Dienstag, 21. Februar 2017

Interview mit einer Geistesgröße

„Man sollte sich vor Menschen hüten, die nur ein Buch gelesen haben.“ (Giacomo Girolamo Casanova)
Reporter: Es heißt, Ihr Stern sei im Sinkflug. Und auch Ihre Auflagen.
Bonetti: Wer behauptet das?
R: BBHH, „Bahnhofsbuchhandlung heute“, das renommierte Branchenblatt.
B: Und wissen Sie, was die „Neue Züricher Zeitung“ schreibt?
R: „Bonetti gehört die Zukunft“. Aber damit ist der neue Trainer von Torpedo Bern gemeint.
B: Glauben Sie immer alles, was in der Zeitung steht?
R: Tatsache ist, dass Ihre Risco Tanner-Reihe eingestellt wurde.
B: Darf ein Verlag sich nicht verändern? Sollte es keine Innovationen mehr geben? Kennen Sie die Verkaufszahlen der Schraubenzieher-Man-Reihe?
R: Seit Erscheinen der Reihe sind die Verkaufszahlen im Bereich Schraubenzieher dramatisch zurückgegangen. Einige namhafte Baumarktketten wollen Sie verklagen.
B: Ist das nicht lächerlich? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verkauf von Werkzeug und Literatur?
R: Viele Leser und auch Redakteure des Feuilletons halten die Schraubenzieher-Man-Reihe für den Tiefpunkt Ihres bisherigen Werks und bezeichnen es als peinliche Selbstbeweihräucherung.
B: Hatten die Feuilleton-Fritzen jemals Ahnung von großer Kunst?

Bonettis Buchmobil – Die Anfänge des Unternehmens
R: Im Internet gibt es eine Bewegung, die die Rückkehr von Eike, dem kleinen Eierbecher fordert.
B: Wissen Sie, welche Gage Eike am Ende für jede neue Folge verlangt hat?
R: Immer wieder ist zu lesen, dass Ihre Lohnschreiber wie Sklaven im Keller Ihrer Villa gehalten werden.
B: Gibt es dafür Beweise?
R: Gelegentlich ist in einem Ihrer Groschenhefte der Satz zu lesen „Hilfe, ich werde von Bonetti Media gefangen gehalten und werde zu schwerer Textarbeit gezwungen.“
B: Wissen diese Dummköpfe denn auch, dass Sie in meinem Haus freie Unterkunft und kostenlose Mahlzeiten haben?
R: Ihr neuer Roman „Gefangen im Keller von Claudia Roth“ ist ein totaler Flop und rangiert bei Amazon nicht unter der ersten Million Bücher, was die Verkaufszahlen anbelangt.
B: Hatte Kafka zu seinen Lebzeiten gute Verkaufszahlen? Bemisst sich die Qualität von Kunst etwa an schnöden Profiten?
R: Sie stellen viele Fragen, Mister Bonetti.
B: Hätten Sie sich das nicht denken können?
Amy Winehouse - Back To Black. https://www.youtube.com/watch?v=TJAfLE39ZZ8

Montag, 20. Februar 2017

Wie ich den Krieg verlor

„Eine Geschichte der Menschheit gibt es nicht. Das ist die tiefe, traurige Wahrheit. Ihre Annalen sind nie geschrieben worden und werden nie geschrieben; und selbst, wenn es sie gäbe, wären wir außerstande, sie zu lesen. Was wir haben, ist das eine oder andere Blatt aus dem großen Buch des Schicksals, das von den Stürmen, die über die Erde hinwegziehen, hergeweht wird. Wir entziffern das, so gut wir können, mit unseren kurzsichtigen Augen; aber alles, was dabei herauskommt, ist ein konfuses Gemurmel. Wir haben es mit Hieroglyphen zu tun, zu denen uns der Schlüssel fehlt.“ (John Lothrop Motley)
Es begann in den Fernsehnachrichten. Dort war von Forderungen und Provokationen die Rede, in den folgenden Tagen fielen Begriffe wie „Ultimatum“ oder „Mobilisierung der Reserve“, die ich gar nicht kannte. Ich war damals zehn Jahre alt und fragte meine Eltern, was das zu bedeuten habe, aber sie senkten nur schweigend den Kopf oder sagten mir, ich sei noch zu klein.
Eine Woche später war unser Land im Krieg. Den genauen Grund für den Ausbruch dieses Krieges habe ich nie erfahren. Unsere Gegner waren heimtückisch, primitiv und hatten keine Chance gegen uns. Der Mann aus dem Nachbarhaus trug plötzlich eine Uniform und musste zu seiner Einheit. Ich habe vergessen, welche Einheit das war, aber ich war traurig, dass mein Vater keine Uniform hatte und nicht in den Krieg zog.
In unserem Dorf gab es einen Umzug der Soldaten, die in den Krieg zogen. Sonst gab es nur im Karneval einen Umzug, aber die Menschen waren an diesem Tag genauso fröhlich und ausgelassen wie in der närrischen Zeit. Am Bahnhof standen hunderte von uniformierten Männern mit riesigen Rucksäcken und einem Gürtel, an dem allerlei geheimnisvolle kleine Taschen waren. Ihre Stahlhelme baumelten an der Seite der Rucksäcke.
In dieser Zeit fühlten sich die Menschen wie Verbündete. Unsere Nachbarn im Dorf, selbst Fremde im Supermarkt waren uns jetzt viel näher. Es wurde in den Medien und in den Alltagsgesprächen viel von Zusammenhalt und Solidarität geredet. Man war erleichtert, wenn man einem anderen Menschen ein klein wenig helfen konnte, denn damit durfte man seinen Gemeinschaftssinn und seinen Willen zum Sieg auch im Kleinen zeigen.
Nur die Ausländer wurden misstrauisch betrachtet. In unserem Dorf gab es Türken, Italiener und Polen. Konnte man ihnen trauen? Ihre Länder waren zwar keine Kriegsparteien, aber es konnten doch Spione sein. Sie unterhielten sich in fremden Sprachen und gehörten nicht zu uns. In der Schule wurden sie zu Außenseitern, mit denen niemand mehr spielte. Wir deutschen Kinder wollten unter uns sein. Wir sprachen auf dem Schulhof über nichts anderes mehr als über den Krieg.
Wir hörten Geschichten von der Front, die im Dorf schnell die Runde machten. Obwohl es eigentlich verboten war, schickten viele Soldaten Mails und Fotos an ihre Angehörigen, von denen natürlich etliche im Internet landeten. Ich las die täglichen Berichte über den Kriegsverlauf. Es war spannender als die Fußballbundesliga. Hatten wir ein Gefecht gewonnen oder verloren? Hatten wir ein Stück Territorium erobert oder mussten wir es räumen? Wie viele Tote hatte der Gegner, wie viele Tote hatten wir? Das war der aktuelle Tabellenstand des Krieges.
Im Fernsehen und im Internet sah ich mir viele Beiträge über die Kampfhandlungen an. Ich muss sagen: unsere Bomber und Panzer waren einfach schön. Sie sahen gut aus und das Mündungsfeuer der Artillerie jagte mir wohlige Schauer über den Rücken. Auch die Luftaufnahmen von Explosionen oder die Bilder einer Drohne kurz vor ihrem Einschlag waren beeindruckend. Unsere Soldaten sahen cool aus, wie Filmstars. Während die Gefangenen des Feindes aussahen wie Verbrecher.
Irgendwann erreichten die Todesmeldungen auch unser Dorf. Der Nachbar mit der schönen Uniform war tot. Seine Frau weinte, als sie es meiner Mutter erzählte. Seine beiden Töchter gingen zunächst gar nicht zur Schule, dann nur schweigend und mit hängenden Köpfen. Ich fragte meinen Vater, ob er auch in den Krieg ziehen müsste. Ich war unsicher geworden. Nein, sagte er, aufgrund seiner Tätigkeit als Leiter der Buchhaltung in einem kriegswichtigen Betrieb müsse er nicht mit seiner Einberufung rechnen. Wieder neue Worte: „kriegswichtig“, „Einberufung“.
Es waren die Politiker, die entschieden, was kriegswichtig war und wer als nächstes einberufen werden sollte. Man sah sie jetzt häufiger im Fernsehen, wo sie lange Reden hielten. „Schicksal“, „Nation“, „historische Entscheidungsschlacht“ oder die „Zukunft unserer Kinder“ waren Begriffe, die sehr häufig in ihren Reden vorkamen. Viele Flaggen und klatschende Menschen waren zu sehen, die Inszenierung war beeindruckend. Ob meine Eltern abends vor Ergriffenheit oder Angst weinten, weiß ich nicht mehr. Aber eines Tages hatten wir den Krieg verloren.
Solid Space - Spectrum Is Green. https://www.youtube.com/watch?v=rsR40Skuxfo

Sonntag, 19. Februar 2017

Kontinente, Konfirmanden, Koniferen

Blogstuff 114
„Immer eine Handbreit Doppelkorn unter dem Kiel.“ (Hanseatisches Sprichwort)
Wenn sogenannte Prominente wie Peter Maffay, Jogi Löw und Hape Kerkeling an der Wahl zum Bundespräsidenten teilnehmen dürfen, wenn ein TV-Richter und der Vater eines Satirikers als Pseudo-Gegenkandidaten aufgestellt werden, wissen wir, dass die Politiker den Wahlvorgang nicht ernst genommen haben. Nach der Wahl gab es dann das Statement von meiner Lieblingsteilnehmerin Veronica Ferres zu hören: „Steinmeier ist ein Mensch, der Menschen als Mensch begegnet.“ #FakeChoice
Trump ist die Sonnenfinsternis der Demokratie. Sie wird vorüber gehen.
Was geschieht, wenn Geld, Paragraphen und Befehle zwischen den Menschen sind? Nicht mehr viel. Selbst Hannah Arendt spricht von der Banalität des Bösen, wenn sie Adolf Eichmann während seines Prozesses beobachtet. Wir reduzieren uns selbst auf soziale Automaten, auf das bloße Funktionieren.
Kennen Sie Robert Neumann? Sein Buch „Where Neumann has gone before“ ist in den Niederlanden ein absoluter Verkaufsschlager.
Früher war Deutschland sauber geteilt. Es gab einen kapitalistischen und einen sozialistischen Teil. War man im kapitalistischen Deutschland für den Sozialismus, hieß es einfach: „Geh doch rüber!“ Wohin gehen die Sozialisten heute? Ins Internet. Gut. Aber konkret? Wer an Marx oder Lenin glaubt, ist nach der Vertreibung aus dem Arbeiter- und Bauernparadies heimatlos geworden.
Neulich habe ich mit einer Freundin ein langes Gespräch über die Bedeutung des Zufalls in unserem Leben geführt. Er wird unterschätzt, unsere Entscheidungen werden systematisch von uns selbst überschätzt. Verleihen wir den Dingen eine tiefere Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben? Und warum ist es nicht legitim, solche Zusammenhänge herzustellen, wenn sie unserem Leben einen Sinn oder wenigstens ein Geheimnis geben?
Wenn ein Politiker die Mehrheit hat, heißt es noch lange nicht, dass er eine gute Wahl ist.
Werbung: Andy Bonetti gibt’s jetzt auch als Spielfigur aus hochwertigem Kunststoff. Voll beweglich! Zubehör: Buch, Schreibtisch, Whiskyflasche, Nobelpreis und Muse.
Die Großen fressen die Kleinen und so kommt die kapitalistische Wirtschaft irgendwann an ihr natürliches Ende. Nette Idee. Die großen Fische fressen die kleinen Fische und der Teich kommt nie an ein Ende. Da hätte Marx mal den Zeitgenossen Darwin interviewen sollen.
Hätten Sie’s gewusst? Kuchen besitzt ein eigenes Gravitationsfeld. Wenn Kuchen im Haus ist, bewegen Sie sich unwillkürlich auf ihn zu.
Warum sollte ich heute schon wissen, was ich morgen mache?
Eigentlich tun mir die Ossis Leid: Zuerst arrangieren sie sich mit der SED, danach mit IKEA, Amazon und Persil.
Rheinland-Pfalz: Aus einigen Leichenteilen des Deutschen Reichs hat man 1946 Frankensteins Monster zusammengenäht: Die Pfalz aus Bayern (hier ist Frankenstein tatsächlich, zwischen Kaiserslautern und Bad Dürkheim), Rheinhessen aus Hessen, Hunsrück, Eifel und Westerwald aus Preußen. Mainz wurde zur Hauptstadt erklärt, wobei man die drei ostrheinischen Stadtteile amputierte. Fertig ist das Bindestrich-Bundesland. Es ist nicht das einzige.
2020: Synchron-Trinken wird olympische Disziplin.
Hätten Sie’s gewusst? Charlie Chaplin wurde durch eine wahre Tragödie zu seiner berühmten Komödie „Goldrausch“ inspiriert. 1846 wurde eine Gruppe Siedler im Westen der USA vom Winter überrascht. Von 81 Menschen kamen 34 ums Leben, die von den anderen Siedlern verspeist wurden – sowie auch die Schuhe und andere Lederwaren. Für die Szene, in der Chaplin den Schuh isst, wurden drei Drehtage und 63 Takes benötigt. Der Schuh und die Schnürsenkel waren aus Lakritze.
„So wie unser Geist durch Vorurteile beschränkt wird, ist unsere Wahrnehmung durch Gewohnheiten beschränkt. Die tägliche Flut der Bilder in den Medien hindert uns daran, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Aufgabe der Kunst es ist, die Welt wieder zu entdecken, sie mit den Augen der Kinder zu sehen. Wenn Picasso eine kubistische Orange malt, sehen wir die Orange neu. Wenn ich eine Geschichte über Eike, den kleinen Eierbecher, oder den Schraubenzieher-Man schreibe, sehen wir den Eierbecher und den Schraubenzieher neu.“ (Andy Bonetti: Ich habe Kunst)
Eurythmics – Doubleplusgood. https://www.youtube.com/watch?v=aGwUNTGrnvE

