Donnerstag, 31. August 2017

Politiker, Ratten und Menschenmüll

Der Silberlöwe im Schloss Bellevue hat recht, wenn er konstatiert, Deutschland erlebe derzeit einen Tiefpunkt in der politischen Auseinandersetzung. Aber setzen wir diesen Tiefpunkt einmal in den Kontext einer Reihe von Tiefpunkten, die sich bruchlos aus den dunkelsten Stunden bis in die heutige Zeit nachvollziehen lässt.
Ich meine noch nicht einmal Steinmeiers rechtsradikalen Genossen Sarrazin, sondern den unsäglichen Franz-Josef Strauß. Der langjährige CSU-Chef und bayrische Ministerpräsident, dessen Ausbildung als „weltanschaulicher Referent“ im „Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps“ (NSKK) und als „Offizier für wehrgeistige Führung“ bei der Heeres-Flakartillerie-Schule IV im Dritten Reich begann, holte sich nach 1945 Eberhard Taubert als Berater ins Team. Taubert war als Referatsleiter in Goebbels Propagandaministerium zuständig für „Aktivpropaganda gegen die Juden“ und schrieb u.a. das Drehbuch für den Film „Der ewige Jude“, in dem Juden mit Ratten verglichen wurden.
Strauß nannte linke Schriftsteller gerne „Ratten und Schmeißfliegen“. Über knutschende Apo-Demonstranten schrieb er in den späten Sechzigern, sie benähmen sich „wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist“. Über die wirklich harmlosen Sozialdemokraten sagte er: „Was wir in diesem Land brauchen, ist der mutige Bürger, der die roten Ratten dorthin jagt, wo sie hingehören - in ihre Löcher.“ Im „Bayern-Kurier“ schrieb er: „Die Einschätzung der bayerischen SPD als einer kommunistischen Tarnorganisation ist zwingend.“
Die AfD ist also in guter deutscher Tradition der CSU, CDU, SPD, DVU, NPD, Republikaner und vieler anderer. Dieses Reich währt tausend Jahre, wie es der Führer einst prophezeit hat.

Neulich im Laboratorium

Ein Praktikant beobachtete, wie ich bedächtig mit meinen beiden Zeigefingern einen Text schrieb.
„Wenn Sie mit zehn Fingern schreiben könnten, wären Sie fünf Mal so schnell“, sagte er nach einer Weile.
„Das ist richtig“, antwortete ich ihm, „aber ich brauche nicht fünf Mal so viel Text.“
„Aber Sie wären doch viel schneller fertig“, warf er ein.
„Regt es Ihr kleines Angestelltengemüt auf, wenn ich mir für dieses Vergnügen Zeit lasse?“
Maurizio Cattelan - Bidibibodibiboo, 1996.

Der Wald

Als ich noch klein war, spazierte ich mit meinem Großvater durch den Wald und er erzählte mir die Geschichte, wie dieser Wald in den Besitz von Katzenelnbogen gekommen war.
Es gab einen Streit mit der Nachbargemeinde, wem dieser Wald gehören soll, der zwischen den beiden Dörfern lag, und man beschloss, die Frage in einem Wettkampf zu klären. Nach dem ersten Krähen des Hahns am Morgen sollte in beiden Orten ein Läufer losgeschickt werden. An der Stelle auf dem Waldweg, wo sich die Läufer treffen würden, sollte in Zukunft die Grenze zwischen den beiden Orten verlaufen.
Im Nachbarort sei der Hahn kräftig gefüttert worden, damit er am Morgen umso lauter krähen konnte, erzählte mein Großvater grinsend. In Katzenelnbogen habe man den Hahn hungern lassen, so dass er sehr früh gekräht habe. Der Läufer von Katzenelnbogen rannte also los und erreichte den Nachbarort, bevor dessen Hahn auch nur einmal gekräht hatte. So kam der ganze Wald zu Katzenelnbogen.
Natürlich ist das ein Märchen, das man sich früher erzählt hat. In Wirklichkeit waren die Wälder Eigentum von Adel oder Kirche, sie wurden verkauft oder gerieten bei Hochzeiten und Erbschaften in andere Hände. Die Bauern hatten immer nur ihre Geschichten.
The Oldest Known Melody (Hurrian Hymn no.6 - c.1400 B.C.). https://www.youtube.com/watch?v=QpxN2VXPMLc

Mittwoch, 30. August 2017

Da lacht der Geldadel

Der grauhaarige Konzernchef hat die gesamte Führungsriege seines Unternehmens zu einer Besprechung ins Konferenzzimmer geladen und hält eine Ansprache:
„Er ist der junge Mann, auf den wir lange gewartet haben. Ein kluger Kopf mit neuen Ideen, der frischen Wind in unser Unternehmen bringen wird. Er ist erst ein halbes Jahr bei uns, aber er hat sich in der kurzen Zeit mein vollstes Vertrauen erworben. In so kurzer Zeit hat er sich schon als unentbehrlicher Teil der Leitungsebene etabliert. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne ihn machen würde. Er bringt Leistung, er fragt nicht nach Überstundenzuschlägen oder Gehaltserhöhungen. Er ist eine zuverlässige Führungskraft, die sich diesen kometenhaften Aufstieg redlich verdient hat. Ich bin überzeugt, dass er Ihnen allen als Vorbild dienen und mit vielen guten Ratschlägen helfen wird, wenn Sie ihn darum bitten. Ich darf Ihnen den neuen Vizepräsidenten der Mahlheimer KG vorstellen, auf dem meine Hoffnungen für eine glänzende Zukunft dieses Konzerns liegen.“
Applaus. Der junge Mann geht auf den Konzernchef zu und schüttelt ihm ergriffen die Hand.
„Danke, Vater.“

Kennen Sie Mössingen?

In dieser Stadt, die zum Landkreis Tübingen gehört, gab es 1933 den einzigen Generalstreik in ganz Deutschland, mit dem gegen die Machtergreifung Adolf Hitlers demonstriert wurde. Schon am Abend des 30. Januar gab es eine Demonstration der „Antifaschistischen Aktion“, bei der „Hitler verrecke!“ und „Hitler bedeutet Krieg!“ skandiert wurde. Am nächsten Tag marschierte der Demonstrationszug von Fabrik zu Fabrik und die Arbeiter schlossen sich der Bewegung an. Noch am Abend erfolgten die ersten Verhaftungen, insgesamt wurden achtzig Männer und Frauen zu Haftstrafen verurteilt. Viele andere wurden fristlos entlassen. Keine andere Stadt war dem landesweiten Streikaufruf gefolgt. Mit dem Ermächtigungsgesetz vom März 1933 kam wenig später auch das Ende des „Freien Volksstaats Württemberg“. Die Begebenheiten von Mössingen sind in der neugegründeten Bundesrepublik viele Jahrzehnte totgeschwiegen worden, da die Initiative zum Generalstreik von Kommunisten ausgegangen war.

Schwere Jungs vor leeren Tellern


Blogstuff 147
„Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Ringes ereignet sich das Dingen des Dinges.“ (Martin Heidegger: Das Ding)
„Da ist das Ding.“ (Oliver Kahn)
Deutschland braucht einen Fastfood-Vergnügungspark: All-you-can-eat an allen Ständen, Selfies mit Riesen-Burgern und XXL-Schnitzeln, Fastfood-Schlacht (man bewirft sich gegenseitig mit Essen und schüttet sich eimerweise Ketchup und Mayonnaise über den Kopf), Buden (man wirft mit Essen auf Sachen, die man gewinnen kann, oder schießt auf Essen), Foodporn (als Lieblingsfastfood verkleidet dreht man eine kurze Sexszene, die man ins Netz stellen kann), die größte Pizza der Welt, Achterbahn und Geisterbahn im Fastfood-Look usw.
Kunst war bis ins 19. Jahrhundert im wesentlichen Auftragskunst. Da hast du nicht einfach mal eine Statue gemeißelt oder eine Kirche ausgemalt. Da gab es Auftraggeber – und es gab die Erwartungen der Auftraggeber. Sonst hat man buchstäblich umsonst gearbeitet. Mit Künstlern wie van Gogh wurde es anders. Sie malten einfach, was sie sahen. Sie nahmen Armut und Misserfolg in Kauf. Die Kunst wurde zur selben Zeit befreit wie die Sklaven. Im Internet finden Künstler und Publikum endlich ohne die Hilfe kommerzieller Vermittler zueinander.
Von Gold zu Silber. Von Silber zu Asche. Von Asche zu Schnee. Das Haar meiner Großmutter.
Die Idee zu seinem bahnbrechenden Meisterwerk “Die Rolle des Menschen im Universum” kam Andy Bonetti im indischen Restaurant Vipan in Berlin-Wilmersdorf, als ihm der Wirt eine dampfende und prasselnde Eisenplatte mit Tandoori-Chicken servierte. Seitdem gibt es in diesem Lokal „Chicken Bonetti“, das angeblich schlau machen soll.
Nach dem Genuss von Rindfleisch in Chiliöl, einer Spezialität der Sichuan-Küche, schrieb der Meister übrigens sein Gedicht „Tage am Gelben Fluss“. Dünnpfiff in Poesie verwandeln – das kann nur Andy Bonetti.
In der Berliner Dependance von Andy Bonetti gab es heute einen Putzversuch. Mehrere Wollmäuse konnten verhaftet werden.
Pilze suchen kann man überall.
Eine kleine Schildkröte aus Jade. Seine Nutzlosigkeit macht diesen Gegenstand so sympathisch.

Tage am Gelben Fluss
Roter Drachen
In den Gemächern
Meines Hauses

Stundenlang
Wartet der alte Mann
Geduldig am Gelben Fluss

Am Abend
Ziehen weiße Reiher
Am Himmel vorüber

Der Doppelmond ist rosa
Wegen der Anspielung
Finis coronat opus

The Pretenders - Middle Of The Road. https://www.youtube.com/watch?v=8_nrAyo0tLI

Das Bonetti-Verkaufsmobil kommt auch in Ihre Stadt.

