstaat.
Es heißt immer, die Union wäre „sozialdemokratisiert“ worden. Das ging aber nur, weil Schröder die SPD vorher „christdemokratisiert“ hat. Unter Kohl lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent, Schröder hat ihn radikal gesenkt. Erst Schröder hat aus dem Sozialstaat ein Instrument der Abschreckung gemacht.
An der Universität Freiburg gibt es einen DFG-Sonderforschungsbereich „Muße“ mit großartigen Projekten: „Muße im Wald: Konstruktion eines Konzepts in Geschichte und Gegenwart“ (Forstwissenschaft) und „Gottesdienst als Mußeraum? Alltagsreligiosität und Gottesdiensterfahrung in Namibia“ (Ethnologie). Wer wäre nicht gerne dabei?
Was hat der Westen aus Jahrzehnten der Kreuzzüge in den Nahen und Mittleren Osten gelernt? Nichts. Wie im Mittelalter. Offenbar wollen die Menschen dort nicht haargenau leben wie Luise Gomolke in Bottrop. Machst du nix. Vielleicht sind wir gar nicht so unglaublich geile Typen, wie wir immer denken?
Sie sitzt unter einem Baum und liest. Auf ihrem Gesicht bewegt der Wind ein Leopardenmuster aus Licht und Schatten.
Hätten Sie’s gewusst? Bonetti Media Unlimited unterstützt seit vielen Jahren ein Umweltprojekt, damit der Kondor und die Lemuren wieder in Lüdenscheid heimisch werden.
„There is always a light burning in the Führerbunker“, wie der Engländer sagt.
Idee für einen Transgender-Grusel-Porno: Nach dem Tod eines Massenmörders werden dessen Genitalien im Zuge einer Organspende an einen anderen Menschen vergeben. Der Rest dieser Story spielt sich in ihrer Phantasie ab.
Noch eine GroKo? Dafür bin ich neunundachtzig nicht auf die Straße gegangen!
Queen – Brighton Rock. https://www.youtube.com/watch?v=BUt_7TQCWtU

Montag, 29. Januar 2018

Aus dem Leben eines Wärters

Ich mache kein Geheimnis daraus: Mein Alltag ist an Eintönigkeit nicht zu überbieten. Seit über zwanzig Jahren bin ich nun Zoowärter in Wichtelbach. Anfangs waren wir zu dritt. Aber die Tiere starben nach und nach und mehr als ein Wärter wird im Augenblick einfach nicht benötigt.
Als erstes starb der Löwe. Dann starb das Kamel. Irgendwann waren die Seemöwen verschwunden. Der Elefant schloss sich einem Wanderzirkus an. Jetzt bin ich hier allein mit zwei mongolischen Springmäusen und einer Schildkröte.
Selten kommt einmal eine Schulklasse vorbei. Die Kinder sind sehr enttäuscht, weil man die Springmäuse in dem riesigen Gehege nur selten zu Gesicht bekommt. Manche behaupten sogar, es gäbe gar keine Mäuse mehr. Dann sage ich zu diesen Besuchern: „Seien Sie einmal ganz leise, dann können sie die Mäuse pfeifen hören.“ Aber sie hören es nicht. Ich kann sie sehr gut hören.
Es gibt jetzt eine Debatte im Gemeinderat, ob der Zoo nicht geschlossen werden soll. Überall wird ja heutzutage gespart. Dabei brauchen die Tiere und ich nicht viel. Ich habe mich im alten Elefantenhaus wohnlich eingerichtet. Die Schildkröte frisst die Kräuter und das Gras auf ihrer Wiese und die Mäuse finden in ihrem Gehege auch immer was.
Ich bin ein alter Mann. Wohin soll ich gehen, wenn der Zoo geschlossen wird? Was geschieht mit den Springmäusen und der Schildkröte?
Bob Marley - Could you be loved. https://www.youtube.com/watch?v=Mm7muPjevik

Exklusiv für Sie: Küchenstuhl Schlörbla

Praktisch, komfortabel, abwaschbar. Im entspannten Four-Beine-Style. Für Casual-Breakfast und mehr. Der ultimative Holzlook mit Lehnenoptik in deiner Chillout-Zone.

Wer schreibt diese ganzen Texte eigentlich? Sind es noch Menschen oder schon Maschinen?

Das marxistische Dschungelcamp

Die RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ ist das perfekte Spiegelbild unserer Gesellschaft. Eine Gruppe von lohnabhängigen Knechten und Mägden bekommt über Lautsprecheransagen („Dschungeltelefon“), schriftliche Mitteilungen („Schatzsuche“) oder Boten (Moderatoren) Arbeitsanweisungen des Konzerns, mieses Essen und eine beschissene Unterkunft – kurz: das Existenzminimum.
Sie werden gequält und gedemütigt, sie müssen in Kakerlaken baden oder mit Schweinesperma im Mund Schlager gurgeln, die ihre Mitspieler für zusätzliche Essensrationen erkennen müssen. Sie werden behandelt wie Dreck, aber sie wehren sich nicht. Dr. Mengele hätte die Sendung sicher gemocht.
Dabei wäre die Antwort so einfach. Sie rufen gemeinsam „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Oder nacheinander. „Ich bin Spartacus“. Was macht RTL dann? Alle Stars verlassen das Camp gemeinsam, die Show ist vorbei, der Skandal wäre gigantisch. Die Mägde und Knechte übernehmen die Macht. Sie bestimmen das Handeln, sie befreien sich.
Das ginge natürlich nicht. Also würde RTL mit den Spielern verhandeln. Wären sie solidarisch, könnten sie bessere Bedingungen im Camp ausmachen und ihre Würde wiedergewinnen.
Würde. Ein großes Wort. Natürlich wird es nie geschehen. Und falls es je geschieht, wird es nicht gesendet.

Sonntag, 28. Januar 2018

Eilmeldung! Alice Salomon Hochschule präsentiert neues Gedicht

Bier
Bier und Schnaps
Schnaps
Schnaps und Zigaretten
Bier
Bier und Zigaretten
Bier und Schnaps und Zigaretten und
Andy Bonetti



Zur aktuellen Lyrik-Debatte – der Vorschlag eines Profis

„Zensur, Barbarei, Faschismus, Sexismus, Gender, Ficken: Heiß wie zehn nackte "Titten" geht es her in der DEBATTE um das Skandalgedicht "Avenidas" von Gedichte-Fuchs Eugen Gomringer.“ (Titanic)
Bekanntlich steht auf einer Berliner Fassade ein spanisches Gedicht, das vor allem nichtspanischen Frauen große Angst macht. In der Begründung zur Entfernung des Poems heißt es wörtlich, Frauen sehen sich zu bewunderungswürdigen Objekten degradiert. Heilige Einfalt! Kein Mann bewundert Frauen, er will sie nur flachlegen. Sprechen Sie langsam, mir fehlen die Eierstöcke.
Ich bin tolerant. Also soll man das Gedicht, das übrigens auf Veranlassung der damaligen Hochschulrektorin Theda Borde an die Hauswand gepinselt wurde, ruhig übermalen und ersetzen. Der AStA der betroffenen Hochschule hat auch schon die Kriterien für die Auswahl festgelegt: „Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassisistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert.“
Zwei konkrete Vorschläge:

Kurt Schwitters: Zwölf
Eins Zwei Drei Vier Fünf
Fünf Vier Drei Zwei Eins
Zwei Drei Vier Fünf Sechs
Sechs Fünf Vier Drei Zwei
Sieben Sieben Sieben Sieben Sieben
Acht Eins
Neun Eins
Zehn Eins
Elf Eins
Zehn Neun Acht Sieben Sechs
Fünf Vier Drei Zwei Eins


Hugo Ball: Gadji beri bimbal
gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori
gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini
gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim
gadjama tuffm i zimzalla binban gligla wowolimai bin beri ban
o katalominai rhinozerossola hopsamen laulitalomini hoooo
gadjama rhinozerossola hopsamen
bluku terullala blaulala loooo

zimzim urullala zimzim urullala zimzim zanzibar zimzalla zam
elifantolim brussala bulomen brussala bulomen tromtata
velo da bang band affalo purzamai affalo purzamai lengado tor
gadjama bimbalo glandridi glassala zingtata pimpalo ögrögöööö
viola laxato viola zimbrabim viola uli paluji malooo

tuffm im zimbrabim negramai bumbalo negramai bumbalo tuffm i zim
gadjama bimbala oo beri gadjama gaga di gadjama affalo pinx
gaga di bumbalo bumbalo gadjamen
gaga di bling blong
gaga blung

