Dienstag, 31. Januar 2017

Mauern aus Worten, Mauern aus Stein

Es wurde in den letzten Jahren aufgrund der vielen runden Jahrestage oft über den Ersten Weltkrieg gesprochen. Über den Nationalismus, der sich in Europa zu einem ungeheuren Blutbad entwickelt hat. Darüber wurde vergessen, dass sich der Nationalismus jener Zeit im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, in der Habsburgermonarchie zuerst entwickelt hat. „Multikulti“ geriet in Prag, Budapest und Wien erst in die Defensive und danach in die Krise, die Doppelmonarchie wurde von vielen Bürgern als „Völkergefängnis“ empfunden.
Heute ist es mit der EU ähnlich. Die Nationalisten vieler Länder glauben, sie müssten Ketten sprengen. Die französischen Präsidentschaftswahlen in diesem Frühling werden der entscheidende Punkt sein. Der vermutlich hässliche und zukunftsweisende Scheidungsprozess zwischen Großbritannien und der EU beginnt auch bald. Das Pendel könnte erneut zurückschlagen wie vor einem Jahrhundert.
Jetzt rächt sich, dass in den vergangenen Jahrzehnten der europäische Gedanke nur von der Wirtschaft dominiert wurde. Es ging um Konzerne, Märkte und Währungen. Gesellschaft und Kultur kamen in diesem Programm nicht vor. Ryanair und Easy Jet haben in dieser Zeit mehr für die Völkerverständigung getan als sämtliche Politiker zusammen. „Brüssel“ ist das Synonym für die Entfremdung des EU-Systems vom europäischen Bürger geworden.
Sichtbares Zeichen der neuen Zersplitterung sind die Mauern, die gebaut werden. Ungarn baut Grenzanlagen gegen Kriegsflüchtlinge und bildet in Schnellkursen neue Grenzwächter aus. Die Reichen bauen Mauern um ihre Wohnviertel und Präsident Trump plant eine gigantische Mauer zu Mexiko wie einst der chinesische Kaiser gegen die Mongolen. 1852 schlug Erzherzog Maximilian vor, eine Mauer um Wien zu bauen, um die Fabriken, aber vor allem das Proletariat vom Herrschersitz und der Verwaltung des Reichs fernzuhalten.
Ich kann mich noch erinnern, wie Grenzanlagen abgebaut wurden und der freie Verkehr zwischen den Staaten nicht als Kontrollverlust wahrgenommen wurde, sondern als Zugewinn an Freiheit. Mauern galten als Symbol totalitärer Herrschaft – man denke nur an die Berliner Mauer und den Jubel bei ihrem Fall. Ein Vierteljahrhundert später ist das alles vergessen. Die Schikanen beim Grenzübertritt an Flughäfen ist genauso groß wie zu jener Zeit, als ich in den achtziger Jahren in die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, nach Ungarn oder in die DDR eingereist bin.
Die Folgen des Nationalismus waren nicht nur die schrecklichsten Kriege der Geschichte, sondern auch die Trennung der Menschen nach ethnischen Gesichtspunkten. Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie nicht zum offiziellen Staatsvolk gehörten. Wer nicht rechtzeitig ging, wurde ermordet. Millionen Menschen irrten damals durch Europa auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Wenn heute in den USA Menschen aus bestimmten Staaten und mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit die Einreise trotz gültiger Papiere verweigert wird, sehen wir den Anfang einer neuen Rassentrennung. Welche Verwüstung hinterlässt diese Absurdität in einem Menschen, der einen algerischen Vater und eine dänische Mutter hat?
Nationalismus bedeutet in der Konsequenz nicht nur Egoismus und Gewalt, sondern auch Apartheid. Als Deutschland Millionen Flüchtlingen eine Zuflucht bot, hatte es die Zeichen der neuen Zeit noch nicht erkannt. Das letzte Jahr war darum von einem hektischen Zurückrudern Merkels in der Flüchtlingsfrage geprägt. Die Zeiten haben sich geändert – leider nicht zum Guten. Frau Le Pen wird im Frühling in Paris den Grabstein der EU meißeln.
Men At Work - Down By The Sea. https://www.youtube.com/watch?v=z-672m20FVk

Montag, 30. Januar 2017

Für eine Handvoll Schrauben

„Wenn mich jemand fragt, ob ich Wasser zu meinem Scotch möchte, antworte ich, dass ich durstig bin und nicht schmutzig.“ (Joe E. Lewis)
Es war kurz nach Mitternacht, als es an der Tür klopfte. Fünf- oder sechsmal.
Dann öffnete ein hagerer Mann in einem hellblauen Bademantel.
„Was wollen Sie?“
Der breitschultrige Riese antwortete: „Wir haben keine Zeit. Die Polizei kann in jedem Augenblick hier sein.“
Ohne nachzudenken, packte der hagere Mann seine wichtigsten Habseligkeiten in einen Koffer und verließ seine Wohnung.
***
Auf dem Schiff nach Bad Gotham war er als einfacher Bauer verkleidet: Hercule Porridge, der berühmte irische Detektiv, der inzwischen auf die dunkle Seite gewechselt war. Ein ungelöster Mordfall, der fälschlicherweise ihm angerechnet wurde – aber das ist eine andere Geschichte.
***
„Extrablatt! Extrablatt!“ schrie der Zeitungsjunge an der Straßenecke. „Der Schraubenzieher-Man ist im Urlaub! Die Stadt ist völlig schutzlos!“ Kurze Hosen, aufgekrempelte Ärmel, Hosenträger, Schiebermütze – wie die Karikatur aus einem Dickens-Roman. „Große Juwelenausstellung in der Stadthalle!“
Aber es war niemand anderes als Kreuzschlitz-Boy, der das Hotel beobachtete, in dem Mister Porridge abgestiegen war.
Tatsächlich kam der dicke Ire, der einen hellgrünen Tweedanzug und eine Jagdmütze mit Ohrenklappen trug, neugierig aus dem Gebäude und stapfte zu ihm hinüber, um sich eine Zeitung zu kaufen. Hämisch grinsend las er die Schlagzeilen.
***
Bonetti machte sich Gedanken. Immer, wenn ein Gedanke fertig war, schrieb er ihn auf einen Zettel und warf ihn zu den anderen Zetteln. Inzwischen hatte er einen großen blauen Müllsack voller Notizen, der er irgendwann einmal sortieren wollte.
Gerade schrieb er einen besonders schwierigen Satz auf. Drei schwarze Vögel saßen auf diesem Satz. Da klingelte das Notfalltelefon mit dem Paisleymuster.
Schurken in Bad Gotham! Er quetschte sich in seinen Schraubenzieher-Man-Anzug, wobei er die Luft anhalten musste, als er den Reißverschluss der Hose hochzog.
Dann rutschte er auf dem Treppengeländer hinunter zur Schraubenzieher-Cave und plumpste dort mehr oder weniger elegant auf den Boden.
***
Erneuter Szenenwechsel. Wir befinden uns in der Stadthalle von Bad Gotham, meine Damen und Herren. Es ist Mitternacht und geradezu unheimlich ruhig. Singvögel werden vom Ordnungsamt nach ihren Ausweisen gefragt, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Von der Decke lässt sich Mister Porridge hinab. Er schwebt an einem Seil nur wenige Zentimeter über dem Boden der Halle und ist mächtig aufgeregt. Tom Cruise nix dagegen. Aber es ist völlig unnötig, denn für eine Laser-Überwachungsanlage fehlt der Stadt das Geld.
Und jetzt halten Sie sich fest. Es ist auch deswegen gar nicht nötig, weil die jährliche „Juwelenausstellung“ nur ein Trick ist, um in einem Fischzug möglichst viele Gangster in den Knast zu bringen. Clever, oder? Hätten Sie nicht gedacht.
Die Schaukästen der Ausstellung sind mit besonderen Schrauben gesichert. Sie geben ein Signal, das Schraubenzieher-Man in der Kneipe gegenüber empfängt.
Wissen Sie, warum der Schraubenzieher-Man in seinem Kostüm nicht auffällt? Weil gerade Karneval ist und deswegen einige andere Leute in der Kneipe oder anderswo in einem Schraubenzieher-Man-Kostüm rumlaufen. In dieser Zeit ist also ein solches Kostüm die beste Tarnung, okay?
Der Rest ist schnell erzählt. Lautlos wie fallender Schnee betritt der Schraubenzieher-Man die Juwelenausstellung und macht Hercule Porridge dingfest. Und glauben Sie nicht, dass die Begriffe „Bewährung“ oder „Resozialisierung“ eine Rolle in dieser Erzählung spielen. Das ist heute völlig aus der Mode. Porridge klopft Steine auf dem Mars und endet als Organspender für die Vorstandsetage von Apple.
Mike Batt - Ride to Agadir. https://www.youtube.com/watch?v=b7_y-F8VtSo

Sonntag, 29. Januar 2017

Van Loon

„Wein und Würfel herbei! Fahr' hin, wer um morgen sich kümmert! Lispelt der Tod doch ins Ohr: ‚Lebet, ich komme gewiss.‘“ (Vergil)
Ich kann mich noch genau an die Szene erinnern. Es ist ein Sommernachmittag und ich sitze mit einer Freundin auf dem Restaurantschiff „Van Loon“ im Urbanhafen in Kreuzberg. Wir trinken Kaffee und essen Kuchen. Ein extrem entspannter Moment, manche Deutsche benutzen für diese Augenblicke die Formulierung „die Seele baumeln lassen“. Ich habe nie verstanden, wie das genau gemeint ist. Wie fühlt sich eine Seele an? Wann baumelt sie? Was macht sie sonst? Ist sie manchmal auch „gespannt wie ein Flitzebogen“? Egal.
Ich blinzele in die Sonne. Der Kuchen schmeckt. Eine schöne Frau sitzt mir gegenüber und wir führen ein interessantes Gespräch. Und dann stellt sie diese Frage. Ich war überhaupt nicht vorbereitet. Auf diese Fragen kann man sich gar nicht vorbereiten. Ich wusste auch überhaupt keine Antwort. Es ist jetzt fünfzehn Jahre her und ich wüsste auch heute nicht die Antwort. Es ist keine fiese Frage. Nicht böse oder so. Aber sehr klug. Und einfach formuliert. Ich starre sie einfach nur an, während sie an ihrem Kaffee nippt und unschuldig auf das Wasser blickt.
„Willst du das jetzt den Rest deines Lebens machen?“ Meine Güte, ich bin 35 Jahre alt und Wissenschaftler. Ich habe mich auf das Thema „Zeit“ fokussiert. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge, treffe Fachkollegen und gebe gelegentlich ein Interview zu diesem Thema. Zeit. Das ist ein weites Feld. Man könnte viel zu diesem Thema sagen und ich absolviere ganze Forschungsprojekte, um meine Fragen zu diesem Objekt meiner geistigen Begierde zu beantworten. Ich lese, ich führe selbst Interviews mit vielen Leuten, um ihren Umgang mit der Zeit und ihre Sichtweise auf das Thema zu begreifen.
Und dann diese Frage. Will ich das für den Rest meines Lebens machen? Immer dieses eine Thema? So vielschichtig es auch sein mag? Ich habe nur dieses eine Leben. Will ich nichts anderes mehr machen? Ein „vernünftiges“ Leben als Wissenschaftler führen? Werden mir irgendwann die Fragezeichen ausgehen und es bleiben nur noch Punkte? Plötzlich werde ich unsicher. Die Frage reißt mich aus der Selbstgewissheit eines angenehmen Lebens und eines angenehmen Nachmittags heraus. Was will ich eigentlich vom Rest meines Lebens? Die Frau gegenüber ist Redakteurin beim Fernsehen. Jeden Tag neue Themen. Sie muss sich nicht festlegen. Sie lässt in aller Ruhe ein Stückchen Käsekuchen auf der Zunge zergehen und sieht mich mit ihren großen blauen Augen fragend an.
Ich weiß es nicht, sage ich schließlich. Ganz schwache Antwort. Ich weiß. Aber ich weiß es wirklich nicht. Ein Jahr später bin ich arbeitslos. Ein weiteres Jahr später wird die „Agenda 2010“ in Kraft gesetzt und noch ein Jahr später bin ich Sozialhilfeempfänger.
Will ich den Rest meines Lebens schreiben? Bloggen? Keine Ahnung. Was ist in einem Jahr? Wir treiben wie ein Papierschiffchen auf den Wogen des Zufalls und bilden uns ein, Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen zu haben. Wir könnten nicht falscher liegen.
Grace Jones – Walking In The Rain. https://www.youtube.com/watch?v=VZO2xx2jk0g