Dienstag, 29. August 2017

Sean Brady’s Zukunftsvision

„Chinesenkellner mit Hackbeilen quellen aus einer Chop-Suey-Kaschemme (…). Sie stürzen sich auf Rauschgiftbullen und Mafiosi und machen Hackfleisch aus ihnen. Giftpfeile aus indianischen Blasrohren erledigen eine Versammlung des Ku Klux Klan. Südstaaten-Sheriffs mit Niggerkerben an ihren Knarren werden von nackten berittenen Skythen in Stücke gehackt.“ (William S. Burroughs: Die Städte der roten Nacht)
„Diese gottverdammten Bastarde“, sagte er zu der Bedienung, die gelangweilt auf ihrem Kaugummi herumkaute.
„Vorsicht“, sagte sie nur zwischen zwei Schmatzgeräuschen und deutete mit dem Kopf nach draußen.
Sean Brady, der auf einem Barhocker am Tresen seines Fitnessclubs saß, drehte sich um und sah durch die große Scheibe.
Über dem Parkplatz schwebte ein Luftkreuzer des Informationsministeriums. Am Bauch des Schiffs waren zwei monströse Halbkugeln angebracht, die zur Hälfte rosa und zur Hälfte weiß gestrichen waren. Es sah aus, als hätte der Kreuzer Brüste.
Er drehte sich wieder zurück und grinste die junge Frau an. „Die hören sowieso alles, was sie wollen.“
Dann klatschte er mit der Hand auf die billige Zeitung aus Altpapier, die vor ihm lag. „Kein Wort von der Flut. In diesem Dreckskäseblatt steht nicht ein einziges Wort, obwohl ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe.“
„Cheese Quarterly“ wurde vom Umweltministerium herausgegeben und hatte erfolgreich die BILD abgelöst, weil sie noch billiger, sensationsgieriger und primitiver war.
„Ich brauche jetzt ein Bier“, sagte er. Er wusste nicht, ob er deprimiert oder wütend sein sollte. Bevor er diese Entscheidung treffen konnte, musste er ein Bier trinken.
„Sie wissen doch, dass im Fitnessclub kein Alkohol verkauft werden darf.“
Brady ging nach draußen in die brütende Oktoberhitze. Hinter dem Club war ein kleiner Neuland-Kiosk. Er kaufte sich eine Flasche Bier und einen Kräuterschnaps, dann ging er zurück an seinen Platz am Tresen.
Er leerte das winzige Schnapsfläschchen und nahm dann einen langen Zug aus seiner Bierflasche.
Aus seiner Hosentasche piepste eine Stimme: „Sie haben jetzt 0,2 Promille“.
„Diese beschissenen Smartphones. Wenn man sie wenigstens abschalten könnte. Gibt’s irgendwo ein Spiel im Fernsehen?“
Die Bedienung schaltete den Monitor an, der über dem Regal mit den Eisteeflaschen angebracht war. „Chinesische Liga.“
Er trank einen weiteren Schluck. „Egal. Lass es laufen.“
Brady, dieser fette alte Ire. Wenn Sie mich fragen, trinkt er zu viel.
Prince – Automatic. https://www.youtube.com/watch?v=rYboMkLluKo

Montag, 28. August 2017

Der ultimative Hit

Das Orchester des großdeutschen Rundfunks unter der Leitung von Adolf Gauland präsentiert im Rahmen des Wunschkonzerts der deutschen Wehrmacht den Sommerhit "Entsorgung in Anatolien". Wir bitten um Gesinnungsapplaus.

Mein Leben als Prostituierter

„Wir geben Dingen, von denen man nichts weiß, (…) Namen, die nichts besagen.“ (Eugène Ionesco: Der Einzelgänger)
Nachdem ich verstanden hatte, dass ich als Prostituierter arbeite, fand ich meinen Job völlig in Ordnung. Die Gewissensbisse – ein selten dämliches Wort, das ich in jedem Text eines anderen Autors sofort gestrichen hätte, denn ein Gewissen ist nicht bissig – hörten augenblicklich auf. Ich war nicht erfolglos, ich erbrachte eine Dienstleistung. In gewisser Weise half ich den Menschen sogar. Das gab mir Sicherheit. Seitdem geht es mir gut und mein Geschäft läuft bestens. Ich bin Literaturagent.
Meine Kunden sind ganz unterschiedlich. Was sie verbindet, ist der Glaube, sie wären Schriftsteller. Die Hoffnung auf Erfolg. Die Vorstellung, Talent zu besitzen. Sie könnten nicht falscher liegen. Ich denke, das Hauptproblem liegt in der Schrift selbst. Buchstaben sind abstrakte Symbole. Wenn Sie eine sauber ausgedruckte Seite sehen, erkennen sie nicht auf den ersten Blick, ob der Text gut ist oder nicht. Ein schlechtes Gemälde mit falscher Perspektive und windschiefen Gesichtern können Sie sofort von einem Rembrandt unterscheiden. Eine schlechte Skulptur, wertlose Töpferwaren – kein Thema. Ein Blick genügt.
Aber sie kommen alle zu mir, die zukünftigen Kafkas mit ihrem Weltschmerz, die zukünftigen Agatha Christies mit ihren Serienmördern, die zukünftigen Thomas Manns mit ihrem endlosen Geschwafel über dieses und jenes. An den Wänden meines Büros hängen Gemälde mit den Stationen des Leidenswegs eines Schriftstellers: allein an einem Schreibtisch voller Bücher und Papiere, den Schädel mit der gefurchten Stirn in beide Hände gestützt; das Gespräch mit der Lektorin; die Lesung in einer Provinzbuchhandlung; das Gespräch mit dem Vermieter; allein mit einer Dose kalter Ravioli usw.
Nehmen wir Jonas Kolb als Beispiel. Der Mann ist Mitte vierzig und arbeitet am Fahrkartenschalter der Deutschen Bahn. Er ist Single, hat eine Katze und wohnt in Berlin-Karlshorst. Nicht weit weg von der Innenstadt, aber weit genug, um ein langweiliges Leben zu führen. Er bastelt also an seinem Traum von einer anderen Existenz. Sein Held ist auf einem holländischen Handelsschiff im 18. Jahrhundert unterwegs und erlebt exotische Abenteuer im Orient und auf den Gewürzinseln im heutigen Südostasien.
Zum vereinbarten Termin erscheint er mit einem guacamolefarbenen Sportsakko, einer Aktentasche voller Manuskriptseiten und einem hochroten Kopf. Er ist nervös und nachdem ich ihm die nasskalte Hand geschüttelt habe, beginnt er, aus seinem neuesten Kapitel zu lesen. Zunächst schwitzt er wie ein altes Käsebrötchen. Nach einigen Minuten wird er ruhiger und am Ende einer Stunde sehe ich, wie gut ihm die Lesung getan hat. Ich lobe ihn, mache ihm Mut und gebe ihm einige wertvolle Tipps, wie er eine spannende Szene, beispielsweise den Piratenangriff vor Sumatra, noch zuspitzen, den Plot noch ausbauen oder einer Figur mehr Tiefe geben kann. Wir diskutieren noch ein bisschen und ich weiß: Jonas Kolb wird wiederkommen. Er lässt mir jedes Mal fünfzig Euro da und ich entlasse ihn mit dem Versprechen, es sei überhaupt kein Problem, einen solchen Roman bei einem Verlag unterzubringen. So geht es seit zwei Jahren. Er ist so dumm und freundlich wie ein Dalmatinerwelpe.
Dann gibt es die alten Männer mit ihren Memoiren. Jeder alte Mensch denkt natürlich, seine Lebensgeschichte sei es wert, für die Nachwelt erhalten zu werden. Ich füttere ihre Eitelkeit und kitzele in jedem Gespräch neue Episoden ihres fabelhaften Daseins als Lohnbuchhalter oder Heizungsmonteur heraus. Ich höre scheinbar aufmerksam zu und tippe irgendwas in meinen antiken Computer. Sie zahlen bar und verlangen keine Rechnung. Fünfhundert oder tausend Euro. Ich biete in ihrem Namen diversen Verlagen das Manuskript an. Das erzähle ich ihnen zumindest. Sie rufen gelegentlich an, grämen sich über die Absagen und geben nach einem halbem Jahr schließlich auf.
Schwierig sind die Lehrerinnen mit ihren Gedichten, von denen sie glauben, sie wären tiefsinnig. Sie sind geizig und misstrauisch, ich nenne sie Neurosenbomben. Wenn diese Frauen nur ein wenig Ahnung vom Literaturmarkt hätten, würden sie wissen, dass mit Lyrik kein Geld zu verdienen ist. Oft sind es nur klägliche Anzahlungen von zweihundert Euro, für die ich mit blutenden Ohren bezahle, weil sie jede Woche anrufen und nicht verstehen können, warum ausgerechnet ihre „Ode an den Pfirsich“ noch nicht veröffentlicht ist.
Am schlimmsten sind die selbsternannten Künstler, die alles aufgegeben haben, um den großen deutschen Roman des 21. Jahrhunderts zu schreiben. Es sind Fanatiker und im Regelfall sind sie pleite. Ich bin ihre letzte Hoffnung und ich leide, wenn ich ihre spärlichen Zahlungen entgegennehme, weil ich weiß, dass diese Menschen teilweise von Leitungswasser und Toastbrot leben, während sie über das Scheitern in der modernen Großstadt schreiben. Oft sind es junge Männer. Eigentlich sind es nur junge Männer.
Nur einer dieser jungen Männer ist anders: Johann Witzleben. Sein Vater unterstützt das Künstlerleben seines hoffnungsvollen Abkömmlings in Berlin mit üppigen Überweisungen. Ein Zahnarzt in Marburg kann sich das leisten. Der alte Witzleben wollte selbst einmal Künstler werden, musste aber die Praxis seines Vaters übernehmen. Johann bezahlt praktisch meine Miete. Dafür liefert er glücklicherweise selten Texte und darunter ist auch wirklich nichts Brauchbares. Er hat dieses optimistische Lächeln, das man von gezeichneten Köchen auf Lieferpizzakartons kennt. Seinem Vater schreibe ich regelmäßig Briefe über die Fortschritte seines Sohnes und meine Bemühungen bei bekannten Verlagshäusern. Johann zieht derweil durch die Berliner Clubs und versäuft das Geld der Familie. Er ist klug genug, dieses Arrangement zwischen uns zu begreifen, gleichzeitig verfügt er aber über die Diskretion, es nicht offen anzusprechen.
Ich bin ein Prostituierter. Solange die Kunden mich bezahlen, erfülle ich ihnen ihre Wünsche und Träume. Eine kurze Frage am Ende: Schreiben Sie?
Extrabreit – Ruhm. https://www.youtube.com/watch?v=RPMyjJKx8t4

Sonntag, 27. August 2017

MWC - Most Wanted Celebrity

Am 14. August habe ich ein Cabrio plus Chauffeur gemietet, um meinen 51. Geburtstag mit einer Stadtrundfahrt in Berlin zu zelebrieren. Auf dem Rücksitz hatte ich zwei Blondinen im Durchschnittsalter von 27 Jahren (51 + 13).