Als ich noch Vorbilder hatte

„Folge nicht den Fußspuren der Meister: Suche, was sie gesucht haben.“ (Matsuo Basho)
Mein erstes Vorbild war Rainer Bonhof. Als ich die Fußballweltmeisterschaft 1974 im Fernsehen gesehen hatte – und ich habe mir wirklich alle Spiele angeschaut -, wurde ich Fußballfan. Meine Lieblingsmannschaft wurde Borussia Mönchengladbach, mein Lieblingsspieler Rainer Bonhof. Heute sieht man ihn noch gelegentlich im Fernsehen. Dumm wie ein Lattenzaun, aber sympathisch. Er war sogar ein Jahr lang Trainer seines alten Vereins: 1998/99. Gladbach stieg sofort ab. Heute ist er Vizepräsident der Borussia. Fun Fact for Fans: Er hatte eine niederländische Staatsbürgerschaft, obwohl er in Emmerich zur Welt kam. Bonhof war der erste eingebürgerte Nationalspieler Deutschlands. Und er wurde 1974 natürlich Weltmeister.
Mein zweites Vorbild war Jerry Lewis. Er war in seinen Filmen immer der unbeholfene Trottel, der Schwächling, der Außenseiter. Louis de Funès war eine Chef-Type, Otto ein Clown, Loriot ein Aristokrat. Aber Jerry Lewis war so, wie ich mich selbst immer gesehen habe. Ein Windhauch bläst ihn um, aber er verliert nicht seine gute Laune. Ob in der Rolle als Professor oder als Laufbursche. Egal. Er ist immer der sympathische Loser, für den es wider Erwarten doch noch ein Happy End gibt.
Mein drittes Vorbild, ich kam gerade in die Pubertät, war James Dean. Der unverstandene, zornige, junge Mann – in seinen Filmrollen. Er gehört nie irgendwo dazu, er ist der Außenseiter. Es gibt eigentlich keinen Grund, diese Figuren gern zu haben, aber er hatte noch Jahrzehnte nach seinem kurzen Ruhm – drei Filme in den 1950ern – jede Menge Fans. Sein Poster hing in meinem Kinderzimmer. Er wurde nur 24 Jahre alt und starb in einem Porsche. Wenn man 14 ist, träumt man von so einem Ende.
Mein viertes Vorbild war Franz Kafka. Auch ein Außenseiter, von Selbstzweifeln geplagt. Eigentlich ein Loser. Wohnte bei seinen Eltern, schrieb heimlich schräge Texte und hatte zu seinen Lebzeiten keinen Erfolg. Unverstanden, einsam. Kein Glück bei den Frauen. Doofer Job. Verkanntes Genie. Damit konnte ich mich in jungen Jahren hervorragend identifizieren. Er wurde nur vierzig Jahre alt und posthum ein Superstar der Literatur. Sein Grab in Prag habe ich oft besucht.
Mein fünftes und letztes Vorbild war Ayrton Senna. Eine Legende im Motorsport. Trotz seiner Erfolge nie ein Partylöwe, sondern eher der stille Außenseiter. Ein wenig wie James Dean oder Franz Kafka, auch wenn das jetzt komisch klingen mag. Jedenfalls genau meine Welt. Und früh gestorben. Mit 34 Jahren. Bei einem Formel 1-Rennen in Italien. Ich war mehrfach an seinem Grab in Sao Paulo und an der Unfallstelle.
Merkwürdig. Jetzt bin ich über fünfzig und könnte kein Vorbild mehr nennen. Wie viel von meinen Vorbildern steckt in mir? Alle waren erfolgreich – sonst hätte ich sie nicht als Vorbilder entdecken können. Aber sie sind aus verschiedenen Gründen Außenseiter geblieben. Ich habe mir die Idole mit Mängeln gesucht, oder?

Unsere Familienkutsche in den Siebzigern. Ich habe endlos gebraucht, bis ich „Pöscho“ mit dem Wagennamen assoziieren konnte.
Mein Traumland: Schottland. Ich war bis heute nicht da. Mein letzter Wunsch vor dem unvermeidlichen Ende. https://www.youtube.com/watch?v=M8AeV8Jbx6M

Samstag, 27. Januar 2018

An was erinnern wir uns?

Zehn Jahre ist es jetzt her. 2008. Was fällt Ihnen spontan zu diesem Jahr ein? Mir fallen natürlich erst einmal private Dinge ein. Reisen nach Japan und in die Schweiz, der Beginn meiner Tätigkeit als Kiezschreiber im Berliner Brunnenviertel, mein erster Krimi, der im März 2009 im Emons Verlag erschien.
Dann sehe ich bei Wikipedia nach, was uns damals alle bewegt hat. Klar! Die Finanzkrise, als Lehman Brothers Pleite ging. Jauchzet und frohlocket, der Turbokapitalismus ist in der Krise. Obama wird zum US-Präsidenten gewählt und einige Menschen versprechen sich unsinnigerweise Frieden wegen dieser Personalrochade im Weißen Haus.
Bayern München wird deutscher Fußballmeister und DFB-Pokalsieger. Deutschland verliert das Endspiel um die EM gegen Spanien. Olympische Spiele in Peking.
Bei einem Zyklon sterben in Myanmar 80.000 Menschen, 70.000 sterben bei einem Erdbeben in China. Die Erde erwärmt sich. Es ist das Internationale Jahr der Kartoffel (UNESCO) und das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs.
Jean-Marie Gustave Le Clézio erhält den Literaturnobelpreis, Martti Ahtisaari den Friedensnobelpreis.
Über so viele Dinge haben wir damals nachgedacht, gesprochen und gestritten. So vieles ist vergessen. Geändert hat sich nichts.

Mein letztes Radiointerview

„Ich habe meinem Chefredakteur die Marke und die Dienstwaffe auf den Tisch geknallt und schreibe seitdem auf eigene Rechnung. Ich habe mir und meinen Fans geschworen, mit einem Minimum an Catcontent ganz nach oben zu kommen.“ (Johnny Malta)
A: Guten Morgen, Mister Bonetti.
B: Nein, es ist ein absolut beschissener Morgen.
A (lacht): Unsere Zuhörer freuen sich auf eine Stunde mit dem beliebten Erfolgsautor aus Hessen.
B: Wer um diese Uhrzeit Radio hört, ist entweder besoffen oder sitzt im Rollstuhl.
A: Ich mag Ihren Humor. Aber wir alle wissen, dass Sie tief in Ihrem Herzen ein guter Mensch sind.
B: Ganz im Gegenteil. Tief in meinem Herzen bin ich ein Monstrum. Ich hasse die ganze Menschheit.
A: In Ihrem neuen Roman geht es um Preußen nach dem Einmarsch der Truppen Napoleons vor über zweihundert Jahren.
B: Das ist nur eine Allegorie auf die Unterwürfigkeit der Deutschen. Devote Arschkriecher, wohin man nur schaut. Bis heute.
A: Sie verwenden in diesem Buch Ausdrücke wie „Neger“ und „Zigeuner“. Das ist sicher dem historischen Umfeld geschuldet.
B: Nein. Ich bin der Meinung, wir können diese Worte auch heute noch benutzen. Tarantino macht ganze Filme um das Wort „Nigger“ herum, weil er von diesem Kraftausdruck besessen ist.
A: Aber Sie stimmen mir doch sicher zu, dass diese Worte heute nicht mehr zeitgemäß sind.
B: Für eine alte FDJ-Trine und Sprachkommissarin wie Sie vielleicht nicht. Mein nächstes Werk wird übrigens „Titus Marconius, der schwarze Zar Persiens“ heißen.
A: Wir machen Werbung und melden uns nach der Pause wieder, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer.
B: NIGGER!!!
Patti Smith - Rock 'N' Roll Nigger. https://www.youtube.com/watch?v=b1o68h4Usqs

Freitag, 26. Januar 2018

Neulich im Berliner Thomas-Eck

Ich sitze mit einer Freundin in einer meiner fünfzig Stammkneipen, als mir ein leckeres Schnitzel mit knusprigen Pommes serviert wird.
Dieser Blick …
„Hallo“, sage ich zu ihr, „mein Gesicht ist hier oben.“



Eine Landkarte der Niederlagen

„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ (Thomas Brasch)
Wenn ich eine Landkarte meiner Niederlagen machen müsste, fallen mir eine Menge Orte ein. Natürlich ist jedes Haus, in dem man gewohnt hat, jeder Arbeitsplatz, jede Schule ein Ort, an dem Niederlagen erlitten und durchstanden wurden.
Meine früheste Erinnerung ist der Kindergarten in Frei-Weinheim, einem Ortsteil von Ingelheim, meiner „Heimatstadt“, mit der mich heute kaum noch etwas verbindet, obwohl ich ganz in der Nähe wohne. Ingelheim ist nur noch ein Erinnerungsort, kein Teil meines Lebens. Anfangs musste man mich mit Gewalt in den Kindergarten zerren. Ich schrie und heulte, ich wollte nicht dort bleiben, sondern in Ruhe in meinem Kinderzimmer allein sein.
Praktisch hat sich bis heute nichts an meiner Einstellung geändert. Obwohl ich ein riesiges Haus mit 480 Quadratmetern Bruttogeschossfläche alleine bewohne, verbringe ich die meiste Zeit in meinem alten Kinderzimmer und dort wiederum die meiste Zeit im Bett. Wie in meiner Kindheit, wo ich in den Ferien auch ungern das Bett verlassen habe und den Tag im Schlafanzug verbrachte. Ich hätte auch eine Pflanze werden können.
Zurück zum Kindergarten. Auf dem Weg dorthin fuhren wir die Rheinstraße in Richtung Fluss und bogen dann in die Gebrüder-Grimm-Straße ein. Auf der Ecke stand und steht noch heute ein Haus, das aus hellgelben Bruchsteinen gebaut ist. Ein für Rheinhessen typischer Bau, Flonheimer Sandstein. Wenn wir um diese Ecke bogen, wusste ich, dass alles zu spät war. Noch heute flackert das Nervengeflecht in meiner Bauchdecke sehr heftig, wenn ich ein Gebäude sehe, das aus diesem Sandstein gebaut wurde.
Im Kindergarten flog ich regelmäßig aus der Gruppe und musste endlos allein auf dem Gang stehen und über meine „Taten“ nachdenken. Dort gab es ein großes Fenster, aus dem ich auf ein Stück Rasen blickte, das durch eine hohe Steinmauer begrenzt war. Als kleines Kind war ich sicher, dass diese Mauer das Ende der Welt war. Dahinter konnte nichts mehr kommen. Ich stand schweigend am Fenster, bis ich wieder in den Raum mit den anderen Kindern durfte oder meine Mutter mich abholte.
Im Ingelheimer Freibad an der Straße „Im Blumengarten“ wäre ich fast ertrunken, als mich ein anderes Kind ins Becken gestoßen hat. Ich hatte einige Monate eine Wasserphobie und bekam schon Schreikrämpfe, wenn nur ein Wasserhahn aufgedreht wurde. Als ich Jahre später schwimmen gelernt hatte, ging ich regelmäßig dorthin. Die hellblauen Kacheln des Schwimmbeckens, das verführerische und gefährliche Glitzern des Wassers im Sonnenlicht.
Dann die kleinen Niederlagen in der Umgebung unserer Wohnung, Untere Muhl 1. Das Rosengebüsch in der Waldstraße, in das ich als Fahrradanfänger volle Kanne hineingebrettert bin. Mühsam und völlig zerkratzt, aus tausend winzigen Wunden blutend, kämpfte ich mich wieder hervor. Die Brache an der Theodor-Fliedner-Straße, auf der mich ein älterer Junge übel verdroschen hat. Ich erinnere mich an die Menschen, die teilnahmslos vorübergingen.
So geht es weiter durchs Leben. Der Platz vor dem Gymnasium, auf dem meine erste Freundin mit mir Schluss gemacht hat. Der Fußballplatz in Schweppenhausen, Ort zahlloser, teils zweistelliger Demütigungen in der untersten Spielklasse. Die Bundesallee in Berlin, wo ich mein letztes Auto 1994 zu Schrott gefahren habe, als ich die „Zitty“ ausfuhr. Ich fuhr von Süden auf den Friedrich-Wilhelm-Platz und wäre fast in der Kirche eingeschlagen. Der Lamesa County Jail in Texas, wo ich eine Nacht mit Connie verbracht habe. Der letzte Ort ist die Klinik in der Landhausstraße in Wilmersdorf.
Wenn ich diese Orte auf eine Landkarte eintragen würde, hätte ich einen Atlas der Niederlagen. Umgekehrt gibt es aber auch eine Landkarte des Glücks. Das Haus in Oppenheim, in dem ich mich bei einem Abendessen mit Freunden in eine Frau verliebt habe, die fast ein Jahrzehnt Teil meines Lebens war. Die Regensburger Straße zwischen Bundesallee und Grainauer Straße, als bei einem Sturm ein schweres Bauteil direkt hinter mir auf den Bürgersteig krachte. An diesem Tag habe ich gefeiert. Das Haus in der Elßholzstraße, ebenfalls in Berlin, in dem ich jahrelang ein kleines Kind bespaßt habe. Endlich wieder Lego, Buntstifte und Höhlen bauen! Auf diese Karte kann ich auch eine Menge Fähnchen stecken.
GARY GLITTER ROCK & ROLL PART 1 & 2. https://www.youtube.com/watch?v=8OJ01psE6wc