Samstag, 28. Januar 2017

Blogstuff 110

„Möge dein Glas immer voll sein, und das Dach über deinem Kopf immer fest sein. Und mögest du schon eine halbe Stunde im Himmel sein, wenn der Teufel merkt, dass du tot bist.“ (irischer Trinkspruch)
Kennen Sie die Falknerei? Andy Bonetti geht mit zwei Geparden in der Fußgängerzone Tauben jagen. Das ist jetzt allerschwerstens angesagt.
In den Begriffen „Hausherr“ und „Hausfrau“ steckt die ganze Machtverteilung der letzten Jahrtausende.
Es gibt Leute, der sehr viel zu tun haben. Denken Sie nur mal an die Kassiererin im Supermarkt, die pausenlos Fressalien am Scanner vorbeizieht. Und es gibt Leute, die sehr wenig zu tun haben. Die trifft man in den „sozialen“ Medien (ein ähnlich irreführender Begriff wie Sozialdemokratie). Aber es ist doch besser, sie reagieren ihren Hass im Internet ab als im Straßenverkehr oder im Kinderzimmer. Wer sich für die offene Aggression zu fein ist, spielt mit gönnerhaften Tonfall die Rolle des Lehrers oder des Richters.
Baron Eugen von Vaerst unterscheidet in seiner Schrift „Gastrosophie oder Lehre von den Freuden der Tafel“ von 1851 drei Arten von Essern: den Feinschmecker (Gourmet), den Vielfraß (Gourmand) und den Gastrosophen, der bei der Auswahl der Speisen nicht nur auf Qualität, sondern auch auf Gesundheit und andere Aspekte (z.B. Art der Erzeugung eines Lebensmittels, Stichworte: Massentierhaltung, Gentechnik, Pestizide usw.) Wert legt. Schon Epikur erklärte den Bauch zur Wurzel des Guten.
Die Pressekonferenzen der Trump-Regierung erinnern mich an die Zeiten von Leonid Breschnew in der Sowjetunion. Mit Fragen erfährst du gar nichts, es werden auch keine Journalisten zu Audienzen eingeladen. Und deswegen entstand damals die Figur des „Kremlastrologen“, der die Entscheidungen der Sowjetregierung interpretierte. Demnächst haben wir den „Trumpastrologen“, der die Twitter-Messages und Statements des US-Präsidenten interpretiert.
Andy Bonetti fliegt morgen mit seinem Privatjet nach Miami zu einem Charity-Dinner, bei dem es um die Rettung des brasilianischen Regenwalds geht.
Mein peinlichster Moment? Da bin ich in einer Krabbelröhre auf einem Spielplatz in Berlin-Schöneberg steckengeblieben – mit 45 Jahren.
Herbivoren – das ist der Fachausdruck für Pflanzenfresser. Vielleicht könnten sich die Veganer in Zukunft so bezeichnen?
Haben Sie schon mal versucht, eine Kuh zu verkaufen, die keine Milch gibt, aber trotzdem jeden Tag Heu frisst? Ministerpräsidentin Manu Dreyer steht mit dieser Nummer seit Jahren auf dem Drahtseil. Ein einziger potenzieller Käufer für den Flughafen Hahn ist noch übrig.
Projekt Wortschatzerweiterung: Serendipität bezeichnet eine zufällige Beobachtung während einer Suche, bei der man etwas völlig anderes findet. Sie suchen eine z.B. Büroklammer und finden ein Mittel gegen Hodenkrebs. So wurde übrigens auch Andrea Nahles entdeckt.
Linke Gruppierungen funktionieren nach dem Prinzip des Spiels „Reise nach Jerusalem": Du vertrittst einmal die falsche Meinung und du bist für immer draußen.
Hätten Sie’s gewusst? Nicht nur Donald Trumps Vorfahren sind aus der Pfalz, sondern auch die Vorfahren von Marlon Brando (alter Familienname: Brandau).
So Typen wie Jesus gibt es heutzutage im Nahen Osten gar nicht mehr. Der Jesus von 2017 würde seine Jünger bewaffnen und die Häuser der amerikanischen und israelischen Besatzer in die Luft sprengen.
Spliff – Heut Nacht. https://www.youtube.com/watch?v=bfw-Ye0t938

Freitag, 27. Januar 2017

Bild der Woche


Gegner der phonetischen Dispersion wie Lady McPhurson überzogen im vergangenen Jahrhundert die Hersteller von Kinematographen jahrelang mit ihren juristischen Klagen. Quelle: Bonetti Media Unlimited.

Christel Lechner

„Wir haben das Problem, dass eine stinkreiche Gesellschaft so tut, als sei sie kurz vor dem Abgrund.“ (Dieter Thomä)
Es gibt Künstler, die sich ein Ohr abschneiden. Es gibt Künstler, die ihren Hodensack auf den Roten Platz in Moskau nageln. Und es gibt Christel Lechner, die unauffällig und unspektakulär unseren Alltag widerspiegelt und Anregungen zu weiteren Selbstbespiegelungen gibt. Ihre „Alltagsmenschen“ sind wie wir. Wir sind ihre Alltagsmenschen. Sie sind nicht schön, sie sind nicht modisch gekleidet. Vielleicht ist ihre profane Normalität, ihre ehrliche Durchschnittlichkeit das Geheimnis ihrer Beliebtheit?

Skulpturengruppe "Aufbruch, Ausbruch, Durchbruch" von 1996. Quelle: Wikipedia.
Christel Lechner wurde vor siebzig Jahren in Iserlohn geboren und lebt in Witten. 1988 entstehen erste Figuren aus Beton, ihrem Werkstoff, aus dem sie die Alltagsmenschen schafft. Auch das ist ein Statement. Seit 1996 stellt sie ihre Figuren im öffentlichen Raum aus. Die Alltagsmenschen wandern im Laufe der Jahre durchs ganze Land: Berlin, Kaiserslautern, Bremen, Karlsruhe, Braunschweig und viele mehr. Auch in Frankreich, Niederlanden, Österreich, Belgien, Griechenland und Italien hat sie ihre Werke präsentiert. Ich mag die Alltagsmenschen, ihren gelassenen Gesichtsausdruck und ihr freundliches Lächeln. Sie strahlen Ruhe und Entspannung aus.

„Sprung ins Wasser“ von 1988. Quelle: Wikipedia.
Viele Dinge offenbaren ihre Bedeutung erst, wenn sie Patina angesetzt haben. Ein Konzertplakat ist kurz nach seinem Kauf einfach nur ein Fanartikel oder wir finden es einfach nur schön. Nach fünfzig Jahren ist es das Zeugnis einer vergangenen Zeit geworden, es sagt uns viel mehr als am ersten Tag. Auf diese Weise werden die Alltagsmenschen von Christel Lechner zukünftigen Generationen etwas über unsere Zeit sagen können, was uns heute noch gar nicht klar ist. Denn eins ist sicher: der Alltagsmensch des Jahres 2200 wird anders sein, als wir es heute sind, und anders, als wir es uns vorstellen können.

Quelle: Roswitha.
The Cult - She Sells Sanctuary. https://www.youtube.com/watch?v=8I8mWG6HlmU

Donnerstag, 26. Januar 2017

Ein paar Fragen zu später Stunde

Warum weiß ich es, wenn im britischen Königshaus ein neues Kind geboren wird? Warum? Es interessiert mich. Nicht! Warum belästigt man mich mit all diesen Informationen? Warum wird meine Zeit mit Belanglosigkeiten verschwendet, während ich dafür sorgen soll, dass dieses Leben immer länger dauert? Warum habe ich aufgehört zu rauchen? Warum trinken wir nicht mehr, bis wir völlig sinnlose Sachen machen? Seit wann bedeutet es, funktionstüchtiger zu werden, wenn man älter wird? Schon immer? Warum sind wir so? Es ist diese Stunde in tiefer Nacht, in der die Vernunft in den Keller hinabsteigt und das alte Tier sieht, das an seinen Ketten zerrt.

Spiele meiner Jugend

Berlin ‘85
https://boardgamegeek.com/boardgame/4839/berlin-85-enemy-gates
Fulda Gap
https://boardgamegeek.com/boardgame/4235/fulda-gap
Reise nach Moskau
https://www.ravensburger.de/spielanleitungen/ecm/Spielanleitungen/Reise_Nach_Moskau.pdf

Neulich auf der Promi-Party

„Weißt du was, Böhmermann? Du kotzt mich an. Du kotzt mich einfach nur an, du kleine verpisste Arschmade. Du bist immer noch auf diesem Scheißsender ZDF Neo unterwegs, du arbeitest immer noch für dieses gottverdammte Drecks-ZDF. Was verdienst du da netto im Monat? Fünftausend? Weniger? Ich kenne Nutten mit daumendicken Genitalwarzen in Recklinghausen, die mehr verdienen als du. Was soll die Scheiße, Alter? Du hast letztes Jahr die ultracoole Nummer mit Erdogan abgezogen. Und was hast du draus gemacht? Gar nichts. Mit deiner dämlichen Hackfresse wie aus der Nutella-Werbung!!! Hast du eigentlich einen Manager? Einen, der für dich andere Leute in den Arsch tritt? Einen, der für dich Kohle macht, du Flachwichser, weil du selbst unfähig bist? Jetzt schau mich nicht so blöd an! Ich werde es nicht machen. Ich werde dich nicht managen. Weißt du auch, warum ich das nicht mache? Weil du ein Penner bist, eine geföhnte Susi. Weil du es nicht schaffen wirst, weil du es nicht wert bist, verstanden?! Und jetzt verpiss dich endlich! Du wirst nie eine Samstagabendshow haben, du wirst nie einen Werbevertrag haben! Weil du nie einen Manager haben wirst, der so geil ist wie ich, verstanden?!“
Warnhinweis: Kokain verändert Ihre Persönlichkeit.
Earth, Wind & Fire - Let's Groove. https://www.youtube.com/watch?v=Lrle0x_DHBM

Mittwoch, 25. Januar 2017

Zahlen – Realität, Magie oder einfach nur Bullshit?

Vor acht Jahren habe ich dieses Blog begonnen. Was waren die Artikel mit den meisten Lesern? Es sind Texte, die ich alle nicht zu meinen besten Arbeiten zähle. Verstehe einer die Welt.
Auf Platz 1 ist „Wir sehen uns im Mauerpark“ aus dem Jahr 2012. Sie werden nicht glauben, wie viele Seitenzugriffe dieser Text hat: 272.585. Mehr als eine Viertelmillion. Der Abstand zu allen anderen Texten, die ich in meinem Leben geschrieben habe, ist so unglaublich, dass ich diese Zahl, die mir die „Beitragsstatistik“ von Google präsentiert, in Zweifel ziehe. Es ging zwar um den umstrittenen Bebauungsplan zum Mauerpark, der in Berlin hohe Wellen geschlagen hat, aber das ist einfach too much. Ich denke mir, dass sich in diesem Textfeld des Nachts heimlich (russische?) Socialbots treffen, um digitalen Sex zu haben und irgendwelche Cyberdrogen zu nehmen.
Auf Platz 2 kommt „Zum Ende der Hundstage“ mit 4864 Zugriffen und auf Platz 3 „We’re only in it for the stulle“ mit 4375 Zugriffen. Beide Texte sind ebenfalls aus dem Jahr 2012. Auf Platz 4 kommt ein Text aus neuerer Zeit: „Der Kiezneurotiker wird gezüchtigt“, vor drei Wochen veröffentlicht. 3495 direkte Seitenaufrufe. Das sind realistische Zahlen, wenn man sich die täglichen Zugriffe anschaut. Natürlich muss man auch die Leser dazurechnen, die nicht den einzelnen Text, sondern den Blog aufgerufen haben. Und man muss wiederum die Zahl der Bots abziehen, die durch das Netz wandern. Aber das Geheimnis hinter dem statistischen Ausreißer der Mauerpark-Zahlen hätte ich schon gerne gelüftet …

Brauchen wir noch Demokratie?