Samstag, 18. Februar 2017

Der letzte Wunsch

Eigentlich beginnt hier am Rhein in der nächsten Woche die Fastnacht, die Zeit der behördlich erlaubten und geregelten Fröhlichkeit. Die Polizei empfiehlt den Flüchtlingen, sich von dieser alten deutschen Tradition fernzuhalten. Aber mir geht gerade eine ganz andere Sache durch den Kopf.
Im Nachbardorf wohnt meine Nichte. Ihre Freundin hat Krebs. Mit 21 Jahren erfährt sie von den Ärzten, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben hat. Was für ein schrecklicher Gedanke. Noch so jung – und die Zeit des Abschieds von der Welt, von der Familie und von Freunden ist gekommen. Die Zeit der letzten Wünsche bricht an.
Sie möchte noch einmal das Meer sehen. Mit ihren Eltern und ihrem Verlobten fährt sie nach Nizza. Leere Strände. Februar. Eine Stadt in Trauer nach dem verheerenden Terroranschlag. Aber ein Wunsch, der in Erfüllung geht.
Sie möchte gerne noch ein letztes Mal ihren Geburtstag feiern. Im April wird sie 22. Sie hat es nicht mehr geschafft. In dieser Woche ist sie gestorben. Wir sollten mit unseren Wünschen nicht länger warten. Darüber denke ich in diesem Augenblick nach.
Alexandra - Was ist das Ziel? https://www.youtube.com/watch?v=6t_0rbDGCOg

China-Reise 2007 – Einige Beobachtungen und Bemerkungen

Politik
Es fallen in China die starken Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sowie die Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land auf, die uns in diesem Ausmaß in Deutschland unbekannt sind. Es stellt sich die Frage, welches Land eigentlich das sozialistische und welches das kapitalistische ist. Ein solches sozioökonomisches Gefälle würde einen europäischen Staat zerreißen. Den Sozialismus habe ich nur in Form von Folklore (etwa der morgendliche Fahnenappell vor der Provinzverwaltung in Xian) und Fassade (rote Fahnen und Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking) wahrnehmen können. Positiv: Das Massaker von 1989 und gesellschaftliche Probleme wurden offen von der deutschen wie auch der chinesischen Reiseleitung angesprochen.
Wirtschaft
Es gilt: Je urbaner China ist, desto westlicher ist es auch. In den Metropolen finden wir Kaufhäuser, die den Kathedralen des Kapitalismus in Europa, etwa dem KaDeWe in Berlin, in nichts nachstehen. Die großen Kaufhäuser sind jedoch fast menschenleer, da die Kaufkraft des Durchschnittsbürgers zu gering ist. Beispiel: Ein Paar deutsche Markensportschuhe kosten einen chinesischen Arbeiter drei Wochenlöhne, einen deutschen Arbeiter noch nicht einmal einen Wochenlohn. Hierzu passt auch die Beobachtung, dass man kaum Chinesen mit Einkaufstüten der großen Kaufhäuser sieht, obwohl die Boulevards voller Menschen sind. Die chinesischen Händler und Verkäufer unterscheiden sich in nichts von Händlern in kapitalistischen Ländern, sie wirken im Gegenteil noch aufdringlicher. Zudem fällt der verschwenderische Umgang mit Arbeitskräften auf: Im Lokal warnt ein Mensch permanent alle eintretenden Gäste vor den Gefahren einer bestimmten Stufe, in einem anderen Lokal reicht ein Mensch auf der Toilette Papierhandtücher aus einer Selbstbedienungsbox an die Besucher weiter.
Gesellschaft
Die Chinesen sind, wie in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt zu beobachten, im Durchschnitt sehr jung. Das Straßenbild wird von jungen Menschen geprägt, Menschen mittleren Alters oder gar alte Menschen sieht man kaum. Die jungen Leute tragen häufig westliche Kleidung und Frisuren. Selbst unter den ärmeren Menschen ist westliche Kleidung (Lederhalbschuhe, zweiteiliger Anzug) sehr verbreitet. Selbst die Mönche tragen Turnschuhe und amerikanische Schirmmützen, nutzen Handys und andere Geräte. Die Menschen wirken sehr materialistisch und geldgetrieben, außerdem fehlen häufig gewisse Umgangsformen. Beispiel: Ein lamaistischer Mönch spricht mich in Wutaishan mit den Worten „Hello, money!“ an – oder die Bauersfrauen am Mondberg! Dem Durchschnittschinesen sieht man die 5000 Jahre Geschichte so wenig an wie die Deutschen ein Land der Dichter und Denker bevölkern (oder Franzosen elegant und Engländer lustig sein sollen). Stereotype Vorurteile greifen hier nicht.
Medien
Es gibt eine große Zahl an Fernsehprogrammen, etwa fünfzig. Es dominieren Spielshows und Serien, wobei letztere häufig einen historischen Hintergrund (meist das alte Kaiserreich) haben. Das Programm ist überraschenderweise noch chinesisch untertitelt, möglicherweise möchte man auf diese Weise das Erlernen der Schriftsprache fördern. Die Werbeblöcke sind nicht nur von westlichen Produkten durchsetzt, sondern auch in ihrer Präsentation sehr westlich. Musiksendungen für junge Leute sind stark vom westlichen Musikstil (Pop, Rock, Rap usw.) geprägt, aber es überwiegen chinesische Texte. Telefonnummern und Zahlen werden offenbar – wie im Westen – nur in arabischen Ziffern ausgedrückt.
Verschiedenes
• Die Vielfalt des chinesischen Essens und die hohe Qualität im Vergleich zu den deutschen „China-Restaurants“, die Mahlzeit als Gemeinschaftserlebnis (zehn Menschen bestellen zehn Gerichte, die auf einem breiten Drehgestell serviert werden; alle Essen von allen Tellern, so dass alle Mahlzeiten zu Menüs werden)
• Als „Langnase“ stellt man häufig eine kleine Sensation dar, etwa als wir gemeinsam in einem Kleinstadtladen einkaufen waren und sich eine Traube von Kindern um mich bildet, als ich mir eine Dose Bier hole
• Die scheinbar regellose Naturwüchsigkeit des Straßenverkehrs, die es in Europa allenfalls noch in Süditalien zu beobachten gibt
• Die teilweise mittelalterlich zu nennenden Toiletten an Raststätten und in Restaurants
• Touristische Glanzlichter wie die Große Mauer und die Terrakottaarmee beeindrucken mehr durch die Vorstellung des ganzen als durch den konkreten Anblick
• Das überall zu beobachtende starke Wachstum der Städte; Metropolen wie Shanghai oder Peking gibt es in Europa gar nicht, auch nicht diese Form der vertikalen Stadtentwicklung nebst üppiger Neonreklamen in Fußballfeldgröße
• Die Rhetorik des chinesischen Reiseführers: schlechte Straßen voller Schlaglöcher wurden zu „Massagestraßen“, Pinkelpausen auf den abenteuerlichsten Aborten zu „Harmoniepausen“
• Die Dreistigkeit einer Hotelangestellten, die meine Ansichtskarten trotz Bezahlung des Portos einfach in den Müll geschmissen haben muss. Keine einzige Karte ist bis heute angekommen
P.S.: Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ich die dreiwöchige Rundreise gemacht habe. Noch heute denke ich gelegentlich an die Schönheit der Flusslandschaft, die ich bei einer Bootsfahrt auf dem Li Jiang erlebt habe, oder das Metropolis-Feeling in Shanghai, wo wir am nächsten Tag mit 432 km/h im Transrapid zum Flughafen gefahren sind. Oder an den studierten Reiseleiter, der ausgezeichnet Deutsch sprach und mir gelegentlich seine Hand auf den Bauch legte. Ich ließ es geschehen, fragte ihn aber eines Tages doch, warum er das tue. Es bringe Glück, den Bauch des Buddha zu berühren, antwortete er mir. Ich nehme das bis auf den heutigen Tag als Kompliment.
Damals, im Mai 2007, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Auch das ist ein Jubiläum.

Raucherinsel (Danke, Harri)
Ach ja, die Frauen von Mondberg. Sie umlagern den Bus jeder ankommenden Reisegruppe. Jeweils eine Frau schnappt sich einen Touristen oder ein Touristenpärchen. Sie laufen permanent neben dir her und versuchen, ihre Dienste anzubieten oder mit ihren zehn Worten Englisch, den Reiseleiter zu ersetzen. Meine Bäuerin, eine junge Frau, habe ich eine halbe Stunde lang tapfer ignoriert. Beim Picknick auf dem Berg hatte sie die Festung geknackt. Sie zeigte mir Bilder ihrer kleinen Tochter und von ihrem Haus. Natürlich hat sie ein angemessenes Trinkgeld bekommen, als wir wieder beim Bus waren.
Jean-Michel Jarre - Souvenir de Chine. https://www.youtube.com/watch?v=BY_ozF-4IAU

Freitag, 17. Februar 2017

Experiment

"Ich habe kürzlich von einem anschaulichen Gedankenexperiment gelesen: Stellen Sie sich vor, alle Einwohner Deutschlands würden in einer Reihe innerhalb einer Stunde an Ihnen vorbeilaufen – geordnet nach ihrem Vermögen. Und ihre Körpergröße würde ihrem Vermögen entsprechen, jemand mit einem durchschnittlichen Vermögen wäre also durchschnittlich groß. Dann würden Sie in der ersten halben Stunde gar nichts sehen, dann würden 60 cm große Zwerge an ihnen vorbeilaufen, nach 40 Minuten die ersten Menschen in Normalgröße. Und in der letzten Minute wären die Menschen, die an Ihnen vorbeilaufen, über 40 km hoch." (Alexander Dietz im Tagesspiegel vom 10.2.2017)