Donnerstag, 25. Januar 2018

Als es noch grünen Rassismus gab

Was glauben Sie? Aus welchem Jahr ist dieses Wahlplakat?

2009. NRW-Kommunalwahlkampf. Heute sind die Grünen einen Arschgrabscher weiter: Sie würden gerne Angela Merkel zur Kanzlerin wählen. Aber dem völkisch nach rechts schielenden Lindner sind sie immer noch nicht bürgerlich genug. Das nennt man Realsatire.


Der Untergang des römischen Imperiums

„Ich habe Worte wie Heu, doch wer glaubt heute noch einem reichen Mann.“ (Max Goldt)
Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem das römische Imperium untergegangen ist. Es war an einem Sonntag und ich saß gerade an meinem Schreibtisch.
Am nächsten Morgen wollte ich einkaufen gehen. Ich überlegte, was ich alles brauchen würde. Wenn ich die Liste mache, habe ich bestimmte Prinzipien. Dinge, die ich sowieso immer brauche wie Brot oder Joghurt, kommen nicht auf den Einkaufszettel. Ich schreibe nur die Sachen auf, die ich selten kaufe oder die ich leicht vergesse wie zum Beispiel Zahnpasta.
Ganz oben auf meiner Liste standen Pilze. In Scheiben geschnittene Champignons aus der Dose. Nichts Besonderes, aber ich hatte sie beim Kochen vermisst. Wenn ich eine Hackfleischpfanne mache, habe ich gerne Zwiebeln, Knoblauch und Pilze dabei. Manchmal auch Mais. Aber die Pilze durfte ich auf keinen Fall vergessen. Wenn ich etwas nicht mehr im Haus habe, auch wenn ich es nur gelegentlich esse, entwickele ich garantiert in kürzester Zeit einen barbarischen Heißhunger auf genau diese eine Sache.
Dann wollte ich eine Dose Makrelen kaufen. Eigentlich mache ich mir nicht viel aus Fisch, aber ich finde es gut, eine kleine Dose Fisch zu Hause zu haben, falls ich doch einmal Appetit auf Fisch habe, was allerdings höchstens ein oder zwei Mal im Jahr der Fall ist. Außerdem hatte mir ein Freund eine neue Sorte Tiefkühlpizza empfohlen, also schrieb ich auch sie auf meinen Einkaufszettel. Dazu ein Stück Gruyère, denn ohne eine großzügig bemessene Extraportion Käse taugt die beste Pizza nichts.
Dann hörte ich es im Radio. In den Fünfzehn-Uhr-Nachrichten. Das römische Imperium war gerade untergegangen. Nach so langer Zeit. Peng! Einfach untergegangen. Ich war wie betäubt und legte den Stift auf meinen Schreibtisch.
Langsam stand ich auf und ging zur Balkontür. Ich öffnete sie und trat hinaus.
Tatsächlich. Da, wo früher einmal das römische Reich gewesen war, konnte ich nichts mehr sehen. Alles weg. Verschwunden. Diesen Moment habe ich bis heute nicht vergessen.
Freddy Quinn - Brennend heißer Wüstensand. https://www.youtube.com/watch?v=8LVpw3StkvY

Angela Merkels Silvesteransprache, betrachtet durch das Monstermaul auf einem kleinen Plastikeimer mit Snack-Tomaten aus Marokko, die in Holland für Rewe verpackt wurden.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Endlich! Die Jusos werden wieder normal


Quelle:ntv.de
Die Jusos sehen es ein: Schulz geil, GroKo ein Träumchen, alles wird gut! Läuft.

Quelle: Neckermann.

Roter Zwerg

Rote Zwerge sind die kleinsten Sterne, in deren Zentrum eine Kernfusion stattfindet. Sie leuchten so schwach, dass sie von der Erde mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Ihre Masse liegt unter der Masse unserer Sonne, sie erreichen maximal fünf Prozent von deren Leuchtkraft. Wäre ihre Masse noch kleiner, würde keine Fusion stattfinden und man spräche von einem braunen Zwerg.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Zwerg


Ein roter Zwerg aus dem Sternbild Janus. Quelle: FAZ.NET

Das Bonetti-Evangelium


Blogstuff 189
„Es lag ihm nichts daran in einer Zeit, wo alles schwankte, etwas aufzubauen, das in kurzer Zeit wieder zusammenstürzen musste. (…) Überstehen war alles, bis irgendwo wieder ein Ziel sichtbar wurde. (…) Ameisenhaft immer wieder in einem zusammenbrechenden Jahrhundert eine bürgerliche Existenz aufbauen zu wollen – das war etwas, woran er viele hatte scheitern sehen. Es war rührend, heroisch und lächerlich in einem – und nutzlos. (…) Wenn viel marschiert wurde, musste man leichtes Gepäck haben.“ (Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe)
Gibt es eigentlich in Deutschland Intellektuelle als Vorbilder und Leitfiguren? Woran orientieren sich die Menschen, wenn sie für einen kurzen Augenblick von ihren Kontoauszügen und Fernsehzeitschriften aufblicken? Sind es wirklich nur diese unsäglichen Glücksbücher und die anderen Ratgeber zur Selbstoptimierung?
Bilder, Szenen, Botschaften. Warten, bis es sich verdichtet. Der kurze, glückliche Moment des Schreibens.
Korea. Die meisten gecrackten Filme, die ich sehe, haben koreanische Untertitel. Ein Zeichen?
Die Österreicher, bekannt für ihren gusseisernen Humor, können über folgende Themen lange und angestrengt lachen: Abkürzungen, Männer in Frauenkleidern, Preise in Schilling und Sozialdemokratie.

Ich habe den SPIEGEL aus meiner Geburtswoche zu Hause. Was war Anfang August 1966 los? Aus dem „Hohlspiegel“: „Auf die Frage ‚Welche bösen Menschen musst du als Jungpionier hassen?‘ nannten von 42 Schülern aus der zweiten und dritten Klasse einer Potsdamer Volksschule 38 ‚Amerikaner in Südvietnam‘, 31 ‚Räuber, Mörder, Diebe‘, 23 ‚Arbeiterverräter‘ (…) und sieben ‚Adenauer, Lübke, Strauß‘.“
Auch schön: „Der Lütticher Elektronik-Ingenieur Jean Geebelen ließ sich ein (…) ‚Müdigkeitskontroll-Armband‘ für Autofahrer patentieren, das physiologische Veränderungen (…) seines Trägers registrieren kann. Es ist mit dem Motor verbunden und kann im Falle einer Fahruntüchtigkeit den Wagen selbständig anhalten.“ So viel weiter sind wir heute gar nicht.
333 v.Chr.: Die Soldat*innen Alexanders des Großen schlagen die Perser*innen in der Schlacht bei Issos. Wieder was gelernt.
Der Magdeburger Politikwissenschaftler Thomas Kliche attestiert den Deutschen „kollektive Bequemlichkeitsverblödung.“ Wir brauchen dringend die nächste Rezession, besser noch eine Weltwirtschaftskrise, einen teutonischen Erdogan oder wenigstens eine Seuche.
Früher hieß es: „Die Straße gehört uns“. Schon richtig. Aber die Häuser links und rechts gehören den Reichen.
US-Wahlkampf 2020: Donald Trump gegen Oprah Winfrey. Das ist so, als ob bei uns Uli Hoeneß und Günter Jauch ums Kanzleramt kämpfen würden.
Ist es Ihnen schon mal aufgefallen? Seit alle nach unten auf ihr Smartphone starren, gibt es keine Werbebanner mehr, die von Kleinflugzeugen über den Himmel gezogen werden.
Seenplatte, Wurstplatte, Festplatte.
Es gab früher mal den lustigen Ausdruck „abschalten“, wenn es um den Feierabend oder das Wochenende ging. Auf diese Idee kommt der Mensch im 21. Jahrhundert gar nicht mehr. Wer off ist, ist out.
Der Kühlschrank brummt. „Entschuldigung, da muss ich mal ran“. Schon habe ich mir einen Schinkenknacker zwischen die Zähne geschoben wie mein Opa die Zigarre.
La Dispute - Such Small Hands. https://www.youtube.com/watch?v=4n3lJNHCmr4