„Bisher deutet nichts auf einen demokratischen oder sozialen Hintergrund der Gesetzgebung hin.“ (Lupo Laminetti)
Ich frage mich manchmal: Weiß denn der Einzelne, was gut für das Volk und was gut für das Land ist? Was weiß der Ziegelstein von Architektur, was weiß der Grashalm von der Anlage eines Schlossgartens? Muten wir den einfachen Kassiererinnen und Handwerkern nicht zu viel zu, wenn sie über Politik entscheiden müssen?
Sehen Sie sich die armen Menschen doch an: Sie plagen sich mit ihrer Arbeit, sie ziehen ihre Kinder groß, gehen in den Supermarkt und ins Fitnessstudio. Ihre Zeit ist knapp, das Bedürfnis nach Erholung groß. Tun wir ihnen wirklich einen Gefallen, wenn wir sie mit den schrecklichen Nachrichten aus Deutschland und aller Welt belästigen? Wenn wir sie mit den komplexen Fragestellungen der Politik konfrontieren?
Aus diesem Grund wurde die repräsentative Demokratie erfunden. Man reduziert den Entscheidungsprozess auf wenige Wahlen, die im Turnus von vier oder fünf Jahren stattfinden. Bei diesen Wahlen werden aus dem Angebot professioneller Politikagenturen sogenannte Volksvertreter gewählt, die den Bürgern die Last der Information und der Details abnehmen.
Das Problem ist die Wiederwahl. Um sich immer wieder neu im Amt bestätigen zu lassen, muss man per Meinungsumfrage und Medienstudium dem Volks „aufs Maul schauen“ (merke: das Stimmvieh hat ein Maul, keine Münder). Dadurch gelangen leider auch die populistischen Vorschläge irregeleiteter Bürger (Stichworte: Fake News, Social Media, Putin-Trolle) in den politischen Entscheidungsprozess, wo sie den Profi nur stören. Im Ernst: Würden Sie die Aufstellung der Fußballnationalmannschaft achtzig Millionen Amateuren überlassen oder doch lieber auf das goldene Händchen von Jogi Löw vertrauen?
Daher schlage ich vor, es mit den Wahlen in Zukunft sein zu lassen. Es bringt den Profis im politischen Prozess nichts und die Bürger würden entlastet. Man sollte auch generell weniger Nachrichten zulassen. Die Flut schrecklicher Bilder und bedrückender Informationen ist längst zu einer unerträglichen Belastung für die Bevölkerung geworden. Das Volk sollte vielmehr in Form von Abordnungen gesittet und geordnet in Kontakt zur Welt der Politik treten.
Die Zunft der Krämer wird durch ihren Lobbyisten vertreten, die Zunft der Apotheker schickt ihre Leute usw. Schon heute ist dieses System im Prinzip vorhanden und funktioniert reibungslos. So werden alle Interessen, die es im Volk gibt, doch auch abgebildet, ohne dass der einzelne Krämer oder der einzelne Apotheker sich Gedanken um sein Wohl machen müsste.
In der Industrie werden schließlich auch keine Wahlen abgehalten. Der Industrielle vererbt sein Vermögen und seine Fabriken an die nächste Generation. So wird verhindert, dass Amateure Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen nehmen. Der Nachwuchs wird schon in jungen Jahren auf diese Aufgabe vorbereitet und ist daher auch in der Lage, die Geschäfte bruchlos weiterzuführen.
Daran sollte sich die Politik ein Beispiel nehmen. Warum haben wir neben dem Geldadel nicht auch einen Politikadel, in dem Ämter von Generation zu Generation weitergegeben werden? Als letzten Schritt empfehle ich, die Namen der Politiker diesem Prinzip anzupassen. Dann heißt es nicht mehr Angela Merkel und Sigmar Gabriel, sondern Angela von der CDU und Sigmar von der SPD. Klingt doch ganz schick, oder?
John Watts – I Smelt Roses In The Underground. https://www.youtube.com/watch?v=NSsN7M_Jc_o

Dienstag, 24. Januar 2017

Revenge of the Schraubenzieher-Man

Die Sonne scheint friedlich über dem Spielplatz von Bad Gotham. Die kleine Melanie sitzt im Sandkasten und ist völlig in ihr Spiel versunken. Sie backt einen Sandmuffin, den sie ihrer Mutter schenken möchte. Der wird total super! Die Mama freut sich bestimmt.
Der Sand beginnt zu vibrieren. Erst ganz sanft, dann stärker.
Melanie schaut auf. Was ist das?
Der Sand beginnt zu pochen. Es ist, als würde von unten mit einem Hammer gegen den Sandkasten geschlagen werden.
Melanie springt schreiend auf und läuft zu ihrer Mutter, die auf einer Bank sitzt und auf ihr Smartphone starrt.
„Was ist denn los?“
„Mami, Mami, der Sand macht so böse Sachen.“
Die Mutter schaut zum Sandkasten hinüber. Alles ruhig.
„Das hast du dir nur eingebildet. Komm, wir gehen einen Rhabarbersaft trinken.“
***
Ein Mann rennt den Flur der Polizeibehörde entlang. Der Schlips flattert über seiner Schulter.
„Herr Präsident! Kommen Sie schnell. Das müssen Sie sich ansehen.“
Polizeipräsident Göbelmann blickt verärgert von seinen Akten auf. Was kann so wichtig sein, dass er sich selbst darum kümmern muss? Aber der entsetzte Blick des Abteilungsleiters IT & Filterkaffee überzeugt ihn, den Aktendeckel zu schließen und aufzustehen.
Im Serverraum des Polizeipräsidiums zeigt sich ihm ein Bild des Grauens: überall blinken rote Lichter, Dampf zischt aus den Computern, hie und da sind kleine Explosionen zu hören.
Göbelmann folgt seinem Abteilungsleiter in die Teeküche. Verschmorte und halbgeschmolzene Kaffeevollautomaten und Kaffeekannen. Überall müde Gesichter von Polizeibeamten, die zu keiner Ermittlung mehr fähig sind.
Der Präsident trifft eine Entscheidung.
„Bringen Sie mir das Notfalltelefon mit dem Paisleymuster. Wir brauchen den Schraubenzieher-Man.“
***
Der Schraubenzieher-Man liest gerade einen Artikel über „Fat Shaming“, als das Telefon klingelt. Muss man denn jetzt auch noch die Dicken diskriminieren? So wird Gabriel doch nie Bundeskanzler.
Wenige Minuten später ist er im Polizeipräsidium von Bad Gotham. Konzentriert schraubt er Server und Computer auf. Überall rieselt ihm Sand entgegen. Auch in der Teeküche sind die Maschinen vom Sand zerstört worden.
Ein Beamter der Abteilung „Linksextremismus“ kommt mit heruntergelassenen Hosen in die Küche getorkelt.
„Die Toiletten! Die ganzen Toiletten sind mit Sand verstopft.“
Der Schraubenzieher-Man sieht den Polizeipräsidenten grimmig und entschlossen an. „Es ist der Sand-Man.“
***
Jetzt muss schnellstens gehandelt werden. Sonst ist als nächstes das Elektrizitätswerk dran, dann fällt das Fernsehen aus, die Mikrowelle, der Kühlschrank – und eine Revolte ist praktisch nicht mehr zu verhindern.
Schraubenzieher-Man rennt durch das Treppenhaus auf das Dach des Gebäudes, wo ein riesiger Wassertank steht. Er schraubt den Boden ab und lässt eine gigantische Flutwelle durch das Polizeipräsidium schwappen.
Der Sand-Man verwandelt sich in Schlamm. Er ist zu schwer, um sich bewegen zu können und wird mit Schaufeln auf einen Lkw geschippt.
Er kommt in ein Verließ, dessen eiserne Tür der Schraubenzieher-Man persönlich zuschraubt.
Zum Glück hat die kleine Melanie niemals etwas von der Bedrohung der Stadt durch dieses Monstrum erfahren.
P.S.: Wo ist Kreuzschlitz-Boy? Er macht gerade einen Weiterbildung bei OBI.
Heaven 17 – Lady Ice And Mr. Hex. https://www.youtube.com/watch?v=-0FMzKdDlMw

Montag, 23. Januar 2017

Blogstuff 109

„Dingend verweilt das Ding.“ (Martin Heidegger)
Ich haue jetzt mal eine steile These raus: Mit der Industrialisierung wurde der schwarze Sklave von seiner Arbeit befreit, mit der Digitalisierung wird der weiße Sklave von seiner Arbeit befreit.
Für Männer gilt: Was du in deinem Bauchnabel findest, darfst du behalten.
„Beim Orgasmus quiekte er wie ein Meerschweinchen“ – so einen Satz werden Sie in einem Buch aus dem Hause Bonetti niemals lesen. Wir bürgen für die Qualität unserer Produkte.
Wir fragen heute doch lieber, ob etwas nützlich oder nicht nützlich ist, ob etwas funktioniert oder nicht funktioniert, als zu fragen, ob es richtig oder falsch ist.
Was wurde eigentlich aus Heinz Pralinski? Seine geplante Sportkarriere endete mit einem erfolglosen Probetraining bei Bullseye Wichtelbach II, einer relativ unbekannten Theken-Dart-Mannschaft aus dem vorderen Hunsrück.
Hat es je eine Generation gegeben, die über die globalen Kommunikationsmittel verfügt hat, die wir heute haben? Was machen wir daraus? Gar nichts. Wir könnten weltweite Allianzen bilden, aber wir schicken uns gegenseitig Bilder von unserem Essen und von unseren Katzen.
Es ist besser, fünfzig Jahre wie ein Fürst zu leben, als hundert Jahre wie ein Knecht.
Die Kernerzählung unserer Zeit ist die Erzählung vom Kampf, vom Konkurrenzkampf. Das Internet löst das Fernsehen als Leitmedium ab. Ist das so? Man kann es auch anders sehen. Das erste Massenmedium war das Buch, es folgte die Zeitung. Dann kam das Radio. Die Leute hörten Musik und Nachrichten, lasen aber weiterhin Bücher und Zeitungen. Dann kam das Fernsehen. Trotzdem wurde noch gelesen und Radio gehört. Die Medien leben in Wirklichkeit friedlich nebeneinander wie Kinder. Es kommen neue Kinder dazu, keines wird verdrängt. Natürlich konkurrieren sie miteinander um Aufmerksamkeit, aber es gibt keine echten Verlierer. Kein Medium muss unser Haus verlassen.
Man kann online Kuckucksuhren kaufen, aber man kann online keine Kuckucksuhr in Echtzeit hören und sehen. Ich habe leider keine entsprechende Website gefunden. Wer kann mir helfen?
Wussten Sie, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern auch herstellt? Das nennt man Poststrukturalismus. Wahnsinn, oder? Das haben Sie nicht gewusst. Ich finde, das können Sie ruhig zugeben. Die Differenzen zum eigentlichen Strukturalismus behandeln wir in der nächsten Woche.
Die Globalisierung hat unbestritten zu mehr Wohlstand geführt, in China zum Beispiel oder in den hiesigen Vorstandsetagen. Aber welchen Wohlstandszuwachs gab es für Fritz Müller in Bottrop? Hat es ihm genutzt, wenn in Korea Party war und er ist nicht eingeladen worden? Es gab Kuchen, aber er hat kein Stück abbekommen. Die Erzählung von der Globalisierung ist ebenso an ihr Ende gekommen wie die Erzählung der Reagonomics und des Thatcherismus, wie die Erzählung von Massenvernichtungswaffen im Irak und Demokratieexport. Eine Mehrheit hat den Betrug gemerkt. Sie will ihren fairen Anteil am Wachstum. Was ist die neue Story?
Warum hören wir nichts mehr von Johnny Malta? Er schreibt jetzt die Punchlines für Neo Café Trivial.
Trump: Wir wollten die Diktatur des Proletariats und wir bekamen die Diktatur des Proleten.
Was ist denn die Gentrifizierung anderes als ein Almabtrieb? Das Vieh, die Knechte und Mägde, die zum Beispiel den Wedding bevölkern, werden von einer Weide auf die nächste getrieben. Das Vieh wechselt den Stall, auch wenn einige junge Ochsen brüllen und gelegentlich einen Bocksprung vollführen. Wurde das Stimmvieh jemals zu solchen Dingen befragt? Sie dürfen seit neuestem bestimmen, welche Farbe die Jacken der Viehtreiber haben – das ist auch schon alles. Wir sind, genau wir unsere Vorfahren, Leibeigene, die dem Grundherren in Erbuntertänigkeit verpflichtet sind. Neun Zehntel der Deutschen waren bis zur Bauernbefreiung 1848 Leibeigene und im Prinzip hat sich an den Herrschaftsverhältnissen bis heute nicht viel geändert. Der Boden, auf dem euer Bett und die Betten eurer Kinder stehen, gehört euch nicht. Packt euren Bettel und zieht weiter oder ihr bekommt den Knüppel zu spüren.
The Icicle Works - Birds Fly (Whisper To A Scream). https://www.youtube.com/watch?v=ImJpqutxOmg

