Dienstag, 27. Juni 2017

Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus

„Die Kapitaleigentümer verfügen kollektiv über die Investitions- und Beschäftigungshoheit und über den Staatshaushalt.“ (Claus Offe, Taz-Interview vom 20.5.2005)
Zwei Ereignisse aus dem Jahr 1973 haben mich nachhaltig geprägt. Zum einen das 2:1 von Günter Netzer im DFB-Pokalendspiel meiner Fohlen gegen den 1. FC Köln. „Ich spiel dann jetzt“, sagte Netzer der Legende nach zu seinem Trainer und wechselte sich selbst in der Verlängerung ein. Niemals zu vor hatte es einen solchen Bruch mit den militärischen Regeln des deutschen Sports gegeben. Der Rebell nimmt Berti Vogts den Ball vom Fuß, rast auf das Kölner Tor zu, spielt einen Doppelpass mit Rainer Bonhof – und fertig ist die Laube. Sein letztes Spiel für Borussia Mönchengladbach, danach spielte er für Real Madrid. Als ich selbst 1995 live im Berliner Olympiastadion einen weiteren Pokalsieg meiner Mannschaft erleben durfte, gab es ein schönes Plakat in unserem Fanblock: „Günter Netzer 1973“. Mehr muss man nicht sagen.
Das zweite Ereignis war ein schmales Bändchen von Jürgen Habermas: „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“. Seine These war, kurz gefasst, dass der Kapitalismus immer wieder Krisen erlebt, ungelöste Steuerungsprobleme, die er mit eigenen Mitteln nicht mehr bekämpfen kann. Darum könne der Staat den Kapitalismus nur in Form massiver Interventionen retten. Der Spätkapitalismus sei geprägt von Konzentrationsprozessen der Unternehmen und von einem hohen Organisationsgrad der Güter- und Arbeitsmärkte, die mit der Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft und deren Requisiten, insbesondere dem „freien Markt“, in dem quasi naturwüchsig ein „gerechter Tausch“ stattfindet und auf dem „Leistung sich lohnt“, nichts mehr zu tun habe.
Der demokratische Staat verliere damit seine Legitimation, da die soziale Integration der gesamten Bevölkerung nicht im Vordergrund stehe und nicht mehr zu leisten sei. Daher wären erstens andere Formen der Legitimation, allen voran Religion und Nation, notwendig, um den bürgerlichen Staat und damit den Kapitalismus zu erhalten. Zweitens müsse der Staat mit verbesserten Steuerungstechniken Krisen des Kapitalismus vermeiden, die das System zwangsläufig erodieren lassen - man danke aus heutiger Sicht an die Finanzkrise 2008, die schnell zu einer Vertrauenskrise wurde, die bis heute anhält. Dafür müsse sich das politische System von der demokratischen Willensbildung der Bevölkerung abkoppeln, um unabhängig von den Bürgern Entscheidungen treffen zu können. Politische Partizipation ist in diesem Modell ein Störfaktor, denn nur ein autoritärer Staat könne den Kapitalismus erhalten.
Mit anderen Worten: Die Demokratie muss notfalls dem kapitalistischen System geopfert werden. Erst das Fressen, dann die Moral. Wohlstand ist wichtiger als Freiheit – vor allem für diejenigen, die in Sachen Wohlstand viel zu verlieren haben. Ich finde, diese Analyse von Habermas ist bis heute aktuell geblieben. Günter Netzer ist übrigens Unternehmer geworden und trägt die Haare inzwischen kurz.
Wild Cherry - Play That Funky Music. https://www.youtube.com/watch?v=MDZsNksbw2Q

1 Kommentar:

  1. Ach was ! Wenn dem der Ball nicht über den Spann gerutscht wäre wäre die Kugel nie im Kasten gelandet.
    Kann man in den immer wieder zu sehenden Wiederholungen wunderbar sehen.
    Und er hat es selbst schon mal zugegeben, im TV, daß es eigentlich ein mißglückter Schuß war, der nur durch Zufall / Zauber rein ist.
    Egal, es sei ihm gegönnt.
    By the way, ich konnte dieses Arschloch noch nie leiden.

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