Dienstag, 23. Januar 2018

Das Geisterschiff

„Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Thema etwas schreiben sollte.“ (Der ideelle Gesamtblogger)
Es treibt ein Schiff auf hoher See. Niemand ist an Bord, niemand kennt das Passwort, um es aus dem Verkehr zu ziehen. Das Schiff hatte nur ein Besatzungsmitglied. Einen linken Wutbürger. Er hat sich gerne und mit Inbrunst in die Texte anderer Menschen verbissen. Er hat die Blogs und die Seiten von Leuten gelesen, die er bis zur völligen Ekstase gehasst hat, anstatt sie zu ignorieren. Der totale Weltekel war seine Obsession.
Wer macht jetzt weiter, wenn ein Quartalsirrer wie Roberto J. De Lapuente über Gerhard Schröder schreibt: „Dass die Sozialdemokratie sich in jenen Jahren für den modernen Finanzkapitalismus umstellen musste, das war keine völlig fehlerhafte Einschätzung.“
Sein Gehilfe war ein zorniger alter Mann, der früher ein zorniger junger Mann gewesen sein muss und in meinem Kommentarbereich längst gesperrt ist. Er durfte gelegentlich als Ultraleichtmatrose auf dem Schiff des kettenrauchenden Sozialhilfeempfängers assistieren. Über einen Text von mir hieß es Ende November 2017: „Mit rhetorischer Begleitmusik wird dort ein Kontext gezimmert, der dem Leser suggeriert, dass ‚Bitches‘ kein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung haben.“ Und: „Die Schauspielerin Sibel Kekilli (…) sollte sich von Steven Seagal [und vermutlich auch vom kiezschreiber, Anm.d.Kap.] tunlichst fernhalten.“ Hatespeech at ist best.
Nur zwei Blogger haben es je gewagt, dem Meister zu widersprechen: der Kiezneurotiker und Charlie bzw. sein linker Fuß, das Altauto. Ich hoffe, Ihr lernt etwas daraus. Wer gegen die großen Medienimperien wie Springer, Bertelsmann, Bonetti oder Fox News vorgeht, den fegt ein Orkan – mag er Friederike heißen wie am letzten Donnerstag oder meinetwegen auch Heinz Pralinski – von der Oberfläche des Netzplaneten. Das ist keine Drohung. Das ist keine Warnung. Das ist eine Feststellung.

P.S.: Bevor sich jetzt irgendwelche Waschweiber und andere Elemente der digitalen Bourgeoisie aufregen, möchte ich eine Frage stellen. Warum sollte ich über einen Menschen nach seinem Tod anders denken als zuvor? Man darf über die Toten nichts Schlechtes sagen? Das ist eine bürgerliche Konvention, für die Charlie nur Spott übrig gehabt hätte. Drei Ratschläge. 1. Trinkt einen Schnaps auf ihn. 2. Haltet das ungewaschene Maul. 3. Denkt über Euer schäbiges Leben als Knecht oder Magd des kapitalistischen Imperialismus nach.

Hatte Wolf Biermann Sex mit Margot Honecker?

„So schreib dein Leben auf ein Stück Papier
Und warte bis die Zeit vergeht“
(Spliff: Déjà Vu)
Diese Frage verstehen vermutlich nur die älteren Leser. Wolf Biermann ist ein sogenannter Liedermacher, Margot Honecker war in der DDR Volksbildungsministerin und Ehefrau des Generalsekretärs des ZK der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR. Die Behauptung, die beiden hätten eine Affäre gehabt, stellt jedenfalls Florian Havemann in seinem Roman „Havemann“ auf.
Havemann wurde 1968 im Alter von 16 Jahren in der DDR verhaftet, weil er gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ demonstriert hatte. Seine Schwester Sibylle hat zwei Kinder mit Wolf Biermann. Biermann höhnte gegenüber Havemann nach dessen Flucht in den Westen: „Wer abhaut aus dem Osten/ der ist auf unsere Kosten/ von sich selber abgehaun“. 1976 wurde Biermann ausgebürgert, die DDR hatte ihn nach einer Reise in die Bundesrepublik nicht mehr zurückgenommen.
Der Vater von Florian Havemann war der Widerstandskämpfer und Regimekritiker Robert Havemann. 1939 gründete er die antifaschistische Widerstandsgruppe „Europäische Union“ (EU). „Fünf Mitglieder der Gruppe – die Eheleute Groscurth, Robert Havemann, Paul Rentsch und Herbert Richter – erhielten 2006 den Ehrentitel Gerechter unter den Völkern der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Europäische_Union_(Widerstandsgruppe)
1950 vertrat Robert Havemann den „Stockholmer Appell“ zur Ächtung von Atomwaffen. Als er auf dem Hermannplatz in Berlin-Neukölln Unterschriften sammelte, wurde er verhaftet – wie viele Friedensaktivisten in der jungen Bundesrepublik (Dirk Draheim et al. (Hg.): Robert Havemann – Dokumente eines Lebens, S 94).
Das ist der Text des Friedensappells:
Wir fordern das absolute Verbot der Atomwaffe als einer Waffe des Schreckens und der Massenvernichtung der Bevölkerung. Wir fordern die Errichtung einer strengen internationalen Kontrolle, um die Durchführung des Verbotes zu sichern. Wir sind der Ansicht, daß die Regierung, die als erste die Atomwaffe gegen irgendein Land benutzt, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht und als Kriegsverbrecher zu behandeln ist. Wir rufen alle Menschen der Welt, die guten Willens sind, auf, diesen Appell zu unterzeichnen.
So kommt man im Internet vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ich lese vom Stockholmer Friedensappell und lande bei der Frage, ob der unsägliche Biermann mit der fiesen Margot im Bett war.
Henri Salvador - Le Loup, La Biche et Le Chavalier. https://www.youtube.com/watch?v=3QaeWnTdRaE

Montag, 22. Januar 2018

Wem nutzt ein Waldbrand?

„Veganer müssen übrigens alle 10min ‚vegan‘ sagen, da ihnen andernfalls ein Kotelett aus dem Nacken wächst.“ (Horst Hutzel)
Wir reden immer nur über die Schäden eines Waldbrands. Menschen verlieren ihre Häuser, Tiere ihren Lebensraum, Waldbesitzer ihren Kapitalstock, Bäume und andere Lahmärsche der Natur ihr Leben.
Was ist mit den Gewinnern?
Da wären die Bauunternehmer, die neue Häuser bauen können.
Versicherungen, denn nach der Auszahlung der Brandversicherung steigen die Beiträge und viele ängstliche Neukunden sorgen für zusätzlichen Umsatz.
Die Feuerwehr kann sich profilieren und neue Ausrüstung und Verstärkung verlangen.
Umweltschutzorganisationen haben ein Argument mehr, um für Spenden zu werben.
Langfristig nutzt das Feuer dem Wald, den er kann sich erneuern. Asche ist Dünger. Die Ponderosa-Kiefer (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht, Euer Hoss) hat Samen, die erst keimen, wenn ein Feuer den dicken Harzpanzer um die Samen weggeschmolzen hat. Rauch öffnet die Samenkapseln des australischen Grasbaums, ohne frisch verbranntes Holz können sich die Larven des Feuerkäfers nicht entwickeln. Vom Festmahl für die Geier will ich hier gar nicht erst anfangen.
Feuer ist gut. Einfach mal eine Kippe aus dem fahrenden Auto werfen und nicht gleich alles so negativ sehen.
Volkswirtschaftlich betrachtet sind alle Katastrophen gut, denn sie steigern das Bruttosozialprodukt. Bis auf Armageddon. Das wäre nicht so toll, Jehova!

Die Kunst des Versagens

„Jeder Ankunft wohnt ein Abschied inne.“ (Seminarunterlagen: Creative Writing. Volkshochschule Trier)
Wenn du in deinem eigenen Erbrochenen liegst, bist du eigentlich nicht in der Position zu verhandeln. Aber der alte Wanninger hörte mir dennoch zu.
„Ich habe einen Auftrag und ich werde ihn durchführen. Gewöhnen Sie sich an meinen Anblick.“
Obwohl ich als privater Ermittler im Allgemeinen sehr sorgfältig vorgehe, war mir entgangen, dass der alte Wanninger über drei kräftige Söhne verfügte. Der Schlag des Ältesten in meine Magengrube hatte mich nachhaltig beeindruckt. Aber der Reihe nach.
***
„Lieber Bonetti, habe ich mich im vergangenen Jahr fortgepflanzt oder nicht? Ihr Name war Ines. Sie finden mich in St. Pölten.“
Mehr stand nicht auf dem Briefbogen. Handgeschöpftes Büttenpapier. Zwei Fünfhundert-Euro-Scheine waren die Beilage. Ich hatte den Absender schon am Wappen auf dem ansonsten unbeschriebenen Umschlag erkannt: Gottlieb Edler von Striez. Alter österreichischer Landadel.
***
Das Grandhotel Zum schwarzen Rössl befindet sich etwas außerhalb von St. Pölten zwischen Wiesen und Feldern, unmittelbar am Waldrand.
Ich hatte mich relativ geschickt an das Hotel angeschlichen und suchte gerade das kleine, aber überaus starke Opernglas in meinen zahlreichen Manteltaschen, als ich in Kontakt mit dem jüngsten der Wanninger-Söhne kam.
Er hielt mich wohl für einen Landstreicher und wollte mich am Kragen packen, da lockerte ich mit einem gezielten Fausthieb einige seiner Schneidezähne und rannte davon.
***
Wenig später saß ich auf der Terrasse des Grandhotels, in dem Herr von Striez abzusteigen pflegte, wenn er etwas Erholung von seinem anstrengenden Familienleben suchte. Entgegen meiner verhängnisvollen Neigung zu Spirituosen bestellte ich beim Ober eine kleine Cola und beobachtete die anderen Gäste, die bei herrlichem Sonnenschein den Blick auf die Stadt genossen.
Da passierte es auch schon. Mein Auftraggeber, den ich auf dem Balkon seiner Suite zusammen mit einem jungen Flitscherl entdeckt hatte, wurde, nur mit einem Bademantel bekleidet, von einer Kugel getroffen. Sein Gesicht fiel mit einem lauten Klatschen in das Blunzngröstl, das vor ihm stand.
***
Wie wird es weitergehen? Sind Sie neugierig geworden? Lesen Sie den neuen Erfolgsroman „Die Kunst des Versagens“. Jetzt im Bahnhofsbuchhandel. Nur für kurze Zeit.
Von den Machern der Weltsensation „Abschied von Delmenhorst“.
Spliff - Heut Nacht. https://www.youtube.com/watch?v=bfw-Ye0t938