Bonetti bringt’s mal wieder auf den Punkt


Blogstuff 146
„Ich hatte die National Geographic Tiersendungen im Fernsehen gesehen, und es schien mir einfach ungerecht, dass Tiere einander begegneten, einen kleinen Locktanz aufführten und für den Rest ihres Lebens zusammenblieben.“ (Tama Janowitz: Slaves of New York)
Als der französische König aus Kostengründen die Hälfte der Pferde aus den königlichen Stallungen verkaufte, bemerkte Voltaire, es wäre doch besser, die Hälfte der Esel fortzuschicken, die den Hof von Versailles bevölkerten. Vielleicht entlassen wir einen Teil der Bundestagsabgeordneten und der Berliner Ministerialbürokratie, anstatt Sozialleistungen zu kürzen?
Letztlich betreibt das Christentum das Geschäft eines gewöhnlichen Krämers, mit dem Unterschied, dass es seinen Kunden für besonders dämlich hält. Erst nach einem Leben in gottesfürchtiger Tugend bekommt der Gläubige im Jenseits seinen Lohn. Deswegen bin ich einer atheistischen Gruppierung namens „Lüneburger Heiden“ beigetreten.
Die älteren Leser erinnern sich bestimmt noch an Kulenkampff, Frankenfeld oder Rosenthal. Diese Entertainer konnten einen ganzen Abend bestreiten, weil sie Persönlichkeit hatten. Die Show und die Spiele waren eigentlich gar nicht so wichtig. Wer kann sich heute noch an die Gewinner erinnern? Diese „Showmaster“ fehlen heute. Daher wird Andy Bonetti ab Oktober eine große Samstagabendshow präsentieren. Der Legende nach kam der Intendant des ZDF auf Bonettis Sommersitz und legte ihm als Konzept für die Sendung ein weißes Blatt Papier auf den Tisch. Der Meister hat also freie Hand – wir dürfen gespannt sein.
Früher war auf Briefumschlägen neben der abgestempelten Briefmarke oft ein Stempel der betreffenden Stadt. Diese Stempelabdrücke habe ich als Kind ausgeschnitten und gesammelt. Es war eine exzentrische Nebensammlung zu meiner Briefmarkensammlung. Irgendwann hörten die Postämter auf, die Post nach Herkunftsorten zu stempeln. Es gab nur noch trostlose Stempel wie „Verteilzentrum 15“. Heute interessiert sich niemand mehr für Stempel. Dann fing ich in den neunziger Jahren an, Telefonkarten zu sammeln. Kann sich jemand noch an diese Karten für Telefonzellen erinnern? Sie hatten viele unterschiedliche Motive und lösten eine kurzzeitige Sammelmode aus. Auch das ist vorbei. Was kann man heute noch im Bereich Kommunikation sammeln? Es bleibt nichts, was in irgendeiner Form erhalten wird.
Sie erinnern sich? Die F.D.P. ist die einzige Partei, die auf den Punkten bei ihrer Abkürzung besteht. Darauf baut die Werbekampagne „Three Bullets“ für die Bundestagswahl auf, die von Bonetti Media Unlimited im Auftrag der Partei entwickelt wurde. „Umsatz. Profit. Steuerparadies.“ soll Unternehmer ansprechen. „Lage. Lage. Lage.“ richtet sich an die Immobilienbesitzer. „Porsche. Bonus. Aktienoption.“ für die Führungskräfte. „Zahnarzt. Rechtsanwalt. Manager“ – das wird den Nachwuchs ansprechen. Die Punkte werden mit Einschusslöchern dargestellt. Läuft!
Das Schlimmste, das dir passieren kann, ist, ein „hart arbeitender Mensch“ geworden zu sein.
Hätten Sie’s gewusst? In Klaus Manns Roman „Mephisto“ kommt als Nebenfigur ein Rolf Bonetti vor. „Er war jenes Mitglied des Ensembles, das die meisten Liebesbriefe aus dem Publikum erhielt: daher sein stolzer, müder, vor lauter Blasiertheit beinah angewiderter Gesichtsausdruck.“
Hamburg: die Möwen schreien schöner als die Matrosen.
In meinem Bücherregal finde ich ein Buch von Carlos Castaneda. Bis zur Seite 55 bin ich damals gekommen und habe auch Textstellen unterstrichen. Die letzte Stelle: „Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das, wovon ich rede, nicht mit Sicherheit weiß.“ Dazu ein handschriftlicher Kommentar von mir: „Das passt zu dieser billigen Indianermystik mit ihren allerweltsphilosophischen Zutaten. 25.12.1990.“ Danach folgen keine Unterstreichungen mehr. Jetzt habe ich das Buch weggeworfen.
Die Texte der Obdachlosen in der U-Bahn werden immer ausgefallener. „Auch bei schönem Wetter gibt es Obdachlose. Deswegen bin ich nicht im Strandbad Wannsee, sondern möchte Sie um eine kleine Spende bitten.“ Ein anderer, noch sehr junger Obdachloser erzählte die Geschichte, er sei mit seinen Pflegeeltern nach Berlin gereist, wo sie ihn ausgesetzt hätten. Dem nächsten Mann war vor einigen Tagen das Handy und die Reisetasche geklaut worden. Mit dem Spruch „Wenn ich Rollstuhl sitzen würde, hätte ich die Taschen voller Geld“ hat er sich allerdings keine Freunde gemacht.
Tangerine Dream - Beach Theme. https://www.youtube.com/watch?v=TP3VkXv_K9M

Samstag, 26. August 2017

Das verstörende Universum der Salzstreuer

Die Infantilisierung und verheerende geistige Vernichtung der Welt sehen wir an ihren Salzstreuern - aber die Pfefferstreuer sind auch nicht viel besser.















Salt-N-Pepa - Let's Talk About Sex. https://www.youtube.com/watch?v=ydrtF45-y-g

Vier Tipps für Ihre allerletzte Grillparty

1. Geben Sie dem Pyromanen in Ihrem Freundeskreis einen Sack feuchter Holzkohle, einen Benzinkanister und drei Streichhölzer. Beobachten Sie alles aus sicherer Entfernung und präsentieren Sie die Szene am nächsten Tag auf YouTube.
2. Kaufen Sie eine Anzahl Bratwürste, die für Ihre Gäste garantiert nicht reicht. Achten Sie beim Einkauf darauf, dass die Würste schmal genug sind, um durch den Grillrost zu fallen. Würste, die nicht ins Feuer geplumpst sind, lässt man vor dem Servieren in den Dreck fallen.
3. Kaufen Sie eine Zucchini und laden Sie einen gesprächsfreudigen Veganer ein, dem Sie vorher versichert haben, bei dieser Party neue Mitstreiter für den Tierschutz und gesunde Ernährung zu gewinnen.
4. Laden Sie nur zu einer Party ein, wenn ein Gewitter droht und dunkle Wolken über Ihrem Garten hängen.

Wie werde ich ein Erfolgsautor – zehn Leitsätze

„Der Neue ist eine Bombe. Ich habe den auf Youtube gesehen. Und die ecuadorianische Literatur hat ordentlich aufgeholt, da kommst du auch nicht so einfach auf Platz 34 der Bestsellerliste.“ (Andy Bonetti)
Das nächste Buch ist immer das Schwerste.
Der Nobelpreis hat seine eigenen Gesetze.
Entscheidend ist am Schreibtisch.
Flach schreiben, hohe Gewinne.
Die Wahrheit ist auf der Bestsellerliste.
Das Buch ist viereckig und die Lesung dauert neunzig Minuten.
Der Gefoulte soll die Biographie nicht selbst schreiben.
Hundertprozentige Pointenverwertung – fürs Schönschreiben gibt es keine Punkte.
Nach dem Buch ist vor dem Buch.
Lyrik oder Gedichte – Hauptsache Theater.
Zabriskie Point Explosion (come in number 51, your time is up) Pink Floyd's 1969-70. https://www.youtube.com/watch?v=BAcePPSsFP0