Liebesgrüße aus Moskau

„You must sit down, says Love, and taste my meat: So I did sit and eat.” (George Herbert)
Ein kalter Januarmorgen. Magdalena R. geht gerade mit ihren beiden Hunden spazieren, als sie die Tote sieht. Nicht weit vom Sportplatz entfernt liegt die Leiche einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Etwa fünfzig Meter weiter entdeckt sie eine weitere Leiche. Ein Mann in einem langen Mantel, er trägt schwarze Handschuhe. Reifenspuren im Schnee, Fußspuren.
***
Etwa zwanzig Minuten später ist ein Streifenwagen vor Ort. Im ganzen Tal gibt es keine Polizeistation. Die Beamten haben sich auf den langen Weg von Bad Kreuznach nach Schweppenhausen gemacht. Sie sperren den Tatort ab. Bis die Spurensicherung, die Kripo und die Leichenwagen im Dorf sind, vergeht eine weitere Stunde.
***
Noch fünf Minuten, dann fährt der Zug. Ludmilla fehlen zwanzig Cent Kleingeld. Der Fahrkartenautomat nimmt keine Fünfzig-Euro-Scheine für eine Fahrt von Bingen nach Koblenz. Um diese Uhrzeit ist der Schalter geschlossen. Nirgendwo kann man Geld wechseln. Schwarz fahren? Das bedeutet vielleicht Ärger in Deutschland und Ludmilla hat schon genug Ärger am Hals. Sie verpasst den Zug. Dann sieht sie den schwarzen SUV.
***
Die beiden Toten haben keine Papiere. Ihre Fingerabdrücke werden durch den Computer gejagt. Keine Ergebnisse. Die Daten werden an Interpol weitergeleitet. Die Antwort wird am nächsten Tag erwartet. Inzwischen ist die Presse in Schweppenhausen unterwegs. Die wenigen Menschen, die man auf den Gassen des Dorfes trifft, haben sehr schnell ein Mikrophon von Mitarbeitern diverser Boulevardblätter unter der Nase. Ein großer gutaussehender Mann, der einen sehr korpulenten Eindruck macht, kommt gerade von seinem Winzer, bei dem er einige Flaschen Wein erstanden hat. Er kann den Reportern keine Auskunft geben. Die Toten sind nicht aus seinem Dorf.
***
Waldimir ist wütend. Er hat gerade mit seinem Chef telefoniert. Eins der Mädchen ist abgehauen. Ist nur mit der Handtasche und ein bisschen Geld shoppen gegangen und nicht wieder gekommen. Montagmorgen – da ist im „Red Roses“ in Wiesbaden sowieso nicht viel los. Aber jetzt fehlt sie. Und Wladimir muss sie finden. Sonst ist sein Boss sauer. Der junge Jewgeni ist bei ihm, ein nervöser Kokser, der leicht die Nerven verliert. Es ist schon eine Zumutung, neben ihm im Auto zu sitzen.
***
Am nächsten Tag gibt die Polizei eine Pressekonferenz. Der Tote ist ein gewisser Wladimir Jewtuschenko und ist in Moskau als einschlägig vorbestraftes Mitglied einer international operierenden Verbrecherorganisation gemeldet. Der Name der Toten ist Ludmilla Novikova, sie ist neunzehn Jahre alt und hat Moskau vor einem Jahr verlassen. Ihre Eltern haben keinen Kontakt mehr zu ihr, sie ist in Russland nicht mehr mit einem Wohnsitz gemeldet.
***
Jewgeni keucht vor Erregung. Seine blutunterlaufenen Augen sind weit aufgerissen.
„Ich werde die Schlampe fertigmachen.“
„Überlass die Sache dem Boss. Er wird sich um sie kümmern.“
Wladimir hat solche Situationen schon einige Dutzend Mal erlebt. Bis hin zu Scheinhinrichtungen. Meistens ist nach der ersten Flucht Schluss. Viele wagen es noch nicht einmal, zum ersten Mal zu flüchten.
„Die lacht uns doch aus! Was glaubt die kleine Scheißhausfotze eigentlich, wer sie ist? Ich bin den ganzen Tag unterwegs, um eine Nutte zu finden? Ich schlag sie kurz und klein!“
Ludmilla weint auf dem Rücksitz. Wie schlimm kann es noch werden?
„Denk doch mal nach“, sagt Wladimir. „Wenn du sie grün und blau prügelst, bringt sie kein Geld. Das macht den Boss noch wütender.“
„Das ist mir egal. Ich fahr jetzt hier raus. An diesem Fußballplatz ist keine Sau. Jetzt klären wir die Sache.“
Der Wagen hält. Alle drei steigen aus.
„Du wirst dich jetzt beruhigen, du Schwachkopf. Wegen einem Anfänger wie dir will ich keinen Ärger kriegen“, sagt Wladimir.
Jewgeni zieht die Waffe. Ludmilla beginnt zu rennen.
„Wenn du nicht sofort wieder die Pistole einsteckst, bist du ein toter Mann“, brüllt Wladimir. Warum müssen die Amateure immer die Nerven verlieren?
Jewgeni drückt ab. Einmal. Zweimal.
Wladimir sinkt in den Schnee.
Dann treffen die Kugeln Ludmilla.
The Steve Miller Band – Macho City. https://www.youtube.com/watch?v=gemlal7T-PY

Donnerstag, 16. Februar 2017

Was ich bereits auf dem Spielplatz gelernt habe

Auf der Schaukel geht es hin und her, aber nicht wirklich vorwärts.
Auf der Rutsche geht es immer nur abwärts.
Auf der Wippe ist man zu zweit, es geht rauf und runter, aber nichts hat Bestand.
Alles, was man im Sandkasten baut, ist äußerst vergänglich.

Eine wahre Geschichte und eine Lüge

Franz Jung wurde 1817 in der Nähe von Karlsruhe geboren. Sein Vater war Landarbeiter, seine Mutter Weberin. Er wurde Knecht auf demselben Hof, auf dem auch sein Vater beschäftigt war. 1841 heiratete er die Magd Henriette Klingbeil, die auf dem Nachbarhof arbeitete. Als es zur Märzrevolution 1848 kam, nahm Franz Jung aktiv an den Kämpfen Teil. Im Großherzogtum Baden nahm die Revolution ihren Anfang. Das Volk wählte sich überall in den deutschen Kleinstaaten Regierungen, die sogenannten Märzkabinette, die in der Frankfurter Paulskirche zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung zusammentraten. Ein Ergebnis der Revolution war die Bauernbefreiung. Franz Jung und seine Frau waren nun keine Leibeigenen mehr. Er hatte nun das Recht, das Land seines Herrn zu verlassen und musste keine Frondienste mehr erbringen. Auch die Erbuntertänigkeit der Bauern, die es seit Jahrhunderten gegeben hatte, wurde abgeschafft. Als die Revolution kurz darauf gescheitert war, fürchtete Franz Jung, seine Freiheit wieder zu verlieren. Er ging mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Amerika, wo es keine weißen Leibeigenen mehr gab. Er ließ sich in Ohio nieder, kaufte ein Stück Land und wurde Farmer. Er war so erfolgreich, dass er seinen Grundbesitz stetig erweiterte. Auf einem Teil des Landes baute er Hafer an und begann, in die umliegenden Städte und Gemeinden Haferflocken zu verkaufen. 1875 war er ein erfolgreicher Unternehmer, der eine eigene Fabrik unterhielt, die Haferflocken im ganzen Land verkaufte. Bevor im 20. Jahrhundert die Cornflakes den Markt eroberten, galt Franz Jung als König der Frühstückscerealien. Er starb 1892 als reicher Mann.
Franz Jung wurde 1888 in Oberschlesien geboren. Er war der Sohn eines Uhrmachers, besuchte das Realgymnasium und legte 1907 sein Abitur ab. In Leipzig studierte er Musik, wechselte aber bald zu Volkswirtschaft, Rechts-, Kunst- und Religionswissenschaften. 1912 erschienen erste Prosatexte von ihm in expressionistischen Zeitschriften. Bei Kriegsbeginn 1914 desertierte er aus dem Heer, kam in Festungshaft und anschließend in die Psychiatrie nach Berlin-Wittenau. Danach führte er ein Doppelleben: Sein Brotberuf waren Wirtschaftsjournalismus und Börsenberichterstattung, gleichzeitig betätigte er sich politisch im Untergrund und war Mitherausgeber des „Club Dada“. Er war mit Erich Mühsam und George Grosz befreundet. Nach dem Krieg nahm er an den Spartakus-Kämpfen im Berliner Zeitungsviertel teil. Als glühender Kommunist kaperte er ein Fischdampfer und fuhr in die Sowjetunion, wo er bei Nowgorod eine Zündholzfabrik aufbaute. 1923 kehrte er unter falschem Namen nach Deutschland zurück, arbeitete erneut als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und am Berliner Theater an der Seite von Erwin Piscator. Ab 1933 war er in der Untergrundgruppe „Rote Kämpfer“ aktiv, wurde verhaftet und konnte fliehen. Prag, Wien und Genf wurden seine nächsten Stationen. 1939 war er Versicherungsagent in Budapest, nachdem ihn die Schweiz wegen Spionageverdachts ausgewiesen hatte, und wurde 1944 wieder verhaftet. Er konnte nach Italien fliehen, wo er jedoch im Konzentrationslager Bozen interniert wurde. 1948 wanderte er in die USA aus und kehrte 1960 nach Deutschland zurück, wo er 1963 völlig verarmt und vergessen in Stuttgart starb. Seine Autobiographie „Der Weg nach unten“ von 1961 ist leider viel zu wenigen Lesern bekannt.
Welche der beiden Biographien ist echt, welche ist falsch?
Pink Turns Blue - Your Master Is Calling. https://www.youtube.com/watch?v=FT9lwMakwv8

Mittwoch, 15. Februar 2017

Schraubenzieher-Man – The next level

Im Stadtparlament von Gotham City ist es zu einer Pattsituation gekommen. Die fünfzig Abgeordneten der Konservativen Partei der Demokratie (KPD) stehen gegen die fünfzig Abgeordneten der Progressiven Liste der Ordnung (PLO). Es geht um die wichtige Frage der Öffnungszeiten in der Gastronomie. Die Konservativen möchten die Begrenzung des Ausschanks von Alkohol von 11 bis 23 Uhr erhalten, die Progressiven wollen den Nonstop-Ausschank rund um die Uhr. Nach dem Flüchtlingswellenbad der Gefühle im vergangenen Jahr die zweite heikle Kontroverse in der Stadt.
Diese Hängepartie kann nur ein Mann auflösen: Andy Bonetti, PLO-Mitglied und der hunderterste Abgeordnete des Parlaments. Seine Partei, die getreu dem alten Diktum „Vox populi vox Rindvieh“ einen roten Stier als Wappentier gewählt hat, versucht seit Tagen, ihn zu erreichen, während die KPD, deren Symbol ein schwarzes Schaf ist, seit Tagen Bonettis Villa belagert, um ihn an der Teilnahme an den Plenarsitzungen zu hindern. Sie stehen grölend mit fiesen Plakaten wie „Bullen schlachten!“ vor der Einfahrt zu seinem Anwesen, während der hessische Großsschriftsteller und Träger des Ordens wider den öffentlichen Humor ahnungslos in seinem Superheldenkostüm in der Wunder-Bar sitzt, wo er – übrigens nicht zum ersten Mal – rettungslos versackt ist.
***
„Warum machen wir das, Big S?“ fragt der Kreuzschlitz-Boy.
Sie sitzen an der Bar und der Schraubenzieher-Man nippt nachdenklich an seinem Screwdriver.
„Es ist der Kick. Das Adrenalin, das durch deine Adern gepumpt wird. Die Nacht nach dem Einsatz ist aufregend, du kannst nicht schlafen. Du spürst mit jeder Faser, dass du lebst. Und du weißt genau, warum du lebst.“
Der Kreuzschlitz-Boy nickt. „Aber wäre es nicht noch besser, die Verbrecher selbst zu richten. Wäre das nicht der ultimative Kick?“
„Nein“, antwortet der Superheld und trinkt sein Glas leer. „Wenn du selbst den Abzug drückst, bringt das ein schlechtes Karma. Die spirituelle Verunreinigung hast du für den Rest deines Lebens. Wir liefern sie der Polizei aus oder sie richten sich selbst. Wenn wir uns selbst mit der Schuld belasten, machen wir uns die zukünftige Arbeit unmöglich.“
***
Fortunato ist ein Mann mit schwarzglänzendem Haar, einem winzigen Schnurrbart und geradezu legendärem Glück. Am Tisch des Casinos sitzen nur noch er, ein texanischer Ölmillionär mit Cowboyhut und eine uralte Frau mit Kopftuch und Ohrringen, die ein Huhn auf ihrem Schoß sitzen hat, als wären wir in einem Bus irgendwo in Guatemala.
Fortunato, der Vincent Price unglaublich ähnlich sieht, setzt einen gewaltigen Stapel Jetons auf Zero. Er wird gewinnen. Wie immer. Und dann kauft er sich die Bad Gotham Honks (BGH), das Fußballteam der Stadt.
„Rien ne va plus.“ Der Croupier schickt die Kugel auf die Reise. Alle halten den Atem an, Fortunato zwirbelt mit einem maliziösen Lächeln seine rechte Schnurrbartspitze.
Da stürmen plötzlich ein halbes Dutzend Ninjas das Casino.
„Hände hoch! Her mit dem Zaster!“
Von der anderen Seite betritt Antonio Banderas mit einer Gitarre und einer doppelläufigen Pumpgun die Szene.
Der Croupier stöhnt auf und schüttelt den Kopf. Er kennt das schon.
„Schraubenzieher-Man“, ruft er verzweifelt, „nur der Schraubenzieher-Man kann uns jetzt noch retten.“
***
Der Schraubenzieher-Man trinkt sein Glas leer und bestellt noch einen Screwdriver.
„Ist das der Versuch, mich böse anzuschauen? Das ist ja süß. Haben Sie das geübt oder konnten Sie das schon immer?“
„Es ist elf Uhr“, sagt der Barkeeper.
„Morgens oder abends?“
„Abends. Wir schließen jetzt. Ich mache Ihnen die Rechnung, Sir.“
„Verdammte Öffnungszeiten. Warum kann man nicht einfach so lange in der Bar bleiben wie man möchte? Dieses alte Gesetz müsste unbedingt geändert werden. Aber keiner unternimmt was dagegen.“
„Aber haben Sie nicht einen Sitz im …,“ fragt der Kreuzschlitz-Boy, aber der Schraubenzieher-Man alias Bonetti unterbricht ihn mit einem lauten „Pssst“ und kichert hemmungslos.
„Heute habe ich einen sitzen und bin Schraubenzieher-Man, der Treter der Vererbten, der Erbe der Vertreter, äh …, na du weißt schon.“
Yes - Your move. https://www.youtube.com/watch?v=mI2ej_ctM9I