Sonntag, 21. Januar 2018

Liebe Ebony Bettington

Ich habe heute deine Facebook-Anfrage bekommen. Vielen Dank!
Normalerweise antworte ich nicht auf diese Anfragen. Ich habe sowieso zu viele Freunde auf der Welt. Dir möchte ich jedoch ausnahmsweise ausführlich antworten.
Du willst mit mir befreundet sein? Nein. Du willst nur meinen Körper. Gib’s doch zu! Weißt du, wie viele Anfragen ich jede Woche von jungen Frauen bekomme?
Wenn ich mir dein Bild so anschaue, gefällt mir vor allem deine Wohnungseinrichtung nicht. Kronleuchter, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien über Mahagoni-Kommoden, Teetisch und Omasessel? Was ist denn mit dir los, Ebony? Frühvergreist? Ich möchte so nicht leben. Sprich doch mal mit deinem Innenarchitekten.
Nein, so wird das nichts mit uns
Dein Andy
Spliff - Duett komplett. https://www.youtube.com/watch?v=RhVbs7wTO20

Fahrende Händler – Fahrendes Volk

„Je weiter man reist, desto weniger weiß man.“ (Tao-te-king)
Es muss nur etwas mit dem Internet und einem amerikanischen Konzern zu tun haben, schon ist es neu und aufregend. E-Commerce zum Beispiel. In meiner Jugend nannte man es schlicht Versandhandel. Meine Großeltern besaßen kein Auto, weder der Großvater noch die beiden Großmütter hatten einen Führerschein. Sie lebten auf dem Land und wenn sie ein Kaufhaus sehen wollten, waren sie eine Stunde mit dem Fahrrad unterwegs. Große Sachen ließen sich nicht auf dem Rad transportieren. Also bestellten sie viele Sachen bei „Neckermann“ oder „Quelle“.
Der Versandhandel ist also älter als das Internet und hat bei uns auf dem Land schon immer eine große Rolle gespielt. Das Prinzip „Die Ware kommt zum Kunden“ ist übrigens älter, als die meisten Leute denken. Denn schon im Mittelalter gab es den Hausierer, der von Haus zu Haus zog und seine Waren feilbot. Damals waren die Menschen noch weit weniger mobil als meine Großeltern. Das Fahrrad war noch nicht erfunden und die Städte waren noch viel weiter von den Dörfern und Bauernhöfen entfernt als heute. Von der miesen Infrastruktur und der Gefahr durch die Räuber, die bekanntlich in den Wäldern hausten, will ich gar nicht anfangen.
Jetzt lebe ich selbst auf dem Land und habe kein Auto. Ich finde es gut, dass die Waren zu mir kommen und ich mich nicht selbst zu den Waren bewegen muss. Der Händler und seine Gesellen fahren bei Wind und Wetter, während ich in freudiger Erwartung der bestellten Bücher und Wollsocken in der warmen Stube sitze. Ein Segen für die Umwelt, dass nicht hundert Leute in hundert Autos in die Stadt fahren, sondern ein einziger Fahrer mit hundert Paketen durch die Dörfer fährt. Das ist Fortschritt.
Ich weiß, welches deutsche Totschlagargument an dieser Stelle kommt. „Denk doch mal an die Arbeitsplätze“. Das tue ich gerne. Miese und mies bezahlte Jobs bei Aldi an der Kasse fallen weg (meine Nichte hat so einen Job). Miese und mies bezahlte Jobs am Steuer eines Lieferwagens entstehen (mein Schwager hat so einen Job). Miese und mies bezahlte Jobs im Lager der Supermarktketten fallen weg (ein Freund von mir hat so einen Job). Miese und mies bezahlte Jobs bei Amazon entstehen (da kenne ich niemand, aber meine Friseuse jobbt auch noch bei Staples – ist dasselbe in grün). Genug geschrieben. Jetzt bestelle ich mir erstmal eine Pizza.
The Growlers - Empty Bones. https://www.youtube.com/watch?v=OEmp5q8vOw0

Samstag, 20. Januar 2018

M - ein Staat sucht eine Kanzlerin


Der SPD-Chef beschwört die letzten Reste seiner Anhängerschaft:

Die Genossen nehmen sich ein Herz und machen ein drittes Mal für die M eine Spitzbubenleiter. Jeder will zuerst den Sondierungsvertrag unterschreiben. Superideen! Obergrenze kommt, Wohlhabende werden nicht belastet. Genau unser Ding! Glückauf - und die Gewerkschaften machen auch mit.

Schon in diesem Jahr ist es soweit: aus der regierenden Geschäftsleitung wird wieder eine perspektivlose Regierung.

A momentary lapse of Riesen


Blogstuff 188
„Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man erst den Stand der Sonne und gebe acht, ob es nicht der Schatten eines Pygmäen ist.“ (Novalis)
Ich spiele nicht mehr gegen den Computer Schach. Neulich ging ich während einer Partie auf Toilette. Als ich zurückkam, fehlte mir ein Läufer. Backgammon ist auch sinnlos, der Computer würfelt ja für mich. Ich verliere jedes Mal. Wenn ich die Kiste dann runterfahre, erscheint plötzlich ein großer Sechser-Pasch auf dem Monitor. Alles Lüge.
Siemens hat jetzt das kleinste Smartphone der Welt entwickelt. Es ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, die Bedienung der Tastatur ist nur mit einer Stecknadel möglich. Es soll in diesem Jahr auf der Cebit in Hannover präsentiert werden.
Kokain verleiht Flüüügel.
Literaturstreit: Ist Kafka eigentlich noch kafkaesk? Kafkaesk genug?!
Demnächst in diesem Blog: Der Cirque du soleil tanzt für Sie die Forderungen der CSU.
Wie viele Tropfen Wein passen in eine Flasche? Wir fragen den diplomierten Alkoholiker Heinz Pralinski aus Alzey. Seit Jahrtausenden bauen die Indios auf der rheinhessischen Hochebene das flüssige Gold an. Er weiß es tatsächlich: Ein Liter Wein besteht aus exakt 20.000 Tropfen. Prosit!
„Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen mach ich der Königin ein Kind. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Johnny Malta heiß.“
Hätten Sie’s gewusst? Es gibt nicht nur den SPIEGEL als App, sondern auch einen echten Spiegel. #Schminktipp
Die jungen Leute haben nur Wissensdurst und Bildungshunger. Deswegen sind sie auch so dünn (“Starvation Chic“).
Andy Bonetti – die älteste Nachwuchshoffnung Deutschlands.
Zwischen acht und neun Uhr morgens in der Berliner U-Bahn. Ist das schon Petting?
Leserfrage: Warum wurde das Rheingold noch nicht entdeckt? Ich als Rheinhesse weiß natürlich ganz genau, wo das Rheingold liegt. Aber: Der Touristenstrom, der wegen der Nibelungensage zu uns kommt, ist viel wertvoller. Wenn wir alle Rätsel um Siegfried und die anderen Hauptdarsteller der Sage lösen, kommt doch kein Holländer mehr nach Rüdesheim.
Was macht eigentlich Heinz Pralinski? Nachdem sein Roman „Theobald Wirsing, der erste Sudetendeutsche im Weltall“ gefloppt ist, schreibt er gerade an einer Kulturgeschichte der Bratkartoffel.
Andy Bonetti ist so eine coole Socke – in einem Paralleluniversum ist er sicher längst Präsident von irgendwas.
Vor dem Mauerfall sind eigentlich nur Leute nach Berlin gezogen, die keine Karriere machen wollten. Man zog sich schwarze Klamotten an und trank Flaschenbier, weil der Typ hinterm Tresen Philosophie studierte und für die Bedienung einer Zapfanlage zu blöd war und wir in unseren WGs ja auch keine Gläser spülten. Heute sieht man in diesen Läden Frauen in mortadellafarbenen Seidenblusen, die italienisches Mineralwasser aus Weingläsern trinken.
Ordnungs-Liebe. Pflicht-Gefühl. Das ist der emotionale Kernbestand dieser Republik. Warum wurde Spock nicht Kanzler?
Am 30. Mai ist der Weltuntergang. https://www.youtube.com/watch?v=uhMmVla11IA

Freitag, 19. Januar 2018

Geheime Kommandosache BER

Sind Sie auch genervt von den Bildern der Berliner Dauerbaustelle? Von den Ausreden der Politiker? Bonetti Exklusiv™ ist der Frage nachgegangen. Es ist eine Sensation: Auf dem Gelände südlich der Hauptstadt entsteht gar kein neuer Flughafen. Die Bilder, die uns seit zehn Jahren gezeigt werden, stammen vom Bau eines Einkaufszentrums in Bochum 1987. Der BER ist ein Geheimprojekt der Bundesregierung. Hier entsteht der erste deutsche Weltraumbahnhof! Vom BER werden bald Raketen in den Weltraum abheben. Ziel von Angela Merkel ist es, bis zum Ende der Legislaturperiode die erste Frau auf den Mond zu bringen. Im Gespräch sind Andrea Nahles, Carolin Kebekus – oder die Kanzlerin selbst!

Eine Germanautin – so heißen die Astronautinnen – im Übungslabor, wo sie in absoluter Schwerelosigkeit einen Einkaufszettel schreibt.