Freitag, 25. August 2017

Indymedia – im Original

dont hate the media, become the media!
“Indymedia entstand 1999 aus den Protesten gegen den WTO-Gipfel in Seattle und war stets Wegbegleiter und Sprachrohr dieser Bewegung. Es hatte als Multiplikator gedient und war seinerzeit einzigartig. Indymedia entstand in einer Zeit vor dem Web 2.0, vor Twitter, vor dem Aufkommen von Blogs, vor Facebook und anderen „sozialen Medien“. Es verbreitete sich explosionsartig über fast den gesamten Erdball. Die Idee, Medien von unten zu machen, erschien als die einzige logische Alternative zu den herkömmlichen (Massen-)Medien, welche hierarchisch von oben herab Meinungen und Ansichten diktierten und Protesten keinen Platz ließen.“
„Bereits vor der Inkraftsetzung des Netzdurchsetzungsgesetzes (https://netzpolitik.org/2017/vorsicht-beruhigungspille-netzwerkdurchsetzungsgesetz-geht-unveraendert-in-den-bundestag/), also der staatlich indoktrinierten und befeuerten Zensur von "Social Media" unter Androhung von immensen Strafgeldern, kommt es bereits zu vorauseilendem Gehorsam. Es wurden während die Proteste sowohl sogenannte "Shadow-Bans"(Shadowban-Tester) festgestellt, als auch Accounts, die "aufgrund auffälligem Verhalten" vorübergehend gesperrt wurden. Sie konnten nicht mehr twittern. Besonders die sogenannten Shadow-Bans sind hier eine perfide und vertrackte Sache: Sie bedeuten, dass Nachrichten eines Nutzers nicht mehr im gesamten Twitternetzwerk angezeigt werden, sondern für bestimmte IP-Bereiche, bspw. Deutschland, gesperrt werden. Das bedeutet, dass sie für NutzerInnen aus den Ländern nicht mehr sichtbar sind. Und das wird den Betroffenen nicht einmal mitgeteilt. (…) Twitter arbeitet aktiv mit den Repressionsbehörden zusammen. Egal wie sehr sich Twitter als Demokratieretter aufspielt - sie sind es nicht. Sie liefern die Nutzenden im Bedarfsfall immer den Repressionsbehörden aus. Das hat sich bei den Aufständen in Ägypten - dem sogenannten arabischen Frühling - deutlich gezeigt.“
„Barrika.de.indymedia.org war unser Versuch, nicht nur aus unserer eigenen Misere auszubrechen sondern darüber hinaus aufzuzeigen, dass es möglich ist, bessere Strukturen als Twitter anzubieten. Eine erste Übersicht und detailiertere Auswertung des Tickers findet ihr hier auf der Seite, allerdings wussten wir zu der Zeit noch nicht wie erfolgreich wir mit dem Ticker waren. Denn er war verdammt erfolgreich. Wir können aufgrund unserer Logpolicy leider nur grob schätzen - das bringt die Anonymisierung der Logs leider mit sich - doch es müssen mindestens über 50.000 Zugriffe gewesen sein.“
„Auch wenn wir es als Rückschritt betrachten, dass wir inzwischen auf kommerzielle Anbieter ausweichen müssen, um die technische Serverinfrastruktur zu stemmen (beim G8TV wurde dies noch vom weltweiten Indymedia-Netzwerk getragen) so sehen wir in den vermehrt aufkommenden Livestreams eine große Chance. Es wurden durch die Livestreams tatsächlich Narrative der Polizei direkt vereitelt. Die Authentizität der ungeschnittenen Livebilder haben dazu geführt, dass die Behauptung der Polizei beispielsweise bei der Welcome to Hell Demonstration am Donnerstag Abend ins Leere lief. Das Narrativ der Polizei, die den bösen schwarzen Block auflösen musste, konnte nicht aufrecht erhalten werden und wurde de facto gebrochen. Wir führen das ganz stark darauf zurück, dass eben so viele Menschen sich über die Livestreams ein anderes Bild der Situation machen konnten und so direkt Einspruch erheben konnten. Der Bruch war derart stark, dass selbst die meiste kommerzielle Presse der Polizei widersprach.“
„Die Polizei muss somit nicht mehr nur als potentieller Gegner auf der Straße betrachtet werden - ein Ruf, dem sie in Hamburg dank grotesk zur Schau gestellter Polizeigewalt mehr als Rechnung trug. Nein, sie ist ein riesiger, mächtiger politischer Player geworden mit einer eigenen Agenda. Ihr wurde in der Berichterstattung mehr Raum eingeräumt als NGO's, Parteien und anderen Gruppierungen. Sie bestimmte die Richtung der Berichterstattung über fast den gesamten Zeitraum.“
„Und das am Ende der Proteste in der öffentlichen Wahrnehmung nichts übrig bleibt außer der Frage "Wer ist Schuld an der Gewalt?" ist etwas, das wir hätten verhindern können, ja verhindern müssen. Da hilft es nichts, auf die Geilheit der Presse zu schimpfen, die immer nur brennende Autos zeigen will. Ja, das will sie und das ist nichts neues. (Zur Erinnerung: Beim G8 2007 in Rostock brannte ein einziges Auto und das wurde aus zig Winkeln abgefilmt, fotografiert und bestimmte die Titelblätter.) Es ist aber eine Frage für uns, wie wir es schaffen, trotzdem unsere Inhalte zu transportieren und wahrnehmbar zu machen.“
„Indymedia war als reine Webplattform 1999 gestartet und hatte sich zügig zu viel mehr entwickelt. Vieles ist davon nicht mehr vorhanden und die Reste des Indy-Netzwerkes halten die Infrastruktur aufrecht und bewältigen die tägliche Arbeit. (…)Um aus unserer Misere herauszukommen, die der G20-Gipfel uns eindringlich vor Augen geführt hat, müssen wir wieder verstärkt eigene Medien aufbauen. Wir müssen Netzwerke bilden und es muss in der Protestplanung eigene Pressearbeit geplant werden. Damit meinen wir eben nicht das Verfassen von Pressemitteilungen und das Einbinden kommerzieller Medien - sondern gezielt den Aufbau eigener Strukturen wieder mit einplanen. Im Web, im Print, im Audio und Videobereich - und wenn dann noch Kraft übrig bleibt in Social Media.“
Fazit: der Erfolg des barrika.de-Tickers in Hamburg im Informationskrieg gegen die Sicherheitsbehörden war der Grund für die Zensurmaßnahme durch das Bundesinnenministerium. Bewegen sich Regierungskritiker nur in den Konzernmedien wie Facebook oder Twitter, die der verlängerte Arm des Überwachungsstaats sind, haben sie verloren.
Quelle: Indymedia. https://de.indymedia.org/

Das Virus

„Worauf sollen wir ein Wissen oder eine Moral gründen? Keinesfalls auf Unwissenheit, und wir stecken ganz und gar in Unwissenheit, wir haben als Ausgangspunkt, als Fundament nur das Nichts.“ (Eugène Ionesco: Der Einzelgänger)
Ein letzter Augenblick der Einsamkeit. Er saß auf der Toilette eines Fast-Food-Restaurants, der Deckel war heruntergeklappt. Durchatmen. Er öffnete die winzige silberne Dose, tupfte mit dem angefeuchteten Zeigefinger hinein und rieb sich das Kokain ins Zahnfleisch über den Scheidezähnen.
Die Konferenz fand in einer CIA-Zentrale tief in den Eingeweiden von London statt. Ein Typ in Uniform hatte eine Ansprache gehalten, aber er hatte nicht zugehört. Um den ovalen Konferenztisch waren einige Kollegen versammelt, die er von Tagungen zum Thema Pandemie kannte. Warum hatte man sie alle zusammengerufen?
Eine Wissenschaftlerin aus Chile hielt einen Vortrag über Patienten, die in ihrem Land von diesem neuen Virus befallen worden waren. Sie waren ans Bett gefesselt und redeten permanent, obwohl ihnen starke Beruhigungsmittel verabreicht wurden. Es war verstörend, ihrem Zappeln und Schreien zuzusehen.
Ein zweiter Vortrag begann. Der Ursprung der Krankheit. Kalifornien. Patient Null. Mitarbeiter einer IT-Firma. Spezialisiert auf die Entschlüsselung von Informationen. Jemand, der durchgehend am Computer saß oder sein Smartphone benutzte. Sein Datenarmband sendete seinen aktuellen Blutdruck und seinen Puls an seinen eigenen Computer und an das System seiner Krankenkasse.
Der nächste Vortrag war von einem Virologen. Er konnte den versammelten Wissenschaftlern und Geheimdienstmitarbeitern erklären, welches Virus verantwortlich war. X-99 war ein radioaktiv bestrahltes Virus, das sich rasend schnell verbreitete. Über den Hersteller gab es nur Mutmaßungen. Vielleicht war es eine Firma im Silicon Valley, da sich Patient Null dort infiziert hatte. Oder es waren die Russen. Oder die Chinesen.
Danach kam ein Sozialwissenschaftler zu Wort. Die Infizierten würden in immer schnellerer Geschwindigkeit Informationen von sich geben, bis sie kollabierten. Bisher gäbe es offenbar kein Heilmittel. Die Kranken könnten nicht schnell genug isoliert werden, weswegen sich der Virus im Augenblick rasend schnell über die ganze Welt ausbreiten würde. Die Oberschicht habe sich bereits in ihre Refugien zurückgezogen, aber die Bewohner großer Städte seien der Gefahr praktisch schutzlos ausgeliefert.
Am Ende sprach ein Politiker der Regierungspartei. Er warnte vor dem Kontrollverlust durch die Seuche. Angestellte würden endlos telefonieren und massenhaft Mails verschicken. Die Menschen würden bis zur Erschöpfung im Netz kommentieren, sie überschwemmten Amazon und andere Versandhändler mit Bestellungen, buchten tägliche Dutzende Reisen, riefen ständig in Ministerien und Fernsehsendern an. Es seien kaum noch nützliche Informationen zu bekommen, da auch die Redaktionen völlig durchgedreht seien.
Nach der Konferenz fuhr er nach Hause und packte die Koffer. Am nächsten Morgen würde er volltanken und mit seinem Wagen zu einem Freund in den Norden fahren. Ein Schriftsteller, der selten das Haus verließ. Dort würde er in Ruhe die Katastrophe abwarten.
The Dirtbombs - No Expectations. https://www.youtube.com/watch?v=WuyzHnY31gc

Donnerstag, 24. August 2017

Bloggertraum

Nach dem Mittagessen habe ich heute zum ersten Mal vom Bloggen geträumt. Ich sitze an meinem Schreibtisch und betrachte einen Teich, den mein Nachbar neu angelegt hat (es gibt ihn nicht wirklich). Nur zehn Meter von mir entfernt sehe ich den Kopf eines Alligators, der aus dem Wasser ragt. Er ist schwarz und hat furchterregende Zähne. Was die Leute sich heutzutage nicht alles für ihren Garten ausdenken …
Ich schaue wieder auf meinen Monitor und schreibe irgendetwas. Als ich wieder den Kopf hebe, sehe ich, dass der Alligator aus dem Wasser gekommen ist und direkt auf mein Fenster zuläuft. Das Vieh ist riesig und nur noch zwei Meter von mir entfernt. Ich gerate in Panik. Wo ist mein Fotoapparat? Das muss ich fotografieren und bloggen. Aber auf meinem mit Notizzetteln, Zeitungsartikeln, Büchern und anderem Zeug überhäuften Schreibtisch (der in Wirklichkeit extrem aufgeräumt ist, seit ich mit dem Medium Papier praktisch nichts mehr zu tun habe – aktuell liegen dort nur ein Zettel von meinem heutigen Arzttermin, die Wegbeschreibung zu einem neuen Biergarten und zwei Verrechnungsschecks von Verlagen) finde ich natürlich nichts.
Früher hätte ich doch im Traum nicht daran gedacht, beim Anblick eines Alligators in meinem Garten ein Foto zu machen, um es zu bloggen. Was hätte ich vor zwanzig Jahren gedacht?