Dienstag, 14. Februar 2017

Posttraumatische Belastungsstörung

Ich habe mal einen Workshop in Meck-Pomm organisiert und dazu ein kleines Hotel an einem See komplett angemietet. Unglücklicherweise hatte es genau ein Zimmer zu wenig. Da Cheffe und ich keinem Gast dieses Elend zumuten wollten, nahmen wir zusammen ein Doppelzimmer.
Nach dem langen Sitzungstag lag mein Vorgesetzter also auch noch nachts neben mir im Doppelbett. Nur die „Besucherritze“ hat uns getrennt. Diese traumatische Erinnerung ist durch den Text eines Bloggers wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins geperlt. Danke, Herr Kollege! Jetzt lutsche ich wieder Daumen und suche meine alte Schmusedecke.
Sind Sie sensibel oder psychisch labil? Es sind noch andere Erinnerungen hochgekommen. Um sieben Uhr morgens klingelt der Wecker von Cheffe. Im Gegenlicht der Morgendämmerung sehe ich ihn zum Badezimmer laufen. Ein gepflegter Halbsteifer wölbt sich in seiner Unterhose – eine Acht-Uhr-Erektion und damit ist nicht die Uhrzeit gemeint, wenn Sie verstehen, was ich meine. Natürlich benutzt er vor mir die Toilette und die Dusche.
Das Leben ist ein Traum der Hölle. Das Leben ist ein Traum der Hölle. Das Leben ist ein Traum der Hölle …
Frankie Goes To Hollywood - Black Night White Light. https://www.youtube.com/watch?v=KObdqhVWDns

Der Westen ist der Süden

„Finsternis ist gut. Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht.“ (Stephen Bannon)
Das Ruhrgebiet war einmal das Herz der deutschen Wirtschaft. Eine Metropole, die aus zahllosen kleinen Großstädten und großen Kleinstädten besteht. Ein Melting Pot der Kulturen und Klassen.
Heute erinnert mich das Ruhrgebiet an den Süden der USA. Abstieg, Ignoranz, Hass. Hier wird alles Neue verhöhnt, durch den Dreck gezogen und abgestoßen.
Sie sind Webdesigner, Tagungsorganisator oder Modefotograf? Kommen Sie nicht zu uns. Wir wollen Sie nicht. Wir waren Bergarbeiter und Malocher, wir sind stolz auf unsere Beschränktheit und unsere fehlerhafte Grammatik.
Der deutsche Süden in NRW will sich nicht verändern. Er spielt die beleidigte Leberwurst. Hier können Sie nichts Neues aufbauen, weil die Sturköpfe im Pott den Bürgerkrieg der Globalisierung komplett verloren haben.
Alte Betriebe gehen, neue kommen. Alte Berufe gehen, neue kommen. Das ist der Lauf der Welt. Das Ruhgebiet macht diesen Wandel nicht mit. Das Ruhrgebiet nimmt übel. Baumwolle und Erdnüsse laufen nicht mehr? Na und? Aber das Neue wollen wir auf keinen Fall.
Die sollen nach Berlin gehen – oder besser gleich ins Silicon Valley. Duisburg und Bochum gefallen sich als sterbende Diven wie New Orleans. Aber diese Klasse werden sie selbst im Abstieg nicht erreichen.
Ennio Morricone - Chi Mai. https://www.youtube.com/watch?v=AFl-G85S8Ro

Montag, 13. Februar 2017

Schreiben Sie?

„Der Schriftsteller muss eigentlich zwei widersprüchliche Eigenschaften in sich vereinen: Er muss sensibel, dünnhäutig und offen für Einflüsse aller Art sein (Stimmungen, Ideen, Beobachtungen usw.), gleichzeitig aber auch ein sehr dickes Fell haben, wenn es um Kritik und andere Sichtweisen geht (Redaktion, Lektorat, Publikum, Presse usw.).“ (Johnny Malta)
Tage- und Notizbücher sind persönliche Antiquitäten. Je älter sie sind, desto wertvoller werden sie. Das Schreiben ist womöglich im Augenblick der Niederschrift eine Banalität, aber mit dem Abstand von zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren wird es aufschlussreich.
Im Januar 1977 fing ich an, täglich zu schreiben. Ich stelle immer wieder fest, dass eine Erinnerung, die ich in meinem Gedächtnis fest verankert glaubte, trügerisch ist, wenn ich das Ereignis in meinen Büchern nachschlage. Ich lerne immer wieder etwas über Selbsttäuschung und ich freue mich darüber, welche Gedanken und Ideen ich in der Vergangenheit bereits hatte. Vielleicht bin ich in den letzten Jahrzehnten gar nicht klüger geworden, sondern nur erfahrener.
Worüber schreiben? Am besten sind die unangemeldeten Gedanken. Lassen Sie es raus! Es muss ja nicht gleich ein Blog sein – die Lektüre durch Fremde ist für viele Menschen ein Schreibhindernis. Ein schönes Notizbuch, eine private Schublade. So geht es seit Jahrhunderten, da müssen Sie das Rad nicht neu erfinden und „irgendwas mit Medien“ machen, nur weil es gerade in Mode ist. Falls Sie unter Lampenfieber, Schreibhemmungen oder Trollphobie leiden, sollten Sie in jedem Falle das Internet, Redaktionen und Verlage meiden. Denken Sie immer daran: Sie können es ohnehin nicht allen recht machen und niemand erwartet Sie auf Augenhöhe mit Kafka oder Musil.
Worüber schreiben? Über den Tag, über das, was von einem Tag übrig bleibt. Eine winzige Szene. Eine Idee, ein Wunsch. Etwas Schönes, etwas Blödes, etwas Ärgerliches. Ich habe mal versucht, mit einem Autoschlüssel eine Weinflasche zu öffnen. Der Schlüssel brach ab – es war der erste Tag mit dem ersten Mietwagen meines Lebens. Saublöd. Aber ich habe eine Menge netter Leute in Kalifornien kennengelernt, die mir die Weinflasche geöffnet und am nächsten Tag eine Schlüsselkopie gemacht haben. Der Kellner, dem wir die Story kurz darauf erzählt haben, hat sich kaputtgelacht und uns für den Nachmittag in sein Haus eingeladen, wo es gute Musik und noch bessere Gras gab.
Worüber schreiben? Denken Sie sich was aus! Wie war das noch, als Sie die Bronzemedaille beim Schildkrötenrodeo auf den Galapagos-Inseln gewonnen haben? Sie hatten in der vergangenen Nacht einen merkwürdigen Traum, können sich aber nur noch an den Schluss erinnern? Erfinden Sie den Rest und erzählen Sie die Geschichte. Schreiben Sie es auf, selbst wenn Sie selbst der einzige Leser sein sollten.
Hören Sie nie auf Menschen, die ihnen erzählen wollen, es gäbe Regeln für das Schreiben. Die erste Regel des Write Club lautet: Es gibt keine Regeln. Es sind die Amateure, die Regeln für das Schreiben aufstellen und den Schulmeister oder den Richter über die Texte anderer Leute spielen möchten. Die Texte dieser Pedanten lesen sich immer wie die Schulaufsätze eines ewigen Gymnasiasten. Große Autoren haben noch nie Regeln aufgestellt.
Sie dürfen alles schreiben und in jeder Form. Arno Schmidt hat sogar seine eigene Rechtschreibung erfunden. Wer sollte Ihnen Zügel anlegen? Wer definiert die Tabus? Wo sind die Grenzen? Warum experimentieren Sie nicht mit Textarten und Stilmitteln? Haben Sie schon einmal einen Dialog geschrieben? Oder eine Szene aus der Perspektive eines Haushaltsgegenstands geschildert? Sätze können aus einem Buchstaben bestehen oder zwei Seiten lang sein. Na und?
Schreiben Sie? Schreiben Sie!
Al Jarreau - Your Song. https://www.youtube.com/watch?v=YCsNGdCDaXo

Sonntag, 12. Februar 2017

Rheinhessen first!

https://www.youtube.com/watch?v=bKVrBlUxVis

Das Berlin-Zitat des Jahres

„Berlin ist wie eine Party. Neunzig Prozent der Menschen, die man trifft, sind nicht in dieser Stadt geboren. Wird man auf einer Party nach der Herkunft gefragt? Berlin ist das Modell für die Zukunft, auch wenn Konservative die Stadt für ein Zeichen des Weltuntergangs halten.“ (Johnny Malta)

Füttere mich!

Neulich war ich mit einer Freundin in einem ultrahippen Lokal namens „Apotheke“ in der Mainzer Neustadt verabredet. Übrigens tatsächlich eine ehemalige Apotheke, die auf Basis der handelsüblichen Ironie unseres Zeitalters mit diesem Erbe in Sachen Einrichtung und Speisekarte spielt.
Ich reiste aus meinem Hunsrückdorf via Bus und Bahn bereits zur Mittagszeit an, um mich – da ich der Sättigungskompetenz der Hipsteria kein Vertrauen entgegenbringen mochte – in einem Gasthaus meiner Wahl im Vorfeld zu stärken. Auf der Fahrt hatte ich die Idee entwickelt, um der alten Zeiten Willen mal wieder bei einem klassischen Chinesen vorzusprechen. Also kein Thai, kein Sushi, kein Vietnamese, keine Experimente, sondern der klassische Schweinefleischsüßsauernummerdreiundneunzig-Chinese aus meiner Kindheit.
Als Schüler war ich mit einem Freund des Öfteren am Samstag nach Mainz gefahren, um durch die Plattenläden und Kneipen zu bummeln. Kulinarischer Höhepunkt war immer der Besuch eines chinesischen Restaurants, das im ersten Stock eines nüchternen Nachkriegszweckbaus am Gutenbergplatz logierte. Schon auf der steilen Treppe nach oben bereiteten uns die Gerüche und Klänge auf das exotische Vergnügen vor. Heutzutage gehen ja Hinz und Kunz zum Chinesen, aber damals war es ein Abenteuer – vor allem, wenn sie erst vierzehn Jahre alt sind und Restaurantbesuche nur mit ihren Eltern oder bei McDoof kennen.
Mir war einfach nach sentimentalem Scheiß und so ging ich zu diesem Lokal. Es hatte allerdings längst geschlossen und war durch ein Steakhaus ersetzt worden. Also lief ich durch die Stadt, um einen klassischen Chinesen zu finden. In der Nähe des Doms gab es auch mal einen. Ebenfalls weg. Ich lief zwei Stunden durch die Innenstadt. Kein Chinese, keine krosse Ente, keine Frühlingsrolle. Dann erweiterte ich, inzwischen unangenehm hungrig geworden, meinen Optionsradius. Essen. Jetzt! Heiß! Hunger!
Aber an einem Samstagnachmittag in Mainz musste ich erfahren, dass die von mir präferierten Lokale wie z.B. der „Augustinerkeller“ nicht nur komplett besetzt waren, sondern auch ganze Trauben von Menschen im Vorraum auf einen freien Tisch warteten. Mainz an einem Samstag – so muss es im alten Rom gewesen sein. Alle Lokale voll, auch bei „Hans im Glück“, wo einfache Burger gereicht werden, DDR-mäßiger Schlangenbetrieb. Es war zum Verzweifeln. Inzwischen war es drei Uhr, der Magen hing mir zwischen den Knöcheln.
Letzte Rettung: die „Bagatelle“, eine Studentenkneipe in der Neustadt. In diesem Viertel hatte ich meinen Zivildienst gemacht. Tatsächlich ist noch ein kleiner Tisch neben den Toiletten frei. Ich setze mich und bestelle beim fusselbärtigen, dauergrinsenden Hilfskellner (Ethnologie im Endstadium?) blind ein Kristallweizen, damit wenigstens irgendwas vorwärts geht. Nach einer Viertelstunde kommt das Bier und ich bestelle einen Cheeseburger mit Pommes. Yes, denke ich, du hast es geschafft. Ich bin so ausgehungert, dass ich mir gierig die Oberschenkel der Studentenrunde am Nachbartisch betrachte.
Eine weitere Viertelstunde später kommt der Burger. Der Student mit Nebenjob Hoffnungsvernichter erzählt mir allerdings, es gäbe nur noch kleine Burger. Es täte ihm Leid. Dann verschwand er grinsend und ließ mich mit einem briefmarkengroßen Burger zurück. Vielleicht kennen Sie diese Mini-Burger von Buffets? Eigentlich bietet man sie nur Kindern an. In zwei Bissen hat man sie verschlungen. Am liebsten hätte ich auf diesen Bonsai-Burger geweint.
Ich weiß nicht, inwiefern sie über meine Körpergröße und meinen Leibesumfang informiert sind (Ursus hunsrückiensis; ich verkaufe im Nebenberuf Hinkelsteine), aber vor mir begeben sich selbst Rottweiler auf Kokain in eine fötale Verteidigungsstellung. Also presste ich mir diese Verhöhnung des Burgerwesens in den eigens dafür vorgesehenen hohlen Zahn, stopfte ein paar Pommes dazu in den Mund und spülte mit dem letzten Schluck Weizenbier nach. Ich bezahlte an der Theke und verließ das Lokal, nicht ohne es bis in alle Ewigkeit in elaborierten Flüchen dem Zorn der Hölle preiszugeben.
Dann ging ich in die „Apotheke“ und trank ein halbes Dutzend Flaschen Estrella Damm, ein Bier aus Barcelona, und gab der Dame, mit der ich verabredet war, Kunde über meinen Unmut bezüglich der kulinarischen Situation in der Landeshauptstadt. Bleiben Sie in Berlin! Bleiben Sie in Hamburg und München! Es ist kein Spaß, in Rheinland-Pfalz hungrig zu sein.
P.S.: Der Mini-Burger war auch noch mit Salatgurke statt mit Gewürzgurke. Grotesk!
Sven van Thom - Döner in der U-Bahn. https://www.youtube.com/watch?v=hUKBxSjPqPE