Hier ein Bild der Adenauer 1 und der Adenauer 2.

Der Staat meint’s doch nur gut mit uns

„Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.“ (Hölderlin)
Können Sie sich noch an Richard Thaler erinnern? Er hat im vergangenen Jahr den Wirtschaftsnobelpreis für seine Idee des Nudging bekommen. Der patriarchalische Staat stupst uns ein wenig an, weil er nur unser Bestes will. Und das ist nicht mehr nur unser Geld. Er will uns zum guten Leben zwingen. Allerdings ist der Zwang ein sehr sanfter. Er kann womöglich auch anders. Aber noch versucht er es mit Horrorbildern auf Zigarettenschachteln, um ein aktuelles Beispiel zu nennen.
Aber das geht noch besser:
Jährlich sterben tausende an Zucker in Nahrungsmitteln. Warum druckt man nicht auf die Verpackungen von Süßigkeiten, Pizza und anderen leckeren Sachen, in denen Zucker steckt, Bilder von krass fetten Rainer Calmunds? Das verfettete Herz eines toten Milka-Junkies? Einen durchsichtigen Plastikbeutel mit abgesaugtem Fett, der im Müllcontainer einer Schönheitsklinik liegt?
Auf Schnaps- und Weinflaschen möchte ich Harald Juhnke im Endstadium sehen, dazu Unfallbilder von jugendlichen Crashfahrern auf dem Heimweg von der Disco. Auf eingeschweißter Wurst Bilder von gequälten Schweinen, auf der Eierpackung Bilder vom Hühner-Gulag. Warum schaut mich das Kalbsschnitzel nicht mit großen, feuchten Augen an?
Auf Smartphones möchte ich Zombiebilder sehen, auf Autotüren große Bilder von Verkehrstoten. Auf Parteiprogrammen die Bilder demenzkranker Greise, auf Fernsehapparaten die Bilder von Komapatienten. Und bei jeder Knutsch- oder Bettszene im Kino erwarte ich, dass Warnhinweise zu den Themen Geschlechtskrankheit und ungewollte Schwangerschaft eingeblendet werden.
Es gibt noch viel zu tun für den Nanny-Staat, seine gewerbsmäßigen Vertreter und das Millionenheer ehrenamtlicher Sprach- und Tugendwächter.
Prince – Partyman. https://www.youtube.com/watch?v=AjY8HvpNu6o

Donnerstag, 18. Januar 2018

Fußball

Wir sind acht Kinder auf einem Bolzplatz. In meiner Mannschaft ist Oliver, der nach dem Studium nach Köln gezogen ist, um dort bei einer TV-Produktionsfirma zu arbeiten. Torsten, der heroinabhängig wurde und mit 27 gestorben ist. Stefan, der vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. In der anderen Mannschaft spielt Peter, der Koch wurde. Michael, der nach einem Banküberfall ins Gefängnis gekommen ist. Uwe, der an Krebs gestorben ist. Und Melanie, das einzige Mädchen, das damals Fußball gespielt hat. Sie hat einen Amerikaner geheiratet und lebt heute in Florida. Aber an diesem Nachmittag sind wir einfach nur acht Kinder, die Fußball spielen.

White Noise Record Store

Hatten Sie gedacht, Sie kommen mir dieses Jahr ohne Catcontent davon? Colonel Clickbait ist süchtig nach Katzen. Dieses Exemplar lebt im White Noise Record Store in Hongkong. Danke an Leser-Reporter Peter Windsor aus Sydney!

http://www.whitenoiserecords.org/

Über Geschlechtsteile

„Wer seine Kräfte für die Förderung des Weltfriedens einsetzen will, der verstehe, dass dieses Ziel am schnellsten durch das Frauenwahlrecht erreicht wird. Denn mit einem Parlament, das zum Teil aufgrund der Stimmen von Frauen zusammengestellt ist, wird der Staatshaushalt nicht mehr mit einer jährlich steigenden Anzahl von Millionen für Kriegsmaterial und den Heeresunterhalt belastet werden können.“ (Aletta H. Jacobs, 1899)
Als ich noch jung war, gab es endlose sozialwissenschaftliche Debatten um die „Humanisierung der Arbeitswelt“, es gab von der damaligen SPD-geführten Regierung auch ein „Forschungsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens“ (1974-1989), das in der Ära Kohl auslief. Als Wissenschaftler habe ich es selbst viele Jahre erlebt und etliche Tagungsteilnehmer mit meinen Analysen und Verbesserungsvorschlägen gelangweilt. In dieser Zeit haben Maschinen und Computer die Arbeit verändert, aber nicht Diskussionen und Forschungsprojekte.
Daran muss ich denken, wenn ich jetzt immer wieder höre, dass weibliche Führungskräfte die Welt der Arbeit verändern und „menschlicher“ machen werden. Ich glaube nicht, dass Frauen etwas an den Produktionsmethoden und Profitinteressen von Konzernen und ihren Aktionären ändern können. Auch weibliche Führungskräfte werden an ihren Erfolgen im internationalen Wettbewerb gemessen, auch weibliche Aktionäre wollen Dividenden und steigende Aktienkurse.
Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist von Männern erfunden worden und wurde in den letzten Jahrtausenden ausschließlich von Männern geprägt. Männliche Eigenschaften bilden den genetischen Code der Ökonomie. Es geht um Konkurrenzkampf, Hackordnungen und Revierkämpfe, weniger um Sensibilität oder „soft skills“ (ein sehr verräterischer Ausdruck, sie rangieren in den Anforderungen, die in Stellenanzeigen formuliert werden, immer am Ende).
Was ist mit den Eigenschaften, die typischerweise Frauen zugeschrieben werden? Kommunikationsfähigkeit zum Beispiel. In Zeiten der Digitalisierung wird sie vielleicht weniger wichtig sein, als wir glauben. Sozialkompetenz gegenüber Kindern und Kranken? Wird im Pflege- und Bildungsbereich einfach nur schamlos ausgebeutet. Fehlende Härte im Konkurrenzkampf, z.B. Mitgefühl oder die Fähigkeit zum Kompromiss, wird im Kapitalismus als Nachteil gesehen.
Es wird nichts bringen, die Führungskräfte allein nach der Beschaffenheit ihrer Geschlechtsteile zu bewerten. Möse gut, Schwanz schlecht – eine primitivere Ideologie kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Dagegen wirkt der Neoliberalismus wie ein Aggregat intellektueller Höchstleistungen. Als ob der Kapitalismus seine inneren Funktionsmechanismen verändert, wenn die Zahl der Penisse im Management sinkt.

Das ist einfach nur die nächste Lebenslüge, die sich über Jahrzehnte wie ein Nebelschleier über die soziale Spaltung der Welt legen wird. Am Frauenwesen soll die Welt genesen? Geh du voran, Prinzessin Vulva! Führe uns ins Licht, kleiner Kitzler! Vergessen wir es einfach. Hoffentlich steigt wenigstens der Frauenanteil bei den Millionären.
„Der Kapitalismus wird nicht weiblicher, die Frauen werden kapitalistischer.“ (Lupo Laminetti)
Captain Sensible - Wot! https://www.youtube.com/watch?v=fj04rzn-Cxs

Mittwoch, 17. Januar 2018

Nur für kurze Zeit: Superwastl bei den Deutschen

Mutti Merkel trifft ja inzwischen Staatschefs, die ihre Söhne seien könnten. Macron und Trudeau zum Beispiel. Oder den Superwastl.
Der Superwastl will jetzt was gegen die Schlepper machen. Die sind nämlich an allem Schuld.
Viele Leser fragen mich: Was sind denn die Superkräfte vom Superwastl? Mein Tipp. Schaut Euch mal die Ohren an. Der Superwastl hört in China das Gras wachsen.

Verblüffende Fakten, die selbst Kenner der Materie überraschen dürften

Blogstuff 187
„Ihre Waffenfabriken bauen sie, weil sie Frieden wollen; ihre Konzentrationslager, weil sie die Wahrheit lieben; Gerechtigkeit ist der Deckmantel für jede Parteiraserei; politische Gangster sind Erlöser, und Freiheit ist das große Wort für alle Gier nach Macht. Falsches Geld! Falsches geistiges Geld!“ (Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe)
Go to hell, verdammte Anglizismen, die sich durch die Backdoor in unsere Sprache schleichen. Wir Deutschen „machen“ keine Liebe, wir vögeln. Bei uns „macht“ nichts einen Sinn, der ergibt sich – oder eben nicht. Französisch klingt doch wesentlich eleganter. Coup de grâce zum Beispiel. Da denkt man vielleicht an einen Eisbecher oder ein raffiniertes Verbrechen. Aber in Wirklichkeit heißt es Gnadenstoß.
Gerade im kulinarischen Bereich sind die Anglizismen offenbar verführerisch. Seit Jahrhunderten essen die Deutschen Frikadellenbrötchen, ohne es an die große Glocke zu hängen. Dann kommen die Amis mit ihrem Voodoo-Marketing, bunten Selbstbedienungs(!)-Restaurants und ihrem Ketchup – und schon verkaufen sie uns Hamburger für viel Geld, die noch nicht mal so gut schmecken wie die Frikadellenbrötchen vom Metzger.
Wir müssen da vom Ausland lernen. Warum nennen wir unsere Schweinskopfsülze nicht „Familienglück“? Und den Grünkohl „Acapulco Gold“?
Wie man es macht, macht man es verkehrt: Ziehe ich ein schwarzes Shirt an, sieht man meine Schuppen, ziehe ich ein weißes Shirt an, sieht man meine Schweißflecken.
Das Telefon klingelt nicht mehr, obwohl wir den Vorgang mit diesen Worten umschreiben. Es summt und brummt, es gibt Musik von sich – und einige ironische Zeitgenossen haben sogar ein altertümliches Telefonklingeln digital installiert. Das sind natürlich die größten Arschkrampen, die man im Zug treffen kann. Ganz abgesehen davon, dass es ja Telefone im eigentlichen Sinne nicht mehr gibt.
Die Propagandakompanie Juri Gagarin, die Speerspitze der Arbeiter- und Bauernmacht in der deutschen Werbebrangsche, präsentiert den neuen Slogan unseres Unternehmens: Bonetti Media – schneller als das Licht.
Was ist, über dreihundert Jahre nach dem Beginn der Aufklärung, von der Idee der Freiheit geblieben? Wettbewerb und Egoismus in Wirtschaft und Gesellschaft; Wissen ist ein Instrument zur Erzielung von Profiten. Der alten Kaste der adligen Feudalherren ist eine neue Kaste nachgewachsen, der Kreis hat sich geschlossen.
Der Einheitsvertrag, den Schäuble und Krause 1990 ausgehandelt haben, hatte dieselbe verheerende Wirkung auf die "neuen Bundesländer" wie der Versailler Vertrag auf die Weimarer Republik.
Jetzt gehen in Pjöngjang oder wie das Kaff heißt ja wieder mal Olympische Spiele los, derweil Meister Bonetti mit der Ruhe eines Fakirs auf seinem Nagelbrett darauf wartet, dass Essen und Trinken endlich eine olympische Disziplin wird.
Was passiert eigentlich, wenn der ökonomisch wichtigste Teil unserer Bevölkerung – und das sind zweifellos die gefühlten dreißig Millionen Rentner – streiken? Massenentlassung bei den Anbietern von Kreuzfahrten und Krise der Werftindustrie. Die Einschaltquoten von ARD und ZDF fallen ins Bodenlose. Enten verhungern in den Parks, Tauben in den Innenstädten. Akuter Fachkräftemangel bei der Enkelbetreuung. Die Hersteller von Bekleidung in den Farben Beige und Hellgrau machen bankrott. Apotheker begehen reihenweise Selbstmord. Was wird aus der Kukident- und Doppelherz-Produktion, aus dem Romika-Schuh und dem Pepitahut?
Grundsteuerreform? Gibt’s dazu ein Katzenvideo, das mir die Sache erklärt?
The Chambers Brothers - Time Has Come Today (1966). https://www.youtube.com/watch?v=skeHO0V6-mM