Berichte von der Nachtseite der Welt


Blogstuff 145
„Wir waren in der Beobachtung alles Scheiternden stets und von jeher geschult, doch fühlten wir hier im Turm, verstört, von der ganzen Natur ins Vertrauen gezogen, auf einmal die Weisheit der Fäulnis.“ (Thomas Bernhard: Amras)
Man kann ein junges Wildpferd zähmen, aber kein altes.
Kein Wunder, dass wir fest daran glauben, das Klima beeinflussen zu können. Schließlich hat man uns schon als Kind eingetrichtert, es würde schlechtes Wetter geben, wenn ausgerechnet wir unseren Teller nicht leer essen.
Früher hat man sich Gott als alten Mann mit weißer Mähne und weißem Vollbart vorgestellt. Heute verehren wir seine Abbilder: Marx, Einstein, Gandalf.
Dit is Berlin: Ein Junge mit Schulranzen, eine ältere Dame und ich gehen gleichzeitig bei Rot über die Straße.
Ich bin jetzt im Arbeitskreis „Begrenzung sozialer Ungleichheit“ der SPD-Ortsgruppe Schlonzheim. Läuft!
Da ist es schon wieder passiert! Es klingelt an der Wohnungstür und der Lieferdienst bringt mir eine riesige Pizza und ein Sixpack Bier. Diese Fans! Ich sollte meine Adresse nicht mehr im Internet veröffentlichen.
So ist Andy Bonetti: Selbst seine zerknüllten Notizblätter sehen wie Blumen aus.
Alte Berliner Werbung: „Der Orje fragt den Kulle: Hasde nich ne Paech-Brot-Stulle?“
Hätten Sie’s gewusst? Donna Summer trat früher unter ihrem tatsächlichen Namen Donna Wetter auf, hatte jedoch keinen Erfolg.
Da lacht der Skat-Spieler: „In Duisburg hat sich schon mal einer totgemischt.“
Manche verschmelzen vollständig mit ihrer Umgebung, manche kämpfen gegen die Entropie, um nicht wie die Anderen zu werden.
Es reicht eine Kleinigkeit, um die Gleichgültigkeit, die unter Fremden in der Großstadt herrscht, in Freundlichkeit oder Feindseligkeit umschlagen zu lassen. Ich rutsche in der U-Bahn zur Seite, damit sich ein älteres Ehepaar gemeinsam auf die lange Bank setzen kann. Die Ehefrau bedankt sich und selbst die Dame gegenüber lächelt mich an.
Wenn ich Klempner wäre, würde ich mich in einer Badewanne beerdigen lassen.
Acht Mal hat Gott seine Schöpfung zerschlagen. Dies ist die neunte und letzte Schöpfung. Daran sollen uns die Katzen erinnern, das ist ihre Aufgabe.
Im ewigen Dämmerlicht, das im Reich des Feuilletons herrscht, ist seit den siebziger Jahren „Spätmoderne“. Wann ist dieser Abschnitt der Geschichte denn endlich abgeschlossen? Was folgt?
Ein Löwenbändiger kommt auf hunderttausend Schafbändiger.
Menschennamen, Stadtnamen, Baumnamen, Wurstnamen, Werkzeugnamen, Pizzanamen, Tiernamen, überall Namen.
Ich kenne einen promovierten Philosophen, dessen Doktorvater ihn regelmäßig zum Rasenmähen und Unkrautrupfen missbraucht hat, bevor es zur Besprechung der Fortschritte an der Dissertation ging. Folglich dauerte die Arbeit an diesem Schriftstück länger als zehn Jahre.
Geht Ihnen der Sommerhit „Despacito“ auch so auf den Zeiger? Heute hat es ein Balkanese – mit fahrbarem Rhythmusgerät und Geige bewaffnet – in der U2 gewagt, diese Nummer zu spielen. Ein blondes Kamel entblödet sich nicht, die akustische Hinrichtung mit dem Handy aufzunehmen und die Schande der Karpaten auch noch mit einem Euro zu belohnen. Vermutlich finden Sie es bei YouTube unter dem Titel „Vollidioten unter sich“.
Aus ein wenig lauwarmer Masse (35 Grad Celsius Körpertemperatur) wird ein loderndes Feuer. Lassen Sie sich einäschern!
XTC - Towers of London. https://www.youtube.com/watch?v=EeFlqn7Q8rY

Redaktionsassistent Snowball betreut seit 1. August die Kinderseite dieses Blogs.

Mittwoch, 23. August 2017

Die Apokalypse war gestern

„Es ist eine bekannte Binse, dass mit Waren zugleich auch Macht produziert wird: Profit zur Finanzierung politischer Einflussnahme (Lobbyismus, Bestechung, Parteispenden usw.), Marktmacht (Monopol, Oligopol, „systemrelevante“ Unternehmen usw.), Macht über Kunden, deren Bedürfnisse geweckt und befriedigt werden – bis zur höchsten Stufe, der Abhängigkeit von Suchtstoffen (Alkohol, Nikotin, Koffein, Medikamente, Zucker usw.). Neu ist, dass mit Waren zugleich auch Kontrolle produziert wird: Smartphones, Computer, bald auch in Autos und Haushaltsgeräten. Das kapitalistische System ist nicht in der Krise, sondern in der Phase seiner Vervollkommnung.“
„Gleichzeitig suggeriert man dem Einzelnen erfolgreich, er selbst habe die Macht: Macht über den eigenen Körper (Fitness, Wellness, Doping, Diät, Schönheitsoperationen, Tattoos, Piercings usw.), Macht über die eigene Entwicklung (Bildung und Leistung als angebliche Schlüssel zur Karriere und damit zur Gestaltungsmacht über das eigene Leben, über Arbeitsprozesse, über Unternehmen usw.), ökonomische Macht als Konsument (via Kaufentscheidungen, Klicks und Kommentare – „der Kunde ist König“) und als Lieferant des Rohstoffs Arbeitskraft, politische Macht (Meinungsumfragen, Wahlen, Karrieremöglichkeiten im Parteiapparat).“
„Ohne Irrationalität ist der Stumpfsinn des Arbeitslebens ja gar nicht auszuhalten: Sportfanatismus, Glücksspiel, Horoskope, Wunderheiler (Homöopathen usw.), Eskapismus in Form von Medienkonsum, Drogen und Computerspielen.“
„Das individuelle Interesse der Proletarier an höherem Einkommen, größeren Wohnungen und neuen Technologien besitzt kein revolutionäres Potential und erzeugt daher auch keinen Impuls im Kampf gegen das herrschende System.“
„Der Kapitalismus ist den Träumen und Begierden des Bürgers näher als alle linken Bewegungen.“
„Seine Sünden büßt der Bürger mit folgenlosen Berechnungen seines ‚ökologischen Fußabdrucks‘, der Wahl eines Abgeordneten der Opposition, einer Brigitte-Diät und dem geplanten Kauf eines Elektro-SUVs 2020.“
„Das Gift der Gewohnheit, aus dem sich der Nährboden der Knechtschaft entwickelt.“
„Marxismus ist die Religion der Armen, Neoliberalismus ist der Religion der Reichen.“
„In der Schule habe ich nur das Nötigste gemacht, um durchzukommen. Das hielt ich für schlau – und das war es auch. Der Kapitalismus ist genauso. Sechzig Prozent profitieren von dem System oder glauben es zumindest. Es ist also immer eine Mehrheit der Bevölkerung für den Erhalt der bestehenden Verhältnisse. Schon weil es keine erkennbare Alternative zu diesem Leben gibt, halten es die Leute aus („Heute werde ich meinen Boss nicht anbrüllen und kündigen“ – „Nur noch bis zum Wochenende durchhalten“ – „Nächstes Jahr wird alles anders“ – „Sobald ich in Rente bin …“). Mit demokratischen Mitteln lässt sich diese Ordnung nicht beseitigen. Dazu kommt, dass man die armen vierzig Prozent teilweise aus anderen Ländern rekrutiert, so dass man ihnen immer mit der Keule der #Leitkultur drohen und mit dem Aufenthaltsrecht Feuer unterm Arsch machen kann.“
„Wie sähe die Welt aus ohne Schlipsverkäufer, Goldfüllerfabrikanten, Akkumulationsfanatiker, Effizienzbürokraten, Reklamegaukler und Börsenjongleure?“
„Zwei Krähen stritten sich gerade um einen alten Kanten Brot, als ich dem Lager näher kam. Kinder spielten zusammen im Gras, zwischen einem ausgebrannten Panzer und der Ruine eines Supermarkts flatterte bunt die Wäsche an der Leine. Sergej winkte lässig mit der linken Hand, als er mich kommen sah, Adschal kreuzte die Arme vor der Brust und verbeugte sich. Wir betraten das Rundzelt, in dem sie mir den Schatz zeigten: fünfhundert Blatt weißes Schreibpapier. Ich war glücklich. Das Leben ging weiter.“
„Es lebe der unbewaffnete Kampf für die Literatur.“
Alle Zitate sind aus Andy Bonettis neuestem Werk „Die Apokalypse war gestern“. Verlag Schwarzer Oktober, Berlin/Schweppenhausen 2017.
Visage – Move up. https://www.youtube.com/watch?v=at_cD5otAow

Edward Hopper: Sun in an empty room.

Dienstag, 22. August 2017

Domina Sinistra

„Seine Hauptbeschäftigung hatte darin bestanden, Opern anzuhören und aus den Zeitschriften Bilder mit Essen auszuschneiden, die er dann auf Pappteller klebte.“ (Tama Janowitz: Slaves of New York)
Die Sonne war gerade untergegangen und ein ganzes Heer hohläugiger Gestalten, die gerade ihrer Bürogruft entstiegen waren, wankte mir auf dem Bürgersteig entgegen. Asphaltgraue Gesichter, betongraue Anzüge, staubgraues Haar.
Dann sah ich Dave. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr getroffen. Er hatte etwas Reptilienhaftes und sein Schädel wirkte deformiert, als würde er aus lauter Beulen bestehen. Seine müden, alten Augen lagen in zwei Trichtern voller Falten. Das Haar war schütter geworden und hatte das Weiß von angeschimmeltem Brot. Ich hatte ihn noch nie mit einer Aktentasche gesehen, immer nur mit der Bierflasche in der Hand. Er ging an mir vorüber, ohne mich zu erkennen. Halluzinierte ich diesen Tag nur? Er wirkte so unecht. Als ob ich zwei Nächte nicht geschlafen hätte.
Endlich erreichte ich das Atelier von Domina Sinistra. Ich war erleichtert. Sie hatte ein riesiges Loft mit einer majestätischen Fensterfront, von der aus man die ganze Stadt sehen konnte. Ich kletterte die ausgelatschten Stufen in den vierten Stock hinauf und hämmerte an die Stahltür.
Sie öffnete, eine Zigarette im Mundwinkel, und grinste nur, als sie mich sah.
„Das ist der einzige Sport, den du machst, oder?“
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. „Alles, was ich brauche, ist ein Kaffee und fünf Minuten zur Erholung.“
Im Loft waren einige meterhohe Leinwände mit unfertigen Gemälden verteilt. Tische und Stühle, die mit Farbe beschmiert waren. Lappen, Pinsel, Spachtel. Auf dem Boden lagen einige Skizzen von Shampooflaschen. An der Wand war eine Küchenzeile mit einer klobigen großen Kaffeemaschine, die fauchte und Feuer spie. Ich machte mir einen doppelten Espresso und ging zu Domina Sinistra hinüber.
„Ich habe gerade Dave gesehen. Malt er nicht mehr?“
„Dave ist erloschen. Sein Leben plätschert dahin wie eine kaputte Toilettenspülung.“
„An was arbeitest du gerade?“
Sie deutete auf eine der Leinwände. „An einem Porträt der Göttin der Habsucht.“
Auf dem Bild war das furchtbar entstellte, gelbliche Gesicht einer alten Frau zu sehen, mit zornig zusammengezogenen Augenbrauen und gefletschten grauen Zahnruinen. Sie streckte dem Betrachter eine knochige Hand mit krallenartig gekrümmten Fingern entgegen.
Würde das Bild je fertig werden? Domina Sinistra ließ sich nur selten in der Galerie blicken, die sich um den Verkauf ihrer Bilder kümmerte. Sie weigerte sich, mit vermögenden Sammlern zu sprechen, die sie gerne kennengelernt hätten. Sie lieferte die versprochenen Bilder für Ausstellungen in New York oder Madrid nicht ab. Sie verpasste Interviewtermine und vergaß grundsätzlich alles, was man ihr sagte. Wir alle fragten uns, wovon sie eigentlich lebte, aber sie tat es und sie tat es mit Stil.
„Wusstest du, dass Zombies die Herrschaft über Berlin an sich gerissen haben?“ Ich schilderte ihr die Szene auf der Straße.
„Schätzchen, die Zombies haben schon vor zwanzig Jahren die Herrschaft übernommen. Sie trennen sich nur gerade von ihrer Verkleidung.“
Ich trat ans Fenster. Die ersten Tropfen fielen lautlos aus dem grauen Himmel und ließen sich behutsam auf der Scheibe nieder.
Domina Sinistra hatte Unmengen wildes schwarzes Haar, ihr verschmierter Lidschatten hatte die gleiche Farbe. Sie trug ein weites, knöchellanges Kleid, das nur aus Farbflecken zu bestehen schien. Hatte sie es so gekauft oder war es während ihrer Arbeit so geworden?
„An was schreibst du gerade?“
Ich grinste sie listig an. „Eine Serie von Künstlerporträts. Arbeitstitel: ‚Du bist mehr, als du von dir wissen kannst‘.“
Ihr Champagnerlachen perlte zur Decke hinauf. „Dann muss ich dir Sophia vorstellen. Sie arbeitet gerade an einer Operette über den Weltuntergang. Sie war es, die damals am Hauptbahnhof den Informationsschalter für moderne Kunst eröffnet hat.“
Mit der melancholischen Würde eines alt gewordenen Grandseigneurs – diese Rolle spiele ich am liebsten – zog ich umständlich mein ledergebundenes Büchlein aus der Brusttasche und notierte mir die Telefonnummer der Künstlerin.
Depeche Mode – Sacred. https://www.youtube.com/watch?v=jNXSHrhJekU