Samstag, 11. Februar 2017

Kommando Yoko Ono - Presseerklärung

„Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault“. - „Da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis“. (Georg Büchner)
In der Tradition großer Aktionskünstlerinnen wie Yoko Ono haben wir gestern ein Happening veranstaltet. Wir haben mit der Dekonstruktion technischer Artefakte und der Erschaffung einer Skulptur eine neue Realität hergestellt.
Die Systemmedien haben vor einigen Tagen über den „Diebstahl“ von zwanzig Maschinenpistolen der Berliner Polizei berichtet. Wir haben die Polizei nicht bestohlen, sondern enteignet. Wir haben der Bevölkerung ihr Eigentum wiedergegeben. Dabei haben wir es so umgestaltet, dass es keinen Schaden anrichten kann. Daher kann es sich bei dieser Aktion auch nicht um Sachbeschädigung oder groben Unfug handeln. Wir haben Dinge, die wir uns angeeignet haben, auf eine höhere Ebene getragen, wir haben die Waffen transzendiert.
Konkret hat die Aktion so ausgesehen: Wir haben die Maschinenpistolen auf dem Tempelhofer Feld komplett auseinandergenommen und die einzelnen Teile zu einem Friedenszeichen zusammengeschweißt. Wir haben um unser Objekt einen Tanz aufgeführt und auf diese Weise Aktions- und Objektkunst, gegenstandslose und gegenständliche Kunst miteinander vereint.
Es gibt ein Video, ein Gedicht und ein Lied zu diesem Happening, so dass wir mit unserer Aktion nicht nur gegen die staatliche Gewalt demonstriert haben, sondern der Muse der Geschichtsschreibung (Klio), der Muse der Tragödie (Melpomene), der Muse des Tanzes (Terpsichore), der Muse der Komödie (Thalia), der Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Euterpe) und der Muse der Rhetorik und der Philosophie (Kalliope) gehuldigt haben.
Mögen neue Künstler unserem Weg folgen!
Kommando Yoko Ono
XTC - Burning With Optimism's Flames. https://www.youtube.com/watch?v=O8O7ng4vyY0

Freitag, 10. Februar 2017

Liebling, ich habe die Kinder geimpft


Blogstuff 113
„Man muss dem Leben immer um mindestens einen Whisky voraus sein.“ (Humphrey Bogart)
Wenn eine Idee größer ist als der Einzelne – sei es im Nationalismus, der Religion oder der politischen Weltanschauung -, sollten wir dann nicht froh sein, dass in Deutschland Generationen von narzisstisch veranlagten Egoisten herangewachsen sind? Ein Lob den Einzelkindern, Computerspielautisten, Nerds, Prinzessinnen und all den anderen hoffnungslos unbegabten Selbstdarstellern, oder? Das Problem: Weder mit Menschen, die ein geschlossenes Weltbild haben, noch mit Menschen, die ein geschlossenes Selbstbild haben, kann man diskutieren.
Bruder Lustig und Schwester Leichtsinn, beide Mitbewohner seiner Seele, war es nach einem „Zug durch die Gemeinde“, wie man das ausgiebige Zechen in den umliegenden Kneipen zu nennen pflegte.
1933. „Warum habt Ihr damals nichts gemacht?“ Die bekannte Frage der Enkel an die Großeltern. Und jetzt? Wir sind wesentlich besser informiert und gebildet als die Landarbeiter und Volksschüler des Jahres 1933, die oft noch nicht einmal eine Tageszeitung lasen oder ein Radio hatten. „Wir haben es nicht gewusst.“ Das wird 2033 nicht zählen.
Oswald Schorff hatte mit Radiergummis ein Vermögen gemacht. Die nächste Generation verlor dieses Vermögen wieder, weil eine tödliche Krankheit von Radiergummis übertragen wurde, die in einer Fabrik in Bangladesh mit Fledermausurin kontaminiert wurden.
Hätten Sie’s gewusst? Der Bundesverband der deutschen Schneider (BDS) hat den Generalfeldmarschall der Reserve, Sir Andrew Bonetti, gerade zum bestangezogenen Mann Deutschlands gewählt.
Alkohol löst Zweifel und Hemmungen auf wie Säure.
Wegen Trump vergessen wir völlig den Brexit. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieser Scheidungsprozess in zwei Jahren absolviert werden kann. Zudem ja auch nicht nur - um im Bild zu bleiben - die Scheidung absolviert werden muss, sondern auch 27 Hochzeiten, denn die Handels- und Rechtsbeziehungen Großbritanniens zu allen EU-Staaten müssen neu geordnet werden. Hinzu kommt eine EU, die an einem gelungenen Abschluss der Verhandlungen im Zeitrahmen kein Interesse hat, denn es sollen ja auch Nachahmungstäter abgeschreckt werden, die im Augenblick damit liebäugeln, das heilige Sakrament des Staatenbunds zu verletzen.
Meine Aktien der Tipp-Ex AG laufen nach wie vor eher so mittel. Die Firma wurde in Eltville am Rhein gegründet. 1965 ist das flüssige Tipp-Ex erfunden worden.
Die Sprache selbst kann Quelle der Erkenntnis sein. Je mehr Ausdrücke ich beispielsweise für kulinarische Genüsse kenne, desto aufmerksamer kann ich ein Essen oder den Wein goutieren.
Filme mit Tommy Lee Jones in der Hauptrolle sind solide Unterhaltung. Die Charaktere wirken nicht filigran oder überzeichnet, sondern eher robust. Sie haben nicht mehr als zwei oder drei typische Eigenschaften und haben keine schwere Kindheit hinter sich oder langweilige Beziehungsprobleme wie die ganzen Tatortkommissare. Es geht auch nicht um Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder Gendergedöns, sondern um eine harmonische Abfolge von Explosionen, Verfolgungsjagden und Schießereien. In meiner Programmzeitschrift bekommen seine Filme in der Regel drei von drei Punkten für Action und für Spannung, keine Punkte für Anspruch, Humor oder gar Erotik, weil Frauen nur am Rande vorkommen. Mit Tommy Lee Jones bekommt man ein saftiges Steak auf den Teller und keinen Fernsehsalat, in dem ich schlecht gelaunt herumstochern muss.
Wenn Wahlen beeinflusst werden, leben wir noch in einer Demokratie. Wenn Wahlen gefälscht werden, leben wir bereits in einer Diktatur.
Twitter: der individuelle Kleinanzeigenteil der privaten Belanglosigkeiten.
Grace Jones – The Frog And The Princess. https://www.youtube.com/watch?v=BFGFuZpR4Tk

Donnerstag, 9. Februar 2017

Im Gefängnis

“Darf es noch eine Wachtelbrust sein, Herr Gefängnisdirektor?“
„Danke. Ich kriege nichts mehr rein.“
„Aber ich habe zum Nachtisch noch eine Käseplatte bestellt.“
„Sie verwöhnen mich, Herr Schönfärber.“
„Ich empfehle Ihnen den Ziegenkäse und dazu müssen Sie unbedingt den Feigensenf probieren. Eine Delikatesse.“
Die beiden Männer stießen mit Rotwein an. Die teuren Gläser hatten einen angenehmen Klang.
Seit Heribert Schönfärber in Untersuchungshaft saß, lebte der Gefängnisdirektor wie Gott in Frankreich. Frühstück, Mittagessen und Abendbrot wurden vom Restaurant „Chez Maurice“ herübergebracht und serviert. Das „Chez Maurice“ hatte einen Michelin-Stern und man munkelte, der zweite Stern sei nicht mehr weit entfernt.
„Manchmal frage ich mich, wie Sie sich das leisten können. Angeblich hat die Staatsanwaltschaft doch alle Ihre Konten gesperrt und das Geld beschlagnahmt.“
Schönfärber lächelte. „Anlagebetrug ist ein sehrt komplexes Geschäft. Sie benötigen eine Menge Konten auf vielen Banken in diversen Ländern. Die Staatsanwaltschaft hat nur die Spitze des Eisbergs kassiert. Viele meiner Geschäfte laufen über Strohmänner oder die Strohmänner von Strohmännern.“
Direktor Kleingärtner lächelte ebenfalls. „Ich verstehe. Dann müssen wir uns um Sie also keine Sorgen machen?“
„Ich bitte Sie, meine lieber Herr Direktor. Wir sollten uns den Fall so angenehm wie möglich machen. Oberstaatsanwalt Kehrnich ist ein Dilettant, ein Dreier-Jurist, der den Job nur bekommen hat, weil er das richtige Parteibuch besitzt und gegen eine Versetzung in diesen Landkreis nichts einzuwenden hatte. Ich rechne mit einer Bewährungsstrafe. Und die Geldstrafe dürfte kein Problem sein.“
Kleingärtner genoss den vorzüglichen Käse und gab milde zu bedenken: „Die Medien haben sich aber auf Ihren Fall eingeschossen.“
Schönfärber schüttelte den Kopf. „Ich habe ja Fernsehen und Internet in meiner Zelle, da bekommt man so einiges mit. In den Kommentarspalten und in den sozialen Medien sind meine Leute unterwegs. Manchmal mische ich auch selbst ein bisschen mit. Der Wind beginnt sich zu drehen. Mein Fall ist nur einen Terroranschlag von der Bedeutungslosigkeit entfernt.“
„Sie schreiben im Netz aber hoffentlich nicht unter Ihrem richtigen Namen. Sonst komme ich in Teufels Küche, denn bekanntlich dürfen Sie kein Internet in Ihrer Zelle haben.“
„Das ist klar. Ich darf ja auch kein Himmelbett und keinen Mahagonischreibtisch in meiner Zelle haben.“
Beide lachten laut und stießen mit einem Kräuterschnaps an.
„Nein, im Ernst, mein lieber Direktor. Ich schreibe nur unter diversen Pseudonymen. Die Presse ist ja auch nur ein Nebenkriegsschauplatz. Meine beste Waffe ist Dr. Nerlinger.“
Kleingärtner nickte. „Ein großartiger Verteidiger. Er hat für die Deutsche Bank und VW gearbeitet. An dem wird sich der Staatsanwalt die Zähne ausbeißen. Und in der Frage der Anlageberatung steht schließlich das Wort der Zeugen gegen Ihr Wort.“
„Eben. Es stand ja alles im Kleingedruckten. Man sollte alles gründlich durchlesen, was man unterschreibt. Man kann heute niemandem mehr trauen.“
„Richtig, Herr Schönfärber. Dann wünsche ich Ihnen gutes Gelingen morgen im Gerichtssaal.“
„Danke, Herr Kleingärtner. Noch etwas Brie?“
Tangerine Dream - Dr. Destructo. https://www.youtube.com/watch?v=T4WO1uMP2B0

Mittwoch, 8. Februar 2017

Stille Nacht

„Meine einzige Geliebte ist jetzt das Morphium. Sie ist böse, sie quält mich unermesslich, aber sie belohnt mich über jedes Begreifen hinaus. Wie begrenzt warst du, Frau. Diese Geliebte ist wahrhaft in mir. Sie füllt mein Hirn mit einem hellen, klaren Lichte.“ (Hans Fallada: Ein sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein)
Weiße Weihnachten habe ich tatsächlich mal erlebt. Anfang der neunziger Jahre im Bergischen Land. Ich war auf dem Weg zur Familie meiner Freundin. Wenige Kilometer vor dem Ziel setzte dichtes Schneetreiben ein. Das Bergische Land hat damals seinem Namen alle Ehre gemacht. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist.
Ich kam mit meinem Golf ins Schlingern, nichts zu machen. Ich kam den Berg nicht mehr hoch und sehen konnte ich auch nichts mehr. Ich hielt am Straßenrand und stieg aus. Es war unglaublich still und unglaublich weiß. Wie in einem Traum. Ich war allein und spürte den Schnee auf der Haut, auf den Lippen. Ich ging den Bürgersteig entlang und erkannte schemenhaft ein Haus. Damals hatte ich noch kein Handy. Also klingelte ich einfach an der Tür.
Ein Mann öffnete mir und ich fragte ihn, ob ich mal telefonieren könnte, ich sei mit meinem Wagen steckengeblieben. Ich wurde ins Haus gebeten und betrat das Wohnzimmer der Familie. Ein großer und prächtig geschmückter Weihnachtsbaum stand in der Ecke neben dem Fernseher. Auf dem Sofa saßen eine Frau, eine ältere Frau und ein Kind. Leise Musik lief im Hintergrund, Plätzchen standen auf dem Tisch und es war wunderbar warm. Ich wünschte ihnen allen frohe Weihnachten.
Das Telefon stand auf einer Kommode und ich rief meine Freundin an. Ich sagte ihr die Adresse. Keine Ahnung, wie weit ich von ihrem Haus weg war. Damals gab es auch noch kein Navi. Der Familienvater bat mich, im Wohnzimmer zu warten, aber ich wollte die Familie nicht stören. Ich bedankte mich und setzte mich ins Auto.
Es gab damals nicht nur kein Handy oder Navi, auch die Standheizung war – zumindest in meinem Auto – noch nicht erfunden. Ich wartete. Es wurde dunkel, wenn auch nicht sehr, denn der Schnee fiel immer noch, inzwischen mussten es zehn oder zwanzig Zentimeter sein. Das ist also mein Weihnachten, dachte ich, und erinnerte mich voller Melancholie an die schönen Stunden meiner Kindheit. Ich stellte mir die Familie vor, die nur wenige Schritte entfernt im Wohnzimmer saß und jetzt vielleicht die Weihnachtsgeschenke auspackte.
Und dann klopfte es an meine Windschutzscheibe. Ich kurbelte die Scheibe hinunter (elektrische Fensterheber hatte ich auch nicht) und dann sah ich sie. Dicke Schneeflocken klebten in ihren blonden Haaren und sie lächelte mich an. Das war der schönste Weihnachtsmoment von allen. Das Haus ihrer Eltern, wo ich herzlich empfangen wurde, war keine zehn Minuten zu Fuß entfernt. Ich war dankbar für jeden Augenblick dieses Abends.
Oppenheimer Analysis - Men in White Coats. https://www.youtube.com/watch?v=UZ2oAts1u74