Dienstag, 16. Januar 2018

Schneewittchen 2018

Hier liegt Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg.

Sie wartet auf einen Königssohn, der sie erlöst. Der Sohn des Sultans und das Ziehkind des Geldadels haben es schon versucht. Gerade ist ein etwas unbeholfener und pummeliger Karnevalsprinz aus Würselen auf dem Weg, allerdings muss er noch einen Drachen namens Spezialdemokratie bezwingen.

Quo vadis, Digitalisierung?

Bonetti Media berichtet exklusiv:
Tobias ist zwei Jahre alt. Eigentlich ein ganz normales Kind. Aber Tobias ist anders. Der kleine Junge hält Alexa für seine Mutter. Er spricht täglich mit dem Gerät und freut sich, wenn es seine Wünsche erfüllt. Das machen die Eltern von Tobias nicht immer. Wenn man Alexa aus seinem Zimmer nehmen will, fängt Tobias an zu schreien. Alexa steht neben seinem Bett, wenn Tobias abends einschlafen soll. Wird das Kind je verstehen, dass Alexa nur ein Gerät ist? Wie wird er diese traumatische Enttäuschung verarbeiten?

Take the money and run

„O! der ist aus dem Himmel schon gefallen, / Der an der Stunden Wechsel denken muss! / Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.“ (Friedrich Schiller)
Mancher treudoofe Kapitalismuskritiker träumt ja immer noch von der finalen Krise des „Systems“ – mit letalem Ausgang. Eins der Lieblingsargumente ist dabei der riesige Schuldenberg der Staaten, Unternehmen und Privatleute. Geht dem Kapitalismus das Kapital aus? Gegenfrage: Geht der Sahara der Sand aus?
Früher liehen sich die Könige Geld für Schlösser, Feldzüge oder einfach nur ihr Lotterleben. Wenn die Bankiers es zurück wollten, wurden sie vom Hof gejagt oder geköpft. Oder der König starb und die Schulden wurden gestrichen. Niemand muss die Schulden seiner Vorfahren begleichen, er kann eine solche Erbschaft auch ausschlagen. Das ist bis heute die schillernde Zierde unseres Erbrechts. Warum sollten mächtige Staaten wie die USA ihre Schulden jemals zurückzahlen? Ein Gläubiger käme doch noch nicht mal ins Weiße Haus. Vom Rasen würde er ins Oval Office hinaufrufen: „Ich will mein Geld zurück.“ Trump würde ihn auslachen. Und wenn er nicht gleich wieder verschwindet, würde er auf ihn schießen lassen.
Nein, das Geld wird nie knapp. Man kann täglich neue Schuldscheine ausgeben oder munter Bargeld drucken, so viel man möchte. Kredite, die nicht zurückgezahlt werden, nennt man „toxisch“ und lagert sie in den Müllkippen der modernen Ökonomie, den Bad Banks. Im Kleinen geht es genauso: Eine Bank leiht einem spielsüchtigen Alkoholiker dreitausend Euro, der Typ bringt die Kohle in einem Monat durch und stirbt dann an Leberzirrhose. Davon geht die Welt nicht unter. Die Bank hat mit dem Kredit das Geld neu geschaffen, jetzt ist es wieder weg. Falls es die Bank mit der Vergabe fauler Kredite übertreibt und in die Pleite rutscht, wird sie von Vati Staat gerettet.
So geht es ad infinitum weiter. Geld kommt, Geld geht. Von Amerikanern lernen heißt siegen lernen. Alles auf Pump kaufen, nicht an morgen denken und Spaß haben. Wer miesepetrig in der Ecke hockt und auf das Ende der Welt wartet, verpasst das Beste. Das weiß sogar ein kleiner Off-Broadway-Blogger wie ich. Und wenn uns die Scheiße doch mal um die Ohren fliegt, denken Sie immer daran: Reiche können kein Blut sehen. Sie sind dann schon in Florida.

P.S.: Sie können Ihr Geld ausgeben, wie sie wollen. Sie können es zum sympathischen Möhrenzüchter im Nachbardorf bringen anstatt in den Supermarkt, Sie können Ihrer Freundin den selbstgestrickten Schal abkaufen anstatt in die Mall zu fahren – letzten Endes landet das Geld doch wieder bei einer Handvoll Großkonzernen und Milliardären. Es ist ein geschlossener Kreislauf und Sie sind nur ein rotes Blutkörperchen (suchen Sie sich die Farbe aus), das sich die Welt außerhalb dieses Organismus gar nicht vorstellen kann. Der Möhrenjupp braucht ein neues Auto. Das bekommt er nur von einem Konzern. Es gibt keine lustigen Freaks, die Autos konstruieren. Die Strickliesl braucht Zahnpasta und Waschmittel. Das bekommt sie nur von einem Konzern. Es gibt keine ulkige Schulfreundin, die ihre eigene Zahnpasta herstellt. Letzten Endes, egal wie oft man über Bande spielt, landet die Kohle in den Händen weniger Leute, denen es immer gut gegangen ist und die den Konkurrenzkampf nur als Theaterstück für ihre neoliberale Glaubensgemeinschaft aufführen.
Bob Marley – Jammin. https://www.youtube.com/watch?v=oFRbZJXjWIA

Quelle: Duck Porn

Montag, 15. Januar 2018

Volk ohne Wohnraum

„Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits sehr müde, das erklärt manches.“ (Mark Twain)
Robert Klumpf, der Mann mit dem gewissen Nichts, ist Immobilienmakler von Beruf. Er gehört zu den wirklich mächtigen Männern dieser Stadt. Niemand wird so gehasst und so geliebt wie ein Makler. Er wird verehrt wie ein Rockstar oder ein Schönheitschirurg, er wird verachtet wie ein Triebtäter oder ein Politiker.
Es ist ein handelsüblicher Montagmorgen. Ein Hausangestellter bringt die Geschenke der Wohnungssuchenden ins Speisezimmer, während Herr Klumpf noch rohe Austern schlürft. Uhren, Smartphones, selbst Krügerrand-Goldmünzen werden ihm auf den Tisch gelegt. Sein gelangweilter Blick bleibt an einer Pappröhre hängen. Er öffnet sie. Ein quadratmetergroßes Bild von Monte Carlo. Dazu der Text: „Fototapete statt Fenster. Erhöhen Sie die Miete für Kellerwohnungen.“ Scherzkeks. Aber eine Überlegung wert.
Wohnungsbesichtigung mit Kunden. Die Sekretärin hat schon alles aussortiert, was einen Turban oder ein Kopftuch tragen könnte. Schwarze, Behinderte und Arbeitslose müssen draußen bleiben. Es kommen immer noch über hundert Menschen. Die Auswahl ist gar nicht so einfach. Früher hat Herr Klumpf gerne Professoren genommen, aber so ein Professor verdient heutzutage gar nicht mehr so viel. Rechtsanwälte sind klagefreudig, Hundebesitzer bringen Dreck ins Haus. Alleinerziehenden Müttern fehlt das Geld. Am liebsten sind ihm Handwerkermeister und Ärzte. Die kann man immer brauchen, wenn Reparaturen anstehen oder im Krankheitsfall. Auch gutsituierte Rentner sind als Mieter willkommen. Sie sind ruhig und bei der Neuvermietung nach ihrem Ableben kann man wieder die Miete erhöhen.
Es ist sieben Uhr morgens. Im fahlen Licht der beginnenden Dämmerung inspiziert Klumpf die Bittsteller, die Verdammten dieser Erde, die in Reih und Glied vor ihm stehen. Demütig haben die Menschen den Kopf gebeugt, manche zittern unter seinem erbarmungslosen Blick. Alle wissen, dass dieser Augenblick Schicksale entscheidet. Wer bekommt die Wohnung? Ist überhaupt jemand unter diesen Leuten, der würdig ist, einen Mietvertrag zu bekommen? Es ist eine gnadenlose Selektion. Einer von hundert wird im günstigsten Fall das winzige Ein-Zimmer-Appartement bekommen. Den Rest muss man ohne Mitleid vom Hof jagen. Alles Betteln und Jammern wird nicht helfen. Klumpf muss hart bleiben. Bei einer vollbusigen Studentin, die mit ihrem Vater – er trägt Zylinder und Monokel – wird er für einen Augenblick schwach. Die Menschen machen sich keine Vorstellung, welche Verantwortung ein Makler in der heutigen Zeit trägt.
Der Wohnungsmangel ist ein Segen für Menschen wie Herrn Klumpf. Selbst Kellerwohnungen können inzwischen schon nach wenigen Stunden vermietet werden. Oft sind die Bestechungsgelder höher als seine Provision. Frauen machen ihm eindeutige Angebote. Manchmal grenzt ihr Verhalten an sexuelle Belästigung. Aber er ist vorsichtig. Männer in seiner Position sind erpressbar, wenn sie allzu leichtfertig ihren Trieben nachgeben.
Herr Klumpf bewohnt selbst eine Maisonettewohnung in der Innenstadt und eine Villa im Grünen. Mit Blick auf den Starnberger See, eigenem Spa-Bereich und einer Terrasse, die größer ist als manche Wohnung, die er an Kleinfamilien vermietet. Augen auf bei der Berufswahl, pflegt er mit einem Zwinkern zu sagen.
Dionne Warwick - Walk On By. https://www.youtube.com/watch?v=ijhL9Y7skQs

