Samstag, 8. Juli 2017

Die Nacht hat Augen

„Sie steigern den Verkaufserfolg ihres Buches, wenn Sie behaupten, Sie hätten mit diesem Werk den Tod Ihres besten Freundes oder Ihres krebskranken Shetlandponys verarbeitet.” (Andy Bonetti: 99 Tipps für den erfolgreichen Autor)
Es war weit nach Mitternacht, als mein Meister endlich an das Tor klopfte. Die Kerzen auf dem Kandelaber waren schon heruntergebrannt, als ich ihm öffnete. Er sah erschöpft aus, zugleich flackerten seine Augen wild im Licht der Kerzen.
„Du musst mir einen jungen Mann besorgen“, sagte er und ging an mir vorüber ins Wohnzimmer.
„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn besorgt.
„Schweig!“ rief er. Dann starrte er lange in die vergehende Glut des Kaminfeuers.
***
In den nächsten Tagen trieb ich mich in den einschlägigen Studentenkneipen herum. Ich versuchte es mit Schmeicheleien und Verlockungen. Aber für einen kleinen buckeligen Mann, der kaum auf einen Barhocker kommt, ist es schwer, selbst wenn er sexuelle Ausschweifungen, kostenlose Drogen oder Eintrittskarten für Borussia Dortmund anzubieten hat.
Der Meister wurde ungeduldig und so änderte ich meine Taktik. Ich wartete am Bahnhof, bis ein unschuldiger Jüngling mit einem großen Koffer ausstieg. Er wirkte so verloren – er musste der Richtige sein. Ich folgte ihm in den Stadtpark, wo er sich auf einer Bank ein wenig ausruhte.
Ich setzte mich neben ihn und begann eine belanglose Plauderei. Er sei zum Studium der Sozialpädagogik in die Stadt gekommen. Dann hätte er ja nichts dagegen, mit einem Behinderten einen Schluck zu trinken, sagte ich lachend. Während ich von meiner schweren Zeit im Waisenhaus erzählte, holte ich eine Flasche Wein hervor und tat so, als ob ich tränke.
Der junge Mann, der aus einem Weindorf in der Pfalz stammte, setzte die ihm angebotene Flasche beherzt an und war alsbald sanft entschlummert. Die KO-Tropfen hatten gewirkt. Ich rief telepathisch den Meister, der uns mit einem gestohlenen Krankenwagen unauffällig aus dem Park abholte.
***
Nachts im Laboratorium. Ein schwindelerregend hoher Tesla-Transformator und viele Maschinen mit blinkenden Lichtern beherrschten den Raum und warfen riesige Schatten an die Wände.
Der Meister hatte mich sorgfältig instruiert. Er lag auf einem Operationstisch, neben ihm der betäubte junge Mann. Für diese Nacht war ein schweres Gewitter angekündigt. Sobald ein Blitz in den Transformator einschlug, sollte ich mit der Operation beginnen.
Mir lief der Angstschweiß über die Stirn und den Rücken hinunter bis in meine Gummistiefel. Das Skalpell zitterte in meinen Händen, der Whisky beruhigte erst allmählich meine Nerven. Nach Stunden des Wartens donnerte es. Dann schlug ein mächtiger Blitz mit lautem Krachen ein. Es konnte beginnen.
***
Am nächsten Morgen konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Der junge Mann weckte mich und sagte mit sanfter Stimme: „Gut gemacht, Igor.“
Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich hatte die beiden Gehirne vertauscht.
***
Der Meister wurde inzwischen von der Polizei wegen vielfachen Mordes gesucht. Wir ließen den Studenten, dessen Gehirn jetzt im Körper meines Meisters war, genesen und brachten ihn in die Stadt. Dann riefen wir die Polizei.
Der Rest ist schnell erzählt. Während mein Meister im Körper eines anderen Menschen unbehelligt weiterlebte, wurde der Student vor Gericht gestellt. Augenzeugenberichte, Fingerabdrücke, Tatmotive. Der Richter hatte es nicht schwer.
Noch auf dem Weg zum Schafott beteuerte er seine Unschuld.
Brian Hyland - Sealed with a kiss. https://www.youtube.com/watch?v=xIkUiD8N81k

Foto: Danke, Ackerboy!

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