Mittwoch, 23. August 2017

Die Apokalypse war gestern

„Es ist eine bekannte Binse, dass mit Waren zugleich auch Macht produziert wird: Profit zur Finanzierung politischer Einflussnahme (Lobbyismus, Bestechung, Parteispenden usw.), Marktmacht (Monopol, Oligopol, „systemrelevante“ Unternehmen usw.), Macht über Kunden, deren Bedürfnisse geweckt und befriedigt werden – bis zur höchsten Stufe, der Abhängigkeit von Suchtstoffen (Alkohol, Nikotin, Koffein, Medikamente, Zucker usw.). Neu ist, dass mit Waren zugleich auch Kontrolle produziert wird: Smartphones, Computer, bald auch in Autos und Haushaltsgeräten. Das kapitalistische System ist nicht in der Krise, sondern in der Phase seiner Vervollkommnung.“
„Gleichzeitig suggeriert man dem Einzelnen erfolgreich, er selbst habe die Macht: Macht über den eigenen Körper (Fitness, Wellness, Doping, Diät, Schönheitsoperationen, Tattoos, Piercings usw.), Macht über die eigene Entwicklung (Bildung und Leistung als angebliche Schlüssel zur Karriere und damit zur Gestaltungsmacht über das eigene Leben, über Arbeitsprozesse, über Unternehmen usw.), ökonomische Macht als Konsument (via Kaufentscheidungen, Klicks und Kommentare – „der Kunde ist König“) und als Lieferant des Rohstoffs Arbeitskraft, politische Macht (Meinungsumfragen, Wahlen, Karrieremöglichkeiten im Parteiapparat).“
„Ohne Irrationalität ist der Stumpfsinn des Arbeitslebens ja gar nicht auszuhalten: Sportfanatismus, Glücksspiel, Horoskope, Wunderheiler (Homöopathen usw.), Eskapismus in Form von Medienkonsum, Drogen und Computerspielen.“
„Das individuelle Interesse der Proletarier an höherem Einkommen, größeren Wohnungen und neuen Technologien besitzt kein revolutionäres Potential und erzeugt daher auch keinen Impuls im Kampf gegen das herrschende System.“
„Der Kapitalismus ist den Träumen und Begierden des Bürgers näher als alle linken Bewegungen.“
„Seine Sünden büßt der Bürger mit folgenlosen Berechnungen seines ‚ökologischen Fußabdrucks‘, der Wahl eines Abgeordneten der Opposition, einer Brigitte-Diät und dem geplanten Kauf eines Elektro-SUVs 2020.“
„Das Gift der Gewohnheit, aus dem sich der Nährboden der Knechtschaft entwickelt.“
„Marxismus ist die Religion der Armen, Neoliberalismus ist der Religion der Reichen.“
„In der Schule habe ich nur das Nötigste gemacht, um durchzukommen. Das hielt ich für schlau – und das war es auch. Der Kapitalismus ist genauso. Sechzig Prozent profitieren von dem System oder glauben es zumindest. Es ist also immer eine Mehrheit der Bevölkerung für den Erhalt der bestehenden Verhältnisse. Schon weil es keine erkennbare Alternative zu diesem Leben gibt, halten es die Leute aus („Heute werde ich meinen Boss nicht anbrüllen und kündigen“ – „Nur noch bis zum Wochenende durchhalten“ – „Nächstes Jahr wird alles anders“ – „Sobald ich in Rente bin …“). Mit demokratischen Mitteln lässt sich diese Ordnung nicht beseitigen. Dazu kommt, dass man die armen vierzig Prozent teilweise aus anderen Ländern rekrutiert, so dass man ihnen immer mit der Keule der #Leitkultur drohen und mit dem Aufenthaltsrecht Feuer unterm Arsch machen kann.“
„Wie sähe die Welt aus ohne Schlipsverkäufer, Goldfüllerfabrikanten, Akkumulationsfanatiker, Effizienzbürokraten, Reklamegaukler und Börsenjongleure?“
„Zwei Krähen stritten sich gerade um einen alten Kanten Brot, als ich dem Lager näher kam. Kinder spielten zusammen im Gras, zwischen einem ausgebrannten Panzer und der Ruine eines Supermarkts flatterte bunt die Wäsche an der Leine. Sergej winkte lässig mit der linken Hand, als er mich kommen sah, Adschal kreuzte die Arme vor der Brust und verbeugte sich. Wir betraten das Rundzelt, in dem sie mir den Schatz zeigten: fünfhundert Blatt weißes Schreibpapier. Ich war glücklich. Das Leben ging weiter.“
„Es lebe der unbewaffnete Kampf für die Literatur.“
Alle Zitate sind aus Andy Bonettis neuestem Werk „Die Apokalypse war gestern“. Verlag Schwarzer Oktober, Berlin/Schweppenhausen 2017.
Visage – Move up. https://www.youtube.com/watch?v=at_cD5otAow

Edward Hopper: Sun in an empty room.

Kommentare:

  1. Vielleicht sollte man sich doch mal über den BEWAFFNETEN Kampf für die Literatur unterhalten. Handfeuergedichte, Prosapistolen. Wumm Wumm Winchester 73.

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    1. Pointen, die explodieren. Messerscharfe Dialoge. Und draußen ist gerade ein Bombenwetter.

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  2. Bookerpreis für Heckler & Koch: "ich baller dir eine, Oppa!"

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  3. Off topic...

    Ich habe Ihre Rückkehr verpasst, anlässlich einer eignenen kleinen Reise. Willkommen zurück. Und ehrlich... 5 Wochen einen Blog alleine zurücklassen... DAS GEHT EINFACH NICHT... nun ja, geht schon... aber da fehlt dann halt etwas.

    Willkommen zurück.

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    1. Vielen Dank. Ich war für einen Augenblick der Schwäche versucht, meine digitale Abstinenz zu brechen. Da gab es ein Angebot der Telekom: einen Monat online für dreißig Euro. Nur ein Euro am Tag und ich bin wieder im Spiel ... Ich habe mir dann aber doch eine Monatskarte gekauft, bin damit jeden Tag durch Berlin gefahren und habe Dutzende von neuen Restaurants besucht. Das war für Geist und Körper sehr viel anregender.

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