Montag, 21. August 2017

Der Clown schläft nur

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“ (Friedrich Schiller: Wallenstein)
Es begann alles im unglaublich heißen Sommer 1976, als ich überraschenderweise auf das Gymnasium geschickt wurde. Ein Schuljahr zuvor war ich noch so verträumt („mangelnde Aufmerksamkeit“ nannte man es im Zeugnis) und mittelmäßig, dass mein Verbleib an der Hauptschule meines Stadtteils kein Problem sein sollte. Und jetzt das!
Ich fuhr mit dem Fahrrad bis in die Innenstadt und erschloss mir eine neue Welt. Dazu gehörte das Kino. Sonntags gab es Vorstellungen alter Filme am frühen Nachmittag für eine Mark. So lernten Jerry und ich uns kennen. Ich habe keinen seiner alten Filme aus den sechziger Jahren verpasst.
Ich mochte ihn vom ersten Augenblick an, denn er war wie ich. Er war ein Kind, dem am laufenden Band Fehler in der Welt der Erwachsenen unterliefen. Er war der liebenswerte Verlierer, dem man nie böse sein konnte. Er zeigte mir, dass man sein ganzes Leben lang ein Trottel sein konnte, ohne bestraft zu werden.
Vielleicht wurde ich durch ihn zum Klassenclown? Vielleicht habe ich wegen ihm den Humor nie verloren? Vielleicht schreibe ich aufgrund dieser Filme bis heute keine ernsthaften Texte? Wenn das alles stimmt, bin ich ihm dankbar. Er hat mich zum Lachen gebracht und das ist am Ende wichtiger als alles Geld der Erde.
Jerry ist nicht tot. Er schläft nur.
The Errand Boy - the little clown scene. https://www.youtube.com/watch?v=ljSNgwDzjIQ

Zwanzigtausend Wörter unter dem Meer


Blogstuff 144
„Nicht jeder Mensch ist verpflichtet, sich in die Weltgeschäfte einzumischen. Es gibt auch solche, die innerlich schon so weit entwickelt sind, dass sie die Berechtigung haben, der Welt ihren Lauf zu lassen, ohne sich ins politische Leben reformierend einzumischen. (…) Nur die Arbeit an den höheren Zielen der Menschheit in der eigenen Person gibt die Berechtigung zu solcher Zurückgezogenheit.“ (I Ging, 18. Zeichen: Die Arbeit am Verdorbenen)
Die Welt ist ungerecht. Wenn Galilei irgendwelche Sachen vom schiefen Turm in Pisa wirft, ist es Wissenschaft. Wenn ich etwas aus dem Fenster schmeiße, bekomme ich Ärger mit der Hausverwaltung.
Es gibt jetzt auch ein weißes Nutella. Nennt sich Nivea. Unbedingt probieren!
Ich habe ein neues Hobby: Ich biege aus Büroklammern die Silhouetten berühmter Persönlichkeiten.
Der typische Berliner: Alles-und-Nichts-Könner, Fahrradversteher und international verkannter Modeschöpfer.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonetti wurde Schriftsteller, weil es ihm von einem berühmten Hellseher prophezeit worden ist.
Physik ist der Glaube an eine vollkommene Ordnung im Universum.
Bonetti hat in seiner Villa ein Zimmer eingerichtet, das ausschließlich seiner Inspiration dient. Einige ausgestopfte Schafe stehen auf Kunstrasen, an den Wänden ist eine gemalte Berglandschaft zu sehen. Hier denkt er über neue Geschichten nach, die seinen Lesern gefallen könnten.
***
Ich stand gerade am Weinregal meines Supermarkts und telefonierte mit einem Kollegen, als ich ihn sah. Zu spät. Er winkte, lächelte und setzte sich in meine Richtung in Bewegung.
„Mensch, Frank. Lange nicht mehr gesehen.“
Ich nickte zerstreut. „Hi, Paul. Alles klar?“
Er hatte eine Frisur wie eine Internatslesbe aus den sechziger Jahren. „Ich bin seit gestern in der Stadt.“
„Komm doch heute Abend einfach vorbei“, sagte ich, „dann habe ich mehr Zeit.“ Ich drehte mich zur Seite. „Da bin ich wieder, Herr Malotzke.“
Am Abend klingelte es an der Wohnungstür. Als ich öffnete, stand Paul vor mir. In jeder Hand hatte er einen riesigen Koffer.
***
Er war zu erschöpft und blieb einfach in der S-Bahn sitzen, die die ganze Nacht im Kreis fuhr.
„Gibt es etwas, das du an mir nicht magst?“ – „In alphabetischer Reihenfolge oder nach Priorität geordnet?“
Zur Melodie „In The Navy“ von den Village People: „Herr Malotzke! Ja, er ist unser neuer Held. Herr Malotzke! Tut jeden Tag, was ihm gefällt! Herr Malotzke!! Herr Malotzke!!“
Wer lobt den Wagen, der die schwere Last allein zu tragen hat? Alle klopfen dem Fahrzeugführer auf die Schulter.
Aus einer geplanten Festrede zum Richtfest des Gewerkschaftshauses „Roter Textbaustein“: „Das Fundament dieses Gebäudes sind Blut, Schweiß und Tränen des Proletariats sowie Spucke, Urin und Eiter des Arbeitgeberverbands …“
Heißen Nilpferdkinder eigentlich Nilfohlen?
P.S.: Wir wissen noch zu wenig über Herrn Malotzke. Was macht er gerade? Wo kommt er her, wo geht er hin? Es bleibt ein wichtiges Thema.
The Chameleons - Thursday's Child. https://www.youtube.com/watch?v=Mk_5fCbTdPQ

Dorf der Jugend. Copyright: Harri.
NEU: Blogstuff wird jetzt von einem Franchise-Unternehmer vermarktet. Ackerboy unterstützt die Expansion von Bonetti Media Unlimited. http://ackerbaupankow.blogspot.de/2017/08/zen-pictures-1.html

Sonntag, 20. August 2017

Der Wille

Gedanken, Ideen, Pläne – das sind die glitzernden Reflexe des Sonnenlichts auf den Wellen. Darunter verborgen ist der Wille zu leben. Dieser Wille schläft nie, im Gegensatz zu unserem inneren Monolog. Deswegen träume ich jede Nacht von den wesentlichen Dingen: Essen, Trinken und Sex. Unter dem Bewusstsein liegt das Paradies. Vom Staat und von der Arbeit träume ich nie.

Foodblog Berlin – die Nachspeise

Lychee, Bayrische Straße 9, Wilmersdorf. Ein ausgezeichneter Chinese, den Saurons gefräßiges Auge bisher nur deshalb übersehen hat, weil er knapp außerhalb meiner Kiezgrenze (1 km zu Fuß) liegt. Schon als Vorspeise gibt es leckere Garnelenspieße und meine heißgeliebten Jakobsmuscheln. Das knusprig gebratene Rindfleisch in einer Honig-Knoblauch-Soße verschaffte mir einen ungekannten Genuss. From Zero to Hero auf meiner kulinarischen Festplatte.
Michl’s, Peschkestraße 18, Friedenau. Leckere Bratwürste und Ochsenbäckchenragout – kleiner und schöner Biergarten in einer entspannten Umgebung. Fränkische Küche, fränkisches Bier. Ein weiterer Treffpunkt für Franken-Fans: das Fränkla in meinem Kiez, Güntzelstraße 24.
Café am Schäfersee, Residenzstraße 43, Reinickendorf. Es ist wie in einem Märchenfilm: Auf der Residenzstraße tobt der multikulturelle Untergang des Altreichs mit Basecap, Kopftuch und Woolworth. Sie treten durch einen Hofeingang – und stehen plötzlich vor einem idyllischen Seepanorama. Hier sitzt das deutsche Bürgertum bei Kaffee und Eisbecher. Es wäre perfekt – wenn nicht alle sechzig Sekunden ein Passagierflugzeug im Tiefflug über das lauschige Fleckchen donnern würde.
Angus, Kreuzbergstraße 11. Ein 300-Gramm-Entrecote-Steak mit Pommes und Kräuterbutter für 14 Euro? Ein leckerer großer Burger, Black Angus Beef, mit Pommes für 6,50? Pizza und Pasta für vier oder fünf Euro? Hier sind Sie richtig. Seit vielen Jahren eines meiner Stammlokale. Nur einen Steinwurf von der nervtötenden Bergmannstraße entfernt.
Mai Phai, Feuerbachstraße 16, Steglitz. Ausgezeichnetes Thai-Restaurant, stilecht eingerichtet. Spezialität des Hauses ist hauchdünn geschnittenes Kalbsfilet in Curry-Kokosnusssoße.
Nuova Mirabella, Alt-Tempelhof 27. Warum nicht mal raus aus der Innenstadt und Tempelhof besuchen? Nach einem Spaziergang durch den Ortskern und den Alten Park gehe ich in ein nettes italienisches Restaurant und esse eine große Pizza mit Parmaschinken, Parmesan und Rucola. Vorher gibt es Brot und Oliven, nachher einen Grappa. Das kostet zusammen 7,50 €. Ist ein Haken an der Sache? Nein. Ganz im Gegenteil: in Sachen Ambiente, Bedienung und Publikum ist es hier bürgerlicher als bei vielen Italienern, die ich aus Wilmersdorf oder Charlottenburg kenne. Man würde ein solches Lokal gar nicht in Tempelhof vermuten. Es kann so einfach sein, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt.
???. Dreimal habe ich in Berlin eines meiner Lieblingsgerichte getestet: Bami Goreng. Ein indonesisches Lokal in Schöneberg, eines in Moabit, ein Inder, der auch indonesische Gerichte anbietet. Keines der Lokale hat mich überzeugt. Die besten gebratenen Nudeln gibt es immer noch im Shaniu's House of Noodles in der Pariser Straße – aber in diesem mikroskopisch kleinen China-Restaurant habe ich bei meinen letzten vier (!) Versuchen keinen Platz bekommen.
Tex Mex Cantina, Georgenstraße, S-Bahnbogen 198, nahe Bahnhof Friedrichstraße. Nach Schließung meines Stamm-Mexikaners war ich auf der Suche nach einer neuen Heimat in Sachen Burrito & Co. War ganz okay, aber hat mich nicht begeistert. Vor allem die Touri-Preise. Ein Weizenbier aus der Flasche für 4,50? Kennt jemand ein gutes mexikanisches Restaurant in Berlin?
P.S.: Was ich nicht mehr geschafft habe: die Pizza Kafka in der Pizzologie in der Moltkestraße 30 deep in the south. Kann das jemand für mich erledigen?
Tears for Fears – Change. https://www.youtube.com/watch?v=33JK-XxN0BY

Wer findet das Schnitzel mit Zigeuner? Copyright: Harri.