Sonntag, 22. Januar 2017

Kiez-Business

Was ist Schein, was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist Übertreibung, was ist Phantasie? Welchem Zweck dient es? Der Unterhaltung, der Intrige? In der Welt der Medien bewegen wir uns durch ein Labyrinth aus Spiegeln und Schatten, Wege enden im Nichts oder in der Erkenntnis. Wir gehen über doppelte Böden und wissen nicht wirklich, wem wir vertrauen können und wem nicht.
Bonetti Semiprofessional Content & More hat diese Thematik schon vor einigen Jahren aufgegriffen, lange bevor sich die Mainstreammedien mit Fake News und Troll-Kampagnen befasst haben. Ernste Betrachtungen und Satire, Information und Phantasie werden immer wieder neu gemischt, die Leser dieses Blogs kennen es. Die beliebte Rubrik „Hätten Sie’s gewusst?“ in der Serie Blogstuff enthält zum Beispiel teilweise nützliche Informationen oder blühenden Unsinn. Es empfiehlt sich immer, die Informationsgehalt und die Intention der Texte zu hinterfragen.
Der Grund ist einfach: Ich möchte den Leser dazu bewegen, kritischer mit seinem Lesestoff umzugehen. Dazu habe ich verschiedene Figuren entwickelt. Mein großes Vorbild Andy Kaufman hat sich Tony Clifton erschaffen, um seiner fiesen Seite ein Gesicht zu geben. Ich habe Andy Bonetti aus einem Klumpen Lehm geformt, einen unsympathischen und größenwahnsinnigen Erfolgsautor, der mit Schundromanen für Bahnhofsbuchhandlungen ein Vermögen verdient hat. Wenn sie ihn hassen und nichts mehr von ihm lesen wollen, habe ich als Autor alles richtig gemacht. Daneben gibt es Lupo Laminetti, den dauerhaft vom Leben enttäuschten Altmarxisten und Gegenspieler Bonettis, Johnny Malta, der es als Schriftsteller nie schaffen wird, und Heinz Pralinski, den ewigen kleinen Verlagsangestellten.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Es geht natürlich um einen Kollegen aus dem Bloggerland, den wir unter wechselnden Namen im Internet kennen. Nennen wir ihn doch einfach Mike. Er steht bei Bonetti Media seit seinem Abitur 1996 an der Pippi-Langstrumpf-Gesamtwaldorf-Schule in Bad Nauheim (Abschlussnote: noch ausreichend) unter Vertrag. Er begann in seiner Zeit in der JVA Kassel zu bloggen, damals noch unter seinem Knastnamen „Angelsnake“. Den Namen hatte er bekommen, weil er sehr freundlich sein kann, um kurz darauf wie aus dem Nichts zuzubeißen. Außerdem häutet er sich alle paar Jahre und beginnt einen neuen Blog.
Viele Leser schreiben unserem Verlag, weil sie die Texte aus dem letzten Blog „Kiezneurotiker“ vermissen. Dazu kann ich Ihnen heute folgendes mitteilen: Falls es eine Buchveröffentlichung der besten Texte dieses Blogs – und ich äußere mich an dieser Stelle rein hypothetisch – als E-Book bei Kindle geben sollte, werden Sie es in diesem Blog erfahren. Die Leser von Kiezschreiber Plus™ erhalten zu diesem – rein potenziellen! – Sachverhalt am 26.1.2107 exklusive Informationen und haben die Möglichkeit, zum Subskriptionspreis von 9,99 € ein Exemplar zu erwerben. Alle anderen Leser bitte ich, die Pressekonferenz am 31.1.2107 abzuwarten, die live auf n-tv, CNN und BBC übertragen wird.
Bleiben Sie dem Unternehmen Bonetti auch weiterhin gewogen
Ihr Colonel Clickbait

Andy Bonetti spricht zu seinem Volk

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bloggergemeinde, liebe Bonettistas!
Wir, die Mediennutzer, sind nun in einer großen nationalen Anstrengung geeint, unsere Medienlandschaft wieder aufzubauen und die Hoffnung für unser ganzes Volk wiederherzustellen. Gemeinsam werden wir den Kurs Deutschlands und der Welt für viele, viele Jahre lang bestimmen. Es wird Herausforderungen und schwierige Situationen geben, aber wir werden es schaffen.
Die heutige Zeremonie jedoch hat eine ganz besondere Bedeutung. Denn heute übergeben wir die Medienmacht nicht nur von einem Medienimperium an das andere oder von einer Zeitung an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Springer, Bertelsmann und Burda und geben sie an euch, das Volk, zurück. Zu lange hat eine kleine Gruppe in den Mainstreammedien unseres Landes profitiert, und das Volk hat die Kosten getragen. Bild, Spiegel und Stern blühten, aber das Volk hat nichts von dem Reichtum gehabt. Das Establishment schützte sich selbst, aber nicht die Bürger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht eure Siege, ihre Triumphe waren nicht eure Triumphe.
All das ändert sich hier und jetzt. Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die uns gerade zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies ist eure Medienlandschaft. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem die Leser wieder zu den Herrschern am Zeitungskiosk, in Radio und Fernsehen und im Internet wurden. Die vergessenen Abonnenten unseres Landes werden nicht mehr vergessen sein. Alle hören jetzt auf euch. Im Zentrum dieser Bewegung steht die entscheidende Überzeugung, dass die Medien da sind, um ihre Leser unvoreingenommen zu informieren. Die Mediennutzer wollen tolle Zeitungen, Fernsehsendungen und Blogs. Doch für zu viele unserer Bürger gibt es eine andere Realität: Fake News, Propaganda, Gossip, kritiklose Hofberichterstattung und Kungelei zwischen Medienvertretern, Politikern und Wirtschaftsbossen.
Dieses Massaker an unserer Intelligenz endet hier und jetzt. Jetzt blicken wir nur in die Zukunft. Wir sind heute hier zusammengekommen, um ein neues Dekret zu erlassen, das man in jeder Stadt, in jeder ausländischen Hauptstadt und in jedem Machtzentrum hören soll. Vom heutigen Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren. Vom heutigen Tag an wird es nur noch Wahrheit zuerst heißen, Wahrheit zuerst. Ich werde mit jedem Atemzug meines Körpers für euch kämpfen, und ich werde euch nie hängenlassen. Wir werden unsere Meinungsvielfalt und die Qualität zurückbringen. Und wir werden unsere Träume zurückbringen. Wir werden neue Zeitungen und Sender gründen, wir werden neue Blogs eröffnen – ohne Catcontent und Foodporn, ohne den Informationsmüll der alten Medien, die unsere Jugend der Kritikfähigkeit und des Wissens beraubt haben. Wir streben nicht danach, jemandem unsere Themenauswahl und unseren Schreibstil aufzuzwingen, sondern sie als Beispiel leuchten zu lassen. Wir werden leuchten, damit uns alle folgen.
Die Zeit für leeres Gerede ist vorbei. Nun kommt die Stunde des Handelns. Erlaubt niemandem, euch zu sagen, dass es nicht zu schaffen ist. Keine Herausforderung kann sich mit dem Herz und dem Kampfeswillen und dem Geist Bonettis messen. Wir werden nicht scheitern. Unsere Medien werden wieder blühen und gedeihen. Wir alle genießen dieselbe Meinungsfreiheit und wir alle salutieren der gleichen, großartigen Flagge von Bonetti Media Unlimited. Alle Bonettistas in jeder Stadt, nah und fern, groß und klein, von Berg zu Berg, von Ozean zu Ozean, hört diese Worte. Ihr werdet niemals mehr ignoriert werden. Eure Stimme, eure Hoffnungen und eure Träume werden unser mediales Schicksal bestimmen. Und euer Mut und eure Tugend und Liebe wird uns für immer auf diesem Weg leiten. Gemeinsam werden wir unsere Medien wieder stark machen. Gott schütze unser Unternehmen und unsere Leser.

Tag der urbanen Schönheit

Heute ist der internationale Tag der urbanen Schönheit, an dem sich viele Blogger in aller Welt beteiligen. Wir verdanken diese wunderbare Gelegenheit, die Schönheit unserer Umgebung zu würdigen, einem sympathischen Nebenerwerbsbauern aus Berlin-Pankow.
http://ackerbaupankow.blogspot.de/2016/12/tag-der-urbanen-schonheit.html
Das Thema in diesem Jahr: Brücken. Ich habe als Motiv die Brückenhäuser in der Altstadt von Bad Kreuznach gewählt. Ein Jahr lange habe ich in der Nähe dieser Brücke gelebt. Nicht weit entfernt ist auch das Wohnhaus von Dr. Faust, dem realen Vorbild für Goethes berühmtes Werk.

Im mittleren Brückenhaus steckt noch eine Kanonenkugel aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt wechselte in diesem Krieg mehrfach den Besitzer. Spanier, Franzosen, Schweden, Kaiserlich-Deutsche und andere deutsche Truppen eroberten abwechselnd die Stadt und plünderten sie jedes Mal. „Er ist zu Kreuznach geboren“ – das war früher einmal ein Sprichwort und bedeutete, dass ein Mensch viel Elend und Not erlebt hatte.
Diesen Ohrwurm hat mir Ackerboy ins Ohr gesetzt. Dafür räche ich mich mit einem Mezcal-Wurm in Deinem Ohr! Sonic Boom Six - No Man, No Right. https://www.youtube.com/watch?v=484psuotV98

Samstag, 21. Januar 2017

Eine Hippie-WG in den Siebzigern

Kinder, Kinder, das waren noch Zeiten. Da könnt Ihr Euch alle eine Scheibe abschneiden, die Ihr heute einen ökologischen Fußabdruck wie ein Elefant hinterlasst. Es waren die siebziger Jahre und ich trug die Haare schulterlang, rauchte Selbstgedrehte und hatte einen Schnurrbart wie jeder junge Mann. Ohne den Schnurrbart wurde man gar nicht in die Disco gelassen. Meine Vorbilder waren Che Guevara und John Travolta.
Damals kannte ich ein ausgeflipptes Pärchen, das auf dem Land lebte. Heute würde man solche Leute Aussteiger nennen, aber in meiner Jugend hat man nicht nach Begriffen gesucht, sondern einfach anders gelebt als die blöden Spießer. Dieses Pärchen lebte in einem kleinen Haus auf dem Land. Sie bauten ihr Gemüse selbst an und hatten ein paar Hühner, die sie mit Eiern versorgten. Fleisch gab es höchstens einmal die Woche, sie kochten jeden Tag selbst und gingen nie in Restaurants. Sie tranken Leitungswasser, das nicht in so einem Sprudeldingsbums aufbereitet wurde.
Sie hatten kein Auto, nur Fahrräder. Sie sind nie auf Reisen gegangen, noch nicht mal auf Hochzeitsreise. In ihrem ganzen Leben waren sie nie im Ausland, sie haben nie in einem Flugzeug gesessen. Gelegentlich haben sie Freunde und Verwandte besucht oder die Leute kamen zu ihnen. Dann gab es selbstgebackenen Kuchen.
Sie haben kaum Müll produziert, weil sie keinen abgepackten Kram oder Konserven gekauft haben. Was an Altpapier anfiel, kam in den Ofen und heizte die Küche. Das war der einzige Raum, der während der Woche geheizt wurde. Sonntags auch das Wohnzimmer. Wenn du bei diesen Leuten übernachtet hast, war es im Winter in den Schlafzimmern so unglaublich kalt – das glaubt Ihr jungen Leute gar nicht. Die Federbetten waren praktisch aus Eis und man hat sich eine Viertelstunde warmgezittert, bevor man überhaupt ans Einschlafen denken konnte.
Die Frau hat Löcher in den Strümpfen gestopft, anstatt die Strümpfe wegzuwerfen und neue zu kaufen. Alle Klamotten wurden so lange geflickt, wie es nur irgendwie ging. Der Mann hatte, neben seinen Arbeitsschuhen und seinen Hausschuhen, nur ein „gutes Paar“ Schuhe. Die wurden von einem Schuhmacher im Dorf gemacht und regelmäßig gepflegt. Wenn die Absätze abgelatscht waren oder die Sohle sich gelockert hatte, ging man zum gleichen Schuhmacher und ließ sich die Schuhe wieder reparieren. So hielten die Schuhe Jahrzehnte.
Die Möbel waren nicht aus irgendeinem Wegwerfmöbelhaus, sondern von Handwerkern aus solidem Holz gemacht. Sie waren schwer und gingen auch bei einem Umzug nicht kaputt. Solche Möbel bekam man vielleicht sogar vererbt und konnte sie weitervererben. Sie waren massiv und aus Nussbaum oder Kirsche. Ein guter Tisch kann nicht kaputt gehen. Den kauft man einmal und hat ihn dann sein ganzes Leben.
Wenn ein Nachbar, ein Freund oder ein Verwandter Hilfe brauchte, ging man eben hin. Man half sich bei Umzügen, Reparaturen im Haus, beim Kinderhüten oder beim Kartoffelschälen vor großen Feiern wie Geburtstag oder Hochzeit. Solche verrückten Freaks gibt es heute gar nicht mehr. Sie haben keine Mails geschrieben oder getwittert. Sie haben überhaupt wenig geschrieben, weil sie es nicht so gut konnten. Sie haben sich lieber mit den Leuten unterhalten.
Sie haben ihr ganzes Leben gearbeitet. Ein Maurer und eine Krankenschwester. Sie bekamen am Ende gut tausend D-Mark Rente im Monat. Zusammen. Aber sie haben deswegen nicht rumgejammert. Sie hatten kein Telefon, keinen Computer und kein Smartphone. Wenn man sie erreichen wollte, musste man bei den Nachbarn anrufen. Dann wurden von Haus zu Haus die Nachrichten durch die offenen Fenster herübergerufen. Das Radio in der Küche war oft an, der Fernseher im Wohnzimmer fast nie.
Wisst Ihr inzwischen, von wem ich spreche? Wer diese durchgeknallten Freaks in der Hippie-WG in den siebziger Jahren waren? Mein Großeltern. Die haben über Ökologie und Nachhaltigkeit nicht gequatscht, sie haben es gelebt. Schade, dass sie längst gestorben sind. Von diesen Leuten hätten die Grünen, die Linken und all die anderen selbstgefälligen Schwätzer einiges lernen können. Aber sie hätten vermutlich nicht zugehört.
Sade - No Ordinary Love. https://www.youtube.com/watch?v=_WcWHZc8s2I

