Sonntag, 12. November 2017

Mainz, wie es einmal war

- Ein Besuch zu Hause, Gespräch mit der Mutter -
„Wieviel wiegst du jetzt?“
„Zweieinhalb Zentner“, antwortete ich und nagte einen saftigen Schweinsknöchel ab.
(…) „Soso, und da brauchst du bloß den ganzen Tag hinhocken und so was zusammenschreiben? Schwitzen musst du nie dabei, was? … Jaja, da glaub ich freilich, dass du gern Bücher schreibst.“
(Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter)
Geheimnisvolles Mainz, ewige Stadt. Von Römern, Franzosen, Amerikanern, Franken, Hunnen und Schweden beherrscht. Immer wieder zerstört, immer wieder an den Gestaden des Rheins aufgebaut. Ich denke an das Mainz meiner Kindheit zurück. Ein buntes Gemisch verschiedener Kulturen: Rheinhessen, Pfälzer, Eifelvolk, Moselaner, Westerwälder und so mancher wilde Hesse, der sich auf unsere Seite des Flusses gewagt hatte. Dazu Angehörige ungezähmter Stämme aus dem Hunsrück, in dem es damals noch Blutrache gab. Auf kleinen struppigen Pferden oder Eseln ritten sie durch die Stadt, sie stützten sich auf Wanderstäbe oder saßen auf Ochsenkarren. Menschen in den Trachten ihrer Urväter, mit Fellmützen, Lederjoppen, den Dolch im Gürtel und verwegene Bärte im Gesicht. Sie alle hatten ihre Sitten und Gebräuche, ihre Religionen und Traditionen, die in den jeweiligen Stadtvierteln von Mainz bewahrt wurden. So gab es im unübersichtlichen Gassengewirr des pfälzischen Viertels Schamanen aus den dunklen Wäldern des Südens, die magische Amulette verkauften. Im rheinhessischen Viertel gab es Wein und man hörte den Gesang der fröhlichen Zecher aus den Schankstuben. Felle aus dem Westerwald, dampfende Würste aus Trier, Leinenstoffe von den Webern der Eifel. Die vielen Mundarten, Gerüche und Köstlichkeiten, die es für mich als Kind zu entdecken gab. Die Schreie der Händler, die Gemüse und Teppiche feilboten. Hier wird ein Schwein durch die Gassen getrieben, dort wechselt eine Kuh den Besitzer. Bänkelsänger und selbsternannte Propheten ziehen das Volk in ihren Bann. Es ist alles vorbei, heute sind die Mainzer alle gleich, und sie rennen jeden Tag in dieselben Läden: Deichmann, Aldi, Kik, McDonald’s. Multikulti ist nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit.
Gerry Rafferty - Baker Street. https://www.youtube.com/watch?v=dU6w56epBdc

Typischer Hunsrücker Fleischwurstkosake um 1980.

Kommentare:

  1. Und "Baker Street" als Soundtrack für das Mainz-Mittelalter-Delirium. Solche Details werden mich noch ins Grab bringen.

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    1. Du darfst beim Lesen nicht darüber nachdenken. Ich mache das beim Schreiben ja auch nicht ;o)

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