Dienstag, 7. Februar 2017

Kiezneurotiker Reloaded

Für alle Fans des Kiezneurotikers gibt es seine Texte als PDF:
https://www.mediafire.com/folder/ohqcr1i2spsbv/kiezneurotiker_Blogarchiv
Hier ein Text, in dem es um das Ende des Blogs geht – geschrieben vor einem Jahr –, und ein Text in dem es um einen Krimi von mir geht.
30. Januar 2016: Was passiert eigentlich, wenn ein Blogger stirbt?
Schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn ein Blogger stirbt? Ich kann Ihnen sagen, was bei mir passiert, abgesehen davon, dass mich die, die für meine Reste verantwortlich sind, verbrennen lassen und das übriggebliene Pulver in einer (hoffentlich ausgesoffenen) Flasche Glenlivet in die Spree werfen: Hier werden weiter Blogposts veröffentlicht. Und das kommt so: Vieles hier ist zwar spontane Eruption, unterirdische Flegelei aus der Hüfte geschossen, rausgekloppt zwischen Borgwürfel, Kind duschen und Whisky saufen, einiges jedoch ist abgehangenes Zeug. Fragmente. Irgendwelche Fotos, zu denen ich irgendwann mal irgendwas schreiben wollte, aber bisher nur Stichworte zusammengebracht habe, einzelne Phrasen, manchmal ganze Absätze. Vordatiert. Liegengelassen, bis ich dazu komme, einen richtigen Text draus zu machen. Das Witzige dabei ist: Wenn ich morgen tot umfalle, werden die Fragmente, die Stichwortsammlungen, wird das zusammenhanglose Gestammel mit der Zeit einfach veröffentlicht, auch wenn ich schon lange nicht mehr da bin. Das muss furchtbar sein für die, die zurückbleiben: Der Irre spricht aus dem Jenseits. In Rätseln.
Wie bekommt so ein Leser eigentlich vom Tod eines Bloggers mit? Indem er einfach nicht mehr schreibt? Die Dinge einfach enden? Kommentarlos? Sagt Ihnen Jacob Jung etwas? Das war mal ein ziemlicher Senkrechtstarter in der Blogodingsda. Politik. Gesellschaft. Gegenöffentlichkeit. Verlinkt bei allen, die Rang und Namen haben. Bildblog. Nachdenkseiten. taz. Vergessen wo noch. Tolle Texte. Tolle Statements. Meinungsstark. Eloquent. Smart. Geteilt ohne Ende. Fanboys ohne Ende. Kommentare ohne Ende. Trolle ohne Ende. Das Feedback, das die Welt bedeutet. Und dann hat er einfach aufgehört. Am 21.3.2012 der letzte Text. Dann nichts mehr. Ohne Statement. Ohne Erklärung. Was war da los? Ist er tot? Niemand weiß etwas. Es endete einfach und keiner weiß warum. Mysteriös. Die Leserschaft rätselte noch eine Weile in irgendeinem Forum einer marginalisierten Zeitschrift vor sich hin und dann zog man weiter. Andere kamen nach, andere hörten auf, manchmal mit Paukenschlag, manchmal mit dem erklärungslosen Löschen des ganzen Blogs (und dem unweigerlichen Wiedereröffnen).
Viel bleibt nie. Am Ende bleibt wahrscheinlich sogar nichts. Denn wenn ein Blogger stirbt, geht kurz darauf seine Domain platt, wenn sie nicht mehr weiter bezahlt wird. Wenn er bei einem kostenlosen Hoster bloggt, dann bleiben die Inhalte länger bestehen, mindestens so lange bis der Hoster schließlich seinen Dienst einstellt (was sie immer irgendwann tun, machen wir uns nichts vor). Also ist auch dieser virtuelle Ort hier, an dem Sie gerade lesen, nicht für ewig. Wie im Prinzip alles. Was ich hier schreibe, was Sie hier schreiben, Texte, Kommentare, Likes, Shares, Liebeserklärungen, Hassmails, geht schon nach wenigen Stunden unter im allgemeinen Rauschen und hat natürlich nichts bewirkt. Das tut es nie. Was also passiert, wenn ein Blogger stirbt? Nichts. Es passiert nichts. Es spielt keine Rolle. Es ist völlig unerheblich. Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit. Alles endet. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir gefällt das.
Anmerkung: Was vorbei ist, ist vorbei. Das ist die stoische und lakonische Art des Kiezneurotikers. Er ist gegangen wie Jacob Jung. Und da keine vordatierten Fragmente im Blog veröffentlich wurden, spricht auch kein Irrer aus dem Jenseits. Stecker gezogen und Tschüssikowski. Kein Gejammer, keine Diskussionen. Alles richtig gemacht.
3. Januar 2016: Lass mal netzwerken - Kiezschreiber Edition (Berliner Asche)
Wenn der feine Herr Eberling eines kann, dann ist es schreiben. Wenn der feine Herr Eberling eines nicht kann, dann ist es das ordentliche Aufbereiten seiner Werke, das Verkaufen, das Entgegenkommen gegenüber den Konsumenten, den Abbau von Barrieren oder wenigstens ordentliche Links. Eine Übersicht. Nix. Kann er nicht. Ein Chaot, kein eBook, kein Inhaltsverzeichnis, nur wurstiges Einhacken eines von ihm geschriebenen Buchs in irrwitziger Kapitelfolge in sein Blog, das immer noch zu wenige lesen und wo das Zeug schon mit dem Jahreswechsel kaum noch zu finden ist, weil nichts darauf verweist, dass unter dem zugeklappten Blog-Archiv im linken Frame des billigen Themes seines schlechten Freehosters so etwas rumliegt. Ich krieg' Pickel, Alter. Das lieblos rausgerotzt zu nennen wäre ein dreister Euphemismus. Ein Schlumpf ist er! Ein Schlurch! Der Chaot der Chaoten. Ich weiß wie die Wohnungen von so Typen wie Eberling aussehen. Sauställe. Messibutzen. Abraumhalden. Berge von Papierstapeln. Pizzakartons. Am Lampenschirm eine alte Socke. Zahllose Kanten Shit in Alufolie unter Miederwarenkatalogen. Den Keller voll mit alten Penthouse-Ausgaben aus den 80ern, seiner großen Zeit. Und 25 volle Aschenbecher. In jedem Raum. Er raucht Selbstgedrehte. Natürlich. Sie werden nie irgendwas finden in solchen Buden, der Behauser jedoch schon, der lebt nämlich seinen Unrat, sein Chaos, seine Schlumpfigkeit, der hat sich der Sinnlosigkeit jedweder Ordnung hingegeben, ist mit dem Grind seiner Umgebung verwachsen. Die armen Erben, die irgendwann einem prekären weißrussischen Entrümpler viel Geld zahlen müssen, damit der den ganzen Mist in Bauschuttcontainern irgendwo auf dem Balkan entsorgt, weil das Zeug sonst niemand anfassen will. Oder die Stadt reißt die Bude einfach ab, gräbt den Schorf einmal um und verscheuert den Bauplatz an eine zuversichtliche junge selbstoptimierte Familie, die sich ein Townhaus baut. Meine Güte, wenn Typen wie Eberling für Ihre Buchhaltung verantwortlich sind, melden Sie lieber gleich Insolvenz an, bevor das Finanzamt Sie in den Karzer bei Tofu und Rhabarberschorle sperrt, weil Sie diesen verwahrlosten Dschungel von Zettelwirtschaft allen Ernstes Jahresabschluss genannt haben.
Ach fick mich doch weg, mich Homofürst. Alles muss ich selber machen, weil dieser verkrachte alte Künstler wieder nix gebacken kriegt. Hier, bitte, sein Roman "Berliner Asche", klicken Sie, klicken Sie, es ist Literatur, und es ist gratis, klicken Sie:
Berliner Asche
(Jetzt kommt eine Linkliste aller Kapitel, die ich Ihnen erspare; der Kiezschreiber)
Ein gutes Buch. Bis ins Kapitel 6 hinein flüssig und schlüssig geschrieben, mit Tiefsinn, Witz und dem unverstellten Blick auf die Stadt aus einer Position, die ich aus seinem Blog schätze. Unideologisch. Klar. Immer auch spöttisch. Mit der erforderlichen Distanz, aber nie wahllos, sondern Sie lesen immer heraus, wem seine Zuneigung gilt. Dem Guten. Und dem guten Leben. Ich mag das. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Die Ideologien triumphieren, die Religionen gewinnen Land, die Esoterik boomt und humorlose Asketen ziehen Fäden. Da braucht es solche Typen, da muss ich Spötter in meiner Nähe wissen, um das alles mit der größtmöglichen Heiterkeit zu überstehen. Spucke in der Suppe? Na klar, hier: Ab Kapitel 6 wird es arg bemüht, da wird er plötzlich fahrig und gerade der inhaltliche Kern in Form des schmerzhaft akademischen Dialogs zwischen dem Nazi- Securitymann und dem linksradikalen Zündler wirkt schwer konstruiert. Da wollte er zu viel. Und griff zur Brechstange, dem falschen Instrument, denn solche (zweifellos sehr klugen) Aussagen wie aus diesem Dialog müssen in den Subtext, immer in den Subtext, denn sie sind des Holzhammers der direkten Rede ungeeignet. So bleibt diese Szene in dieser Form seltsam unwirklich und in etwa so realistisch wie Coke Zero im Biomarkt oder eine Prenzlmutter ohne grün-braune Schlammscheißeklamotten. Beim Lesen sprang es mir fast ins Gesicht, dass da einer so langsam fertig werden wollte. Keine Geduld mehr hatte. Oder ihm auch nur der Esprit ausging. Das ist dann schade, wenn auch nur ein wenig.
Danke, hat sich gelohnt. Schnell zu lesen. Flockig zu lesen. Zack, weggeatmet. Kurz gerülpst. Gut war's. Ich würde jetzt gerne bezahlen. Doch der Eberling macht einem auch das unmöglich. Kein Flattr, kein Konto, kein Postfach für Bargeld, nicht mal eine Amazon Wunschliste, von der ich ihm was schönes bestellen kann. Diese Künstler, diese verfickten Künstler, meine Nerven ... und jetzt klicken Sie schon, verdammt.
Danke, lieber Kiezneurotiker, alter Weggefährte. Möge dein Whiskyglas niemals leer werden.