Freitag, 20. Januar 2017

Aus gegebenem Anlass

"Ich weiß gar nicht, warum einige Leute so negativ drauf sind. Das Dschungelcamp läuft auf RTL, Trump ist Präsident und heute geht auch endlich die Fußballbundesliga wieder los. Pessimismus ist nur ein Mangel an Dummheit." (Lupo Laminetti)
Zur Inauguration des 45. US-Präsidenten und zur Installierung seiner Oligarchenregierung hier die wichtigsten Erwerbsregeln der Ferengi:
Wenn Sie erst einmal das Geld der anderen haben ... geben Sie es nie wieder her.
Sex und Profit sind zwei Dinge, an denen man sich nie lang genug erfreuen kann.
Wenn Sie einen Vertrag nicht brechen können, interpretieren Sie ihn.
Ein Ferengi, der keinen Profit macht, ist kein Ferengi.
Stellen Sie niemals Freundschaft über Profit.
Angst ist ein guter Geschäftspartner.
Moral wird von dem definiert, der an der Macht ist.
Wenn Sie Profit durch eine Reise erwarten, unternehmen Sie sie.
Frieden ist gut für das Geschäft.
Krieg ist gut für das Geschäft.
Hohes Alter und Gier werden immer Jugend und Talent übertreffen.
Kaufen Sie nie, was gestohlen werden kann.
Macht ohne Profit ist wie ein Schiff ohne Antrieb.
Tun Sie nie etwas, was ein Anderer für Sie tun kann.
Behandeln Sie Leute, die in Ihrer Schuld stehen, wie Familienangehörige ... beuten Sie sie aus.
Alles ist käuflich, auch Freundschaft.
Eine Lüge ist gar keine, solange, bis jemand die Wahrheit kennt.
Vor dem Gesetz ist jeder gleich, Gerechtigkeit aber geht an den Meistbietenden.
Wettbewerb und Fairness schließen sich gegenseitig aus.
Töten Sie nie einen Kunden, außer Sie machen mit seinem Tod mehr Profit als mit seinem Leben.
Wissen Sie wer Ihre Feinde sind ... und machen Sie immer mit ihnen Geschäfte.
Legen Sie keinesfalls ein Geständnis ab, wenn es eine Bestechung auch tut.
Supertrump - It's Raining Again. https://www.youtube.com/watch?v=YZUE4_PtOk0&spfreload=5

Die verdrehte Welt politischer Ideen

„Ich verstehe nicht, weshalb man so viel Wesen um die Technik des Komödienschreibens macht. Man braucht doch nur die Feder in ein Whisky-Glas zu tauchen.“ (Oscar Wilde)
Nehmen wir für einen Augenblick an, ich sei kein bedeutender und erfolgreicher Medienunternehmer, sondern ein orthodoxer Marxist. Ein richtiger Hardcore-Linker, der bei jeder Gelegenheit auf Fidel Castro und die leninistische Erbmonarchie in Nordkorea anstößt. Einer, der es unter Weltrevolution nicht macht und zu Hause auf dem Sofa in Recklinghausen auf den Startschuss wartet. Dann mache ich doch nichts, was dieses neoliberale Ausbeutersystem stabilisiert und es am Leben erhält, oder? Ansonsten kann ich ja noch lange auf den Aufstand der pauperisierten Massen warten und währenddessen wird vielleicht der Kaffee kalt.
Dann muss ich mich doch über jede Gehaltserhöhung irgendwelcher Leute ärgern. Dann ist „Wohlstand“ nur Opium für das Volk, dann ist Konsum per se etwas Schlechtes. Ich ärgere mich, dass es in Indien oder China keine Hungersnöte mehr gibt, sondern die Leute jetzt Autos und Stereoanlagen haben und sich sogar über diesen ganzen Krempel freuen. Mit jedem Euro, den ich einem Bettler in den Hut werfe, unterstütze ich den Kapitalismus. Denn wenn die Leute genug zu essen haben, machen sie ja keine Revolution. Aus marxistischer Sicht muss das neoliberale Ausbeutersystem also immer schlimmer werden. Sonst nix Revolution, nix Diktatur des Proletariats, nix Kommunismus.
Daher muss ich als echter Linker, der das alles verstanden hat, das Geschäft des politischen Gegners betreiben. Ich muss daran arbeiten, den Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Ich muss ihnen ihren Krempel wieder wegnehmen und ihnen das Gesicht in den Dreck drücken. So betrachtet hat Gerhard Schröder ja als SPD-Politiker alles richtig gemacht. Sozialabbau, Hartz IV, Leistungsverdichtung und der Typus des Selbstoptimierers als Vorbild. So wurde mit einer Politik, die eigentlich aus dem Bilderbuch von McKinsey sein könnte, die Unzufriedenheit im Volk geschürt. Für den Marxisten auf dem Sofa in Recklinghausen rückt die Weltrevolution gefühlt ein paar Jahre näher. Der Marxist hat es einfach, denn laut dem Drehbuch eines toten Hippies aus Trier, der im vorletzten Jahrhundert gelebt hat, muss er nur auf den naturgesetzmäßigen Automatismus der Weltgeschichte warten, während sich die Sozialdemokratie mühsam damit plagen musste, durch die Agenda 2010 erst die Bedingungen für den Sozialismus zu schaffen.
Umgekehrt funktioniert das auch. Mit Trump ist der größte Vorzeigekapitalist seit Dagobert Duck zum Präsidenten gekürt worden. Wir erwarten vier Jahre neoliberale Politik. Aber was plant dieser Mann tatsächlich? Es ist keine rechte Politik, wie man sie vom Frontmann der Republikaner verlangt, sondern linke Politik. Mit protektionistischen Maßnahmen will er der Liberalisierung der Weltmärkte, der Globalisierung, Grenzen setzen. Er will sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in den USA schaffen und Ausbeutungsverhältnisse in der Dritten Welt reduzieren. Durch Rückverlagerung von Industriearbeitsplätzen nach Amerika werden Transportwege zwischen Produzent und Konsument verkürzt, das schont die Umwelt. Sein Ziel ist es, mit solchen klassisch sozialdemokratischen Maßnahmen den Wohlstand der unzufriedenen Bevölkerung in der Kernzone des Kapitalismus zu erhöhen.
Durch die Globalisierung sind viele gutbezahlte Industriejobs verloren gegangen, die jetzt wiederkommen sollen. Wir sprechen hier nicht von den prekären McJobs im Niedriglohnsektor, die Schröder den Deutschen brachte, sondern über gute Jobs z.B. in der Automobilproduktion. Wissen Sie, was ein Fließbandarbeiter inklusive Schichtzulage bei Opel in Rüsselsheim verdient? Netto 3500 Euro, das entspricht dem Einstiegsgehalt eines FH-Profs. Schichtarbeit bedeutet auch: feste Arbeitszeiten, keine unbezahlten Überstunden. Außerdem gibt es am Band keine unbezahlten Praktika. Das weiß der Marxist natürlich alles nicht, weil er keinen Arbeiter persönlich kennt. Auf diese Weise wendet man als Konservativer mit linker Politik den Aufstand ab. Schließlich ist die solide Industriebasis ja das Erfolgsrezept des Exportweltmeisters Deutschland, das haben die Amis inzwischen auch kapiert.
Mit Trump kommt auch das Primat der Politik zurück – ganz modern per Twitter. Er setzt Unternehmer unter Druck. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen. Er droht mit Strafzöllen, er lockt mit Steuererleichterungen. Ganz unverblümt tut der Präsident Trump das, was sich der Unternehmer Trump verbeten würde: Er mischt sich massiv in die Wirtschaft ein. Nicht über Gesetze oder die Medien – er spricht die Bosse direkt auf Investitionen an und versucht, Einfluss auf ihre Entscheidungen auszuüben. Der Mann propagiert Protektionismus und das bedeutet übersetzt: weniger Wettbewerb. Und keiner schreit empört: „Das ist Kommunismus!“ So verdreht ist die Welt der Politik in diesem Jahrhundert.
The Untouchables - Wild Child. https://www.youtube.com/watch?v=KTXY1xDy95s

Donnerstag, 19. Januar 2017

Die Morphiumpraline

Ich nenne sie Strickliesl, obwohl sie sicher einen anderen Namen hat. Sie trägt immer eine lange Strichjacke, hellbraun oder grau. Eine dieser Farben, mit denen man sich vermutlich perfekt im Wald oder einem Moorgebiet tarnen kann. Ihr Haar hat die Farbe von Wüstensand und ist von grauen Strähnen durchzogen. Ich glaube, sie ist jünger als ich, aber sie wirkt, als wäre sie jetzt in einer Phase ihres Lebens, in der man dreißig Jahre lang sein Aussehen nicht verändert.
Hagebuttentee. Darauf kann man sich verlassen. Sie hat eigentlich immer Hagebuttentee in ihrem Einkaufswagen, wenn ich sie bei Edeka sehe. Wollte man diesem harmlosen und stillen Menschen eine Falle stellen, müsste man sich eigentlich nur neben dem Hagebuttentee in der Abteilung Heißgetränke auf die Lauer legen. Oder man legt eine Spur Teebeutel vom Parkplatz in eine dunkle Gasse. Leider fehlt mir der Mut für solche Experimente, aber nicht die Phantasie.
Von was lebt so eine verhuschte Existenz? Gibt sie Klarinettenunterricht an der örtlichen Musikhochschule? Kindergärtnerin? Ihr Gesicht verrät nichts. Es ist immer ausdruckslos. Sie beschwert sich auch nicht, wenn sie in ihrer Kassenschlange zu Äonen der Bewegungs- und Hoffnungslosigkeit verdammt wird. Nur manchmal bewegen sich ihre schmalen Lippen, wenn sie das Kleingedruckte auf einer Verpackung zu entziffern versucht.
Heute hat mich die Strickliesl richtig geflasht. Das gibt’s nicht! Wäre ich bei Twitter oder hätte ich überhaupt ein Smartphone, hätte ich es der Welt sofort mitgeteilt. Es gibt so einen Grabbeltisch mit Sonderangeboten, der gleichzeitig unseren Sammeltrieb und unsere Sparwut ansprechen soll. Sie werden lachen: es funktioniert. Ich besitze seit einer Stunde kunstfellgefütterte Fäustlinge, die jetzt neben meinen Handschuhen an der Garderobe liegen und die ich vermutlich nie anziehen werde. Aber wissen Sie, was die Strickliesl gekauft hat? Da kommen Sie nie drauf.
Eine ABBA-CD. Greatest Hits. Sie legt sie mit der Selbstverständlichkeit eines antiken Stoikers auf das Laufband. Neben all das Gemüse und das Obst, das ich namentlich nicht identifizieren könnte. Natürlich kauft sie keine Kartoffelchips und Bierschinken, wie ich und jeder normale Mensch es tut. Nein, sie hat eine ABBA-CD ausgewählt. Und ich komme ins Träumen. Die Strickliesl. Nachher geht sie nach Hause - sie lebt allein, da bin ich ganz sicher, allerallerhöchstens eine Katze -, verstaut ihre Einkäufe in ihrem monströsen Gemüsefach und legt die ABBA-CD auf.
Können Sie es sehen? Jetzt tanzt die Strickliesl. Ganz allein. Vielleicht summt sie in einem Augenblick höchster Ekstase auch die Melodie mit. Sie tanzt in ihrem Wohnzimmer, auf dem Fensterbrett steht stumm eine Reihe Kakteen, auf dem Sofa sitzt eine alte Puppe mit einem selbstgehäkelten Kleid. Tränen der Rührung schießen mir augenblicklich in die Augen. Ich möchte die Frau in den Arm nehmen und lange an mich drücken. Dieser gute Mensch. Früher habe ich über die Strickliesl nur gelacht, aber heute ist sie für mich zu einem liebenswerten Wesen geworden. Ich habe über ABBA gelacht. Jetzt habe ich es verstanden.
ABBA – Dancing Queen. https://www.youtube.com/watch?v=yhqV49us4J8