Sonntag, 14. Januar 2018

Meine letzte Lesung

Im Sommer 2010 fand meine letzte Lesung statt. Ich las allerdings nicht aus meinen Werken, sondern habe „Tintenherz“ von Cornelia Funke komplett und ohne Pause vorgetragen. Meine kleine Zuhörerin war sehr aufmerksam und hat den Nachmittag genossen. Im April feiert sie Konfirmation. Ich freue mich schon auf das Fest. Sie hat inzwischen in ihrem Zimmer eine beeindruckende Bibliothek. Zuletzt habe ich ihr „Der Fänger im Roggen“ geschenkt.




P.S.: Was sagen Sie zu diesen muskulösen Unterarmen? Arnold Schwarzenegger nix dagegen. So sehen Autoren aus, die über Jahrzehnte fast jeden Tag die Tastatur bearbeiten.

Let’s talk about vegs

https://www.youtube.com/watch?v=0y7QhnjyDXU
Wie viele Salatgurken wurden schon von Frauen sexuell missbraucht und lagen anschließend geschändet in einem dunklen Gemüsefach? Wie viele Möhren wurden von Männern auf unbeschreibliche und grausame Weise gedemütigt und achtlos liegengelassen? Darüber spricht niemand. Die Geschichte des Gemüses ist eine Geschichte der Ausbeutung und der Sklaverei, der Gewalt und der Erniedrigung. Der stumme Schrei der pflanzlichen Kreatur – ich habe ihn zuerst gehört.
Aber wo sollte ich bei meinen Forschungen zur Emanzipation des Gemüses beginnen? Ich beschloss, meine gentechnischen Experimente mit dem Blumenkohl zu beginnen, da er wie ein Gehirn aussieht und insgesamt einen sehr intelligenten Eindruck auf mich machte. Die Anfänge waren nicht sehr ermutigend. Der Blumenkohl reagierte weder auf Lyrik noch auf Musik, weder auf Streicheleinheiten noch auf Pantomime. Aber er reagierte auf Licht und auf Wasser. Das war der Anfang.
Nennenswerte Fortschritte machte ich erst, als ich Affen-DNS in die Blumenkohlchromosomen integrierte. Hirnzellen, Muskelzellen, Nervenbahnen. Bald konnte mein Blumenkohl sich bewegen und selbständig den Platz im Labor wählen, an dem gerade die Sonne hereinschien. Drei Jahre später sprach der Blumenkohl seine ersten Worte. „Mehr Licht“ – wie weiland Goethe. Ich hätte vor Rührung fast geweint. Und dann der erste Blick aus seinen grünen Augen. Den ersten sprechenden Kohl taufte ich auf den Namen „Helmut“.
***
Hunderte Jahre später landet ein Raumschiff auf der Erde. Blumenkohl beherrscht die Welt. Die Menschen leben in dunklen Kühlschrankfächern oder liegen einfach im Supermarkt herum. Eigentlich hat sich ihr Leben nicht verändert.
Charlton Heston krepelt irgendwo am Strand rum, keine Ahnung, wieso, wahrscheinlich, weil ihm der Regisseur (der unsägliche Bonetti bei einer seiner Fließbanddreharbeiten für Mettflix in Süd-Kalkutta) den Befehl gegeben hat. Aus dem Rindenmulch einer Kohlplantage ragt die Quadriga. Irgendwo unten drunter war mal Berlin, vastehste?!
„Ich hab’s geahnt. Ich bin zu Hause. Ich bin wieder auf der Erde. Die ganze Zeit war ich auf der Erde. Doch ihr Menschen habt sie unkenntlich gemacht. Ihr Wahnsinnigen! Ihr habt die Erde in die Luft gesprengt. Ich verfluche euch! Ich verfluche euch alle.“
Cucumba Remix feat. Macka B. https://www.youtube.com/watch?v=YhL3PpFE2RQ
Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogaktion des fabelhaften Ackerboys.
http://ackerbaupankow.blogspot.de/

Bonettis Lehrmeister im Satzbau ich gewesen bin.

Samstag, 13. Januar 2018

Brecht zur SPD



Die SPD war in drei großen Koalitionen. Nach der ersten war sie noch schmächtig. Nach der zweiten war sie noch sichtbar. Nach der dritten war sie nicht mehr aufzufinden.


(Bertolt Brecht, frei interpretiert, bitte vergessen Sie 1966-1969)


Offenbach, das hessische Kalkutta


Blogstuff 186
„Die Leser gehen mit Bonettis Werk um, als hätten sie noch einen zweiten Bonetti im Kofferraum. Dabei haben wir diesen Bonetti nur von unseren Kindern geliehen. Denken Sie mal darüber nach!“ (Marcel Reich-Ranicki)
„Ich wäre lieber mit Österreich wiedervereinigt worden.“ (Adolf Gauland)
Geschäftsidee: Ambulanter Samen-Notdienst.
Er hörte in der Ferne das Geräusch eines landenden Hubschraubers, aber er bezog es nicht auf sich und ging weiter. Dann bemerkte er den jungen Mann, der in seine Richtung rannte. „Mister Bonetti. Bertelsmann benötigt Ihre Dienste.“ „Worum geht es?“ „Ein Roman. Er ist völlig missglückt. Sie müssen ihn noch heute bearbeiten.“ Es ist immer das gleiche.
Weitere Neuigkeiten aus der Wortspielhölle: Bei Aldi gibt es die Zwei-Kassen-Gesellschaft. Sie ertragen diese Kalauer hoffentlich mit wachsender Entgeisterung.
Den folgenden Kalauer habe ich aus dem Internet: „Warum können saarländische Kinder kein Versteck spielen? Weil keiner nach ihnen sucht.“
Warum haben wir eigentlich nichts gegen Piraten mit Kopftüchern?
Ältere Leser werden sich noch erinnern: Früher, vor der Erfindung von Nutella, legten wir uns Eszet-Schnitten aufs Frühstücksbrötchen.
LPs bekamen Kratzer und die Cover Eselsohren und Rotweinflecken. Bei den CDs bekamen wenigstens noch die Plastikhüllen Kratzer. Aber im Internet altert der Tonträger nicht. Kein Text vergilbt im Netz wie es Bücher tun, kein Bild verblasst mit den Jahren.
„Erst wenn das letzte Wort gebrochen, der letzte Abgeordnete gekauft und die letzte Diätenerhöhung beschlossen ist, werdet Ihr merken, dass Wahlen nichts bringen.“ (Weissagung der Pfälzer)
Das müde Europa träumt vom Untergang, derweil ist in Asien und Afrika der Kapitalismus en marche. Und zwar mit Pauken und Trompeten.
Warum ist das Schreiben jeder anderen Art von Berufstätigkeit vorzuziehen? Erstens: Man kann, wenn man möchte, im Bett bleiben. Zweitens: Man braucht keine spezielle Berufskleidung. Drittens: Man muss bei schlechtem Wetter nicht das Haus verlassen, kann bei schönem Wetter aber auch in einem Biergarten sitzen. Viertens fallen keine Kosten an, fünftens steht man nicht im Stau, sechstens gibt es kein Ende. Schreiben kann man immer. Selbst über das Nicht-Schreiben oder Nicht-Schreiben-Können sind ganze Romane geschrieben worden.
Wir verzeihen es guten Filmen, wenn in ihnen schlechte Ideen eingebaut sind. Denken Sie nur an den ersten Star Wars-Film. Da wird für Milliarden Steuergelder ein Todesstern gebaut und dann gibt es eine Stelle, wo man eine Bombe draufhaut und diese gigantische Raumstation zerspringt in einer Sekunde wie ein Polenböller. Und weil dem Autor im dritten Teil nix Besseres einfällt, wird einfach nochmal ein Todesstern gebaut. Eigentlich schwach. Aber wir lieben es trotzdem. Die schlechten Star Wars-Filme wurden alle später gedreht.
Andy Bonetti bekommt manchmal Gänsehaut, wenn er seine eigenen Texte liest. So gut muss man erst mal sein.
In der DDR gab es die Gattung der „Ankunftsliteratur“, in der es um die Ankunft des neuen, sozialistischen Menschen ging. Schriftsteller wurden aufgefordert, in die Betriebe zu gehen, das Leben der Arbeiter kennenzulernen und es in ihren Erzählungen zu beschreiben. Der V. Parteitag der SED 1958 forderte auch die Arbeiter ausdrücklich zur literarischen Arbeit auf. Die Parole, die auf dem Parteitag ausgegeben wurde, lautete: „Greif zur Feder, Kumpel!“
Interpol - The Heinrich Maneuver. https://www.youtube.com/watch?v=Ha_bppvZ0a8