Samstag, 19. August 2017

Trump – Kim – Erdogan

„In diesem Schauspiel Welt, das eitel ist und bös, schwärmt kranker Narren Schar und faselt noch vom Glück.“ (Voltaire)
Ob Geschichte die Entfaltung der objektiven Vernunft ist (Hegel), wie wir in guten Zeiten hoffen, oder nur die Manifestation des subjektiven Willens (Schopenhauer), wie wir in schlechten Zeiten fürchten, mag jeder für sich selbst beantworten. Ob Vernunft überhaupt noch eine Kategorie ist, die zur Analyse der gegenwärtigen Politik taugt, darf man angesichts der handelnden Akteure jedoch bezweifeln. Ein Argument kann man widerlegen, ein Maschinengewehr nicht, um es mit Ernst Jünger zu sagen.

Foodblog Berlin – der Hauptgang

Jing Yang, Albrechtstraße 125, am S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz. Echter Chinesen-Chinese mit sehr angenehmer Atmosphäre. Frische Zutaten, großartig zubereitet – und wenn scharf auf der Karte steht, ist es scharf. Nach dem Essen sprach die Wirtin eine Weile mit mir, weil ich zum ersten Mal das Lokal besucht habe. Gutes Gespräch, sehr aufmerksam. Die Hunan-Küche ähnelt der Sichuan-Küche. Fazit: nach nur einem Besuch hat es dieses Restaurant in den erlauchten Kreis meiner Stammlokale geschafft. Aufgepasst, Tian Fu und Hot Spot!
Burger de Ville. Berlins Burgerladen Nr. 297 im Kranzlereck, Innenhof. Fast Food-Service mit Slow Food-Geschwindigkeit. Man steht am Tresen Schlange, zahlt sofort und bekommt ein rundes Ding, das brummt, wenn der Burger fertig ist. Mein Gerät trug die Nr. 13 – und so kam es dann auch. Ich habe länger gewartet als in einem normalen Restaurant, weil man mich vergessen hatte. Der maximaltätowierte, dauertelefonierende Schnöselspanier brachte mir schließlich den Cheeseburger mit einem gequälten Lächeln an den Tisch. Aber vielleicht passt ein dicker Mann im Jeans-Saitling auch nicht in diese Ansammlung von schönen Frauen und geföhnten Typen in Business-Klamotten? Bun zu trocken, Patty mittelmäßig (medium bestellt, well done bekommen), Soßen langweilig. Fazit: völlig überschätzt – nie mehr wieder.
Nürnberger Wirtshaus, Sredzkistraße 30, Prenzlauer Berg. Ausgezeichnetes fränkisches Bier vom Fass, v.a. das Zirndorfer Kellerbier. Als ausgewiesener Frankenfan, der jedes Jahr vier Mal vor Ort ist, kann ich auch das Essen empfehlen. Giant Schäufele. Nette Atmosphäre, Tische vor der Tür und sehr freundliche Bedienung.
Krimiserie „Der Foodblogger“: Wir sehen ihn am Steuer eines Wagens bei einer wilden Verfolgungsjagd – mit einem Hot Dog in der Hand. Er schleicht durch eine dunkle Lagerhalle – und isst dabei Pizza. Als ein Gebäude explodiert, springt er gerade noch rechtzeitig aus dem Fenster – während er einen Burger umklammert. Er öffnet Türschlösser mit Essstäbchen und bezahlt seine Informanten mit Donuts.
Uncle Sam, Schloßstraße 49, nur wenige Gehminuten vom S- und U-Bahnhof Rathaus Steglitz entfernt. Grillsergeant Lee hat seinen Standort geändert, aber ich finde ihn immer wieder. Sein Homestyle Burger ist der Nullmeridian des Burger-Universums, quasi der Ur-Burger, bevor die ganzen Experimente mit Guacamole und Tofu losgingen. Adenauer hätte diesen Burger gegessen.
Goldies, Oranienstraße 6. Im guten alten SO 36 gibt es jetzt einen souveränen Frittenladen. Diverse Soßen und ungewöhnliche Beilagen. Exzellente Qualität, dahinter stecken zwei Top-Köche. Normale Portion nur 2,40 €.
XL Döner, Schloßstraße 27B, Charlottenburg. Nicht weit vom U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz kann man sich mit einem leckeren Dürüm Döner mit Spezialsoße gemütlich in einen kleinen Park setzen und chillen.
Kumpel & Keule, Eisenbahnstraße 42, Wrangelkiez. Sehr guter Metzger in der Markthalle, Burger und Bratwürste kann man gleich vor Ort verkosten. Klasse!
Momiji, Bleibtreustraße 52, an der „Asienmeile“ Kantstraße. Wer gerne japanisch isst, sich aber vom einfachen Sushi zu warmen Mahlzeiten upgraden möchte, steht häufig vor dem Problem, dass die „echten“ Restaurants ziemlich teuer sind. Nicht im Momiji: In diesem Lokal gibt es günstige Nudelsuppen sowie Rind, Huhn und Fisch auf Reis – alles um die zehn Euro. Es schmeckt auch noch und die Gastgeber sind einfach nett. Pluspunkt: Statt nervigem Flötengedudel erklingt im Hintergrund geschmeidiger Bossanova, der das sommerlich gestimmte Gemüt erfreut.
Amma, Brandenburgische Straße 22, Wilmersdorf. Es gibt viele gute Inder in der Stadt, ohne das ein Lokal herausragt. Daher möchte ich jetzt mal ein einzelnes Gericht loben: „Ente Amma“ im gleichnamigen Lokal. Wunderbare Soße und eine Riesenportion leckeres Fleisch, so dass ich gleich anschließend nach Hause auf mein Sofa musste, wo ich gerade noch den 14-Uhr-Zug nach Nickerchen City erwischte.
Il Casolare, Grimmstraße 30, Kreuzberg. Manchmal kann das Leben so einfach sein: Pizza oder keine Pizza? Wenn Sie keine Lust auf Pizza haben, können Sie gleich wieder gehen. Dafür gibt es bei diesem echten Italiener ohne Hipsterallüren auch Salsiccia oder Pferdefleisch als Belag. Drumherum ein netter Kiez am Landwehrkanal.
Beatles – Penny Lane. https://www.youtube.com/watch?v=S-rB0pHI9fU
Bonetti vs. Schäufele. Quelle: Ackerboy.

Freitag, 18. August 2017

Foodblog Berlin – die Vorspeise

„Die Nacht tut ihm wohl. In seinen Zimmern angekommen, setzt er sich, entschlossen, bis zur Raserei zu arbeiten, an den Schreibtisch.“ (Robert Walser: Kleist in Thun)
Ungarische Gaststätte, Eschengraben 41. Wenn Sie mal sehen wollen, wie der Prenzlauer Berg war, bevor die Besserverdiener aus Westdeutschland eingeritten sind, gehen Sie in diesen Kiez. Gehen Sie in diese Kneipe. Sie könnten auch in einer x-beliebigen Kleinstadt in Deutschland sein. Im kleinen Gastraum hängt das Wildschweinfell neben dem Feuerlöscher, das Blechreklameschild von anno dunnemals neben den schmiedeeisernen Garderobenhaken. Ein Pandämonium teutonischer Gemütlichkeit. Wenn aus dem Radio „Slave to Love“ von Roxy Music dudelt und die verblühte Wirtin das Lied mitsummt, während sie mir ein böhmisches Schwarzbier zapft, bekomme ich glänzende Augen. Genau deswegen bin ich Schriftsteller geworden, um diese kostbaren Augenblicke, diese Perlen eines Berliner Sommernachmittags für Sie, liebe Lesende, festzuhalten. Das Essen ist lecker und die Preise sind sensationell: für zwei große Bier, ein ungarisches Gulasch mit hausgemachten Nockerln, einen Palatschinken mit Zucker und den abschließenden Aprikosenbrand zahle ich nur sechzehn Euro. Als „Blue Eyes“ von Elton John läuft, wird die Wirtsfrau traurig und schnieft vor sich hin. An was erinnert sie das Lied? Aber ich kann sie nicht fragen, obwohl ich der einzige Gast im Hause bin. Wir hatten über die Spatzen gesprochen, die sie im winzigen Biergarten mit Brot gefüttert hat, über das bevorstehende Unwetter und ihren arthrosekranken Hund, der unter einem Tisch liegt und den sie aus dem Tierheim hat. Aber nach ihren Gefühlen kann ich sie unmöglich fragen. Zwei verlorene Seelen in einem rätselhaften, unendlich schönen, unendlich tragischen Universum.
Elton John – Blue Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=4CiyKeSnSxk

Bonetti meets Gysi

„Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie. Die Tat wurde ruchbar. Der Mensch wurde verhaftet. Eine Wurst wurde noch gefunden. Die Empörung war groß.“ (Friedrich Dürrenmatt: Die Wurst)
Kinder, nee, was erlebt man nicht alles auf seine alten Tage, wenn man mal nach Berlin fährt.
Ich begab mich am späten Vormittag von Wilmersdorf nach Köpenick, um der dortigen Schlossplatzbrauerei einen Besuch abzustatten. Eine kleine Weltreise. Im Prinzip falle ich am Schlossplatz aus der Tram und bin sofort in der winzigen Brauereigaststätte, vor der einige Tische und Stühle stehen.