Mittwoch, 18. Januar 2017

Vor vierzig Jahren: Mescalero

Kinder, Kinder, die Zeit rast und Grandpa Bonetti muss mal wieder eine Schote aus seiner Jugend erzählen. Jetzt nicht abschalten, young folks, nur weil im Dschungelcamp wieder Silikonbrüste und Botoxvisagen präsentiert werden.
1977 wurde ein Text legendär, den man heute als das Produkt eines anonymen Bloggers bezeichnen würde. Damals hatten gerade Terroristen – doch, doch, die gab es auch schon zu „meiner Zeit“ – den Generalbundesanwalt umgebracht, was natürlich auch in den siebziger Jahren bereits unter Strafe stand.
Der Autor bezeichnete sich als „Stadtindianer“ vom Stamme der Mescalero und empfand beim Tod von Siegfried Buback „klammheimliche Freude“. Seine Begründung: „Ich habe diesen Typ oft hetzen hören. Ich weiß, dass er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende Rolle spielte.“
Zwar beinhaltete sein Pamphlet, das die Presse nicht abdrucken durfte, auch eine klare Absage an Gewalt - „Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden“ -, aber da war es schon zu spät. 1977 war heißer als 2017, das kann Euch Grandpa Bonetti versichern.
Zwei Jahre später, als sich der anonyme Autor nochmal über seine persönlichen Verhältnisse in „Konkret“ äußerte, sanken die Sympathien für diesen Mann ganz erheblich. Er war, wie er selbst schrieb, „während jener Zeit braver Insasse einer Schlafsiedlung, der niemandem unangenehm auffiel, war biederer Hundeliebhaber und Waldgänger, verzweifelter Schuldner vieler Gläubiger, Sammler und Händler von Trödel und Nippes, Skatspieler, Fernseher, durch und durch mitten drin und nicht alternativ, eingesessen und gut genährt und Mitglied eines politischen Männerstammtisches, der seine windigen Zelte an einer starken Neigung zur Trunksucht aufgeschlagen hatte.“
Weitere zwanzig Jahre später hat er sich sogar geoutet und sich schriftlich beim Sohn von Buback entschuldigt. Es war ein Deutschlehrer. So revolutionär war meine Jugend. Alles klar, Ihr Smartphone-Luschen! Wir haben für die Revolution gekämpft – Ihr wollt nur neue Saftschorlen mit coolen Namen!

Versteckte Botschaft

Noch 88 Tage bis Ostern

The milky waters of confession

„Ein rotes Herz aus Plastik, eingehüllt in durchsichtiges Zellophan. Es ist ein ‚Geschenk‘ an eine Frau und sie ist glücklich, als sie es bekommt. Diese Erbärmlichkeit nennen wir Kultur.“ (Lupo Laminetti)


Blogstuff 108
Die Welt der Politik ist extrem undurchsichtig. Du steckst deine Hand hinein und siehst deine Fingerspitzen nicht mehr. Du steckst deinen Arm bis zum Ellbogen hinein und bekommst Angst um deine Hand.
Erster Tag meiner Mikrorevolte: Ich trinke meinen Coffee-to-go im Sitzen.
Hätten Sie’s gewusst? Berlin hatte früher das Autokennzeichen 1A, eigentlich IA (also römisch 1 und dann A), Rheinhessen hatte VR (also römisch 5 und dann R für Rheinhessen). Die Staatslimousine des Bundespräsidenten hat das Autokennzeichen 0 – 1 (= Chef der Nullen), die Bundeswehr hat Y – falls Sie mal vom MAD verfolgt werden sollten. Ach, Autokennzeichen … mit dem Thema habe ich früher jede Frauen rumgekriegt.
Der Selbsthass der Linken, der Hass auf das eigene Land, ist eine paradoxe Form von Nationalismus. Dahinter verbirgt sich die typisch deutsche Überheblichkeit. Unsere Vergangenheit ist die allerschlimmste, unsere Verbrechen sind die allergrößten, kein Völkermord war so schlimm wie unser Holocaust. Wir sind immer die Nr. 1, oder? Wir können gar nicht anders.
Ab 2026 findet die Fußball-WM mit 128 Mannschaften statt. Es beginnt mit einem 64stel-Finale und geht im K.o.-Modus weiter. So braucht der Weltmeister wie bisher sieben Spiele bis zum Titel.
Was wurde eigentlich aus Heinz Pralinski? Er hatte gerade für ein Honorar von 5000 Euro einen Cameo-Auftritt in der Benny Hill Show.
Und was macht Andy Bonetti? Er steht für „Dumbo 2 – Zu schwer zum Fliegen“ vor der Kamera. Er bekommt für die Rolle eine Jahreslieferung Kartoffelchips und eine Fritteuse.
Eines Tages wird mir ein Arzt sagen, ich hätte noch sechs Monate zu leben. Meiner Mutter ging es ebenso. In diesem halben Jahr werde ich keine Zeile mehr schreiben, aber ich bin mir sicher, dass mir in dieser Zeit die besten Ideen meines Lebens kommen werden.
Bei Christen heißt es erweiterter Selbstmord, wenn sie andere Menschen mit in den Tod reißen. Gegen die 150 Toten bei der Germanwings-Aktion 2015 sind die islamistischen Aktionen in Deutschland halt immer noch Peanuts - oder besser: Pistazien.
„Flunkey“ ist ein alter englischer Begriff für Hofschranze. Wir werden ihn in der Berichterstattung über Trump sicher lesen können.
SPD-Wahlkampfslogan: „Maas macht mobil – bei Terror, Hass und Spiel.“
Fakten: “In President Obama’s last year in office, the United States dropped 26,172 bombs in seven countries.” Quelle: http://blogs.cfr.org/zenko/2017/01/05/bombs-dropped-in-2016/
Unsere Zivilisation ist auch ästhetisch ein Problem. Schauen Sie sich eine Berghütte in der Schweiz oder eine Ritterburg an. Sie passen in die Landschaft, sie wirken klein inmitten der Natur. Die heutigen Kraftwerke und Wolkenkratzer, überhaupt alles, was wir bauen (mit wenigen Ausnahmen), ist von atemberaubender Hässlichkeit.
Bitte singen Sie den folgenden Text zur Melodie von „I’m a lumberjack“ von Monty Python:
Ich bin Ausbeuter und mir geht’s gut
Am Tag packt mich die Börsenwut
Ich beute aus, ich sacke ein, ich häng herum im Club
Ich zahle keine Steuern, genau wie mein Papa
P.S.: Hat Merkel eigentlich den FDJ-Orden für hervorragende propagandistische Leistungen erhalten?

Tangerine Dream - Logos (Velvet Part). https://www.youtube.com/watch?v=9uydjwEWsto

Dienstag, 17. Januar 2017

Meine Meinung zum Weltwirtschaftsgipfel

Wenn man es konsequent zu Ende denkt, kommen eigentlich nur noch brutale Gewalt und gigantische Naturkatastrophen in Frage. Wäre ich nicht schon genetisch durch Prokrastination belastet und technisch so unglaublich unbegabt, würde ich längst mit der Pumpgun durch Davos laufen. Stellen Sie sich vor, Sie lesen morgen in der Zeitung: die tausend reichsten und mächtigsten Menschen der Welt wurden erschossen. Es würde die Geschichte schon verändern, oder?
Eine Schnitzerei aus Ostafrika, von mir dramatisch in Szene gesetzt. Das Bild ginge im New Yorker fast als Kunst durch.

Top Ten der Fake News des Jahres

Nach Papst-Besuch: Schäuble kann wieder laufen
Darmstadt 98 kauft Lionel Messi
Erika Steinbach wird noch vor der Wahl die erste Bundestagsabgeordnete der AfD
Araber zum israelischen Präsidenten gewählt
Sensation: Horst Seehofer gibt Fehler zu
Ex-DDR-Architekt baut Mauer zwischen USA und Mexiko
Bangladesh baut Billigcomputer für den chinesischen Markt
Frittierfett erfunden, das schlank macht
Donald Trump ist der uneheliche Vater von Frauke Petry
Das Frankfurter Bahnhofsklo wurde zum Unort des Jahres gekürt
Wladimir Putin annektiert Borkum – und keiner merkt’s
P.S.: Das waren elf Meldungen. Eine von ihnen ist kein Fake. Welche ist es?
Maceo and The Macks - Cross The Track (We Better Go Back). https://www.youtube.com/watch?v=yPYM7uX_-h8

Jetzt! Neu! Nur für kurze Zeit: „Wattenscheid nach der Revolte“. Von einem Autor, der sich nachts für Andy Bonetti hält. Mit Hintergrundinformationen zu allen wichtigen Themen dieser Welt. Als E-Book für nur 4,80 €.

Entwertung der Arbeit

„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen.“ (Sophie Scholl: Flugblatt I)
Die alt gewordenen Freunde der marxistischen Arbeitswerttheorie haben das moderne Spiel der Finanzmärkte nie begriffen. Nicht nur die menschliche Arbeit schafft einen Wert, auch in der Petrischale der Spekulation entstehen Werte. Wer beispielsweise mit einem Optionsschein auf die Wertentwicklung einer Aktie spekuliert, muss noch nicht einmal einen Anteilsschein eines Unternehmens und damit einen Anteil an der Wertschöpfung durch menschliche Arbeit erwerben. Auf diese Weise entstehen jedes Jahr neue Billionen an Dollar, Euro oder Yen. Und dieses virtuell erzeugte Geld kann ich jederzeit in Grundstücke, Autos oder Goldbarren umtauschen.
Geld, das mit menschlicher Arbeit nichts zu tun hat, wird real – und alle Leute, die tatsächlich den Buckel für Geld krumm machen, schauen natürlich blöd aus der Wäsche. Es sind inzwischen Derivate, also Wettscheine auf die Entwicklung von Aktien, Zinsen, Rohstoffpreisen usw., auf dem Markt, die dem Zehnfachen der tatsächlichen weltweiten Wirtschaftsleistung entsprechen. Mit Arbeit erwirbt man in dieser Welt nur noch das Brot zum täglichen Überleben, die Spekulanten kaufen derweil mit ihren Casinogewinnen, was immer sie haben wollen.
Während eine unlustige Schar von Marxisten noch immer auf das im 19. Jahrhundert prophezeite Endes des Kapitalismus wartet – Fall der Profitrate und tralala -, schafft sich die Zockeria fröhlich eine neue Welt. Die Produktion von Waren und ihr Konsum – das läuft nebenher. So wie man vielleicht einen Teil seines Villengrundstücks einem Kräutergarten gewidmet hat. Das richtige Geld wird im Casino produziert. Nicht nur durch Derivate, auch durch Kredite – gerne an die lieben, aber etwas ärmlich lebenden Erfüllungsgehilfen von der Politik, die munter neue Staatsschulden produzieren.
Geld wird aus Geld geschöpft, liebe Freunde der Weltrevolution, und nur noch zu einem geringen Prozentsatz aus Arbeit. Und diese Arbeit überlassen wir, gemeinsam mit dem Müll und den Abgasen, den Chinesen und ihren Nachfolgern in der industriellen Nahrungskette. Euer revolutionäres Subjekt sitzt gerade in Shanghai und freut sich über den riesigen neuen Flachbildschirm. Nächstes Jahr geht es mit einer Reisegruppe zum Schloss Neuschwanstein und nach London. Mit dieser Mastkur hat man in den fünfziger und sechziger Jahren auch das europäische Proletariat domestiziert.
Das Theater, in dem die Inszenierung des sozialistischen Siegeszugs aufgeführt wurde, ist längst leer. Die Darsteller haben die Bühne verlassen und auch das Publikum ist gegangen. Der Mensch kann dem Siegeszug des Kapitalismus nichts mehr entgegensetzen, nur noch die Natur. Erst ihr Kollaps wird die Wende bringen. Ich werde es zum Glück nicht mehr erleben.
Murray Head – Say It Ain’t So. https://www.youtube.com/watch?v=-enIN21BWWI