Gespräche über Gespräche

„Kostgängerin der Bourgeoisie, ist die Sozialdemokratie zu kläglichem geistigen Parasitismus verdammt. Bald hascht sie nach Ideen bürgerlicher Ökonomen, bald sucht sie Splitter des Marxismus auszunützen.“ (Leo Trotzki: Was nun?)
Eine Villa in Berlin-Dahlem. Im Salon wurde gerade das Mittagessen für Herrn und Frau Wächter aufgetragen. Das Dienstmädchen ist gegangen. Sie sind allein.
Sie: Musst du heute Abend zu Häberle?
Er: Du weißt, dass es nicht anders geht.
Sie: Wir haben Karten für die Oper und die Trollingers erwarten uns.
Er: Ja, es ist ärgerlich. Aber das Gespräch bei Häberle ist sehr wichtig. Du kannst doch Thomas mitnehmen.
Sie: Er hasst die Oper. Der Junge hört doch immer nur diesen Rap oder wie das heißt.
Er: Er wird seiner Mutter ausnahmsweise den Gefallen tun. Dafür bekommt er Freikarten für die Frozen Souls in der BMW-Arena.
Sie: Ich mag diesen Häberle nicht. Und er mag dich auch nicht, das weißt du. Kannst du dich noch erinnern, wie er sich im Wahlkampf über deinen Vorschlag mit der Transaktionssteuer lustig gemacht hat?
Er: Ich habe keine Wahl. Heute Abend werden die letzten beiden Ministerposten vergeben. Und wir können froh sein, dass wir in dieser Koalition sieben Minister stellen und nicht nur fünf wie in der letzten. Dafür mussten wir der Kanzlerin das Justizministerium und drei Staatssekretäre opfern, aber es ist meine letzte Chance. Ich werde ja auch nicht jünger.
Sie: Natürlich. Aber ich habe kein gutes Gefühl. May und Scholl sollen die Lieblinge von Häberle sein.
Er: Scholl ist heute Abend auch dabei, aber May nicht, soweit ich informiert bin.
Sie: Du hast doch einen guten Draht zu den Diensten. Die werden doch wissen, wer eingeladen ist. Was ist denn mit May?
Er: Ja, den habe ich. Aber ob Lukowsky noch zuverlässig ist, weiß ich nicht. Der schielt ja auch schon nach einem neuen Posten. May bekommt einen Vorstandsposten bei der Bahn. Zwei Millionen Jahresgehalt plus Bonus. Das ist ein schönes Schmerzensgeld.
Sie: Wieso bekommt er kein Ministerium? Vor einem halben Jahr galt er noch als Kronprinz von Häberle.
Er: May hat seine Sekretärin geschwängert. Nur wenige sind eingeweiht. Mays Frau und auch sein Schwiegervater wissen nichts. Der alte von Brausewitz ist der Chef einer Privatbank, die sämtliche delikate Waffengeschäfte mit den Saudis und den anderen Scheichs abwickelt.
Sie: Und May weiß, dass du es weißt.
Er: Politik ist ein schmutziges Geschäft.
Sie: Wer kommt denn außer Scholl noch zu Häberle?
Er: Brinkmeyer. Aber ich habe gehört, er soll Fraktionsvorsitzender werden.
Sie: Aber Krauthammer ist doch seit zwölf Jahren Fraktionsvorsitzender.
Er: Krauthammer sitzt aber auch seit zwölf Jahren jede Woche in einer anderen Talkshow. Seine Beliebtheitswerte sind höher als die von Häberle. Das kann es auf Dauer nicht sein. Außerdem brauchen wir in der Führungsriege noch jemanden aus dem Süden, wenn Scholl und ich Minister werden.
Sie: Brinkmeyer ist aus dem Süden? Der spricht doch lupenreines Hochdeutsch.
Er: Brinkmeyer ist in Augsburg geboren und aufgewachsen. Er ist zum Studium nach Berlin gekommen und lebt seit dreißig Jahren hier. Aber notfalls kann er noch ein wenig Dialekt. Den Landesverbänden wird das reichen. Jedenfalls habe ich noch nicht Gegenteiliges gehört.
Sie: Welche Ministerposten sind denn noch offen?
Er: Landwirtschaft und Entwicklungshilfe. Wirtschaftliche Zusammenarbeit heißt das inzwischen.
Sie: Aber du bist doch ein Stadtmensch und hast dich auf Innenpolitik spezialisiert.
Er: Das macht nichts. Die Minister müssen nichts wissen. Sie stehen einem Haus vor, in dem es langjährige Beamte gibt, die in ihr Fachgebiet eingearbeitet sind.
Sie: Das mit der Wirtschaft klingt doch ganz gut. Nimm doch das!
Er: Da muss man aber auch viele Dienstreisen in unangenehme Länder machen. Afrika oder Asien. Dort ist es heiß, schmutzig und gefährlich. Als Landwirtschaftsminister besucht man nur Bauernhöfe und Messen im Inland. Ab und zu muss man nach Brüssel.
Sie: Hauptsache, du bekommst ein Ministerium, Schatz. Das wäre schön.
Er: Ja. Leider lässt sich Häberle vorher nicht in die Karten schauen. Ich weiß nicht, was ihm die anderen als Gegenleistung anbieten können. Das erfahre ich alles heute Abend.
Sie: Ich wünsche dir viel Glück.
Er: Danke. Das kann ich gebrauchen.
XTC - Making Plans For Nigel. https://www.youtube.com/watch?v=AiIlcew-GVM

Montag, 6. Februar 2017

Schraubenzieher-Man vs. Snowface

Der Schraubenzieher-Man war an Händen und Füßen gefesselt, in seinem Mund steckte ein Knebel. Er hing an einer Bambusstange, die von zwei Männern geschultert wurde, als müssten sie ein Schwein zum Markt tragen.
Sie waren mitten in Chinatown, einem der übelsten Viertel von Bad Gotham. Am Straßenrand stand ein unscheinbarer Junge.
Schraubenzieher-Man sah ihn und fuchtelte mit den Händen herum, sofern es die Fesseln erlaubten. Er verbog die Finger im Sekundentakt. Die Männer sahen es und lachten. Der Gefangene versuchte verzweifelt, auf sich aufmerksam zu machen. Wie lächerlich. Er hatte keine Chance mehr.
Sie trugen ihn in ein chinesisches Restaurant und gingen nach hinten in die Küche. Die Köche schauten noch nicht einmal von ihren Woks auf, als sie die Küche durchquerten. Am Ende der Küche war ein Lastenaufzug, mit dem sie nach oben in den vierten Stock fuhren. Vier ist in der chinesischen Kultur die Zahl des Todes.
Vor einer Doppeltür, die mit geschnitzten Drachen verziert war, standen zwei riesige Kerle mit nacktem Oberkörper und roten Pluderhosen. Sie hatten ihre baumdicken Oberarme über ihren mächtigen Brustkörben gekreuzt und starrten den Männern grimmig entgegen.
„Snowface erwartet uns", sagte einer der Männer.
Ihnen wurde geöffnet und sie betraten einen langen dunklen Raum, in dem zwei Säulenreihen zu einem Thron führten. Dort saß Snowface, ein Albino-Gangster, der seine roten Augen hinter einer Sonnenbrille verbarg. Sein Gesicht war so eckig und bleich, als wäre er in einem Sarg aufgewachsen. Sinnigerweise war Snowface auch für den Kokainhandel in Bad Gotham zuständig.
„Schraubenzieher-Man“, rief er verächtlich. „Endlich sehen wir uns wieder.“
***
Kreuzschlitz-Boy hatte die Zeichen erkannt, die Schraubenzieher-Man ihm gegeben hatte. Der Superheld hatte ihm in der Taubstummensprache erzählt, dass er gerade von den Schergen eines gewissen Snowface entführt wird und in die Sun-Yat-sen-Straße 57a, 4. Stock, gebracht wird. Verwirrt ging er nach Hause. Hatte er alles richtig verstanden?
***
„Code Red! Cod Red! Erbitte dringend Freigabe für Order 7. Wir müssen das Hyperwellen-Dingsbums mit dem Warp-Generator-Blabla und hastenichgesehen.“
Diese Fernsehserien sind schon sehr aufregend. Aber jetzt musste Kreuzschlitz-Boy den Aus-Knopf drücken und selbst aktiv werden.
Er fuhr mit dem Bus nach Chinatown. In einer Telefonzelle kurz vor dem Ziel zog er sich sein senfgrün-grellorangefarbenes Superheldenkostüm an. Finden Sie heutzutage erstmal eine Telefonzelle!
Er kletterte die Regenrinne hinauf und schlich sich an die Gemächer des berüchtigten Snowface an, des Königs der Unterwelt. Er kam keine Sekunde zu früh: Der Schraubenzieher-Man hing gefesselt an einem Seil über einem Piranhabecken. Das Seil war über einen Deckenbalken gespannt und an einer Säule festgebunden. An einer Stelle stand eine Kerze unter dem Seil. Wie können sich die Bösewichte eigentlich immer diese teuren Tötungsapparate leisten?
Der Kreuzschlitz-Boy musste sich beeilen. Er schlug einem der Gangster das Schießeisen aus der Hand und schickte ihn mit einem Handkantenschlag ins Reich der Träume. WHAM. ZACK. Den zweiten Bösewicht trat er gegen das Knie und dann mit voller Wucht von hinten in die Familienjuwelen. SQUEEZE. UGA-UGA.
Snowface wurde blass vor Schreck, aber man sah es nicht. Da er nur 1,30 groß war und in Wirklichkeit schreckliche Angst vor Gewalt hatte, flüchtete er über die Feuertreppe.
Aber der Kreuzschlitz-Boy hatte vorher alle Schrauben der Metalltreppe gelockert. Und so stürzte Snowface mit einem grässlichen Schrei in die Tiefe.
P.S.: Des Öfteren erreichen die Redaktion Leserbriefe, wonach es doch eigentlich „Schraubendreher-Man“ heißen müsste und nicht „Schraubenzieher-Man“. Dazu stellt die Redaktion fest, dass der Ausdruck Schraubenzieher der ursprüngliche Begriff ist (nachgewiesen in den Schriften von Theodor Fontane, Karl May und Emile Zola) und Schraubendreher eine umgangssprachliche Variante ist (siehe auch: Grimmsches Wörterbuch und Wikipedia). Es geht um das Einziehen oder Festziehen einer Schraube, nicht um das Herausziehen.
Gloria Jones - Tainted Love. https://www.youtube.com/watch?v=s7U1q5Ir3yU

Sonntag, 5. Februar 2017

Blogstuff 112

„Ein Glas ist fabelhaft, zwei sind zu viel, drei sind zu wenig.“ (Schottisches Sprichwort)“
Der Tatort am Sonntagabend ist ein ebenso bürgerliches Ritual wie eine kirchliche Trauung oder der Verwandtschaftsbesuch mit Kaffee und Kuchen. Es verschafft den Zuschauern eine tiefe Befriedigung, wenn pünktlich um 21:45 Uhr die bürgerliche Ordnung durch die zuständigen Beamten der Kriminalpolizei wieder hergestellt worden ist.
„Trump und Kultur? Paul Auster der Schriftsteller lächelt. Gerade erst habe Trump angekündigt, die Gelder für die staatliche Kunstförderung zu kürzen. Aber was wolle man erwarten, von einem Mann wie Donald Trump, der einst gesagt habe: Er hasse den Geruch von Büchern.“ (Quelle: Deutschlandradio Kultur, 28.1.2017)
Verschollene Filmperle: „Warum die UFOs unseren Salat klauen“ (BRD 1980). Ein Hobby-Biologe züchtet in West-Berlin einen Salat, der beim Verzehr zu Hypnose führt und die Geschwindigkeit von Fahrzeugen, die mit ihm in Berührung kommen, verdoppelt. Nicht nur das US-Militär, sondern auch die Sowjetunion interessiert sich für den Salat. Schließlich greifen auch außerirdischen „Bionauten“ in den Konflikt ein. „Völlig misslungen; klamaukhaft, banal und langweilig“, schreibt der „Film-Dienst“. Mit Hildegard Knef als Bordellbesitzein, Curd Jürgens als UFO-Kommandant, Kurt Raab als Hitler und Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese als Außerirdischer.
Werbung: Dieses Buch ragt turmhoch aus dem Sumpf deutschsprachiger Gegenwartsliteratur heraus. „Wattenscheid nach der Revolte“. Jetzt in Ihrer Bahnhofsbuchhandlung.
Neulich ist es mir bei Kaufland in Bad Kreuznach aufgefallen. Da plärrte ein Radioprogramm aus den Deckenlautsprechern. Diese lästige Kundenbeschallung gibt es eigentlich gar nicht mehr. In Bad Kreuznach habe ich einen Anachronismus erlebt. In den Supermärkten ist es still geworden. Der Straßenverkehr ist im Vergleich zu meiner Jugend leise geworden. Man hört auch kaum noch Marktschreier oder die Rufe der Alteisensammler und Scherenschleifer, die früher durch die Straßen gezogen sind. Eigentlich wird es immer leiser. Für perfekte Stille sorgt dichter Schneefall. Dann ist die Welt ein Stummfilm. Regen hört man, bei Sonnenschein hört man die Vögel.
Hätten Sie’s gewusst? Die „Deadline“ war ursprünglich eine Linie, die um amerikanische Militärgefängnisse gezogen war. Gefangene, die diese Linie auf der Flucht überschritten, durften erschossen werden. In den 1920ern wanderte der Begriff in die Welt des Journalismus und von dort in die allgemeine Bürosprache.
Die Erde hat kein Gedächtnis. Der Mensch wird eines Tages komplett verschwunden sein, inklusive seiner Artefakte. Selbst Plutonium strahlt nicht ewig – die Natur wird es entweder positiv nutzen und sich in den entstehenden Mutationen weiterentwickeln oder die nutzlosen Mutanten wieder aussortieren.
Was haben Til Schweiger und Donald Trump gemeinsam? Sie benutzen gerne Großbuchstaben und Ausrufezeichen in den „sozialen“ Medien.
Meine Zähne quietschen, wenn ich mit der Zunge darüber fahre, als würde ich eine Motorhaube polieren. Oft nach der Kombination von Weißwein und Schokolade. Kennen Sie das auch?
Über mir ist nur der Herrgott und an den glaube ich nicht. Solange mein Kühlschrank voll ist, bin ich unschlagbar.
Kennen Sie die Peter Pinguid Society aus Thomas Pynchons Roman „Die Versteigerung von No. 49“? Sie bekämpft den Kapitalismus, weil er nach Karl Marx zwangsläufig zum Kommunismus führt. Antikommunismus muss bereits mit Antikapitalismus beginnen!
Was hat der White Trash in Deutschland mit dem türkischen, dem arabischen oder dem rumänischen Prekariat gemeinsam? Nichts, sie verachten einander und kennen ihre Gemeinsamkeit nicht, für die es einmal den Begriff „Proletariat“ gegeben hat. Was hat ein armer Mensch in Griechenland mit einem armen Menschen in Ghana gemeinsam? Nichts als die Armut. Und Armut verbindet nicht, auch wenn bei jeder marxistischen Soiree des Bildungsbürgertums das Gegenteil behauptet wird.
Worte, die in den sechziger Jahren entstanden: trendsetter, paparazzo, miniseries, skateboard, biohazard, teenybopper (Quelle: http://blog.oxforddictionaries.com/2015/05/words-from-the-1960s/)
Solid Space - A Darkness In My Soul. https://www.youtube.com/watch?v=Pd4nlkegHDQ

Samstag, 4. Februar 2017

Netsuke 2

Katze und Maus



Sie buk, ein Teller fiel.
Ein Klang, der mich erschruk.