Hier gibt es Bier nach einem jahrtausendealten babylonischen Rezept, das bei Ausgrabungen gefunden wurde. Es schmeckt übrigens ausgezeichnet – hätte ich gar nicht erwartet. Es gibt noch andere historische Biere aus der alten Preußenzeit und das hauseigene Helle kostet nur 2,60 den halben Liter.
Es ist Markt auf dem Schlossplatz. Nach dem ersten Bier entdecke ich einen fränkischen Wurststand und genehmige mir ein Paar Weißwürste. Eine Viertelstunde später sitze ich in einer gemütlichen Runde mit dem Wurstverkäufer, der seinen Stand auch vom Kneipentisch gut im Auge hat, einem Lkw-Fahrer und zwei anderen Herren im gesetzten Alter zusammen. Hier in Köpenick wird noch richtig berlinert. Gelegentlich gesellt sich auch der Mann vom Brotstand für ein Baby-Weizen zu uns.
Dann passiert es: Gregor Gysi betritt mit einem Mitarbeiter die Szene. Keiner quatscht ihn dumm an, er ist gut gelaunt und genehmigt sich erst mal ein Bierchen. An den Tischen kein schlechtes Wort über ihn, alle scheinen ihn hier zu mögen. Von allen prominenten Politikern ist er auch mir am sympathischsten. Gebe ich gerne zu. Wegen ihm habe ich mal die Linken gewählt.
„Trinkt nicht so viel, es ist noch früh am Tag“, ruft er unserer Runde mit einem breiten Grinsen zu. Dann entdeckt sein Mitarbeiter den Weißwurststand. Während er neben uns ein Paar Würste futtert, plaudert Gysi gelassen mit dem Wurstverkäufer. Er isst nichts, erzählt aber, er würde am liebsten „ortsgebunden“ essen und trinken. Kölsch trinkt er nur in Köln, Weißwürste isst er nur in Bayern usw. Zum Abschied winkt er ins Lokal, alle lächeln und nicken ihm freundlich zu. Dann schlendert der Kanzler der Herzen weiter über den Markt.
Gregor Gysi weiß vermutlich bis heute nicht, dass er Andy Bonetti getroffen hat.
Beach Boys – Darlin’. https://www.youtube.com/watch?v=sJ-CHtccbGE

Quelle: Radikale Heiterkeit.

Donnerstag, 17. August 2017

Blogpost 2000

Die nächste Lichtschranke ist überschritten. Ein Delta-Blogger auf dem Weg in die Unsterblichkeit …
Wenn ich weiterhin etwa 500 Blogposts im Jahr raushaue, dann bin ich in sechzehn Jahren bei Nr. 10.000. Das wird 2033 sein. In diesem Jahr werde ich 67 Jahre alt und gehe in Rente. Bei Nr. 10.000 ist Schluss. Versprochen.
Oder ich mache ein neues Blog auf.
Oder die Maschinen haben die Herrschaft übernommen. Dann mache ich natürlich, was die Maschinen sagen. # Iloveskynet

Bild: Thomas Magnum Enzensberger, Gebrauchtwagenhändler („Abgefahrene Reifen – abgefahrene Preise“), möchte im nächsten Jahr eine Weltumsegelung als Ultraleichtmatrose auf einem Legoschiff machen. Der frühere Polenböllerverkäufer („Lieber einmal im Jahr knallen als das ganze Jahr durchgeknallt“) ist begeisterter Volleyballspieler und gilt als Granate unter dem Korb.
Depeche Mode - Waiting For The Night. https://www.youtube.com/watch?v=8Z-fyNdnOKE

Das ist Tobi

Das ist Tobi.

Tobi hat sich verändert.
Wenn ich ihn nicht kennen würde, hätte ich Angst vor diesem Bild.
Ich würde nachts die Straßenseite wechseln, wenn ich ihm begegnen würde.
Tobi ist jetzt Veganer.
Tobi ist aktives SPD-Mitglied.
Tobi hatte nie Sex.
Ich weiß nicht, was Tobi als nächstes macht.
Er hat zu einer Grillparty Gemüse mitgebracht.
Wir sind tolerant. Wir haben es neben die Steaks gelegt.
Ich habe Tobi ein Bier angeboten. Er hat über tierische Fette im Klebstoff des Etiketts geredet.
Während ich seinen uferlosen Ausführungen lauschte, war ich in Gedanken weit weg.
Meeresrauschen. Das Kreischen der Möwen.
Ich bin ein guter Zuhörer.
Tobi.

Die Melancholie des Umlands

Leser-Reporter Harri hatte im Juli ein Meet & Greet mit Andy Bonetti gewonnen, dass sich schließlich zu drei Tagesausflügen ins Berliner Umland, von den Eingeborenen als „Brandenburg“ bezeichnet, ausdehnte. Wir waren in Neuruppin, Cottbus, Zehdenick, Luckau, Gransee und und und. Harris Bruder hat übrigens ein Weingut in Deutsch-Südwest (Baden-Württemberg), dessen Weine und dessen hervorragenden Sekt ich verköstigen durfte. In diesem Sommer wurden Maßstäbe für die Leser-Reporter von Bonetti Media Unlimited gesetzt.
Wir haben auch den Musiker Rainer „Max“ Lingk besucht, der früher bei der Berliner Underground-Punk-Band „Die Haut“ Gitarrist war. Außerdem hat er mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Debbie Harry (Blondie), Jeffrey Lee Pierce (Gun Club) zusammengearbeitet, Filmmusik geschrieben (Tatort u.a.) und arbeitet gerade in einem Musikprojekt mit Jugendlichen und Migranten. Er hat ein nettes kleines Häuschen im Grünen und ein cooles Tonstudio unterm Dach.
http://www.maz-online.de/Lokales/Prignitz/Musikprojekt-will-den-Norden-rocken

Luckau, Marktplatz.

Schloss Branitz - hier wohnte Fürst Pückler.

Schlosspark mit rätselhafter Pyramide - Area 51 in der Lausitz.

In diesem Dokument kapitalistischer Trostlosigkeit verbirgt sich ein Selfie von Harri und Andy.
Die Haut ft Nick Cave, Blixa Bargeld, Lydia Lunch, Kid Congo Powers, Alexander Hacke - Little Doll. https://www.youtube.com/watch?v=L_YJx8AVgq0
P.S.: Alle Bilder sind von Harri. Danke!

One Blogstuff to rule them all


Blogstuff 143
„Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge.“ (Thomas Mann: Der Zauberberg)
Mein Ziel ist die Unsterblichkeit und bis jetzt ist es hervorragend gelaufen.
Im Spiegel sehe ich den unvorteilhaften Faltenwurf meines weißen T-Shirts, aber dann bemerke ich, dass es mein Bauch ist.
Nach Schopenhauer kann sich nur das Genie durch Kunst vom Leiden der Welt erlösen. Das „Weltauge“ erkennt, was der „Fabrikware der Natur“, dem Normalo also, verborgen bleibt. Dabei vernachlässigt das Genie das Naheliegende, das Banale. Plötzlich ergibt das ungespülte Geschirr in meiner Küche einen Sinn.
In der U2 sitzen mir drei weibliche Teenager gegenüber, die offenbar zum ersten Mal in Berlin sind. Sie starren die ganze Zeit auf ihre Smartphones und lesen sich gegenseitig die U-Bahn-Stationen vor, anstatt einfach aus dem Fenster zu schauen. Und so erreichen wir bald die „Möhrenstraße“. Was für eine elegante Lösung für die Debatte um den politisch nicht mehr korrekten Straßen- und Stationsnamen. Zwei Punkte – und das Problem ist vom Tisch.
Hätten Sie’s gewusst? Durch Andy Bonettis vielbeachteten Roman „Dauerbaustelle“ wurde Berlin über Nacht berühmt.
Sobald ein Schaffner die erste Klasse des ICE betritt, verwandelt er sich in einen Kellner. Ich sehe einen graumelierten Herrn in Uniform, der ein Tablett mit einem Glas Bier trägt. Er kommt zurück, um kurz darauf mit einem Handbesen und einer Kehrschaufel erneut das Abteil der ersten Klasse zu betreten. In der zweiten Klasse ist er eine Respektsperson, die meine Fahrkarte kontrollieren darf. Hinter der Tür ist er ein Diener.
Ich sitze nur zwei Meter von der ersten Klasse entfernt und kann die bessere Welt durch eine Glasscheibe sehen. Eben kamen zwei Kinder an mir vorbei, die sich dort die Sitze angesehen haben. "Die sind viel größer", stellt das Mädchen gegenüber ihrem Bruder fachmännisch fest. Ja, liebe Kinder, dort sind ja auch die größeren Ärsche.
Andy Bonetti hat es geschafft, kommerziell zu werden, bevor er berühmt wurde.
Ich hätte gerne gegen meine Eltern rebelliert, aber sie waren nie zu Hause.
Die gebürtigen Berliner sind viel gelassener als die Zugereisten. Vielleicht kommt die Wut der Neuberliner daher, dass sie in die Stadt gekommen sind, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, um sich und anderen etwas zu beweisen? Viele Träume platzen in Berlin und irgendwann kapiert die Kellnerin, dass sie nie Schauspielerin wird, und der Pizzabote, dass er nie Rap-Star wird. Und dann sind sie den Rest ihres Lebens wütend und enttäuscht. Sie haben an ihr Talent geglaubt und sich angestrengt – und es nicht geschafft. Daran müssen Andere schuld sein.
Warum können Männer es nicht spüren, wenn Soße oder Fett auf ihrem Kinn ist? Ist es ein Gendefekt? Früher dachte ich, es sei nur bei alten Menschen so, aber mir passiert es inzwischen auch schon.
Damals im Kerzenschein waren wir schöner als im Neonlicht.
Berlin ist so groß, dass oft völlig anderes Wetter herrscht, wenn ich in einem anderen Teil der Stadt aus dem Höhlensystem der BVG krieche.
Wenn Bonetti behauptet, er stehe über anderen Autoren wie Hemingway oder Sartre, dann ist das nicht abwertend gemeint. Er ist einfach nur besser als sie.
BER: Der Flughafen ist ein Symbol für Berlin. Die ganze Stadt ist eine Dauerbaustelle. Sie wird nie fertig werden. Es wäre ja auch traurig, denn wenn etwas fertig ist, verändert es sich nicht mehr.
„Meister“, fragten die Jünger, „was ist das Wesen der Literatur?“ Der Meister schwieg. Die Jünger wiederholten die Frage, doch ihr Meister blieb stumm. „Wie sollen wir je von dir lernen?“ klagten die Jünger. „Schweigt“, rief der Meister, „ich habe euch die Antwort bereits gegeben.“ Als die Jünger in der Kantine waren, musste Bonetti laut lachen.
Weezer – Buddy Holly. https://www.youtube.com/watch?v=kemivUKb4f4