Montag, 16. Januar 2017

Sein erster Tag als Präsident

„Europa steht kurz vor dem Scheitern, der Terrorismus ist weltweit auf dem Vormarsch. Schuld ist aus meiner Sicht der Kapitalismus. Das Profitdenken ist die oberste Maxime, die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Wir haben vielerorts keine wirkliche Demokratie mehr, denn die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Der Mensch ist nur noch ein Werkzeug in der Hand der Eliten.“ (Shlomo Graber)
Was bisher geschah: Am Freitag, den 20. Januar, wurde Tronald Dump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt. Am Abend gibt es im Weißen Haus eine Riesenparty mit all seinen Freunden: Milliardäre, Wrestler, Schönheitsköniginnen. Danach geht er ins wohlverdiente Wochenende. Am 23. Januar 2017 ist sein erster Arbeitstag.

***
Es ist zehn Uhr morgens. Dump steht vor dem Weißen Haus und hat alle Angestellten des Hauses auf dem Rasen antreten lassen. Er will es sich nicht nehmen lassen, die Männer und Frauen, die Obama gedient haben, persönlich zu entlassen. Er sagt zu jedem einzelnen von ihnen den berühmten Satz aus seiner Fernsehshow: „You are fired.“
Fox überträgt landesweit. CNN wurde bereits in den frühen Morgenstunden von einer Einheit der Navy Seals besetzt, der Sender ist vom Netz gegangen. In Kentucky und anderen Südstaaten laufen begeisterte Rednecks und Hillbillies auf die Straße und schießen mit ihren automatischen Waffen in die Luft. Sie rufen „Jesus ist groß und Dump ist sein Prophet“.
Um elf Uhr sitzt Dump im Oval Office und erklärt China den Handelskrieg. Auf alle chinesischen Importe gibt es eine dreißigprozentige Steuer, die sogenannte Walltax. Das hat nichts mit der chinesischen Mauer zu tun, sondern mit der Mauer, die Dump an der amerikanisch-mexikanischen Grenze bauen möchte und die durch diese Steuer finanziert werden soll.
China erklärt daraufhin, dass keine iPhones mehr produziert und nach Amerika geliefert werden sollen. Apple-Aktien brechen dramatisch ein, der Kurs der Samsung-Aktie explodiert. Experten warnen, dass die Unterversorgung mit Smartphones zu Unruhen in der jüngeren Bevölkerungsgruppe der USA führen könnte.
Um zwölf Uhr verkündet Dump, der bekanntlich nicht nur mit Immobilien, sondern auch mit Wrestling und Misswahlen sein Geld macht, dass es unter den weiblichen Abgeordneten des Kongresses zu einer Wahl der Miss Liberty kommen wird. Dann sieht er ein bisschen Fernsehen und isst einen Hot Dog.
Kurze Zeit später geben die Russen bekannt, sie hätten ein Sexvideo, dass Dump in einer Nazi-Uniform mit sechs Nutten in einem Moskauer Hotelzimmer zeigt. Die Demokratische Partei fordert ein Impeachment-Verfahren, da der US-Präsident erpressbar sei. Dump tritt vor die Kameras. Mit dunkelrotem Kopf brüllt er in die Mikrophone, man hört hauptsächlich den Begriff „Fake News“.
Um ein Uhr mittags twittert er: „Amerika erklärt China den Krieg. Nachmittag Golfplatz.“ Ohne es zu wissen, liefert er damit eine Parodie auf den berühmten Satz von Franz Kafka.
Dann arbeitet er an seinem Handicap und unterzeichnet später bei einem opulenten Abendessen im Weißen Haus noch einen Vertrag mit einem Immobilienkonsortium in Dubai.
Brand X – Nuclear Burn. https://www.youtube.com/watch?v=jodxpGvLwzc

Sonntag, 15. Januar 2017

Wie Bonetti zu seiner Biographie kam

„Würden wir wissen, würden wir nicht schreiben (…), alles, was geschrieben wurde, wurde aus Unwissenheit geschrieben, aus der Qual des Unwissens, alle Bibliotheken der Welt sind die Summe des Unwissens der Menschheit, und je besser ein Buch ist, umso mehr ist es aus der Qual des Nichtwissens geschrieben worden, denn nur (…) die Idioten meinen, sie wüssten. Je heller ein Geist brennt, umso mehr verdunkelt sich um ihn die Welt.“ (Karlheinz Deschner: Die Nacht steht um mein Haus)
Kennen Sie Reinhard Aschenbrenner? Große Persönlichkeit, legendärer Verleger. Hat sein Handwerk beim alten Aschenbrenner gelernt und dem konnte man bekanntlich nichts vormachen.
Zu Beginn der folgenden Szene betritt der junge Bonetti, ein völlig unbekannter Lokalredakteur Anfang zwanzig, das gigantische, fußballfeldgroße Büro von Herrn Aschenbrenner. Ein Ventilator surrt, möglicherweise auch eine lästige Mücke am Fenster. Aschenbrenner scheint ihn gar nicht zu hören. Er ist über ein Manuskript vertieft, murmelt Flüche, streicht wild mit einem Rotstift auf einer Seite herum und schreibt Anmerkungen.
***
Vorsichtig, langsam einen Fuß vor den anderen setzend, näherte sich Bonetti dem mächtigen Mahagonibollwerk des Verlegers.
Aschenbrenner nahm ihn gar nicht war, eine Zigarre glomm in seinem Mundwinkel. Schließlich stand Bonetti vor ihm und wartete geduldig.
Nichts passierte.
Bonetti setzte sich auf den winzigen und harten Holzstuhl vor dem Schreibtisch des Verlegers.
„Habe ich Ihnen erlaubt, sich zu setzen?“ donnerte die Stimme Aschenbrenners durch den Flugzeughangar von Büro.
Bonetti sprang – wie von der berühmten Tarantel gestochen, die wir aus zahlreichen Redewendungen der Gebrauchsliteratur kennen – vom Stuhl hoch. „Äh … nein … ich fürchte, Sie haben …“.
„Ruhe!“ brüllte der Verleger und las ungerührt weiter.
Nach einer Viertelstunde, die Bonetti wesentlich länger vorkam, legte Aschenbrenner das Manuskript zur Seite und sah den jungen Mann vor ihm verständnislos an.
„Wer hat Sie überhaupt hereingelassen und warum?“
„Ja, das war so … äh … ich habe gedacht …“
„Sie haben gedacht. Da haben wir ja schon mal die Fehlerquelle“, sagte Aschenbrenner und lachte dröhnend. „Sie sind Bonetti und haben bei mir eine Kurzgeschichte eingereicht.“
Bonetti lächelte schüchtern. „Das ist richtig. Haben Sie denn schon einmal reingeschaut?“
Der Verleger schob das Manuskript über den Tisch und nickte. „Ich habe schon beschissenere Sachen gelesen, wesentlich beschissenere. Sie liefern mir innerhalb von drei Monaten ein Romanmanuskript auf der Basis dieser Geschichte ab. Geben Sie den Figuren einen Hintergrund, geben Sie ihnen Tiefe, bauen Sie ein paar Nebenhandlungen ein. Wir haben uns verstanden?!“
„Sehr wohl, Herr Aschenbrenner.“ Bonetti nahm das Manuskript und wollte den weiten Weg zum Ausgang auf sich nehmen.
„Da wäre noch was“, brummte der Bass des Verlegers durch den Raum. „Um ein Buch verkaufen zu können, brauchen wir eine Biographie.“
„Na ja“, bekannte Bonetti, „ich bin noch sehr jung. Ich war auf der Schule und habe mir gerade meine erste eigene Wohnung genommen.“
„Das kriegen wir schon hin. Wo sind Sie geboren?“
„In Bad Nauheim. Das ist in Nordhessen.“
„Sie sind also auf einem Biobauernhof aufgewachsen und haben früh Ihre Liebe zur Natur erkannt“, konstatierte Aschenbrenner ungerührt.
„Eigentlich war mein Vater Finanzbeamter und meine Mutter Musiklehrerin.“
„Großartig. Also haben Sie eine musische Begabung, die schon in Ihrer Familie liegt.“
„Ich weiß nicht, Herr Aschenbrenner.“
Der Verleger machte sich bereits Notizen. „Haben Sie Bad Nauheim denn schon einmal verlassen?“
„Ich habe mit meinen Eltern früher immer Urlaub auf Mallorca gemacht. Und die Klassenfahrt mit der Oberstufe ging nach Lübeck.“
„Ausgezeichnet, Bonetti. Es gibt also einen starken Einfluss der iberischen Literatur und von Thomas Mann. Was haben wir noch?“
„Wenn Sie so fragen, Herr Aschenbrenner. Ich gehe gerne mit meinen Freunden ins Lokal ‚Waldfrieden‘ am Minigolfplatz.“
„Also haben Sie auch Autoren wie Charles Bukowski und Malcolm Lowry maßgeblich beeinflusst. Sie treiben außerdem regelmäßig Sport. Das reicht mir, den Rest erfinde ich dazu.“
Und so endete Bonettis erstes Gespräch mit seinem Verleger und haargenau so ist auch seine Biographie entstanden – oder der Blitz möge mich treffen.
The Allman Brothers Band – Pegasus. https://www.youtube.com/watch?v=gOKzSGa-u3Y
P.S.: Stellen Sie sich zu dieser Szene eine Fotografie von Andy Bonetti vor, auf der er nachdenklich und geheimnisvoll aus dem Fenster blickt. Für die Inspiration zu diesem Text bedanke ich mich bei Carlos Ruiz Zafón, Heinz Ohff und meinem treuen Leser Harri.