Ebisu, einer der sieben japanischen Glücksgötter, zuständig für Fischerei, Glück und erfolgreichen Handel

Little Red Rooster

Als ich in dem Kaff aus dem Bus stieg, war ich völlig abgebrannt. Alles, was ich bei mir hatte, war eine Plastiktüte und ein paar Münzen in meiner Jackentasche.
In der Tüte war eine Filmrolle und ein Packen bedrucktes Papier. Belastendes Material über einen Politiker in der Hauptstadt, der eine Affäre mit einer Minderjährigen gehabt hatte. Hier wollte ich es an einen kleinen Fernsehsender verkaufen, dessen Programm man nur im Internet sehen konnte.
Am Busbahnhof kaufte ich mir ein kaltes Bier, um den Staub aus meiner trockenen Kehle zu waschen. Ich trank in langen Zügen, während mich ein Betrunkener mit glasigen Augen schamlos anstarrte. Vermutlich lungerte er den ganzen Tag am Bahnhof herum, auf dem Boden neben ihm lagen ein halbes Dutzend leerer Bierdosen.
Als ich zum Sender ging, traf ich keine Menschenseele. Keine Autos, nur die schmutzige Straße. Am Horizont eine Bergkette im Dunst. Das ganze Tal war eine fruchtlose Geröllwüste, über der noch nicht einmal ein Raubvogel kreiste.
Little Red Rooster – so stand es in großen schwarzen Buchstaben an der Schaufensterscheibe. So hieß der Sender und ich öffnete die Tür. Alles, was ich in dem Chaos aus Computern, Servern und Kabeln sah, war ein unrasierter Mann mit fettigen Haaren in einem ausgeleierten Football-Shirt, auf dessen Schoß sich eine junge Frau schamlos rekelte.
Ich hielt die Tüte hoch und sagte: „Hier ist das Material, das ich Ihnen verkaufen wollte. Sie erinnern sich?“
Er nickte und grinste mich an. „Darauf müssen wir anstoßen.“
Die Frau begann zu nörgeln. „Nein, Schatz. Lass uns nach Hause gehen.“ Und dann grinste sie ihn lüstern an. „Ich will dich. Jetzt.“
Der Boss des Ein-Mann-Ein-Raum-Senders gab ihr einen Klaps auf den Hintern und stand auf. „Gehen wir. Die Tüte mit dem Material können Sie ruhig hier stehen lassen.“
Wir gingen nach draußen und liefen die Straße entlang. Exakt derselbe Weg, den ich schon einmal gelaufen war. Aus den Augenwinkeln sah ich mir die junge Frau an. Sie sah verdammt gut aus – und plötzlich wurde mir klar: Das ist die Frau auf dem Band. Die angeblich Minderjährige. Jetzt sah sie älter aus, heruntergekommen und abgerissen. Aber sie war es, keine Frage.
Am Kiosk stand immer noch der Betrunkene. Er begrüßte den Mann und seine Freundin. Die anderen Drei plauderten ein wenig, während ich schweigend zuhörte. So ein Mann wie der Betrunkene durfte in keinem Westernfilm fehlen. In Karatefilmen hieß diese Figur „The Drunken Master.“
Der Senderboss fragte mich, ob ich Geld hätte. Er müsste erst noch zur Bank, mein Geld würde er mir aber ganz sicher morgen geben. Mit meinen letzten Münzen kaufte ich eine Runde Bier für alle.
Ich hatte nichts mehr und saß in diesem Drecksnest fest, keine Frage. Wie sollte es weitergehen, wenn ich das Bier ausgetrunken hatte?
Depeche Mode – Precious. https://www.youtube.com/watch?v=rip1J0YWGgA

Freitag, 3. Februar 2017

Bowling Green Massacre – die Fakten

Es war ein schöner Sommertag des Jahres 2011 und die liebenswerten, nichtsahnenden Bewohner von Bowling Green gingen ihren typisch amerikanischen Tätigkeiten nach: Shoppen, Fernsehen, Skateboarden und auf Schwarze schießen.
Da brach das Unglück über sie herein: Saddam Hussein war mit seinen Kriegselefanten über die Rocky Mountains gekommen und ritt unter fürchterlichem Getöse in die Stadt ein. Aber damit nicht genug: Flash-Gordon-mäßig verfinsterte sich der Himmel durch eine Armee von Kampfvögeln, auf denen die Krieger von Gaddafi saßen und giftige Pfeile in die Menge vor den Einkaufszentren und Kirchen schossen. Dann aktivierte Osama bin Laden den Laserstrahl seines Todessterns und machte die Stadt dem Erdboden gleich.
Fazit: drei Millionen Tote, über die die linksversifften Medien nie berichtet haben, weil sie mit den Saudi-Rothschilds von der Wall Street unter einer Decke stecken.

Wiedersehen mit Barry Goldwater

„Der Mann sah wie die meisten Männer aus, die mir in den letzten Monaten versichert hatten, Kennedy sei ein Unglück für das Land, weil er mit Negern, Kommunisten und Intellektuellen paktiere – die Juden erwähnten sie nur nebenbei  –: im Übrigen würden sie für den Senator Goldwater stimmen und, sollte Kennedy wider Erwarten nochmals gewählt werden, sich eine Insel im Stillen Ozean kaufen. Er hatte seidenweiche graue Haare, unser Reisegefährte, hellblaue Augen und rote Wangen, ein biederes und cholerisches Gesicht, ein Landkartengesicht, in dem die Flüsse als Äderchen von Bourbon-Whisky eingezeichnet waren.“ (Hans Habe: Der Tod in Texas)
Der Name Barry Goldwater wird Ihnen vermutlich nichts sagen. Er war ein wichtiger Politiker der Republikanischen Partei in den sechziger Jahren und 1964 Präsidentschaftskandidat. Ein erzkonservativer Geschäftsmann und Millionär, der mich stark an Donald Trump erinnert. In einer Reportage über ein Gespräch mit Goldwater heißt es, er verkörpere die vier P, die auf der Fahne von halb Amerika stünden: „Pioniertum, Primitivität, Provinzialismus und Popularität“ – letztere als volkstümliche Verkörperung der Ideale des Wilden Westens gedacht. Weiter heißt es:
„Der amerikanische businessman, beileibe kein Snob, träumt von jener goldenen Epoche der Unordnung, als H. L. Hunt, der reichste Mann Amerikas und Hauptfinanzier des Rechtsradikalismus, seinen ersten Ölturm im Pokerspiel gewinnen konnte, träumt von der ordinären Gesetzlosigkeit, der, so meint er, Amerika seine Größe verdankt, träumt von einem steuerlosen Staatswesen in des Wortes doppeltem Sinne: einem Staatswesen ohne Steuer und ohne Steuern. Weil wir Europäer gewöhnt sind, mit dem Begriff Faschismus Uniformiertheit, Stechschritt und Disziplin jeglicher Art zu verbinden, ist uns der amerikanische Businessman-Faschismus so schwer verständlich, der nur so viel Disziplin einführen möchte, wie zum Schutz des wirtschaftlichen Chaos unbedingt notwendig ist.“
Ich lese gerade die Amerika-Reportagen von Hans Habe, einem österreichischen Journalisten und Schriftsteller jüdischer Herkunft und ungarischer Abstammung. Eigentlich hieß er János Békessy und war der Sohn von Imre Békessy, der in Wien ein aufwändig bebildertes Boulevardblatt herausgab, das sich auf Enthüllungs- und Skandalgeschichten kaprizierte, und sich jahrelang publizistische Scharmützel mit Karl Kraus von der „Fackel“ lieferte. Habe wurde nach dem Anschluss Österreichs ausgebürgert und ging erst ins französische Exil, 1940 floh er in die USA.
Anfang der sechziger Jahre schrieb er über eine Meinungsumfrage von „Newsweek“ in Amerika, wonach 25 Prozent der Weißen im Norden nicht neben einem Schwarzen im Kino sitzen möchten. 58 Prozent der Weißen im Süden waren der gleichen Meinung. Auf die Frage, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ein Schwarzer oder eine Schwarze in den eigenen Freundeskreis oder die eigene Verwandtschaft einheiraten würde, antworteten 87 Prozent der Weißen im Norden und 94 Prozent der Weißen im Süden mit Ja. Wieviel Prozent der Deutschen haben heute oder in naher Zukunft die gleichen Vorurteile gegenüber Muslimen und Afrikanern?
Habe nahm übrigens ab 1942 auf Seiten der US-Streitkräfte am Zweiten Weltkrieg teil und gründete ab 1945 in der amerikanischen Besatzungszone 16 deutschsprachige Zeitungen, u.a. die Ruhr Zeitung in Essen und die Frankfurter Presse. Schön ist der Abschnitt über das Greenwich Village in New York. Eine ehemalige Tabakplantage, in der die Reichen ihre Häuser bauten, als in der City das Gelbfieber wütete. In den 1920er und 1930er Jahren zogen arme Künstler in die Gegend, nach dem Zweiten Weltkrieg folgten die Beatniks: „Es gibt nichts Hochmütigeres als das Standesbewusstsein des Revoluzzers.“
Sehr aufschlussreich ist auch eine Reportage über die schwarze Oberschicht dieser Zeit, die in goldenen Ghettos wie Collier Heights in Atlanta in ihren Villen logierte und kein Interesse am Ende der Apartheid zeigte. Es gab damals 25 Dollarmillionäre in den USA, die ihr Geld mit der diskriminierten schwarzen Kundschaft verdienten. So war es z.B. bis 1953 „weißen“ Versicherungsgesellschaften verboten, das Leben eines Schwarzen zu versichern. Dazu passt auch die „Poll-Tax“ in den Südstaaten, die verhinderte, dass arme Schwarze von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Geld bezahlen, um wählen zu dürfen. Sehr amerikanisch, sehr demokratisch.
Habe beschreibt die USA vor über fünfzig Jahren als ein geteiltes und verwundetes Land. Er zitiert das alte Sprichwort „New York ist nicht Amerika.“ Die multikulturelle und multiethnische Metropole im Osten hat nichts mit dem rassistischen Süden und mittleren Westen zu tun, wo man noch stolz auf die eigene Ignoranz ist und die Schwarzen immer noch in ihren Kirchen erschießt – gestern wie heute. So wie in Deutschland der primitive Patriotismus von Seehofer oder Söder, von Petry oder Höcke nichts mit der Lebenswirklichkeit in Hamburg oder Berlin zu tun hat.
„Amerika (…) ist Gulliver am Ufer der Zwerge. Des Riesen Kopf, irgendwo zwischen Boston und Washington, ist noch frei, und auch seine Füße, irgendwo zwischen Seattle und Los Angeles, scheinen noch frei zu sein, aber Gullivers Leib ist schon gefesselt: Millionen von Zwergen – und wie groß dünken sie sich, diese Zwerge, da sie doch ihre Zahl mit ihrer Größe verwechseln -, irgendwo hier in Georgia und Alabama, in Mississippi, Arkansas und Texas, hämmern sie an den Nägeln, ziehen sie an den Stricken, basteln sie an den Knoten des Hasses.“
Und wenn ich heute in die trüben und verständnislosen Augen von Donald Trump sehe, diesem Yankee-Caudillo, diesem Imperial Wizard eines neuen Klans, dann werfe ich einen Blick in Amerikas Geschichte. Ich bin froh – wieder einmal  –, keine Familie gegründet und nichts aufgebaut zu haben. Meine Sandburg aus Worten hätte ohnehin keinem Sturm standgehalten.
Hans Habe: Der Tod in Texas. München, Wien, Basel 1964.

Vangelis – Blade Runner Blues. https://www.youtube.com/watch?v=2ornnAaYF9k