Samstag, 14. Januar 2017

Die Diktatur des Kapitals

„Angela trank ihren Cocktail aus und spürte den Nebel in sich hochsteigen.“ (Evelyn Waugh: Mit Glanz und Gloria)

Blogstuff 107
2017: Erreicht mit Sigmar Gabriel jetzt der Fachkräftemangel auch den Bundestagswahlkampf?
Mit Gott ist es wie mit Broccoli: manche Menschen lieben Broccoli, manche Menschen hassen Broccoli, manchen Menschen ist Broccoli einfach egal.
Welchen Medien kann man noch trauen? Welche Quelle ist zuverlässig? Was stimmt, was stimmt nicht, was ist nur gefühlte Wahrheit in den ungefähren Sphären des Postfaktischen? Die Russen haben erst zwei Wochen nach uns Weihnachten gefeiert. Wer hat Recht?
In Deutschland herrscht wieder Ordnung. Schlechter Ausländer: Nafri. Guter Ausländer: Gemüsetürke umme Ecke.
Die Zehnerjahre neigen sich dem Ende entgegen, bald beginnen die zwanziger Jahre. Werden es „goldene Zwanziger“ wie im vergangenen Jahrhundert (Inflation, Börsencrash, Hitlers Aufstieg)? Silberne Jahre würden mir schon genügen.
Genossen! Ziel unseres Kampfs muss es sein, die EU durch die UdSSE (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken Europas) zu ersetzen. „Wer sagt, die Lage sei hoffnungslos, lügt. Pessimisten und Skeptiker sind aus den Reihen des Proletariats wie die Pest zu verjagen. Die inneren Kräfte des deutschen Proletariats sind unerschöpflich. Sie werden sich Bahn brechen.“ (Leo Trotzki)
Was wurde eigentlich aus Heinz Pralinski? Er ist jetzt zum Assistant Deputy Manager Internal Navigation (Admin) bei Bonetti Media befördert worden.
Hat Jesus Miete gezahlt? Hatten er oder seine Jünger eine Eigentumswohnung? Früher hat man sich diese Fragen nicht gestellt, die heute den kapitalistischen Alltag dominieren.
Ich sitze in meiner Ecke, die Menge tobt wie entfesselt, der Trainer fächelt mir mit einem Handtuch Luft zu und schreit mir etwas ins Ohr, das ich nicht verstehe, während ich Blut in einen Eimer spucke. Da kommt der Gong. Erst jetzt beginnt der Kampf.
Gibt es heute noch einfache Arbeiter, die Marx oder Lenin zitieren können? Es gibt nur noch Salon-Bolschewisten, da der Sozialismus ausschließlich im snobistischen Bildungsbürgertum existiert. In meiner Jugend gab es ja wenigstens noch die Saloon-Bolschewisten, die man Samstagabend in der Kneipe am Tresen treffen konnte.
Überall sieht man junge Menschen mit winzigen Geräten, einer Art gizmologischen Gadgets, die sich mit drahtloser Telegraphie beschäftigen. Wohin das einmal führen wird?
Was die neue Bewegung „No Wasabi, No Pain“ eigentlich will, ist mir noch nicht so klar.
In moralischer Hinsicht neigen die Deutschen traditionell zu Übertreibungen. Sei es im Guten (ein Monat Sommermärchen 2006, drei Monate Willkommenskultur 2015) oder im Schlechten (NS-Zeit, Wilhelminismus).
Warum kann man Äpfel und Birnen eigentlich nicht vergleichen? Der Vorgang des Vergleichs setzt ja noch nicht voraus, dass ich zwei Dinge als gleich ansehe. Ich sage: Ja, denn beides ist Kernobst, und ich sage nein, denn beide schmecken unterschiedlich, sehen unterschiedlich aus und wachsen auf verschiedenen Bäumen. Nächste Woche: Zebras und Pferde – kann man sie vergleichen?
Die Ausrottung dieses Tiers, dessen Gene ich möglicherweise in mir trage, ist eine der großen Tragödien der Naturgeschichte. Ich spreche natürlich vom Riesenfaultier. Die Indianer, oft fälschlich als edle Wilde apostrophiert, haben diese wunderbare und friedliche Gattung grausam dahingemeuchelt. Vor zehntausend Jahren waren sie vom amerikanischen Kontinent verschwunden. Die letzten Exemplare des einst so stolzen Megatherium wurden um 1550 auf den karibischen Inseln Kuba und Hispaniola getötet. Im Mythos vom Mapinguari lebt dieses Tier bis heute fort, möglicherweise gibt es tatsächlich auch noch lebende Exemplare im Amazonasdschungel.
XTC - Living Through Another Cuba. https://www.youtube.com/watch?v=AZFCyMPvLd8

Freitag, 13. Januar 2017

The Return of the Schraubenzieher-Man

„Schreiben und Schrauben – das ist Bonetti.“
Was bisher geschah: Die Zahl der Verbrecher, die morgens zusammengeschraubt vor den Polizeirevieren von Bad Nauheim gefunden werden, häuft sich. Die Großstadtlegende eines schraubenden Rächers, der die Stadt von Kriminellen befreit, scheint sich zu bewahrheiten. Der Unterweltboss Lupo Laminetti ist beunruhigt. Er schickt seine rechte Hand Hank Dombrowski, um Schraubenzieher-Man zu finden. Es kommt in einer verlassenen Fabrik zu einem Zweikampf zwischen Dombrowski und Bonetti alias Schraubenzieher-Man. Dombrowski fällt in einen Tank mit Chemikalien, die sein Gesicht verätzen. Andere Körperteile vermutlich auch. Die anschließende Schönheitsoperation kann nur unter primitiven Umständen durchgeführt werden. Dombrowski sieht aus wie eine Witzblattfigur und wird von allen nur „Joker“ genannt. Er lässt sich noch einmal operieren, dabei wird auch noch sein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Von nun an ist er El Querulante. El Querulante, der ewige Nörgler, Besserwisser und Spalter. Der Mann, der grundsätzlich jeden Falschparker aufschreibt.
***
Wenn er seinem Job als Lokalreporter nachging, fühlte er sich als größter Loser auf diesem kaputten Scheißplaneten. Aber wenn er sein Cape überwarf, war alles anders. Dann war er Schrauberzieher-Man™.
Aber heute war er in einer anderen Tarnung unterwegs. Er wollte einen Informanten im angesagtesten Club der Stadt treffen. „Zum goldenen Hirschen“ wurde das Lokal offiziell genannt, aber alle sagten nur „Club“.
Bonetti überquerte in einem dunklen Mantel und mit Sonnenbrille die Straße und kam direkt auf den Türsteher zu.
„Lassen Sie mich durch, ich bin vom B.O.S.S.“
„Was ist das?“
„Bonetti Observation & Security Service.”
“Haben Sie was mit Terrorabwehr zu tun?“
„Wir haben mit allem etwas zu tun.“
An der Bar bestellte er sich – Achtung, Anspielung – einen Screwdriver. Hierzulande auch als Woddy-O oder Wodka Orange bezeichnet.
Zehn Minuten später kam ein kleiner Junge oder ein Zwerg – so genau konnte man das im schummrigen Licht des Clubs nicht erkennen – und überreichte Bonetti einen Umschlag.
Im Umschlag waren Informationen über das Anschlagsziel von El Querulante. Er wollte am Flugzeug des Bad Nauheimer Bürgermeisters ein paar Schrauben lockern, um die Maschine abstürzen zu lassen.
Bonetti lächelte grimmig, zahlte und machte sich auf den Weg.
***
Die folgende Szene kann man gar nicht beschreiben. Stellen Sie sich vor, es wäre ein Film. Rasante Kamerafahrt durch die Häuserschluchten von Bad Nauheim. Die Musik des Orchesters wechselt von Presto zu Prestissimo. Laut ist es sowieso, Dolby 4.0. Sie vergessen, das Popcorn in ihrem Mund weiter zu kauen, verschlucken sich heftig und schon beginnt ein dramatischer Zweikampf von Gut (Bonetti alias Schraubenzieher-Man) und Böse (El Querulante). Herrgott, ist das spannend!
***
Eins kann ich Ihnen sagen. Ohne Schraubenzieher-Man wären wir aufgeschmissen. Völlig aufgeschmissen. Die Szene mit Kreuzschlitz-Boy fand ich am besten.
The Specials – Gangsters. https://www.youtube.com/watch?v=lgCZN1rU5co

Das Buchmobil ist wieder in Schweppenhausen. Was lesen die Menschen in diesen bewegten Zeiten? „Wattenscheid nach der Revolte“. Das neue Buch des Kiezschreibers. Der Hammer! Mehr sage ich nicht. Mit sensationellen Neuigkeiten über #Kiezgate.

Nachrichten über mein Ableben oder das Ende dieses Blogs sind stark übertrieben

Die Medienmetropole Schweppenhausen, das Hollywood des Hunsrücks, war 48 Stunden vom Internet getrennt. Ich darf Sie beruhigen: die Heimat von Eike, dem kleinen Eierbecher, Andy Bonetti und dem Schrauberzieher-Man ist quietschlebendig und sprüht vor Energie und neuen Ideen.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Brunnengebet

Am Zugang zum Platanenhain der Darmstädter Mathildenhöhe stehen zwei Pfeiler. Auf einem der Pfeiler ist ein steinerner Leopard, die Inschrift lautet:

Du süßer Brunnen
Für den Durstenden
In der Wüste
Er ist verschlossen für den
Der redet
Er ist offen für den
Der schweigt
Kommt der Schweigende
So findet er den Brunnen

Das Brunnengebet stammt aus der Zeit des Pharao Merenptah (13. Jhd. v.Chr.)

Auch das noch! Dicke Kinder wollen AfD wählen!!!

„Das ist das Problem am Trinken, dachte ich mir, während ich mir einen Drink einschüttete. Wenn etwas Schlechtes passiert, trinkt man um zu vergessen; wenn etwas Gutes passiert, trinkt man um zu feiern; und wenn gar nichts passiert, trinkt man, damit etwas passiert.“ (Charles Bukowski)

Blogstuff 106
Kluge Menschen recherchieren, die anderen stellen Fragen.
Sie kennen Dr. Kimble? Die Fernsehserie und den Film? Diese Verfilmungen beruhen auf einem wahren Fall. Und der echte Mörder hieß – Tusch! – Richard Eberling. Ich möchte nur, dass Sie das wissen, wenn Sie bei mir in der Kommentarspalte schreiben.

Der russische Maler Alfred Rudolfowitsch Eberling (1872-1951), sein Lenin-Porträt zierte die Rubelscheine der jungen Sowjetunion.
Geht es Ihnen genauso? Ich kann Fotomodels inzwischen genauso wenig unterscheiden wie Geranien. Wenn es nach einem Verbrechen zu einer Gegenüberstellung kommt, werde ich die zehn Models vor mir nicht voneinander unterscheiden und leider keinen Beitrag zur Ermittlung der Täterin leisten können.
Motto des diesjährigen Bloggerkonvents in Bad Ems: „Es zwingt dich niemand zu schreiben, es ist dieser innere Zwang dich mitzuteilen.“

Don Alphonso schmückt seine Artikel immer mit Fotos aus seinen "Räumlichkeiten" - kann ich auch.
Achtung, schmerzhafter Kalauer: Die „Alte Naive für Deutschland“ – dafür gibt’s doch genug Kandidatinnen, oder?
Der nächste heiße Scheiß: Hodenbaden. Nur für Jungs. Ätsch! http://www.heikopust.de/hodenbaden.html
„Bonettis Observatorium ist aus reinem Elfenbein und die Spitze des Turms ist von Wolken verhüllt. Aus diesen Wolken spricht er zu den Menschen wie die Götter primitiver Völker.“ (Lonely Planet: Bad Nauheim)
Viele Menschen verstehen inzwischen Kritik als eine Art Kriegserklärung. Anstatt Kritik ruhig zurückzuweisen und mit Argumenten zu widerlegen, weist man abweichende Meinungen als empörter Wutbürger sofort zurück und bricht den Dialog ab. Versuchen Sie mal, gegenüber einer Feministin Kritik an Frauen oder gegenüber Linken bzw. Grünen Kritik am Verhalten einzelner Migranten zu üben. Da schlägt ihnen der blanke Hass entgegen, als hätten Sie es mit Neonazis oder Hooligans zu tun. Unkontrollierte Emotionen statt rationalem Diskurs.
Ich verstehe meinen Körper als Behälter.
Tronald Dump fährt nicht nur ohne Navi oder Landkarte, sondern auch ohne Führerschein ins Ungewisse. Wo wird er 2021 angekommen sein?
Er hatte seine Fassade verkommen lassen. Wozu der Aufwand? Er war nicht auf der Suche nach einer neuen Frau oder einem neuen Job und das abendfüllende Spiel der Eitelkeiten war ihm längst zuwider geworden. Aber im Inneren wurde jedes Jahr neu tapeziert.
Warum kaufen sich die Leute eigentlich elektrische Mixer, um Smoothies zu machen? Man könnte diese Geräte doch viel besser für Cocktails nutzen.
Niemand braucht einen offenen Kamin. Wir haben Heizkörper, wir haben im ganzen Haus eine Fußbodenheizung, die ich als Kind sehr genossen habe. Aber ein Kamin, in dem ein Feuer brennt, gibt dir das Gefühl, zu Hause zu sein. Du kommst aus der Kälte, du bist endlich daheim und setzt dich vor den Kamin. Die friedlich brennenden Buchenscheite beruhigen dich, sie laden dich ein, es dir bequem zu machen. Warum nicht ein kleiner Whisky oder eine schöne Tasse Tee? Du hast Zeit. Niemand drängt dich. Nachrichten? Nicht jetzt. Überhaupt nichts jetzt – außer vielleicht eine gute Zigarre. Ist es ein Wunder, dass so viele Menschen ohne Kamin, ohne Ruhe, ohne Abstand zu den Dingen heute durchdrehen, einen Burnout haben oder sich turboradikalisieren? Mich wundert das nicht.
Leute mit Nahtoderfahrung sagen oft, sie hätten ein Licht gesehen. Ich sage, es war ein Feuer … Willkommen in der Hölle.
Big Audio Dynamite – E = MC². https://www.youtube.com/watch?v=1Q6V30vEdcU